Hintergrund

Wie ich mit einer 65-Prozent-Tastatur (nicht) klarkomme

Martin Jud
08.12.2022

Die Deltaco WK95 sieht nicht nur besonders aus, sie hat auch weder Funktionstasten noch Ziffernblock. Damit komme ich erstmal überhaupt nicht klar.

Lange habe ich mich gesträubt. Doch nun hat mich «Keycap Kevin» dazu gebracht, eine Tastatur ohne Funktionstasten und Ziffernblock auszuprobieren. Also eigentlich hat mich nicht Kevin, sondern das Äussere und Innere der kompakten Tastatur dazu gebracht. Er hat sie mir lediglich unter die Nase gehalten. Danach war alles wie einst, als ich mit meiner Keychron K4 Liebe auf den ersten Anschlag erlebt habe.

Der Deltaco Gaming WK95 fehlen Funktionstasten und Ziffernblock.
Der Deltaco Gaming WK95 fehlen Funktionstasten und Ziffernblock.
Foto: Martin Jud

Mit diesem wundervollen Stück namens Deltaco Gaming WK95 beginnt für mich ein spannender, steiniger Weg. Ich bin es mir nicht gewohnt, ohne F-Tasten auszukommen. Und über den fehlenden Ziffernblock ärgere ich mich sowieso schon länger: Fast immer dann, wenn ich ein neues Notebook teste. Also Augen zu und durch – ich nehme mir vor, für mindestens zwei Wochen mit einer sogenannten 65-Prozent-Tastatur zu arbeiten. Meine K4 im 96-Prozent-Formfaktor lege ich dennoch nicht zu weit weg.

Eine schmalere Tastatur hat auch Vorteile. Wie etwa die Möglichkeit, die Maus während des Spielens mit der rechten Hand näher an der linken zu führen. Das kann je nach Körpergrösse auch zu einer natürlicheren Haltung führen. Für mich ist das zweitrangig, da ich primär Konsolenspieler bin und es sich bequemer anfühlt, die Maus mit mehr Abstand zu führen. Ich nutze das Keyboard bis auf wenige Stunden pro Woche zum Schreiben. Weiter erhalte ich dank kleinen Massen die Möglichkeit, mein Pult noch mehr mit Notizblöcken, Schreibern, USB-Sticks, Brillenputztüchern, Tassen und anderem vollzustellen. Ein grosser Pluspunkt!

Ärgernis der ersten Stunde: Alt+F4

Die ersten 15 Minuten mit der WK95 verbringe ich damit, den für mich passenden RGB-LED-Modus zu finden. Danach haue ich in die coolen, frontal beschrifteten Tasten. Ich geniesse das Arbeiten kurz, ehe ich mich zum ersten Mal ärgere: Zum Schliessen eines Programms will ich aus Gewohnheit Alt+F4 drücken. Aber die F-Tasten fehlen. Für Alt+F4 muss ich erst die Fn-Taste gedrückt halten, ehe ich die 4 betätige. Da sich Fn bei dieser Tastatur rechts neben Leertaste und Alt Gr befindet, muss ich beide Hände nutzen. Alt-F4 geht mit der 65-Prozent-Tastatur langsamer. Schon mal ein Minuspunkt, den ich sogleich im Team-Chat Kollege Kevin unter die Nase reibe.

Er meint: «Geht eigentlich leichter, weil die Zahlenreihe einfacher erreichbar ist als die F-Reihe.» Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Nach 23 Jahren Zehnfingersystem bewegt sich meine Hand vollautomatisiert etwas nach vorne, sobald ich eine F-Taste drücken möchte. Aber egal, und auch nicht das grösste Ärgernis, denn so oft drücke ich diese Reihe nicht. Wobei ich just in dem Moment Lust auf düsteren Sound bekomme. Ich suche die Play-Taste, um Rammstein abzuspielen.

Zwei Minuten später habe ich das Tastaturhandbuch vor mir. Ich muss Fn und Backslash drücken, um den Play-Button, der bei grösseren Tastaturen als Zweitbelegung hinter F8 schlummert, zu aktivieren. Auch für Print Screen, Scroll Lock, Break, Insert, Home, End und die Lautstärke finde ich Zweitbelegungen.

Wenn ich dran bleibe, wird das alles in einigen Tagen automatisiert klappen.

Ärgernis der zweiten Stunde: der fehlende Ziffernblock

Etwas später revidiere ich einen Text und finde eine Doppelung. Ich markiere den Text und will die Delete-Taste drücken. Doch da, wo sie sich bei grösseren Tastaturen befindet, ist nun die Backspace-Taste. Die führt auch zum gewünschten Ergebnis und löscht den Text. Für andere Aktionen, wie das Löschen einer Datei im Explorer, muss ich mir dennoch die neue Position merken. Die Delete-Taste ist bei der 65-Prozent-Tastatur rechts von Enter zu finden. Darunter sind auch Page Up und Page Down an für mich ungewohnten Stellen.

Das zieht mich nicht runter. Umlernen geht in Ordnung. Was nicht geht, sind fehlende Dinge, für die es keinen Ersatz gibt. Der Ziffernblock gehörte für mich vor dieser Reise ohne Frage dazu. Er ist unverzichtbar. