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Hintergrund

10 Jahre «Pokémon Go»: Der Sommer, in dem wir alle draussen waren

Vor zehn Jahren lockte ein Smartphone-Spiel die halbe Welt aus dem Haus. Ein nostalgischer Blick zurück auf den «Pokémon»-Sommer 2016.

Glaubt man den Memes, dann waren wir nie näher am Weltfrieden als im Sommer 2016. Dem Sommer von «Pokémon Go». Eine kurze Konsultation der Geschichtsbücher, aka der 2016-Recap-Seite von Wikipedia, widerspricht dieser These: David Bowie stirbt (RIP, Starman), ein Gorilla freundet sich mit einem Kleinkind an und wird daraufhin erschossen (RIP, Harambe) und in Amerika zeichnet sich ab, dass ein «very stable genius» Präsident werden könnte (RIP, mein fragiler Glaube an die kollektive Vernunft). Eine Utopie sieht anders aus.

Und dennoch: Geblieben ist mir vor allem der unvergessliche Sommer mit «Pokémon Go» Ein Sommer voller Zufallsbekanntschaften, echtem Gemeinschaftsgefühl und dem Reminder, dass wir alle nur grosse Kinder sind.

Es war magisch. Und ein bisschen peinlich.

Es war einmal ...

Kommet Kinderlein, versammelt euch ums Lagerfeuer und lauschet meiner Geschichte aus einem verwunschenen Land namens USA. Hier lebt der Tech-Zauberer John Hanke, der das Volk mit einem neuen Spiel bespassen will.

Es heisst «Ingress», erscheint im Jahr 2013 fürs Smartphone und klingt erstmal wenig beeindruckend: ein wirrer Plot um eine neue Energieform aus den Genfer CERN-Laboren (Switzerland, represent!), verfeindete Fraktionen und irgendwelche Portale, die gescannt werden müssen. Der Hook dabei ist, dass sie in der echten Welt verteilt sind. Augmented Reality nennt sich das Konzept und wer spielen will, muss raus an die frische Luft.

Bei den Portalen handelt es sich um Sehenswürdigkeiten oder Denkmäler. Manchmal auch um Shops, ausrangierte Telefonzellen, Briefkästen und andere, heiklere Orte, auf die ich später noch zu sprechen komme. Die Stationen sind der Treffpunkt für die Spielerinnen und Spieler, hier passiert die Action und hier werden Fraktionskämpfe ausgetragen.

«Ingress» wird zum veritablen Erfolg für Entwickler Niantic, Inc. und hier würde die Geschichte enden, wäre da nicht dieser Aprilscherz gewesen.

April, April

Am 1. April 2014 versteckt das Google-Maps-Team 150 Pokémon auf der Weltkarte ihrer App und verkündet: «Schnapp sie dir alle». Sogar eine Belohnung verspricht der Konzern: Wer alle Pokémon einsammelt, wird zur finalen Bewerbungsrunde in den Googleplex geladen; eine ausgewählte Person tritt dann im September 2014 die Stelle als «Pokémon Master» an.

Der Job existiert so sehr wie Harambes Chance auf ein faires Verfahren. Das Sammelspiel selbst hingegen ist für einen Aprilscherz erstaunlich aufwändig konzipiert und lockt Hunderttausende Pokémon-Trainer auf die Karte.

Niantic, damals noch Teil von Google, erlebt die Euphorie aus der ersten Reihe und stellt die folgerichtige Frage: Was, wenn das kein Scherz wäre? Was, wenn man «Ingress» nimmt, die Portale behält und dem bereits erprobten Gerüst einfach einen «Pokémon»-Skin überzieht?

Hinter den Kulissen beginnen sich die Zahnräder zu drehen. Rund ein Jahr später spaltet sich Niantic von Google ab, holt Nintendo und The Pokémon Company mit an Bord und beginnt im Stillen die Arbeit an einem Stück Popkultur-Geschichte.

Der Hype rollt an …

Es passiert nicht oft, dass die Welt gebannt nach Neuseeland schaut. Klar, es ist ein wunderschönes Land, Pilgerort für Mittelerde-Nerds und die Insel hat das coolste Wappentier überhaupt. Für gewöhnlich passiert in dem Pazifikstaat aber nur wenig von Interesse. Sorry, Kiwis.

