
Kritik
Lust und Frust liegen beim Origami-Plattformer «Hirogami» nahe beieinander
von Kevin Hofer

Ein kreatives Fortbewegungssystem, herausfordernde Kämpfe und einer der schönsten Grafikstile, die ich seit langem gesehen habe. «MIO: Memories in Orbit» bietet alles, was ein erstklassiges Metroidvania ausmacht.
Scheinbar schwerelos bewegt sich Mio durch eisige Höhlen, feurige industrielle Komplexe und Ruinen einer riesigen Stadt. Mio ist zierlich. Wenn sie hundert Stockwerke runterspringt und auf dem Boden aufkommt, passiert… nichts. Damit unterscheidet sie sich stark von anderen Protagonisten in Metroidvanias, bei denen die ganze Welt bebt, wenn sie aufprallen.
Sonst borgt sich «MIO: Memories in Orbit» so einiges von anderen Genre-Vertretern. Macht das aber so gut, dass dabei dennoch ein tolles Spiel herauskommt. Vor allem der Artstyle wird mir in Erinnerung bleiben.
«MIO: Memories in Orbit» spielt an Bord eines vergessenen Raumschiffs namens «The Vessel». Die KI-Verwalter haben den Dienst versagt. Nun liegt es am Roboter Mio, das überwucherte Schiff zu durchqueren, das mittlerweile von durchgedrehten Maschinen überrannt wird.
Ziel: Die Erinnerungen von The Vessel wiederbeleben und einen vollständigen Systemausfall verhindern.

Die Geschichte entfaltet sich in kurzen Dialogen und Dokumenten, die ich finde. Schön: Gewisse Dialoge sind vertont, was im Genre nicht üblich ist. Als Metroidvania-Fan gefällt mir diese Art der Erzählung. Insgesamt ist die Story cool, aber ich habe sie bereits in anderer Form erlebt und sie reisst mich deshalb nicht vom Hocker. Die Stärken des Spiels liegen aber auch woanders.
«MIO: Memories in Orbit» ist ein Fest für die Augen. Der handgezeichnete Grafikstil hat es mir angetan. Die Welt, in der Mio lebt, ist ein Skizzenbuch, das in herrlichem Technicolor zum Leben erwacht. Laufe ich mal wieder vor einer riesigen Statue durch, kann ich nicht anders als kurz innehalten und die Szenerie bestaunen. Es ist Wahnsinn, was das kleine Team von Douze Dixièmes visuell auf die Beine gestellt hat. Hinzu kommt ein Soundtrack, der perfekt zur Szenerie passt, sich aber im Hintergrund hält.

Auch von der Inszenierung her ist das Spiel grosses Kino. Etwa, wenn Mio ihre Haare/Kabel ausstreckt, um eine Tür zu öffnen oder wenn die Kamera herauszoomt und einen Panoramablick auf die Umgebung gewährt. Cool: Jeder Boss betritt die Arena auf seine Art. Manche springen vom Hintergrund in den Vordergrund, andere kommen von der Seite oder durch ein Loch im Boden.
Ein Spiel muss mehr sein als nur hübsch. Und genau da glänzt «MIO: Memories in Orbit» erst recht. Der Gameplay-Loop macht unglaublich süchtig und die Spielmechanik hat mich von der ersten Sekunde an gepackt.
Mio bewegt sich mit ihren Kabel-Haaren fort, die sich fast wie Spinnenbeine ausstrecken. Die Fähigkeiten werden genretypisch immer erweitert und ermöglichen so den Zugang zu zuvor verschlossenen Gebieten. Sie kann sich etwa zu Gegnern hinziehen und dadurch weite Strecken in der Luft überwinden. Später kann sie sich dann auch kurzzeitig an Wänden und Decken festkrallen oder schweben. Das geht alles nur solange die Ausdauerleiste reicht. Natürlich sind auch klassische Platforming-Elemente dabei: Mio kann von Anfang an einen Doppelsprung und durch die Level rennen.

Die Mechanik ist genial und herausfordernd zugleich. Ich muss die Ausdauer im Auge behalten und bestimmte Blumen in der Umgebung aktivieren, die die Leiste wieder auftanken. Das bedeutet: Während des Kletterns springen, eine dieser heilenden Blumen mit einem Schlagangriff treffen und dann blitzschnell wieder an der Wand oder Decke festklammern, bevor ich in den Tod stürze. Später muss ich dann diverse Mechaniken so kombinieren. Alles dreht sich um Präzision und Timing.
Das Gameplay ist manchmal frustrierend – vor allem, wenn ich mal wieder versage. Ich respawne im Falle meines virtuellen Ablebens immer beim letzten Speicherpunkt. Die sind rar und meist stehen dann lange Walkbacks an. Immerhin sind sie bei Bossen nicht ganz so ausgiebig wie bei «Hollow Knight: Silksong».

