
«Agent 64: Spies Never Die» ist altmodisch – und erstaunlich frisch
«Agent 64» spielt bewusst nach den Regeln alter N64-Shooter. Das sorgt für überraschend frische Missionen, bringt aber auch einige Eigenheiten zurück, die längst Staub angesetzt haben.
Nach wenigen Minuten mit «Agent 64: Spies Never Die» weiß ich, woher der Wind weht. Vor mir stehen kantige Wachen mit ausdrucksarmen Gesichtern. In meiner Hand halte ich eine Pistole, deren Modell aus einer überschaubaren Zahl an Polygonen besteht. Auf meinem Bildschirm steht eine Liste mit Missionszielen. Irgendwo hinter den nächsten Türen liegen geheime Dokumente, Computer oder andere Dinge, die für meine Mission offenbar von größter Bedeutung sind.
Wer «GoldenEye 007» auf dem Nintendo 64 gespielt hat, dürfte sich schnell heimisch fühlen.
«Agent 64: Spies Never Die» übernimmt weit mehr als den grafischen Stil seines großen Vorbilds. Entwickler Replicant D6 orientiert sich konsequent am Shooter-Design der späten Neunziger.
Damit stelle ich mir während meines Tests immer wieder dieselbe Frage: Wie gut funktionieren Ideen aus dem Jahr 1997 heute noch?
Meine Mission passt auf eine Liste
Vor jeder Mission bekomme ich einen Auftrag. Ich soll einen Ort infiltrieren, Gegenstände finden oder bestimmte Ziele erfüllen. Danach setzt mich «Agent 64» im Level ab und lässt mich selbst herausfinden, wie ich vorgehe.

Dieser einfache Aufbau entwickelt schnell einen angenehmen Rhythmus. Statt Wegpunkten folge ich meiner Umgebung. Ich öffne Türen, durchsuche Räume, schalte Wachen aus und merke mir Wege. Schon nach wenigen Versuchen kenne ich Abkürzungen und weiß, wo Gefahren lauern.
Das macht Wiederholungen reizvoll und ich kann meine Bestzeiten für die Level steigern. Auf höheren Schwierigkeitsgraden kommen zusätzliche Aufgaben hinzu, die mich in andere Bereiche führen. Türen oder Abschnitte, die zuvor gesperrt waren, werden dann Teil meiner Mission.

Schwieriger wird es, wenn mir eine Aufgabe zu wenig Hinweise gibt. Dann laufe ich durch bereits gesäuberte Räume und suche nach einer Tür oder einem Gegenstand, den ich übersehen habe. Gerade weil «Agent 64» auf Wegpunkte verzichtet, müssen die Level ihren Aufbau klar vermitteln.
Erst schauen, dann schießen – meistens jedenfalls
Auch die Kämpfe orientieren sich klar am Vorbild «GoldenEye 007». Gegner stehen in Räumen, laufen Patrouille oder reagieren auf meine Anwesenheit. Oft kann ich einen Kampf kontrolliert beginnen. Ein paar Sekunden später fliegen Kugeln durch den Raum und mehrere Wachen rennen auf mich zu.

Quelle: Replicant D6
Die Waffen fühlen sich bewusst einfacher an als in einem modernen Militär-Shooter. Präzise Animationen, komplexe Ballistik oder taktische Deckungsmechaniken spielen eine kleinere Rolle. «Agent 64» setzt auf direkte Schießereien.
Das passt zum Tempo der Missionen.
Ich renne durch einen Gang, erledige zwei Gegner, greife ihre Munition auf und öffne die nächste Tür. Dahinter warten bereits die nächsten Wachen. Kämpfe dauern selten lange und bremsen meinen Weg durch die Levels kaum aus.
Dabei hilft auch die bewusst altmodische Gegner-KI. Manche Wachen bemerken mich erst aus kurzer Distanz oder reagieren verzögert. Gelegentlich rollen sie zur Seite, statt direkt anzugreifen. Ebenso wirken die Animationen dabei stellenweise hölzern. Das sorgt für kuriose Momente und macht einige Gefechte leichter, als sie sein müssten.

