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Hintergrund

«Marathon» muss funktionieren

«Marathon» ist der wichtigste Gradmesser für Sonys Live-Service-Strategie. Wie stehen die Chancen für das Spiel? Ich wage eine Einschätzung und unterhalte mich mit einem Genre-Experten.

Entscheidet «Marathon» über die künftige Strategie oder sogar die Zukunft von Sonys Playstation? Die Frage klingt dramatisch, ist sie auch – zumindest teilweise.

Objektiv betrachtet geht es dem japanischen Konzern gut – besonders im Gaming-Bereich. Die PS5 hat sich über 90 Millionen Mal verkauft und ist damit komfortabel auf Kurs, das Ziel von 100 Millionen Einheiten zu erreichen. Das Playstation-Ökosystem zählt plattformübergreifend rund 130 Millionen aktive Nutzer und die Gaming-Sparte bleibt der wichtigste Umsatztreiber im gesamten Sony-Imperium.

Das Fundament steht also. Allerdings hat sich an diesem Fundament in den letzten zwei Jahren einiges an Rissen gebildet. Die negativen Schlagzeilen kommen so regelmässig-zuverlässig wie «GTA 6»-Verschiebungen.

Die Gründe dafür sind facettenreich und die meisten davon habe ich in diesem und in diesem Artikel ausführlich beleuchtet.

Müsste ich die Problematik auf einen einzelnen Punkt herunterbrechen, quasi den Endgegner des Dilemmas, dann lande ich bei Sonys aggressiver Live-Service-Offensive.

Mit «Fairgame$» steht bereits der nächste Online-Titel von Sony an.
Mit «Fairgame$» steht bereits der nächste Online-Titel von Sony an.
Quelle: Sony

Der wichtigste Partner, oder Player, um bei der Metapher zu bleiben, ist Bungie. Sony hat den «Destiny»-Entwickler 2022 für 3,6 Milliarden US-Dollar gekauft und damit eine waghalsige Wette abgeschlossen.

Sollte Sony diese nicht gewinnen, steht der Playstation-Konzern vor einem sehr teuren Scherbenhaufen.

Wie stehen die Chancen für «Marathon»?

Bungies erste neue IP seit zwölf Jahren hat einen schweren Stand. Von der Allgemeinheit wird die Ankündigung im Mai 2023 zwar mehrheitlich positiv aufgenommen. Die «Destiny»-Community reagiert darauf weit weniger aufgeschlossen.

Für sie ist «Marathon» der Grund dafür, warum «ihr» Spiel seit einer Weile vernachlässigt wird. Und überhaupt: Warum nicht einfach mit einem «Destiny 3» nachlegen? Schliesslich wollen das die Fans und Sony könnte damit den dringend benötigten Win verbuchen.

Das Timing ist auch aus einem anderen Grund unglücklich: Bei vielen Gamern löst das Live-Service-Modell einen Abwehrreflex aus. Dieser hat 2024 zum spektakulären Absturz von «Concord» geführt und dürfte auch mitverantwortlich sein für das aktuelle Drama rund um «Byegua …», ehm «Highguard». Ein weiterer Online-Shooter, der nach gerade mal 45 Tagen wieder eingestampft wird.

Lebensdauer von «Highguard»: 2,5 «Concord».
Lebensdauer von «Highguard»: 2,5 «Concord».
Quelle: Wildlight Entertainment, Inc

Zusätzlicher Kollateralschaden entstand jüngst durch die Schliessung der Bluepoint Studios. Der Kultentwickler hinter den Remakes von «Shadow of the Colossus» und «Demon’s Souls» wurde kürzlich von Sony dichtgemacht. Gemäss Insider-Berichten entsprach deren neuestes Projekt – ein Live-Service-Ableger von «God of War» – nicht der gewünschten Qualität.

  • Meinung

    Bluepoint Games ist tot – und Sony hat den Abzug selbst gedrückt

    von Rainer Etzweiler

Viele alteingesessene Playstation-Fans befürchten aufgrund der jüngsten Entwicklungen, dass Single-Player-Games zugunsten von Online-Games auf die Ersatzbank verfrachtet werden. «Marathon» gibt dafür ein wunderbares Feindbild ab.

Noch ist die Schlacht aber nicht verloren.

Es ist kein Sprint, sondern ein «Marathon»

So gern Zyniker das Spiel bereits zu Grabe tragen würden: «Marathon» entsteht bei einem erfahrenen, hochkompetenten Studio. Bungie kann Multiplayer-Hits produzieren. Die Amerikaner wissen, dass Online-Games Zeit brauchen, dass das Gameplay in den Monaten danach stetig geschärft und weiterentwickelt wird und dass Communities nicht von heute auf morgen entstehen.

Wer den Diskurs auf Reddit verfolgt, liest heraus, dass «Marathon» durchaus auf dem richtigen Weg ist und diverse Meinungsstücke der Gaming-Medien bestätigen das.

«Marathon» hat Luft nach oben, die Reviews fallen allerdings weitgehend wohlwollend aus.
«Marathon» hat Luft nach oben, die Reviews fallen allerdings weitgehend wohlwollend aus.
Quelle: Opencritic

Für den Business-Daddy wiederum geht es um alles. «Marathon» muss funktionieren. Bungies Shooter ist der wichtigste Titel in Sonys Live-Service-Lineup – falls er scheitert, verkommt die komplette Online-Strategie zu einer Milliarden-Farce. Ein derartiger Gesichtsverlust würde das börsennotierte Unternehmen in seinen Grundfesten erschüttern.

Was sagen die Zahlen?

Sony hat bisher keine offiziellen Verkaufs- oder Spielerzahlen kommuniziert. Einen Einblick gibt SteamDB. Die Analyse-Plattform liefert verlässliche Infos zum gegenwärtigen Engagement – allerdings nur für PC. Das Bild ist damit unvollständig, aber nicht völlig wertlos. Zum Zeitpunkt, als diese Zeilen entstehen, sind pro Tag jeweils rund 60 000 Spieler auf den Servern unterwegs.

Bisher halten sich die Zahlen ziemlich konsistent.
Bisher halten sich die Zahlen ziemlich konsistent.
Quelle: SteamDB

Aktuell belegt «Marathon» damit den vierten Platz unter den Extraction-Shootern. Das ist kein Desaster, aber für ein Spiel, das Sonys Online-Zukunft rechtfertigen soll, ungefähr so beruhigend wie ein «wird schon», bevor der Chirurg die OP am offenen Herzen startet.


Bevor ich mich aber allzu sehr in Mutmassungen verliere, habe ich jemanden gefragt, der mehr Ahnung hat als ich: David Jakob arbeitet bei der Zürcher Gaming-Agentur MYI und er hat eine klare Meinung zu «Marathon».

Hallo David, danke für deine Zeit. Magst du dich kurz vorstellen?

Gerne. Ich bin Dave und arbeite als Art Director für MYI. Wir sind eine Fachagentur für Gaming, E-Sports und Nerdkultur.

«Marathon» ist bei euch auch ein Thema. Wie viel Zeit hast du in das Spiel investiert?

Bisher rund 30 Stunden und dieses Wochenende werden es sicher nochmals mehr (lacht).

Das klingt, als ob dir der Shooter gefällt. Wie fällt dein Urteil dazu bisher aus?

Sehr gut. «Marathon» ist anspruchsvoll, vielschichtig und sehr oft gnadenlos, was aber auch den Reiz ausmacht. Als Sci-Fi-Fan gefällt mir vor allem das Worldbuilding. Die Geschichte wird dir nicht einfach auf dem Teller präsentiert, du musst sie stückweise erarbeiten, was geil ist.

  • Meinung

    Die Welt von «Marathon» ist zu gut für einen Extraction-Shooter

    von Domagoj Belancic

Kann das Gameplay mit dem Worldbuilding mithalten?

Auf jeden Fall. Das Gunplay fühlt sich grossartig an. Hier merkt man den Erfahrungsschatz von Bungie. Zudem funktioniert das Risk-Reward-System super. Klar ist es ärgerlich, wenn ich mein hart erarbeitetes Loot verliere, aber gleichzeitig motiviert es auch unglaublich, wenn ich beim nächsten Run meine Ausrüstung sicher zurückbringen kann.