Das ändert sich im Frühling 2016. Gemeinsam mit Australien und Japan gehört Neuseeland zu den ersten Ländern, in denen «Pokémon Go» testweise erscheint. Niantic entscheidet sich bewusst für einen Soft-Launch, um Serverüberlastungen vorzubeugen.

Die Spieleranzahl ist zu Beginn stark limitiert. Ein Freund von mir, der gerade in Australien weilt, kann sich einen Zugang ergattern und erzählt davon, als wäre er eins der Kinder, das Willy Wonkas Schokoladen-Fabrik besuchen darf. Ähnlich glückliche Trainer teilen ihre Erlebnisse ebenso freudig, und so wächst «Pokémon Go» zum globalen Hype an, noch bevor die halbe Welt überhaupt spielen darf.

Die FOMO setzt auch bei mir ein. Nichts ist aufregender als etwas, das ich will und nicht sofort haben kann.

… und erreicht die Schweiz

Am 16. Juli erscheint «Pokémon Go» offiziell in der Schweiz. Szenen, die ich zuvor ungläubig aus der Ferne erlebt habe, wiederholen sich auf unseren Strassen: Menschentrauben, die sich plötzlich in Bewegung setzen, weil jemand laut «Lapras» schreit oder Nahtod-Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil die Augen am Handy-Screen kleben.

Das Spiel dominierte 2016 auch die Schweizer Medien.
Das Spiel dominierte 2016 auch die Schweizer Medien.
Quelle: 20 Minuten | Blick | Watson

Die Server halten dem Ansturm nur bedingt stand: Der sich drehende Pokéball auf dem Ladescreen entwickelt sich zum Frust-Symbol für Millionen von willigen Spielerinnen und Spielern. Und davon gibt es reichlich: In den ersten 60 Tagen wird die App über 250 Millionen Mal heruntergeladen. Kein Wunder, macht die Technik schlapp.

Dennoch überwiegt der Spass: «Pokémon Go» bringt Menschen zusammen, wie es sonst nur internationale Sportanlässe und Alkohol schaffen. Gerade für die sonst eher asoziale zurückhaltende Schweizer Mentalität ist es ein Gamechanger (pun intended).

Die wischende Handbewegung auf dem Telefon wird zum stillen Erkennungsmerkmal Gleichgesinnter. Man grüsst sich unbekannterweise, macht auf Pokéstops in der Nähe aufmerksam oder teilt Hacks, um den Schrittzähler zu überlisten. Zehn Kilometer, um ein Ei auszubrüten, sind schliesslich nicht ohne.

Die sozialen Dimensionen funktionieren generationsübergreifend: Teenager sind ebenso angefixt wie Mittdreissiger und Ältere, die das schwarzweisse Game-Boy-Debüt damals gespielt haben. Die Community ist hilfsbereit, wohlwollend und herzlich. Man freut sich für andere, die gerade ein rares Pokémon einfangen konnten und spricht ab, wer als Nächstes ein Lockmodul platziert.

Der Casinoplatz in Bern ist ein beliebter Treffpunkt.
Der Casinoplatz in Bern ist ein beliebter Treffpunkt.
Quelle: Keystone

Neid gibt es höchstens auf die, die weitsichtig genug waren, sich eine Powerbank zu besorgen. Denn das Spiel mördert den Smartphone-Akku schneller als eine Elektro-Attacke ein Wassertyp-Pokémon.

Kurz: Alle haben Spass. Alle ausser mir.

Ein sehr einseitiger Beef mit der Firma Apple hatte mich im Jahr davor dazu veranlasst, ein Windows-Telefon zu kaufen. Ich mochte das Kachel-Layout und die Kamera knipste knackig scharfe Bilder. Darüber hinaus war der Klotz ein Desaster, denn es gab kaum Apps dafür. Microsofts Software-Architektur verhinderte, dass Applikationen ohne grösseren Aufwand portiert werden konnten.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie lang es dauerte, bis Niantic endlich eine Windows-Version am Start hatte, aber ich weiss noch genau, wie sich die Wochen nach dem Release anfühlten. Nämlich so.

Ja, ich kann meinen Kopf um 180 Grad drehen. Ich bin zu einem Viertel Eule.
Ja, ich kann meinen Kopf um 180 Grad drehen. Ich bin zu einem Viertel Eule.
Quelle: Rainer Etzweiler

Pokémon NO!

