
Nostalgie 2.0: Aus Schweizer Urgefühl wird Konsumware
Nostalgie wurde 1688 an der Uni Basel erfunden, als Diagnose für heimwehkranke Söldner. Heute werden uns damit Remakes, Lego-Sets und Serien verkauft. Eine Spurensuche von der Krankheit zur Konsumware.
Für Millennials, aka alle, deren Körper seit kurzem beim Aufstehen Geräusche macht, fällt Weihnachten dieses Jahr auf den 5. November. Dann erscheint das Remake von «The Legend of Zelda: Ocarina of Time». Laut Metacritic ist es das beste Spiel aller Zeiten, laut unserem Ranking immerhin das zweitbeste, direkt hinter «̶D̶e̶a̶d̶ ̶o̶r̶ ̶A̶l̶i̶v̶e̶:̶ ̶X̶T̶r̶e̶m̶e̶ ̶B̶e̶a̶c̶h̶ ̶V̶o̶l̶l̶e̶y̶b̶a̶l̶l̶»̶ «World of Warcraft».
«Ocarina of Time» ist untrennbar mit meiner Kindheit verbunden. Zusammen mit «Final Fantasy VII» gehört Links Abenteuer zu den ersten Videospielen, die mir zeigten, wie grenzenlos sich dieses Medium anfühlen kann. Zyniker behaupten gern, die meisten «Zelda»-Storys passen auf einen Bierdeckel. Ganz unrecht haben sie nicht. Trotzdem: Als ich zum ersten Mal aus dem Kokiri-Wald trat und die weiten Felder Hyrules vor mir lagen, wähnte ich mich in einem Epos tolkienschen Ausmasses.

Quelle: Nintendo
Solche Erlebnisse brennen sich ein. Es sind hochemotionale Glücksmomente, die viele von uns noch Jahre später zu reproduzieren versuchen. Mal bewusst, mal unbewusst driften wir in Nostalgie ab.
Aber was steckt eigentlich hinter diesem Gefühl? Die Antwort ist vielschichtiger und (hoffentlich) spannender, als du glaubst.
Was ist Nostalgie?
Es gibt kaum ein fauleres journalistisches Stilmittel, als den Duden zu zitieren. Hier ergibt es aber Sinn. Das Wörterbuch beschreibt Nostalgie folgendermassen:
vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äussert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt
Moment, das ist doch ein Widerspruch. Eigentlich verbinden wir Nostalgie doch mit etwas Positivem. Warum soll das wohlig-warme Gefühl, das mich beim «Duck Tales»-Intro überkommt, aus einem Unbehagen entstehen?
Die Antwort liegt in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Nostalgie nämlich eine medizinische Diagnose. Geprägt hat sie der damalige Medizinstudent Johannes Hofer 1688 in seiner Dissertation an der Universität Basel.
Für den Begriff kombinierte er zwei griechische Wörter: «nóstos» (Heimkehr) und «álgos» (Schmerz). Gemeint war also schlicht Heimweh, wenn auch ein krankhaftes, das im schlimmsten Fall tödlich enden konnte. Hofer beobachtete es vor allem bei Schweizer Söldnern, damals eines der wichtigsten Exportgüter unseres Landes. Zehntausende junge Männer aus Dörfern und Käffern dienten in fremden Heeren. Sie waren weit weg von zu Hause, und Nachrichten von daheim gab es höchstens, wenn mal wieder eins der 14 Geschwister an einem Schweinebiss gestorben war oder der lokale Vogt den Familienhof angezündet hatte.