«Marathon» fordert selbst gestandene Profis wie dich und ist zudem als Extraction-Shooter eher in einem Nischen-Genre angesiedelt. Wie mehrheitsfähig ist dieser Mix?

Guter Punkt. Darüber habe ich mich auch mit meinen Kollegen unterhalten und wir sind selbst etwas ratlos. Einerseits ist es mutig, dass Bungie etwas anderes probiert, aber ich verstehe auch nicht ganz, warum man so gezielt an der breiten Masse vorbeigeht.

Das zeigt sich auch in der Community. «Arc Raiders» wird für seinen hilfsbereiten Vibe gefeiert, bei «Marathon» schaut das etwas anders aus, oder?

(lacht) Oh ja. Hier wird auf dich geschossen, sobald du in Sichtweite bist. Dadurch ergibt sich natürlich auch eine völlig andere Stimmung. Alle sind etwas gestresster und angespannter. Ausserhalb des Spiels hilft man sich aber – die Community ist keinesfalls toxisch.

Apropos toxisch: Publisher Sony musste zuletzt einiges an Kritik für seine Live-Service-Strategie einstecken. Dabei geriet auch «Marathon» ins Kreuzfeuer – glaubst du, dass sich das auf Erfolg ausgewirkt hat?

Es hilft bestimmt nicht. Im letzten Jahr kursierte auch eine Story über gestohlene Assets und viele «Destiny»-Spieler haben den fehlenden Support bemängelt. Wie fest sich das auf den kommerziellen Erfolg auswirkt, ist aber schwierig zu sagen.

Mit allem, was zuletzt passiert ist – namentlich «Concord», «Highguard» und den eher mittelmässigen Steam-Zahlen – drängt sich die Frage auf: Wie stehen die Überlebenschancen von «Marathon»?.

Dieser Tage ist das durchaus eine legitime Frage. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Bungie das verkackt. Ich glaube, dass sich «Marathon» zumindest mittelfristig einen Platz sichern wird. Die bereits angekündigten Seasons klingen vielversprechend und die Community ist hungrig auf mehr. Ich bleibe auf jeden Fall dabei.

Davids Runner ist bereit für Action.
Davids Runner ist bereit für Action.
Quelle: Bungie/David Jakob

Letzte Frage. Wenn du das Spiel nach dem Digitec/Galaxus-5-Sterne-System bewerten müsstest, was wäre dein Verdikt?

Fünf von Fünf. Ich finde die Geschichte absolut geil, dasselbe gilt fürs Gunplay und der Artstyle ist Bombe. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spass.

Aufatmen, aber nur kurz

«Marathon» ist kein zweites «Concord». Bungies Extraction-Shooter hat eine fünfstellige Anzahl an Spielern, einzigartiges Design, massig Lore und dazu faszinierend-forderndes Gameplay. Die Chancen stehen gut, dass das Spiel seinen Platz finden und die Fans für eine lange Zeit unterhalten wird.

Der Tag der Entscheidung rückt damit vorerst in die Zukunft. Wobei «vorerst» das Schlüsselwort ist: Mit «FairGame$» (unsäglich dummer Name) und «Horizon Hunters Gathering» (auch nicht viel besser) stehen die nächsten Kandidaten für den Live-Service-Stresstest schon bereit.

Für Sony heisst das: weiterlaufen. Es ist ein Marathon, kein Sprint.


Für alle «Marathon»-Fans haben wir noch eine kleine Überraschung vorbereitet. Wobei, so klein ist sie nicht. Du kannst bei uns die «Marathon» Collector's Edition im Wert von 199 Franken oder Euro gewinnen. Darin enthalten sind:

  • Thief-Statue im Massstab 1:6 mit LED-Beleuchtung
  • Seidenraupen-Minifigur
  • Aufnäher mit besticktem Design
  • Sechs Kunstpostkarten
  • Geile Verpackung mit 3D-Effekt
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Titelbild: Sony

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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