August 2016. Ich sitze in einer Rikscha, gezogen von einem Typen, der mit seinen Schenkeln Kokosnüsse knacken könnte. Für 20 Franken chauffiert er mich rund 30 Minuten lang durch die Innenstadt zu verschiedenen Pokéstop: Vom Bürkliplatz über den Bahnhof Enge bis zu einer kleinen Quartier-Bäckerei. Ich versuche, den gewaltigen Level-Vorsprung meiner Freunde einzuholen und verpasse dabei, wie absurd die Situation eigentlich ist. Sogar 20 Minuten berichtet damals über den Service.

Ich weiss jetzt, wie sich britische Kolonialherren gefühlt haben.
Ich weiss jetzt, wie sich britische Kolonialherren gefühlt haben.
Quelle: Rainer Etzweiler

«Pokémon Go» führt aber nicht nur zu bizarren neuen Geschäftsfeldern, sondern auch zu echten Problemen. Verkehrsunfälle in der Nähe von Pokéstops steigen unverhältnismässig an. Eine Studie der Purdue Universität aus dem Jahr 2017 kommt auf über 250 Todesfälle allein in den USA. Es dürften noch weitere dazugekommen sein.

Kriminelle wiederum nutzen abgelegene Standorte gezielt, um Spielerinnen und Spieler auszurauben und mindestens drei Cold Cases werden geöffnet, weil mehrere Personen statt Pikachus Leichen finden.

Für weiteren Ärger sorgen verschiedene pietätlos gesetzte Pokéstops. Etwa auf Friedhöfen und Gedenkstätten. Richtig unangenehm wird es für Niantic, als Bilder von Pokémon in Auschwitz kursieren.

War’s das? Nope. Hier einige weitere verrückte Ereignisse im Schnelldurchlauf

Dem Erfolg des Spiels tut all’ das indessen keinen Abbruch. Bis zum Ende des Jahres setzt der Entwickler rund eine Milliarde US-Dollar um.

Was vom Hype übrig bleibt

Gemeinsam mit den Temperaturen fällt im Herbst 2016 auch die Zahl der aktiven Spielerinnen und Spieler. Bis zum Ende des Kalenderjahres büsst «Pokémon Go» etwa 70 Prozent seiner User ein.

Der PvP-Mode und weitere Funktionen brachten 2018 einige Spieler zurück.
Der PvP-Mode und weitere Funktionen brachten 2018 einige Spieler zurück.
Quelle: Business of Apps

Im Jahr 2026 ist das Spiel dennoch lebendiger, als viele glauben. 40 bis 60 Millionen Spielerinnen und Spieler (verlässliche Quellen sind schwer zu finden) gehen regelmässig auf Pokémon-Safari. Community-Events gibt es reichlich und sie sind beliebt wie nie zuvor. Das «Pokémon Go» Fanfest in Chicago konnte in diesem Jahr sogar einen Besucherrekord verbuchen – über 100 000 Fans pilgerten für den Event in die Parkanlage.

Ich kann nie mehr zurück

Für diesen Artikel habe ich das Spiel nochmals installiert. Ich musste aber rasch feststellen, dass der Funke nicht mehr überspringt.

Wieso? Weil ich zehn Jahre älter bin und mein Körper vergessen hat, wie man Serotonin produziert? Vielleicht. Vielleicht aber auch, weil «Pokémon Go» nie besonders gut war. Das zugängliche Spielprinzip ist brillant in seiner Simplizität, aber das eigentliche Gameplay gewinnt keine Preise.

«Pokémon Go» wurde nicht zum Phänomen, weil es ein gutes Spiel war. Verantwortlich dafür waren vier andere Gründe:

  1. Jeder und jede hatte das Gerät, das zum Spielen gebraucht wurde (ausser ich, lol)
  2. Die Pokémon-IP ist damals bereits 20 Jahre alt und zündete generationsübergreifend
  3. Das Novum der Augmented Reality, verbunden mit dem sozialen Aspekt, schuf eine völlig neue Erfahrung.

Für den vierten und wichtigsten Grund komme ich auf das Intro zurück: die Magie.

«Pokémon Go» traf einen Sommer, in dem Millionen Menschen unabhängig voneinander dasselbe wollten: zusammen raus und kurz wieder jung sein. «It’s a vibe», wie es auf Neudeutsch heisst. Und der lässt sich nicht reproduzieren. Ein Spiel kann man zurückholen, einen Sommer nicht.

Das Wunder waren wir.

Rainer Etzweiler
Rainer Etzweiler
Titelbild: David Grandmougin/Unsplash

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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