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Ist das Kult oder kann das weg? 9 vergessene Gaming-Maskottchen von Bubsy bis Boogerman

Der Platz im Pantheon der Videospiel-Götter ist begrenzt und nur wenige Charaktere erhalten Zugang in diesen exklusiven Club. Diese neun Anwärter gehören nicht dazu.

Es sind unglaubliche Bilder: Menschen tanzen auf der Strasse, wildfremde Personen fallen sich in die Arme, die Vögel zwitschern lauter: Bubsy ist zurück in «Bubsy 4D». Wie? Du kennst Bubsy nicht? Bubsy the Bobcat! Bubsy halt. Du weisst schon, der Held aus so berühmten Videospiel-Hits wie … ehm … Moment … oh … oh boy.

Es stellt sich heraus, dass ich Bubsys Bekanntheitsgrad etwas überschätzt habe. Damit geht es mir gleich wie dem Publisher Accolade, der die orange Raubkatze mehrfach als neues Maskottchen aufbauen wollte und dabei so zuverlässig scheiterte wie Kim Kardashian an ihrer Anwaltsprüfung.

Damit ist der amerikanische Entwickler aber längst nicht allein. Vor allem in den 90er-Jahren blickten zahlreiche Studios neidvoll in Richtung von Nintendos Mario und Segas Sonic. Dabei dachten sie sich: «Das können wir auch.» Spoiler: Konnten sie nicht. Einige der Versuche hatten aber durchaus Potential, andere immerhin einen absurden Unterhaltungswert und wieder andere sind lebendiger, als du vielleicht glaubst. Hier sind neun (fast) vergessene Gaming-Maskottchen.

Earthworm Jim

Hat kein Rückgrat, aber trotzdem Mumm.
Hat kein Rückgrat, aber trotzdem Mumm.
Quelle: Interplay

Würmer rangieren auf der Coolness-Skala nicht besonders weit vorne, aber Earthworm Jim hatte trotzdem das Zeug zur waschechten Gaming-Grösse. Die ersten beiden Abenteuer des Cyber-Wurms waren richtig, richtig gut. Sie vereinten knifflige Geschicklichkeits-Passagen mit knackigem Geballer in hübscher, handgezeichneter Optik. Die Animationen gehörten mit zum Besten, was die 16-Bit-Generation zu bieten hatte, und der absurde Humor verlieh «Earthworm Jim» ein unverkennbares Profil.

All das ging flöten mit dem dritten Teil. «Earthworm Jim 3D» wurde vom talentfreien Studio VIS Entertainment entwickelt, dessen Vorstellung von Spielspass offenbar daraus besteht, den Spieler durch labyrinthische Polygon-Welten zu schicken, in denen die Kamera mehr Schaden anrichtet als jeder Endgegner. Vom charmanten 2D-Slapstick bleibt eine ungelenke 3D-Karikatur, die selbst auf dem N64 wie ein Fremdkörper wirkt und auf dem PC ein paar Jahre später noch trauriger aussieht.

2018 wurde ein Reboot für den Intellivision Amico angekündigt. Die Konsole erschien jedoch nie und endete als Vaporware – inklusive des neuen Teils von «Earthworm Jim».

Zool

Ninjas brauchen keine Wand zum Anlehnen.
Ninjas brauchen keine Wand zum Anlehnen.
Quelle: Secret Mode Limited

Bis ich die Recherche für diesen Artikel startete, war ich der Überzeugung, dass Zool eine Ameise ist. Das fehlende Beinpaar hätte eigentlich ein deutliches Indiz sein müssen, dass dem nicht so ist. Offenbar ist mein Autismus aber nicht fortgeschritten genug, um Insekten richtig zu deuten. Wie auch immer: Zool ist ein Gremlin-Ninja aus der neunten Dimension, der auf der Erde sein Ninja-Ranking aufmöbeln soll.

Der Krabbler war als Maskottchen für den Amiga-Heimcomputer gedacht. Irgendwie fehlte dafür aber die Kohle, weshalb das Game von Chupa Chups gesponsert werden musste. Der Lutscher-Konzern durfte dafür seine Produkte in sämtlichen Levels verstreuen, womit Zool so etwas wie ein Proto-Influencer ist.

Wenn du das nächste Mal genervt bist, weil ein Content-Creator die Dose von seinem hässlichen Eistee in die Kamera drückt, kannst du dich dafür beim Gremlin-Ninja aus der neunten Dimension bedanken.

