Warum ich langweilige Filme mag

Warum ich langweilige Filme mag

David Lee
Zürich, am 24.03.2020
In meinem Gehirn, da läuft immer was. Bei den sogenannt langweiligen Filmen läuft mehr als bei computeranimierter Reizüberflutung. Aber ja – man kann es dann auch übertreiben mit der Langeweile.

Mein Deutschlehrer im Gymnasium war ein Filmfan und ein Verehrer von Stanley Kubrick. Auf einem für damalige Verhältnisse riesigen, für heutige Verhältnisse winzigen Röhrenbildschirm musste die ganze Klasse «2001 – A Space Odyssey» anschauen. Ein Raumschiff dreht sich im Weltall, dazu läuft der Walzer «An der schönen blauen Donau». Die Hälfte der Klasse schlief ein. Ich war begeistert.

Um mich zu foppen, schrieb mir eine Klassenkollegin einen Brief, in dem sie mich bat, mit ihr den Film im Kino anzuschauen. Pech für sie, dass der Oldie aus dem Jahr 1968 wenig später tatsächlich im Kino gezeigt wurde. Es wurde ein schöner Abend für mich. Für sie – naja. Sie nahm es mit Humor.

Seither weiss ich, dass mein Filmgeschmack nicht ganz dem Durchschnitt entspricht. Ich habe kein Netflix, keine Ahnung von Serien und keinen Bock auf das x-te Sequel eines Hollywoodfilms. Meine Liebe gilt vorwiegend Streifen, die andere oft als anstrengend empfinden. Ich bin mehr so der Typ für schräge, experimentelle oder von mir aus auch «langweilige» Filme.

Ablenkung oder Anregung?

Für mich gibt es zwei Sorten von Filmen. Die einen haben das Ziel, zum Nachdenken anzuregen. Die anderen wollen genau das Gegenteil: die Zuschauer vom Nachdenken abhalten.

Ablenkung ist mir ab und zu durchaus willkommen. Insbesondere in schlechten Momenten, wo mein Gehirn sowieso nur Mist zusammendenkt. Aber im Grunde habe ich es lieber, wenn mich ein Film zum Nachdenken anregt.

Ich mag Filme, die dem Gehirn etwas Zeit und Raum lassen. Warum reagiert der Held so? Ah, das könnte der Grund sein. Was will mir der Film mit dieser seltsamen Handlung sagen? Hier gibt es Parallelen, da laufen die Fäden zusammen. So mitzudenken und mitzufühlen, finde ich spannend.

Paradoxerweise tritt diese Art von Spannung viel eher bei Filmen auf, die als langweilig gelten. Denn Mitdenken während des Films ist nur möglich, wenn ich der Handlung ohne Anstrengung folgen kann. Ein typischer Hollywoodfilm versucht dies mit allen Mitteln zu verhindern. Er ist schnell geschnitten, und lenkt mit lauten, spektakulären Effekten ab. Die Story ist oft wirr erzählt: Mit Rückblenden, Einbettungen und Vorgriffen, mit Perspektivenwechseln und Träumen.

Kurz gesagt: Es ist die totale Reizüberflutung. Eine Art DoS-Attacke auf unser Gehirn.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Wenn ich Beispiele nennen muss, kommen mir vor allem Filme in den Sinn, die ums Jahr 1970 herum gedreht wurden. Damals war das Erzähltempo generell langsamer und die Möglichkeiten für visuelle Effekte sehr begrenzt.

Bei Western wie «Spiel mir das Lied vom Tod» (Once Upon A Time In The West, 1968) ist die Langsamkeit das, was Spannung erzeugt. Gerade weil nichts passiert, wartet man gespannt darauf, dass etwas passiert.

Einen Schritt weiter geht «Pat Garrett jagt Billy the Kid» (1973): Für eine Jagd läuft das unglaublich gemächlich. Das ist dann nicht einmal mehr spannend – aber dafür auf eine überraschende Art entspannt, genau wie Bob Dylans Soundtrack dazu.

«Der Pate» (1972) gilt nicht als langweiliger Film. Aber auch er ist langsam. Er nimmt sich sehr viel Zeit, um eine lange Familiengeschichte zu erzählen. Die scheinbar so ruhigen Dialoge sind atmosphärisch dicht, unheimlich und voller Spannung.

Langeweile wird oft mit Langsamkeit verwechselt. Kinobesucher, die das nicht unterscheiden können, tun mir ein bisschen leid.

