
«Solche Filme machen sie heute nicht mehr»
Wir beklagen seit Jahren das Verschwinden jener herrlich simplen Hollywoodfilme, die früher wie selbstverständlich im Kino liefen. Dabei sind sie gar nicht weg. Sie haben bloss ihren Platz gewechselt.
«Solche Filme machen sie heute nicht mehr.» Das höre ich ständig, und ich habe es selbst schon oft genug gesagt.
Gemeint sind Klassiker (ja, Klassiker!) wie «Speed», «Air Force One», «The Rock», «Con Air» und wie sie alle heissen. Filme halt, die früher keine bekannte Marke und kein ganzes Universum brauchten, um uns ins Kino zu locken. Es reichten ein, zwei grosse Stars auf einem Plakat, eine simple, gerne auch etwas bescheuerte Prämisse und genug Budget, damit das Ganze ordentlich knallt.
Dann habe ich letztens «Mayday» auf Apple TV gesehen, mit Ryan Reynolds als abgestürztem Kampfjet-Piloten und Kenneth Branagh als Amerika-verliebtem Ex-KGB-Agenten im Kalten Krieg von 1987. Zwei Stars, ein Plot, der auf eine Serviette passt, und 111 Minuten spürbar teure Unterhaltung. Wie früher. Geil.
Der Satz stimmt so also gar nicht. Sie machen diese Filme noch. «Mayday» ist der beste Beweis dafür. Und trotzdem fühlt es sich an, als wäre diese Art Hollywoodfilm irgendwann ausgestorben.
Wie zum Teufel kann beides gleichzeitig stimmen?
Hollywoods alte Wetten
Dass «Mayday» heute bei Apple statt im Kino landet, hat einen ziemlich simplen Grund: Für Hollywood ist diese Art Film zu einem zu grossen Risiko geworden. Studios setzen deshalb zunehmend auf noch teurere und spektakulärere Ereignisfilme wie «The Odyssey», Franchises, Superhelden oder Fortsetzungen. Dafür lassen sie sich auch über IMAX und andere Premium-Kinoformate als Ereignis des Jahres verkaufen. Für sowas gehen die Menschen auch heute noch gern aus dem Haus.
Dazwischen ist jene herrlich bekloppte Selbstverständlichkeit verloren gegangen, mit der Hollywood früher einen Film wie «Face/Off» ins Kino brachte: Zwei der grössten Stars ihrer Zeit tauschten darin ihre Gesichter, John Woo liess Tauben durch die Gegend fliegen und fertig war der perfekte Popcorn-Abend.
Was hat sich seitdem geändert? Nun, ein Kinostart war früher nur der Anfang einer viel längeren Reise. Danach folgten noch VHS und DVD, der Verleih, Pay-TV und irgendwann Free-TV. Jede dieser Auswertungen brachte neues Geld ein – und gab dem Film eine weitere Chance, sein Publikum zu finden. Das Risiko verteilte sich damit über Jahre. Ein lausiger Kinostart musste deshalb noch lange nicht das Ende der Geschichte sein.
Ein zweites Leben
«Fight Club» ist ein ziemlich spektakuläres Beispiel dafür. David Finchers Film kostete rund 65 Millionen Dollar und spielte 1999 weltweit nur gut 100 Millionen ein. Kein Totalschaden, aber angesichts zusätzlicher Marketingkosten und der Umsatzbeteiligung der Kinos auch kein Geschäft, bei dem in Hollywood die Korken knallten. Strenggenommen machte der Film im Kino sogar Verlust.
Danach entwickelte sich der Film aber auf DVD zum Kultphänomen; allein in den USA kamen noch knapp 50 Millionen Dollar (!) mit physischen Verkäufen dazu. Heute gilt «Fight Club» als einer der besten und bekanntesten Filme seiner Zeit – ein Ruf, den er sich erst in seinem zweiten Leben jenseits des Kinos erarbeitet hat.
Genau dieses zweite Leben existiert heute kaum noch. Wer heute 50, 80 oder 100 Millionen Dollar in einen Film ohne bekannte Marke steckt, kann sich deutlich weniger darauf verlassen, einen enttäuschenden Kinostart später noch aufzufangen. Schuld daran ist … Streaming. Gleichzeitig ist Streaming aber auch die Rettung.
Das Streaming-Paradox
Um das Risiko nicht komplett allein zu tragen, verkaufen Studios ihre Filme an Netflix, Apple und Co. oder sie produzieren gleich gemeinsam mit ihnen. Das begrenzt zwar die Chance auf den ganz grossen Jackpot, falls aus einem vergleichsweise günstigen Film plötzlich ein Hit wird. Dafür steht vorher wesentlich genauer fest, wie viel Geld der Film macht beziehungsweise wie viel Risiko ein Studio eingeht.
Prominentes Beispiel: «K-Pop Demon Hunters». Netflix übernahm die rund 100 Millionen Dollar Produktionskosten und garantierte Sony, das den Film produziert hatte, weitere 20 Millionen Gewinn. Das Risiko war damit für Sony weg – dummerweise aber auch der ganz grosse Wurf, als der Film auf einmal zum weltweiten, gigantomatischen Megahit wurde.
Die Ironie dahinter erkennst du spätestens jetzt: Streaming bietet Studios ein Sicherheitsnetz, hat das alte allerdings gleichzeitig selbst zerstört. Schliesslich streamen wir Filme immer mehr bequem zu Hause, auf immer grösseren Fernsehern und mit Heimkinoanlagen, die zumindest beim Bild längst mit so manchem Kinosaal mithalten können. DVDs und Blu-rays kaufen wir deshalb kaum noch, und durchs lineare Fernsehen zappen wir noch weniger.
«Mayday» liegt deshalb nicht trotz Streaming zwischen all den Kacheln bei Apple. Er liegt dort auch wegen Streaming. Nur dürfte ihm genau deswegen auch jenes zweite und dritte Leben fehlen, das aus einem Film wie «Fight Club» erst Jahre später ein Kultphänomen machte. Sobald Apple nämlich die nächsten Neuheiten nach vorne schiebt, droht «Mayday» wieder zwischen all den anderen Kacheln abzustürzen (no pun intended).
Vielleicht müssten wir deshalb aufhören zu sagen: «Solche Filme machen sie heute nicht mehr.» Sie machen sie noch. Sie verschwinden bloss schneller. Genau darum meinen wir, es gäbe sie nicht mehr.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen













