«The Social Reckoning» / Sony Pictures
Kritik

«The Social Reckoning»: Ein Film zur richtigen Zeit

Luca Fontana
8.10.2026

Empörung erzeugt Engagement. Engagement bringt Reichweite. Reichweite bringt Geld. «The Social Reckoning» zeigt, wie Facebook genau daraus ein Geschäftsmodell machte – und warum uns das alle betrifft.

Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler und verrät nicht mehr, als in den Trailern zu sehen ist. Die Artikelreihe, auf die der Film basiert und für die Wall-Street-Journalist Jeff Horwitz den Pulitzerpreis gewann, kannst du hier nachlesen. «The Social Reckoning» läuft ab dem 8. Oktober im Kino.

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Jahre mit Facebook. Das war etwa um 2008 herum. Plötzlich tauchten Menschen wieder auf, die ich längst aus den Augen verloren hatte. Sogar Freunde aus Kindertagen, die irgendwann weggezogen waren und von denen ich dachte, ich würde nie wieder etwas hören. Lächelnd sass ich dann vor meinem Bildschirm und dachte: Ohne Facebook wäre sowas nicht möglich gewesen.

«Menschen zu verbinden.» In etwa so lautete das grosse Versprechen des Konzerns. Heute klingt dieser Satz beinahe naiv.

Facebook ist nämlich längst nicht mehr bloss jener digitale Treffpunkt, der alte Freundschaften wiederbelebt und Fotos aus den Ferien sammelt. Facebook – und mit ihm Instagram, TikTok, YouTube und all die anderen sozialen Plattformen – ist Teil unserer gesellschaftlichen Infrastruktur geworden. Dort informieren sich viele von uns. Dort streiten wir. Dort bilden wir Meinungen, finden Gleichgesinnte und manchmal auch Feindbilder.

«The Social Reckoning» stellt deshalb eine ziemlich unbequeme Frage: Was, wenn soziale Medien nicht bloss dabei zusehen, wie wir uns immer weiter voneinander entfernen?

Was, wenn sie genau davon profitieren?

Vom menschlichen Drama zur Systemkritik

Damit unterscheidet sich Aaron Sorkins neuer Film fundamental von «The Social Network», dem Prequel, wenn man so will. Auch wenn Sorkin, der bei beiden Filmen das Drehbuch geschrieben hat und bei «Reckoning» zusätzlich Regie führt, nichts von einer direkten Fortsetzung wissen will.

David Finchers Meisterwerk aus dem Jahr 2010 erzählte nämlich von der Entstehung Facebooks, war im Kern aber trotzdem nie wirklich ein Film über dessen Technologie. Stattdessen war Facebook das Vehikel für eine viel ältere Geschichte über Freundschaft, Ehrgeiz, Kränkung, Loyalität und Verrat. Über Menschen, die einander nahestanden und irgendwann feststellten, dass Geld, Macht und verletzter Stolz mächtige Treiber sind.

«The Social Network» ist gerade deshalb so zeitlos: Selbst wenn Facebook morgen verschwände, würde dieser Film noch immer als menschliches Drama funktionieren.

«The Social Reckoning» hingegen funktioniert anders. Viel unmittelbarer. Viel politischer. Und sicher nicht zeitlos. Sorkin interessiert sich weniger für zerbrochene Freundschaften als für zerbrochene Systeme – und für die Frage, wie aus einem sozialen Netzwerk, das Menschen miteinander verbinden wollte, eine Maschine werden konnte, die davon profitiert, wenn sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen.

Im Zentrum steht ein ungleiches Duo: Frances Haugen (Mikey Madison), eine Facebook-Mitarbeiterin mit den internen Dokumenten, und Wall-Street-Journal-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White), der weiss, was man damit anfangen muss. Horwitz kommt aus der Politikberichterstattung und hat von Tech so wenig Ahnung, dass schon das Navi auf dem Weg zur Redaktion zur Herausforderung wird. Dafür weiss er, wie man Quellen aufbaut, wie man Vertrauen schafft – nicht manipulativ, sondern auf menschlicher Ebene – und wie ernst man ihren Schutz nehmen muss.

Haugen wiederum leakt nicht aus Hass auf Facebook, sondern aus Liebe. Zumindest so, wie der Film sie zeichnet, glaubt sie noch an die Mission, Menschen zu verbinden. Dann sieht sie, wie sich eine einst gemässigte Freundin politisch radikalisiert und begreift: Das Produkt, für das sie einsteht, hat nicht bloss zugestehen. Es hat dabei geholfen.