Das Jahr 1997 sieht erstaunlich hübsch aus
Optisch zieht «Agent 64» seine Zeitreise konsequent durch. Figuren bestehen aus wenigen Polygonen, Gesichter aus einfachen Texturen und Waffen wirken bewusst grob modelliert. Dazu kommen überschaubare Räume mit klaren Formen und sparsamen Details.
Trotzdem sieht das Spiel besser aus, als ich meine N64-Erinnerungen im Kopf habe. «Agent 64» übernimmt den Stil der damaligen Spiele, liefert aber ein sauberes und flüssiges Bild. Das wirkt eher wie meine verklärt schöne Erinnerung an 1997 als wie ein Spiel, das tatsächlich damals erschienen ist. Gerade diese Mischung gefällt mir. «Agent 64» sieht alt aus, ohne sich technisch alt anzufühlen.

Besonders stark finde ich den Soundtrack. Die Musik trifft diesen leicht überzeichneten Spionage-Ton perfekt und trägt viel zur Atmosphäre der Missionen bei. Mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie mir ein Stück nach dem Spielen noch im Kopf bleibt.
Auch bei den Details spielt Replicant D6 mit meiner Erinnerung an diese Zeit. In einem Level entdecke ich etwa eine angeschlossene Spielkonsole. Dazu kommen kleine Anspielungen auf «GoldenEye», die sich zwischen den kantigen Möbeln und Figuren verstecken. Solche Easter Eggs passen zur ohnehin liebevollen Nachbildung der N64-Ära.

Je länger ich spiele, desto interessanter finde ich eine andere Frage: Wo endet die Hommage und wo beginnt schlicht altes Spieldesign?
«Agent 64» bewegt sich ständig auf dieser Grenze.
Splitscreen gehört zur Zeitreise dazu
Zu einem geistigen Nachfolger von «GoldenEye» gehört noch etwas anderes: Multiplayer.
«Agent 64» bietet neben seiner Solokampagne auch Koop sowie kompetitive Mehrspielerpartien. Lokal kann ich via Splitscreen zu zweit Missionen erledigen. Online treten bis zu acht Personen etwa in Deathmatch, Briefcase oder Zone gegeneinander an.

Allein die Existenz des Splitscreens passt wunderbar zum Konzept.
Lokaler Multiplayer ist bei großen Shootern inzwischen selten geworden. «Agent 64» holt damit ein Stück jener Zeit zurück, in der vier Menschen vor demselben Fernseher saßen und anschließend darüber stritten, wer heimlich auf den Bildausschnitt der anderen geschaut hat. Herrliche Erinnerungen.

Quelle: Replicant D6
Die Kampagne lässt sich gemeinsam spielen. Zu zweit fühlt sie sich deutlich lockerer an und sorgt durch die einfache Gegner-KI und spontane Situationen immer wieder für humorvolle Momente.
Der Einzelspieler bleibt trotzdem das Zentrum des Spiels. Replicant D6 bezeichnete ihn während der Entwicklung als Schwerpunkt.
Das halte ich für die richtige Entscheidung. Dort spielt das Retro-Konzept seine größten Stärken aus.

«Agent 64: Spies Never Die» wurde mir von Replicant D6 zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 11. August für den PC verfügbar.
Fazit
Eine Zeitreise, die sich lohnt
«Agent 64: Spies Never Die» trifft den Reiz klassischer N64-Shooter erstaunlich gut. Die kompakten Missionen, die zusätzlichen Ziele auf höheren Schwierigkeitsgraden und der großartige Spionage-Soundtrack machen die Reise ins Jahr 1997 für mich besonders gelungen. Der konsequente Retro-Look greift die Ära glaubwürdig auf, ohne technisch darin stecken zu bleiben.
Ganz reibungslos gelingt die Reise in die 90er Jahre allerdings nicht. Die Gegner-KI wirkt stellenweise unbeholfen, die Animationen gelegentlich hölzern und manche Missionsziele geben mir zu wenig Orientierung. Diese Eigenheiten erinnern mich eher an die Schwächen als an den Charme der Vorbilder.
Die Zeitreise funktioniert für mich auch abseits der offensichtlichen «GoldenEye»-Parallelen. «Agent 64» übernimmt alte Ideen, die ihren Reiz bis heute behalten haben, und macht daraus einen Shooter, den ich gerne empfehle.
Pro
- konsequenter Retro-Look mit starkem Nostalgiefaktor
- kompakte Missionen mit hohem Wiederspielwert
- zusätzliche Missionsziele je nach Schwierigkeit
- großartiger Spionage-Soundtrack
- Koop und Splitscreen
Contra
- schwache Gegner-KI
- manchmal hölzerne Animationen
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