Cool Spot

Wenn Werbung doch nur immer so gut wäre
Wenn Werbung doch nur immer so gut wäre
Quelle: Virgin Interactive

Apropos kariesverursachende Marken, die Kindern ihre Produkte unterschwellig aufdrängen: Spot ist der rote Punkt im Logo des Softdrinks Seven Up, und dieser erhielt 1993 sein eigenes Game. Dermassen bescheuerte Ideen entstehen höchstens, wenn die Marketing-Abteilung gemeinsam ein Wochenende in einem Ayahuasca-Retreat verbringt. Seltsamerweise entstand daraus aber tatsächlich ein gutes Spiel.

«Cool Spot» wurde von David Perry («Earthworm Jim», «Disney's Aladdin») programmiert und trägt dessen Handschrift in jedem Pixel: starkes Leveldesign, präzise Steuerung und spassige Bonus-Stages.

Das Sequel «Spot Goes to Hollywood» konnte leider nicht mehr an die Qualität anknüpfen, und Spot wurde wenig später auf die Strasse gestellt.

Blinx

Microsoft wäre vielleicht besser bei Clippy geblieben.
Microsoft wäre vielleicht besser bei Clippy geblieben.
Quelle: Microsoft

Master Chief ist ein toller Videospielcharakter. Als Maskottchen ist der grimmige Marine aber etwa so gut geeignet wie Jason Statham als Hauptdarsteller für ein Biopic über René Descartes. Das wussten auch die Entscheidungsträger bei Microsoft und verpflichteten kurzerhand den japanischen Kult-Designer Naoto Ōshima dazu, der Xbox eine Figur auf den Leib zu schneidern.

Ōshima, seines Zeichens der Schöpfer von Sonic, kreierte daraufhin Blinx, eine Katze in einem Rollkragenpulli, deren Mehrheitsfähigkeit etwa auf Augenhöhe mit Jar Jar Binks war. Das dazugehörige Spiel, ein Puzzle-Plattformer mit Zeitmanipulations-Mechanik, ging in Ordnung und bekam sogar ein Sequel. Zu mehr reichte es dann aber nicht. Blinx verschwand im Anschluss auf dem Friedhof der Maskottchen.

James Pond

In geheimer Mission.
In geheimer Mission.
Quelle: System 3

Wer ein erinnerungswürdiges Maskottchen schaffen will, hat zwei Optionen: entweder eine Originalfigur entwerfen, die kulturellen Eindruck hinterlässt, oder einen Flachwitz nehmen und damit weitermachen. Millennium Interactive entschied sich für Letzteres und schickte 1990 einen Fisch namens James Pond ins Rennen – eine Parodie auf den Geheimagenten von Ian Fleming, deren ganzer Reiz im englischen Wortspiel zwischen «Bond» und «Pond» (Teich) liegt. Das ist keine Kritik. 99 Prozent meiner Artikel entstehen nach demselben «kreativen» Ansatz.

Ähnlich wie Zool war auch James ursprünglich auf dem Amiga daheim. Später kamen der Atari ST und Konsolen-Versionen dazu. Die Fortsetzung «James Pond 2 – Codename: RoboCod» räumte ein Jahr später Bestnoten in verschiedenen Gaming-Magazinen ab, und für einen kurzen Moment sah es tatsächlich so aus, als hätte Millennium Interactive einen kleinen Coup gelandet.

Dann geschah das, was bei Fisch-Maskottchen unweigerlich passieren muss: Die kollektive Erkenntnis, dass schuppige Wirbeltiere als Identifikationsfiguren denkbar ungeeignet sind, setzte ein, und nach Teil drei war Schluss mit der Unterwasser-Karriere.

Gex

Die komplette «Gex»-Trilogie gibt es seit Kurzem auch für aktuelle Systeme
Die komplette «Gex»-Trilogie gibt es seit Kurzem auch für aktuelle Systeme
Quelle: System 3

Gex’ Karriere startete auf dem 3DO, der Konsole von Electronic-Arts-Gründer Trip Hawkins. Das Gerät hatte einen Startpreis von sportlichen 699 US-Dollar, was, die Inflation eingerechnet, heute rund 1200 Franken entspricht. Das System war damit etwa so konkurrenzfähig wie ein mit Stacheldraht verkleideter Vibrator und wurde kaum drei Jahre später für tot erklärt.