Vielleicht sogar massgeblich.

Und dann wurde Wut zum Geschäftsmodell …

Hier wird «The Social Reckoning» am stärksten. Denn vieles von dem, was der Film erzählt, ist eigentlich längst bekannt. Wir wissen, dass soziale Netzwerke unsere Aufmerksamkeit wollen. Natürlich tun sie das. Je länger wir scrollen, klicken, kommentieren und Videos schauen, desto länger können sie uns Werbung zeigen und desto mehr Daten über uns sammeln.

Wir wissen auch, dass Algorithmen lernen, was uns interessiert. Wer einmal in einer bestimmten Bubble steckt, kommt kaum mehr aus ihr raus. Im Gegenteil: Man bekommt mehr von denselben Themen, denselben Meinungen, denselben Reizen und wird in seinen Überzeugungen bestätigt statt herausgefordert. Das wirklich Spannende, das uns der Film erzählt, ist deshalb nicht das Dass. Es ist das Wie.

Eine Whistleblowerin mit internen Dokumenten, ein Journalist mit den richtigen Fragen – aus dieser Verbindung entstehen die «Facebook Files».
Eine Whistleblowerin mit internen Dokumenten, ein Journalist mit den richtigen Fragen – aus dieser Verbindung entstehen die «Facebook Files».
Quelle: Sony Pictures

Tatsächlich hängt der Film einen grossen Teil seiner Geschichte an einer Änderung auf, die bei Facebook unter dem Namen «Meaningful Social Interactions» läuft, also bedeutsame soziale Interaktionen. Die Idee klingt zunächst geradezu sympathisch: Nicht mehr jede Interaktion soll gleich viel zählen. Ein simpler Like sagt weniger darüber aus, wie sehr uns etwas beschäftigt, als ein Kommentar. Und ein Beitrag, den wir sogar teilen, muss uns offenbar besonders stark berühren. Also bewertet Facebook solche Interaktionen stärker.

Logisch, oder?

Das Problem beginnt dort, wo der Konzern gleichzeitig aus seinen eigenen Untersuchungen weiss, welche Inhalte diese besonders wertvollen Reaktionen zuverlässig hervorrufen. Nicht unbedingt jene, die uns glücklich machen oder verbinden. Nicht jene, die differenziert argumentieren oder uns dazu bringen, eine Sache noch einmal neu zu überdenken. Sondern jene, die polarisieren.

Aaron Sorkin interessiert sich weniger für den Algorithmus selbst als für die Menschen, deren Verhalten er beeinflusst.
Aaron Sorkin interessiert sich weniger für den Algorithmus selbst als für die Menschen, deren Verhalten er beeinflusst.
Quelle: Sony Pictures

Empörung funktioniert. Angst funktioniert. Zuspitzung funktioniert. «Die da oben belügen dich!» funktioniert. «Diese Menschen zerstören dein Land!» funktioniert. «Alles, was du bisher geglaubt hast, ist falsch!» funktioniert hervorragend. Polarisierung halt.

Denn wer wütend ist, klickt nicht bloss auf «Gefällt mir». Wer wütend ist, kommentiert. Streitet. Teilt. Holt andere Menschen dazu. Und plötzlich ist eine Emotion, die gesellschaftlich möglichst viel Reibung erzeugt, aus Sicht eines auf Engagement optimierten Systems besonders wertvoll. Das ist die eigentliche Anklage von «The Social Reckoning»: Nicht, dass Hass, Falschinformationen und Verschwörungstheorien auf Facebook existieren. Sondern dass ein System davon profitieren kann, ihnen ein Mikrofon hinzustellen, statt etwas dagegen zu unternehmen.

Jeder hat eine Stimme – aber braucht jeder ein Megafon?

Natürlich landet Sorkin damit irgendwann bei der Redefreiheit. Bei Mark Zuckerberg, gespielt von Jeremy Strong, wird daraus beinahe eine Glaubensfrage. Facebook sei eine Plattform. Eine neutrale Pinnwand. Was Menschen da dranpinnen, sei ihre Verantwortung, nicht jene des Unternehmens, das ihnen den Platz dafür zur Verfügung stellt.

