
«Finding Polka»: Das spielbare Wimmelbuch ist eine Wucht
Selten hat mich der Artstyle eines Spiels derart begeistert wie der von «Finding Polka». Spielerisch bietet das Game zwar wenig, strotzt aber vor tollen Ideen.
Sieht das geil aus! Schon von der ersten Szene an fesselt mich «Finding Polka» vor den Monitor. Ich beobachte, wie Friendy mit ihrem Dackel Jazz im Park spielt. Dabei treffen die beiden auf die titelgebende französische Bulldogge Polka – der schmerzlich vermisste Kindheitshund von Friendy. Es entbrennt eine wilde Verfolgungsjagd à la «Wo ist Walter?» durch die Stadt, einen Maulwurfstunnel oder den Bauch eines Wals. Dies im tollen Kugelschreiber-Stil von Solo-Entwickler Shinnosuke Kumazawa und ohne Worte. Er hat alles selbst von Hand gezeichnet und in der Game-Engine Unity zum Leben erweckt. Einfache, nicht immer perfekte Striche und ein geniales Sounddesign von Uchida zaubern mir während zweieinhalb Stunden ein Dauergrinsen ins Gesicht.
Aber nicht nur der Artstyle überzeugt mich: Das Spiel ist eine Quelle kreativer Ideen. Etwa, wenn ich mich von einer Bewässerungsdrohne über das Feld einer anthropomorphen Schlange chauffieren lasse. Oder wenn ich mit meinem Regenschirm ins Bodenlose gleite, dabei Musiknoten einsammle und dadurch Skelette zum Tanzen bringe. Da vergesse ich zwischendurch glatt, dass ich einen Walking-Simulator spiele.

Wimmeln statt Rennen
Meine Aufgabe ist klar, ich will Polka finden. Wie Friendy frage ich mich auch: Ist das wirklich der Kindheitshund oder nur ein Doppelgänger? Wieso läuft das Viech immer vor mir weg? Und wieso um Himmels willen wird die Dogge von Maulwürfen entführt?

Um die Fellnase zu finden, benötige ich nur den Analogstick meines Controllers und einen Knopf – obwohl es auch das Steuerkreuz täte, da sich Friendy sowieso nur in acht Richtungen bewegen lässt. Mit der Taste spreche ich Personen an, hebe Gegenstände auf oder führe spezielle Aktionen etwa bei Minispielen aus. Meist erkunde ich die Umgebung aus isometrischer Perspektive. An wenigen Stellen wechselt das Spiel in einen Sidescroller. Das ist ein gezielter Bruch, der sich richtig anfühlt. Das Spiel startet bereits als Sidescroller und führt so cineastischer in die Geschichte ein, als die isometrische Perspektive das könnte. Auf dem Mond wird mir das Gefühl der geringen Schwerkraft als Sidescroller besser vermittelt.

Grundsätzlich ist das Gameplay sehr simpel. Selbst ein fünfjähriges Kind könnte das Spiel zocken. Was durchaus positiv ist, weil es so von allen Bevölkerungsgruppen gespielt werden kann. Bei der Entwicklung hat sich Kumazawa übrigens auch von seinen Kindern als Playtester beraten lassen und ihr Feedback in das fertige Spiel einfliessen lassen.

Verlaufen mit Vergnügen
Im ersten Abschnitt nerve ich mich noch, dass ich nicht alles frei erkunden kann. Überall sind mir Hindernisse wie Absperrungen, Menschen oder eine Giraffe im Weg. Mit der Zeit stelle ich fest: Ich komme überall hin, einfach auf Umwegen. Das Erkunden steht im Zentrum des Gameplays. Das macht unheimlich Laune, ich könnte mich stundenlang in den Details verlieren. Um die 400 Seiten voll mit Personen, Gegenständen oder Gebäuden soll Kumazawa mit Kugelschreiber gezeichnet haben. Dabei fällt mir auch folgende Perle auf:

Skurrile Quests und Minispiele
Beim Erkunden treffe ich auf gefrässige Katzen, verzweifelte Liebhaber oder gefallene Sterne, die Hilfe benötigen. Meist kann ich simple Fetch-Quests für sie erledigen, die sich aber aufgrund des Wimmelbuch-Stils frisch anfühlen. Manche sind einfach. Bei einer der ersten muss ich einem Durstigen – ich bin geneigt, Alkoholiker zu sagen, weil er trunken in der Gosse liegt – einen Drink bringen. Der befindet sich im angrenzenden Hinterhof. Bei den Ameisen für die Ameisenbären jedoch, die sich ihre Nahrung offensichtlich lieber liefern lassen, muss ich schon genauer hinsehen. Wer gerne Wimmelbücher hat, wird an «Finding Polka» seine Freude haben und dabei allerlei Skurriles entdecken. Die meisten dieser Quests sind freiwillig, andere essenziell fürs Weiterkommen.

Zwischendurch gibt es Minispiele. Auch hier sind manche freiwillig, andere Pflicht. Zu Letzterem zählt etwa eine Adaption von «Space Invaders», wenn Friendy und Jazz Polka auf den Mond folgen. Freiwillig ist ein Minispiel, bei dem ich blindlings eine Melone zerhacken muss. Das sorgt für Abwechslung und macht Spass.

Fazit
Ein Spiel zum Staunen, nicht zum Gewinnen
Pro
- wunderschöner, handgezeichneter Kugelschreiber-Artstyle
- enorme Liebe zum Detail
- geniales Sounddesign
- kreative, abwechslungsreiche Ideen
- zugänglich für alle Altersgruppen dank simplem Gameplay
Contra
- manche Fetch-Quests wiederholen sich in ihrer Struktur
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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