Ob ich etwas langweilig finde, hängt vor allem von meinem inneren Zustand und von meinen Erwartungen ab, nicht vom Film selbst. Im richtigen Moment kann auch das blosse Betrachten einer Landschaft interessant sein. Als Gegentrend zur schnell geschnittenen Hektik ist in letzter Zeit der Begriff «Slow TV» aufgekommen. Dabei wird die meditative Ereignislosigkeit auf die Spitze getrieben.

Planet der Effekte

Ein Film, der mich zum Nachdenken angeregt hat, ist «Planet der Affen» (1968). Er zeigt eine Welt in der fernen Zukunft, in der die Affen sich weiterentwickelt haben. Sie bilden eine Gesellschaft, die unserem 16. Jahrhundert ähnlich ist. Machtverhältnisse werden religiös legitimiert, es gibt eine Menge Tabus und nicht diskutierbarer Dogmen. Gleichzeitig aber regt sich Widerstand, Forscher vertreten andere Ansichten.

In diese Welt gelangen Menschen, Astronauten, die aus Raum und Zeit gefallen sind. Die Affen behandeln diese Menschen genau gleich wie normalerweise Menschen Affen behandeln. Als minderwertige Wesen und als Forschungsobjekte. Das Spannende und Verstörende daran ist, dass die gefangen genommenen Menschen ihre Intelligenz nicht beweisen können. Aus der Sicht der Affen ist die Behandlung der Menschen vollkommen logisch.

Das gibt als Gedankenexperiment einiges her, hält der Menschheit einen Spiegel hin und zwingt zum Nachdenken. Die Handlung des Films bietet jede Menge Stoff für eigene Überlegungen.

Die modernen Nachfolger von «Planet der Affen» sehe ich nicht als spannendes, anregendes Gedankenexperiment. In «Dawn of the Planet of the Apes» (2014) kämpfen zwei verfeindete Gruppen gegeneinander – wie in hundert anderen Filmen auch. Dass die einen Affen sind und die anderen Menschen, spielt überhaupt keine Rolle. Der Film würde genau gleich funktionieren, wenn zwei Menschenstämme sich bekämpften. Es gibt nichts mehr nachzudenken über die Vertauschung der Rollen. Hauptsache, es knallt, kracht und splittert. Dazu ein bisschen Familienkitsch und fertig ist der Hollywood-Schinken.

Aber der Film bietet spektakuläre Computeranimationen und Effekte, es ist ein Genuss, das anzuschauen. Der Film ist so gut gemacht, dass man über den dürftigen Gehalt leicht hinwegsehen kann.

Die langsamen Filme gibt es auch heute noch. Aber sie sind längst nicht mehr Mainstream.

Ich vermisse die Programmkinos – und hol mir sie nach Hause

Für die zwei Sorten von Filmen gibt es zwei Sorten von Kinos. Popcorn-Kinos für die Hollywood-Blockbuster und Programmkinos (neudeutsch: Arthouse) für alles andere. Da die Popcorn-Mampfer in der Überzahl sind, haben es die Programmkinos schon lange schwer. Meist sind es altehrwürdige, etwas heruntergekommene, aber gerade darum charmante Orte. In Zürich haben schon einige dicht machen müssen.

Ich erinnere mich noch an das Kino Morgental in Wollishofen, das Plaza (ja, das war früher ein Kino, du Schnösel!) an der Badenerstrasse oder das Nord-Süd am Limmatquai. Im Nord-Süd hat man den Besuchern früher schon durch die Bestuhlung klar gemacht, dass sie nicht zum Spass hier sind. Die Holzsitze waren genau so schmerzhaft wie die düsteren französischen Liebestragödien, die dort gezeigt wurden. Im heutigen Marketingsprech würde man das wohl als «immersives Gesamterlebnis» bezeichnen.

Ja, irgendwann wird es auch mir zu alternativ, zu anstrengend und zu artsy-fartsy. Ein guter Freund von mir ist kürzlich «Satantango» im Xenix schauen gegangen. Er hat sich nicht getraut, mich zu fragen, ob ich mitkomme. Zurecht. Der Film dauert siebeneinhalb Stunden. Wenn ich das richtig verstanden habe, liegt die Faszination darin, dass nichts passiert.

Trotzdem: Ich finde es gut, dass es sowas auch gibt. Die schrägen Kinos für schräge Filme gehen leider nach und nach ein.

Die dazu passenden Filme aber gibt’s noch – und sie können unter anderem auf der Plattform filmingo.ch zuhause angeschaut werden. Die teste ich gerade. Mehr dazu in den nächsten Tagen.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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