
«Unfiltered»: Ein Monument des Schweizer E-Commerce
«Unfiltered», Digitec Galaxus’ Entstehungsgeschichte, ist eine Tour de Force über Freundschaft, Kapitalismus und die Frage, wie weit zwei Männer zu gehen bereit sind, nur um endlich in einen Club zu kommen.
Die folgende Kritik enthält Spoiler zu 25 Jahren Schweizer Wirtschaftsgeschichte, «Unfiltered» sowie möglicherweise Interessenkonflikte. Der Film läuft seit heute auf Youtube.
Man muss «Unfiltered» lassen, dass der Film keine Zeit verschwendet. Gerade einmal rund 15 Minuten braucht Regisseurin und Autorin Jelena Vujović, um 25 Jahre Digitec Galaxus abzuhandeln. Andere Biopics brauchen dafür drei Stunden, zwei Oscarpreisträger und mindestens eine Szene, in der jemand nachts vor dem eigenen, überlebensgrossen Werbeplakat steht und sich fragt, wo alles begann.
Hier gibt es stattdessen Oliver Herren und Florian Teuteberg. Zwei junge Zürcher, denen um die Jahrtausendwende der Einlass in einen Club von einem Türsteher verweigert wird. Sie ziehen daraus jene einzig vernünftige Konsequenz, die sich in dieser Situation aufdrängt: einen eigenen Club gründen.
Dafür brauchen sie Geld. Also verkaufen sie Computer. Aus dem Nebenverdienst wird Digitec, aus Digitec später Digitec Galaxus, und aus zwei verhinderten Partygängern werden zwei der erfolgreicheren Schweizer Unternehmer der vergangenen Jahrzehnte.
Wer an dieser Stelle an Mark Zuckerberg denkt, der laut «The Social Network»-Mythologie ins Programmieren flüchtete, weil ihn Harvards Final Clubs nicht aufnehmen wollten, liegt nicht falsch. Nur dass Herren und Teuteberg, wie sich am Ende zeigen wird, die konsequenteren Geschäftsmänner sind.
Die Generalprobe hiess «Tschugger»
Das klingt wie eine dieser viel zu reibungslos inszenierten Gründergeschichten, dass man unweigerlich misstrauisch wird. Misstrauen, das völlig fehl am Platze ist. Regisseurin Vujović ist schliesslich kein Niemand der Szene. Im Gegenteil: Wer sich als Autorin und Regisseurin an «Tschugger» abgehärtet hat, an Häuserkämpfen im Wallis und Berner Unterwelt-Slang, für die ist ein 15-minütiges Firmenvideo über das schweizerische Kommerz-Flaggschiff Digitec Galaxus wohl das, was für andere Regisseure der Sprung von der Kurzdoku zum Kriegsfilm ist.
Oder anders gesagt: Man wappnet sich am Kleinen für das wirklich Grosse.
Gross ist «Unfiltered» fraglos. Wenn man die DNA dieses Films offenlegen müsste, läge sie irgendwo zwischen «The Social Network», «The Wolf of Wall Street» und «Fight Club» – dem geistigen Dreigestirn jedes Films, der Kapitalismus gleichzeitig feiern und sezieren will.
So hat sich Vujović’ «Unfiltered» ganz offenkundig von Finchers und Sorkins «The Social Network» die Behauptung geborgt, zwei Aussenseiter mit einer Kränkung könnten die Welt neu erfinden. Von Scorseses «The Wolf of Wall Street» den Rausch der eigenen Grössenwahnsinnigkeit. Und von Fincher – schon wieder er, offenbar unvermeidlich, wenn zwei Männer sich in ihrem Zorn eine eigene Weltordnung zusammenbasteln – schliesslich jene Ambivalenz aus «Fight Club», mit der man seine Hauptfiguren gleichzeitig bewundert und durchschaut.
An dieser Stelle sei mein Hut gezogen.
Die Szene, über die noch Enkelkinder sprechen werden
Bezeugt wird das von jenem Moment im Film, der sich unauslöschlich neben Legenden wie der Duschszene aus «Psycho» oder jener Szene aus «The Seven Year Itch» einbrennen wird, in der Marilyn Monroe über einem U-Bahn-Lüftungsschacht steht und ihr weisses Kleid hochgeweht wird. Gemeint ist – natürlich – der Suchfilter: Oliver Herren erklärt einer sichtlich überforderten Interviewerin, man könne Kabel im Shop nach ihrer Länge filtern.

Quelle: Digitec Galaxus
Vujović gönnt dem Ganzen eine Inszenierung, die ich nur als liturgisch bezeichnen kann. Die Kamera fängt Herrens ausgebreitete Arme ein, als stünde er am Bug der Titanic und würde «I'm the king of the world» schreien. Musik braucht die Szene nicht. So billig wäre Vujović nie und nimmer. Zu routiniert inszeniert die Regisseurin und nutzt dabei eine derart perfekt durchdachte Bildkomposition, die selbst einem Steven Spielberg die Schamesröte ins Gesicht schiessen liesse.
Man denkt dabei unweigerlich an Brad Pitts Tyler Durden aus «Fight Club», jenen selbsternannten Propheten der Besitzlosigkeit, der seinen Jüngern predigte, die Dinge, die man besitze, würden am Ende einen selbst besitzen. Durden wollte diese Erkenntnis mit Fausthieben und gesprengten Kreditkartenzentralen in die Köpfe seiner Anhänger hämmern. Herren und Teuteberg haben aus Durdens Anarchie offenbar den vernünftigeren Schluss gezogen: Wenn schon Besitz, dann wenigstens mit funktionierender Kabellängen-Filterung.
Die Krise, die keine war, aber so aussieht
Aber vor dem Aufstieg braucht jedes grosse Epos seinen Fall, und «Unfiltered» liefert ihn in Form einer Systemmigration. Teuteberg beschreibt die Krise rückblickend als relativ unspektakulär. Vujović zeigt dazu Bilder, die eher an den Untergang Roms erinnern: Mitarbeitende fliehen durch die Gänge, raffen hastig ihre Habseligkeiten zusammen und irgendwo wird auch einfach nur randaliert.