Fast so nervig wie die Walkbacks ist, dass ich meine gesammelten Nacre, die Währung im Spiel, verliere, wenn ich sterbe. Immerhin kann ich die bei Maschinen in eine zweite Währungsform zusammenpressen lassen, die mir bei meinem Ableben erhalten bleibt. Das erscheint mir unnötig kompliziert.

Dafür macht es unglaublich viel Spass, die Umgebung zu erkunden. Es gibt überall etwas zu entdecken. Dabei muss ich mir die Wege durch das Raumschiff genau einprägen. Eine Karte kann ich nur an den Speicherpunkten einsehen. Dank der leichtfüssigen Art von Mio und der präzisen Steuerung nehme ich sogar Backtracking gerne in Kauf.
Mio wird nicht nur durch neue Fähigkeiten stärker, sondern auch durch Modifikationen. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um ihre Ausrüstung. Die finde ich durch Erkunden oder ich kaufe sie im Shop. Ich kann aber nicht beliebig viele Mods installieren, sondern bin durch Mios Speicherkapazität begrenzt. Die lässt sich erweitern.

Ähnliche Systeme sind mir aus anderen Metroidvanias bekannt. Es funktioniert und lässt individuelle Builds zu, reicht von der Komplexität aber nicht an andere Genre-Vertreter wie etwa «Silksong» heran.
Auch nicht an «Silksong» heran reicht die Gegnervielfalt und deren Movesets. Es warten zwar in jedem neuen Abschnitt neue Gegner auf mich. Ich treffe dennoch immer wieder auf alte Bekannte oder habe den Eindruck, den einen oder anderen Angriff schon gesehen zu haben. Seit dem «Hollow Knight»-Nachfolger habe ich aber wohl auch etwas unrealistische Vorstellungen bezüglich des Umfangs. Im Vergleich zu anderen Metroidvanias bietet «MIO: Memories in Orbit» reichlich Abwechslung. Die Gegner sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

Fast wichtiger als die Vielfalt: Die Kämpfe machen Spass. Zu Beginn sind die meisten Gegner zwar etwas gar einfach mit einer Combo zu besiegen. Später zieht der Schwierigkeitsgrad aber an und ich muss auch bei Standardgegnern alle Register ziehen und sowohl Angriff als auch Verteidigung gut planen.
Auch knifflig sind die Bosse. Selbst frühe erfordern von mir, dass ich ihr Moveset genau studiere und lerne, wann welche Attacke kommt. Ich habe nur einen Boss gleich beim ersten Mal erledigt. Vom Design her sind die Endgegner fast so genial wie die Umgebung. Von einer Tür, über ein hirschähnliches Wesen bis zu überdimensionalen Robotern ist alles dabei. Es macht echt Freude, gegen die Bösewichte anzutreten.

«MIO: Memories in Orbit» ist ein beeindruckendes Metroidvania, das vor allem durch seinen atemberaubenden handgezeichneten Grafikstil und sein innovatives Fortbewegungssystem hervorsticht. Das Spiel von Douze Dixièmes kombiniert geschickt bewährte Genre-Elemente mit frischen Ideen und schafft so ein äusserst unterhaltsames Gesamtpaket. Besonders die spinnenbeinartigen Haare/Kabel von Protagonistin Mio sorgen für herausfordernde und befriedigende Platforming-Sequenzen, die Präzision und perfektes Timing verlangen.
Während die Story solide, aber nicht bahnbrechend ist, überzeugt das Spiel durch sein süchtig machendes Gameplay, liebevoll gestaltete Bosskämpfe und eine Welt, die zum Erkunden einlädt. Zwar erreicht es nicht ganz die Komplexität von Genre-Giganten wie «Hollow Knight: Silksong», bietet aber dennoch genug Abwechslung und Tiefe für Metroidvania-Fans. Trotz gelegentlicher Frustmomente durch lange Walkbacks und das etwas umständliche Währungssystem ist «MIO: Memories in Orbit» ein visuelles und spielerisches Meisterwerk, das in Erinnerung bleiben wird.
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Contra
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