Fototipp: Objekte für Effekte nutzen

Fototipp: Objekte für Effekte nutzen

David Lee
Zürich, am 19.05.2020
Mitarbeit: Thomas Kunz
Bilder: Thomas Kunz
Objekte vor dem Objektiv: Was normalerweise nichts weiter als eine Bildstörung ist, lässt sich auch effektvoll einsetzen.

Bei unserer Fototipp-Serie haben Thomas Kunz und ich eine klare Arbeitsteilung: Er macht die Fotos, ich schreibe den Text. Jeder macht das, was er am besten kann. Das funktioniert gut, solange mich Toms Ideen begeistern. Was zum Glück meistens der Fall ist. Aber eben nicht immer.

Letzte Woche legte Tom ein Sammelsurium von Bildeffekten vor, die er unter dem Namen «Objektiv-Hacks» zusammenfasste. Es ging darum, unterschiedliche Gegenstände vor das Objektiv zu halten, um unterschiedliche Effekte zu erzeugen.

Effekt Nummer eins: Tom hat einen durchsichtigen Plastiksack unten aufgeschnitten, das Objektiv damit umwickelt und dann Teile davon vor das Objektiv geschoben.

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Der zweite Effekt: Lichteffekte, die der untere Teil eines Weinglases erzeugt.

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Nächste Idee: Durch eine Blackroll hindurch fotografieren. Eine Blackroll ist eine Schaumstoffrolle für die Fitnessmassage.

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Weiter geht’s mit einem Schaumlöffel. Der Sinn bleibt hinter den schwarzen Punkten verborgen. Oder noch weiter hinten.

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Etwas ratlos kratze ich mich am Kopf. Mich erinnert das unangenehm an die «Lensbaby Omni Filter», die eigentlich Livia getestet hatte, die ich aber auch kurz ausprobieren musste durfte.

Lensbaby Omni Filter: *Insta-Fame** ohne Insta. Und ohne Fame
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Um den Ideen etwas Positives abzugewinnen, muss ich meine eigene Einstellung hinterfragen.

Reflexionen über Reflexionen

Ich bin ein typischer Hobby-Fotograf: Ich bin stolz, wenn ich ein Foto handwerklich sauber hingekriegt habe, wenn es zum Beispiel an den gewünschten Stellen hundertprozentig scharf ist. Für einen Profi wie Tom dagegen ist das nicht erstrebenswert, sondern selbstverständlich. Im Zeitalter von Augen-Autofokus und Objekterkennung stechen technisch perfekte Bilder kaum noch heraus. Technische Perfektion ist lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus ein Fotograf weitergehen kann. So erhalten künstliche Bildstörungen wie Lens Flares oder vor das Objektiv gehaltene «Stör-Gegenstände» einen neuen Reiz.

Natürlich müssen diese Bildeffekte etwas hergeben. Und es sollte einfacher sein, sie mit der Kamera herzustellen als nachträglich in Photoshop.

Brauchbares und weniger Brauchbares

Der Effekt mit der Schöpfkelle fällt definitiv raus. Den fand Tom selber nicht so cool: «Kann man machen, muss man aber nicht. Vielleicht sollte man auch nicht.»

Potenzial haben transparente Gegenstände mit Spiegelungen. Hier stellt Tom je ein Glas an den rechten und linken Bildrand. Das linke Glas ist mit Wasser gefüllt, das rechte leer. Wichtig ist die Lichtrichtung. Entgegen der üblichen Regel ist Gegenlicht hier von Vorteil.

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Der Effekt ist mehr als nur eine Störung: Er lenkt das Auge auf das Hauptmotiv und verstärkt die Tiefenwirkung. Tom setzt ihn auch bei realen Fotoaufträgen ein. Dann allerdings nicht mit Wassergläsern, sondern mit Glastüren in Büros oder bereits vorhandenen Plexiglasabdeckungen.

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Für Videos effektvoller als für Fotos

Regisseur JJ Abrams ist bekannt für seine Lichtstrahleneffekte: Gegenlichtquellen in dunkler Umgebung produzieren Strahlen.

Was das mit Gegenständen vor dem Objektiv zu tun hat? Ganz einfach: Mit einem vor die Linse gespannten Nylonfaden soll dieser Effekt nachgemacht werden können. Tom wollte das unbedingt ausprobieren. Ergebnis: es funktioniert.

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Der Faden zerstreut das einfallende Licht. Ein senkrecht verlaufender Faden erzeugt einen waagrechten Lichtstrahl. Dadurch, dass er so nahe am Objektiv liegt, wird er unsichtbar. Eine offene Blende ist dabei empfehlenswert.

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Aus einem schwarzen Stück Papier und schwarzem Klebeband bastelt sich Tom einen Aufsatz für sein 50mm-Objektiv. Die Form des Katzenauges bewirkt lediglich, dass die Seitenränder abgedunkelt werden. Der Effekt würde auch ohne diese Abdeckung eintreten.

Der Effekt wirkt jedoch in bewegten Bildern besser. Es ist kein Zufall, dass man ihn vor allem aus Filmen kennt. Diese Strahlen verändern sich laufend. In einem Film oder Video fallen sie darum auch auf, wenn sie nicht völlig übertrieben sind.

Aus einer Laune heraus habe ich bei einer Beamer-Demonstration mal den Record-Button gedrückt. Der Effekt lebt von der Bewegung. Ein Foto, auch wenn es noch so gut wäre, hätte nicht die gleiche Wirkung.

Daher dränge ich Tom dazu, auch ein paar Videos aufzunehmen. Und das, so finde ich, macht nun wirklich etwas her.

Inzwischen gefallen mir auch Toms erste Ideen besser. Manchmal brauche ich etwas Zeit, um mich mit etwas anzufreunden. Was hältst du davon?

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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