Jeremy Strong spielt Mark Zuckerberg so kontrolliert und entrückt, dass er manchmal selbst wie ein Algorithmus mit menschlichem Gesicht wirkt.
Jeremy Strong spielt Mark Zuckerberg so kontrolliert und entrückt, dass er manchmal selbst wie ein Algorithmus mit menschlichem Gesicht wirkt.
Quelle: Sony Pictures

Und ja: Der Gedanke dahinter ist zunächst gar nicht absurd. Eine Gesellschaft, in der Unternehmen entscheiden, welche politischen Meinungen ausgesprochen werden dürfen und welche nicht, wäre kaum erstrebenswert. Aber «The Social Reckoning» stellt die interessantere Gegenfrage: Ist Facebook wirklich noch eine neutrale Pinnwand, sobald ein Algorithmus entscheidet, welcher Beitrag ganz oben hängt – und das nicht mal im Sinne seiner ursprünglichen Mission, Menschen zu verbinden, sondern der Gewinnmaximierung?

Jeder Mensch verdient eine Stimme, sagt Horwitz einmal im Film. Aber nicht jede Stimme verdient automatisch ein Megafon. Wahre Worte. Denn zwischen «Du darfst das sagen» und «Wir sorgen dafür, dass Millionen Menschen es sehen» liegt ein gewaltiger Unterschied. Vor allem dann, wenn sich Reichweite nicht daran orientiert, ob eine Behauptung überhaupt stimmt, sondern daran, wie heftig Menschen darauf reagieren.

Die Stürmung des Kapitols in Washington, angeheizt von Präsident Trumps hetzerischen und falschen Behauptungen über eine gestohlene Wahl – verbreitet über soziale Medien wie ein Lauffeuer –, lässt grüssen.

Der blinde Fleck der Redefreiheit

Jeremy Strong spielt Zuckerberg dabei beinahe wie eine Karikatur. Steif. Kontrolliert. Emotional schwer lesbar. Manchmal wirkt er mehr wie die Vorstellung davon, wie ein Algorithmus einen Menschen spielen würde. Und trotzdem funktioniert das erstaunlich gut, weil der echte Zuckerberg in öffentlichen Anhörungen selbst schon oft seltsam entrückt wirkte.

Interessanter ist ohnehin, dass Sorkin ihn nicht einfach zum klassischen Bösewicht macht. Zumindest nicht vollständig. Immer wieder stellt sich die Frage, ob Zuckerberg tatsächlich kompromisslos an seine Vorstellung von Redefreiheit glaubt oder ob diese Überzeugung längst zur bequemen moralischen Rechtfertigung eines Geschäftsmodells geworden ist, das vor allem eines will: Wachstum.

Genau das ist das Verstörendste an dieser Figur: Dass Zuckerberg im Film gar nicht zwingend lügen muss, wenn er von Redefreiheit spricht. Vielleicht glaubt er tatsächlich daran. Nur blendet er dabei aus, dass Facebook längst keine neutrale Bühne mehr ist. Wer entscheidet, welche Inhalte verstärkt werden, entscheidet auch mit, welche Stimmen grösser werden als andere. Und wer damit Geld verdient, kann sich irgendwann nicht mehr glaubwürdig auf die Rolle des blossen Beobachters zurückziehen.

Fazit

Nicht besser als «The Social Network» – aber vielleicht wichtiger

«The Social Reckoning» ist nicht «The Social Network». Er ist weniger elegant, weniger zeitlos und inszenatorisch deutlich gewöhnlicher. Wo David Fincher aus der Entstehung Facebooks ein universelles Drama über Freundschaft, Ehrgeiz und Verrat machte, dreht Aaron Sorkin den Blick nach aussen: auf das System, das daraus entstanden ist und auf eine Gesellschaft, die lernen musste, darin zu leben.

Dabei erzählt der Film vieles, was längst bekannt ist. Aber vielleicht liegt genau darin seine Bedeutung. Wir wissen, dass Algorithmen unsere Aufmerksamkeit wollen. Wir wissen, dass Empörung Reichweite erzeugt. Wir wissen, dass soziale Medien unsere Debatten verändert haben. Nur wissen wir erschreckend wenig darüber, wie präzise all diese Dinge miteinander verbunden sind.

«The Social Reckoning» macht dieses «Wie» sichtbar. Nicht immer subtil. Manchmal etwas zu erklärfreudig und mit einem Tempo, das kaum Zeit lässt, das Gehörte zu verarbeiten. Aber wenn der Film zeigt, wie aus einer kleinen Änderung an einem Ranking-System ein Anreiz entstehen kann, der Wut belohnt, bekommt die abstrakte Rede von gesellschaftlicher Polarisierung plötzlich eine erschreckend konkrete Mechanik.

Titelbild: «The Social Reckoning» / Sony Pictures

3 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


Filme und Serien
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Kritik

Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

2 Kommentare

Avatar
later