Die Echse wurde daraufhin auf Sega Saturn und Playstation portiert, wo sie einige Erfolge verbuchen konnte. Der erste Teil der Serie ist ein klassischer 2D-Plattformer, in dem Gex durch 24 Level hüpft, die allesamt verschiedene Popkultur-Verweise parodieren. Inklusive dieser einen Szene aus «Basic Instinct» und ja, das ist so verstörend, wie du es dir gerade vorstellst. Gleichzeitig droppt der Gecko One-Liner à discrétion, die 1995 wahrscheinlich lustig waren.

Mit «Enter the Gecko» und «Deep Cover Gecko» folgten zwei Sequels, die Gex um eine Dimension erweiterten und das Jump’n’Run-Konzept sowie das Satire-Element konsequent weiterentwickelten. Die Trilogie wurde kürzlich neu aufgelegt und ist für die aktuelle Konsolengeneration erhältlich.

Bonus-Creep-Punkte gibt's für die Integration der Baywatch-Schauspielerin Marliece Andrada, die Gex’ Partnerin und Love-Interest spielt (ew!).

Ty the Tasmanian Tiger

That’s not a boomerang. THAT’S a boomerang!
That’s not a boomerang. THAT’S a boomerang!
Quelle: Krome Studios

Ty steht stellvertretend für sämtliche anderen Maskottchen-Plattformer der sechsten Konsolengeneration: «Kao the Kangaroo», «Vexx», «Tak and the Power of Juju» – die meisten dieser Games waren solide, klassische 7/10-Titel, deren Alleinstellungsmerkmal oft ein Gameplay-Gimmick war.

Ty hatte zwei Bumerangs, einen dicken australischen Akzent und eine Werbekampagne, die suggerierte, er habe seine Konkurrenten krankenhausreif geprügelt. Entwickler Krome Studios ist dem Tiger bis heute treu geblieben und versorgt dessen Fans regelmässig mit Ports und HD-Remasters für aktuelle Konsolen.

Keine Gnade für Crash & Co.
Keine Gnade für Crash & Co.
Quelle: Krome Studios

Boogerman

Der Name verpflichtet.
Der Name verpflichtet.
Quelle: Interplay

Es gibt Maskottchen-Konzepte, die in einer Pitch-Sitzung sterben, und es gibt Maskottchen-Konzepte, die in einer Pitch-Sitzung sterben sollten. Boogerman gehört zur zweiten Kategorie. Das Gameplay von «Boogerman: A Pick and Flick Adventure» setzt konsequent auf den Ekel-Faktor: Boogerman bekämpft seine Gegner mit Rülpsern, Furzen und Popel-Munition.

Verübeln kann man Entwickler Interplay den Versuch aber nicht. «Gross-out», wie das Grüsel-Element in der Industrie heisst, gehört zu den Neunzigern wie der Discman in die JNCO-Jeans. Nickelodeon beackerte das Subgenre zeitweise mit mehreren Cartoons gleichzeitig und schuf damit einige der bizarrsten TV-Momente der Ära.

Boogerman ist ein Produkt seiner Zeit, und wir sollten alle dankbar sein, dass sie vorüber ist.

Knack

Ein Versuch war’s wert. Nicht.
Ein Versuch war’s wert. Nicht.
Quelle: Sony

Knack ging nicht vergessen, auch wenn Sony das gern hätte. Selbst schuld. Der Konzern entschied sich bewusst für einen neuen Charakter, der die Maskottchen-Rolle übernehmen sollte, obwohl in den IP-Schränken zahlreiche bessere Kandidaten schlummern.

«Jak & Daxter», «Sly Cooper», die «Ape Escape»-Bande – Herrgott, sogar eine x-beliebige Kühlerfigur von einer «Motorstorm»-Karre wäre die bessere Wahl gewesen als dieser Steinklotz.

Am unverständlichsten ist aber vielleicht, dass Sony eigentlich bereits seit 1999 ein hervorragendes Maskottchen hat. Es ist eine weisse Katze namens Toro, die ausserhalb Japans allerdings nur selten zum Einsatz kommt. Wieso, weiss niemand. Schlechte Entscheidungen treffen gehört offenbar nicht erst seit diesem Jahr zum Modus Operandi des Konsolenherstellers.

Titelbild: Accolade

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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