Quelle: Digitec Galaxus
Mittendrin: ein Mann, der sich schon vor dieser Stunde grösster Not lieber seinen Bauchmuskeln widmet, mit einem Gerät, das elektrische Impulse durch sein Abdomen jagt, während das Unternehmen um ihn herum lichterloh brennt.
Sein Name fällt im Film kein einziges Mal. Dabei handelt es sich, wie ich schwer vermute, um den dritten Mitbegründer und ehemaligen -inhaber. Ob diese namentliche Auslassung Bescheidenheit ist, dramaturgisches Kalkül oder schlicht die begründete Vorsicht einer Rechtsabteilung, kann ich nicht sagen. Ich für meinen Teil nenne ihn ab sofort einfach den dritten Mann.
Und um diesen rankt sich eine radikale erzählerische Entscheidung. Denn während seine Mitstreiter um die Zukunft des Unternehmens kämpfen, führt der dritte Mann einen stilleren, vielleicht persönlicheren Kampf gegen unzureichend definierte Bauchmuskulatur. Wo sich Leonardo DiCaprios Jordan Belfort in «The Wolf of Wall Street» legendär auf einer Ladung Quaaludes durchs eigene Büro schleppt, steht dieser Mann hier kerzengerade da, Bauch angespannt, während rundherum die Firma tatsächlich unterzugehen droht. Man könnte fast meinen, das sei die gesündere Art der Krisenbewältigung.

Quelle: Digitec Galaxus
Ob Vujović damit die Einsamkeit des modernen Managers kommentiert oder einfach nur einen guten Gag gefunden hat, überlasse ich der Filmwissenschaft. Ich neige, nach reiflicher Überlegung, zur letzten Lesart. Manchmal ist die einfachste Interpretation auch die richtige.
Gerettet wird das Unternehmen bekanntlich vom grossen orangen M, das in dieser Erzählung eine Rolle übernimmt, die man sonst eher göttlichen Interventionen zuschreibt. Das Haus des Duttweilers steigt ein, das Kapital fliesst, Galaxus entsteht, und aus einem Computerhändler gedeiht ein Onlinehändler für praktisch alles, was sich versenden lässt. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Nur schreibt in diesem Fall die Geschichte eben jener mit, der nachher auch die Mehrheit der Aktien halten würde. Und dass dieser Mehrheitsaktionär – ‘tschuldigung, ich meine natürlich rettender Erlöser in der Not – im firmeneigenen Jubiläumsfilm so makellos dasteht und nicht als Geschäftspartner mit eigener Bilanz und Gewinnorientierung im Hinterkopf, ist, mit Verlaub, ein Kritikpunkt, den sich der Film gefallen lassen muss.
Der Kreis schliesst sich
Wiedergutmachung leistet dafür ein Finale mit Plottwist, als Herren und Teuteberg nach 25 Jahren Wachstum, Krise und Kabellängen gestehen, dass Digitec Galaxus nie das eigentliche Ziel gewesen sei. Es ging immer nur um die Clubs. Wir sind, um Tyler Durdens Worte erneut zu bemühen, «die Zweitgeborenen einer Generation ohne grossen Krieg und ohne grosse Depression». Herren und Teuteberg hatten nur einen Türsteher.
Das musste als Ursprungstrauma reichen – und hat, wie sich zeigen sollte, vollkommen ausgereicht.
Was folgt, ist die vielleicht kühnste Dekonstruktion des kapitalistischen Erfolgsnarrativs seit «Fight Club»: Die beiden verkaufen ihre Anteile und kaufen die Zürcher Clublandschaft. Nicht einen Club. Alle. Während draussen vor dem Zürcher Hauptsitz Mitarbeitende und Öffentlichkeit fassungslos versuchen zu verstehen, was gerade mit einem der erfolgreichsten Schweizer Unternehmen geschehen ist, tanzen die Gründer mit der entfesselten Körperlichkeit von Tom Cruise als Les Grossman in «Tropic Thunder» ihrem Schicksal entgegen.

Quelle: Digitec Galaxus
Der Kreis schliesst sich. Der Türsteher hat verloren.
Fazit
Der Zürcher «Citizen Kane» des Onlinehandels
Ist «Unfiltered» objektiv? Natürlich nicht. Der Film wurde von Digitec Galaxus finanziert, für Digitec Galaxus gedreht, und diese Kritik liest du gerade, mit einer gewissen Konsequenz, hier im Magazin von Digitec Galaxus. Meine journalistische Unabhängigkeit bleibt davon selbstverständlich unberührt. Zumindest bis zum nächsten Lohneingang.
Aber Objektivität war noch nie das Kriterium, an dem sich grosses Kino messen lassen musste. «Unfiltered» weiss genau, was es ist: ein Gründungsmythos, aufgeblasen bis an die Schmerzgrenze, und gerade in dieser Schamlosigkeit von einer fast schon rührenden Ehrlichkeit. Charles Foster Kane hatte Rosebud, Herren und Teuteberg einen Türsteher – am Ende braucht eben jedes Imperium eine Wunde, auf der es errichtet werden kann.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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