Quelle: Wikipedia
Wenig überraschend versanken viele von ihnen in Schwermut. Das Phänomen war so eng mit den Eidgenossen verknüpft, dass man im Ausland vom «Mal du Suisse» sprach, der Schweizerkrankheit. Und die hatte sogar ihren eigenen Soundtrack: den Kuhreihen.
Mit den traditionellen Hirtenmelodien lockten die Sennen ihr Vieh zusammen. Die «Lo-Fi Beats to Herd Cows To» hatten in der Fremde allerdings eine Nebenwirkung. Sie verstärkten das Heimweh. Schweizer Söldnern war es deshalb verboten, sie zu singen oder zu pfeifen, angeblich unter Androhung der Todesstrafe. Derart drakonische Strafen gibt es heute zum Glück nur noch, wenn jemand einen Yoko-Ono-Song abspielt.
Hofers Diagnose wurde später von verschiedenen Gelehrten weiterentwickelt, verlor im Lauf des 19. Jahrhunderts aber zunehmend an Bedeutung, weil ihr das naturwissenschaftliche Fundament fehlte. Nostalgie wanderte daraufhin in die Psychiatrie, wo man sie als Spielart der Melancholie behandelte. Dort wurde das Krankheitsbild immer weiter entschärft, bis sich schliesslich die Ansicht durchsetzte, dass Nostalgie nichts weiter ist als die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit.
Ein bisschen traurig vielleicht, aber keinesfalls tödlich.
Nostalgie 2.0
Von der Krankheit zur Konsumware war es dann kein weiter Weg. Zum Geschäftsmodell wurde Nostalgie im Amerika der 70er-Jahre, einem Jahrzehnt, das mit Vietnam, Watergate und Ölkrise reichlich Unbehagen an der Gegenwart zu bieten hatte. Genau der Nährboden also, den der Duden vorsieht. Filme wie George Lucas’ «American Graffiti» (1973) zeichneten ein idealisiertes Bild der Vergangenheit, das die Zuschauer in ihrer «Früher war alles besser»-Haltung bestätigte.
Mit der Realität hatte das Gezeigte oft wenig zu tun, aber unser Gedächtnis ist bekanntermassen ein lausiger Archivar. Wer will schon Fakten, wenn man stattdessen eine Zeit haben kann, in der die Kids noch brav in der Milchbar sassen, statt hinter der Turnhalle zu kiffen?
In den 80er-Jahren griffen «Zurück in die Zukunft» und «Wunderbare Jahre» die Erfolgsformel auf. Als zehn Jahre später «Die wilden Siebziger» anlief, war das Konzept längst etabliert. Perfektioniert hat es schliesslich Netflix, mit «Stranger Things» und der dazugehörigen Marketingmaschinerie.

Quelle: Netflix
Auch die Gaming-Branche zog nach. Dank des Retromarkts war Nostalgie hier zwar schon lange ein Thema, die grossen Publisher bedienten sie aber eher zurückhaltend. Das änderte sich mit der HD-Generation samt ihrer Remaster- und Remake-Welle, die bis heute gefühlt den halben Release-Kalender füllt. Für die Konzerne ist das ein dankbares Geschäft: Bekannte Marken neu aufzulegen, ist weit weniger riskant, als neue zu erfinden. Und für einen sicheren Gewinn würden die meisten CEOs sogar auf ihr liebstes Hobby verzichten: 1500 Leute per Teams-Call rauswerfen und sich danach auf Linkedin für die «schwierige Entscheidung» feiern lassen.
Abseits der Bildschirme sieht es nicht anders aus. Ob Lego-Sets, «Magic»-Karten oder Funko Pops: Die komplette Popkultur hat sich der Nostalgie verschrieben. Der Markt liefert, weil wir kaufen. Dass wir das derzeit so fleissig tun, hat allerdings einen Grund.
Warum fühlt sich Nostalgie so gut an?
Der Soziologe Fred Davis untersuchte die Nostalgiewelle schon 1979 in seinem Buch «Yearning for Yesterday». Darin steht viel Kluges, unter anderem der wohl wichtigste psychologische Grund, weshalb Lego einen «Star Wars»-Todesstern zum Preis eines Überseeflugs verkaufen kann.

Quelle: Lego
Laut Davis gibt uns Nostalgie Halt. Vor allem dann, wenn die Gesellschaft oder das eigene Leben aus den Fugen gerät. Und oh boy, war beides zuletzt wackelig. In Europa herrscht Krieg, die Demokratie wankt, die Lebenskosten steigen, und heute früh habe ich im «Wie schnell ersetzt KI deinen Beruf?»-Quiz die Höchstpunktzahl geholt. Good job, everybody.
Die Unsicherheit nagt an uns, und wir fühlen uns machtlos. Was liegt da näher als die Rückkehr nach Hyrule, in eine einfachere, bessere Zeit? Ob sie wirklich besser war, ist mir ziemlich egal. Ich kann der Spinnenkönigin Gohma mit der Feen-Schleuder einen Deku-Kern ins Auge fetzen und für einen Moment vergessen, dass die Krankenkassenprämien schon wieder gestiegen sind.
Aus demselben Grund schaue ich mir lieber zum 18. Mal die Staffeln 1 bis 8 der «Simpsons» anstatt eine neue Serie anzufangen. Ich weiss, was mich erwartet. Homers Einfältigkeit ist mein emotionaler Anker in der Vergangenheit.
Der Erinnerungshügel
Dass wir diesen Halt so oft in unserer Jugend suchen, hat zwei Hauptgründe. Der erste ist simpel: Für viele von uns war sie tatsächlich unbeschwert. Du kamst von der Schule nach Hause und wusstest: Jetzt vier Stunden «GTA: Vice City» und niemand will danach etwas von dir. Heute schleppst du dich nach deinem furchtbaren Arbeitstag in der Furchtbarer-Arbeitstag-Fabrik aufs Sofa und bist zu erledigt, um irgendwas Aktives zu machen.

Quelle: Rockstar Games
Der zweite heisst «Reminiscence Bump». Auf Deutsch bedeutet es wenig poetisch «Erinnerungshöcker» und beschreibt ein Phänomen, das bei Erwachsenen ab etwa 30 auftritt: Sie erinnern sich überproportional stark an Erlebnisse aus ihrer Jugend und ihren frühen Erwachsenenjahren. Grob zwischen 10 und 30 durchlaufen wir die prägendste Phase unserer Identitätsbildung. Filme, Musik und Games, die wir in dieser Zeit konsumieren, begleiten uns deshalb oft bis ins hohe Alter und fungieren als eine Art Kitt, der unsere Persönlichkeit zusammenhält.
Die Faktenlage dazu ist dünn, aber ich glaube, dass kein anderes Medium Nostalgie so zuverlässig triggert wie Videospiele. Gaming ist immersiv. Ich sehe die Momente nicht bloss noch einmal, ich erlebe sie. Ich laufe dieselben Pfade, besiege dieselben Gegner, höre dazu dieselben Melodien und – mit ein bisschen Glück – empfinde dabei dieselbe Euphorie wie 1998.
Videospiele sind eine Zeitmaschine. Und sie steht mir jederzeit zur Verfügung.
Nostalgie ist gut für uns?
Viele empfinden Nostalgie als bittersüss, wobei meist das Süsse überwiegt. Und für einmal müssen wir weder Angst vorm Zahnarzt noch vor Diabetes haben. Das bestätigen mehrere Studien des Sozialpsychologen Constantine Sedikides. Zusammen mit seinem Team an der University of Southampton hat er der Nostalgie quasi ein Rehabilitationsgutachten ausgestellt.
Nostalgie hebt die Stimmung, stärkt das Selbstwertgefühl und kann gegen Einsamkeit helfen. Mehr noch: «Nostalgie macht uns ein bisschen menschlicher», sagt Sedikides in der «New York Times».

Quelle: Rainer Etzweiler
Ganz so gefährlich, wie Hofer uns vor über 300 Jahren weismachen wollte, ist die mentale Zeitreise also nicht. Ein Restrisiko bleibt trotzdem. Es gibt Hinweise darauf, dass ein ausgeprägter Hang zur Nostalgie in Rumination kippen kann: Gedankenschleifen, die sich etwa um verpasste Chancen oder falsche Entscheidungen drehen.
Der Psychologe Bas Verplanken zeigte 2012, dass Nostalgie bei notorischen Grüblern Angst und Niedergeschlagenheit sogar verstärkt, statt sie zu lindern. Und ein Team der University of Southern California fand 2020 heraus, dass Nostalgie im Alltag, also wenn sie uns ungefragt überfällt, deutlich schlechter auf die Stimmung auswirkt.
Es mag eine ausgelutschte Phrase sein, aber wer zu viel Zeit in der Vergangenheit verbringt, verpasst die Gegenwart. Und nur in der Gegenwart können wir neue schöne Momente schaffen. Momente, die Jahre später dasselbe wohlig-warme Gefühl auslösen wie unser erster Ausflug in die weiten Felder Hyrules.
Also: Geniess deine Rückkehr nach Hyrule, aber verlier dich nicht darin. Ausser im Wassertempel. Das gehört zum Erlebnis dazu.
In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.
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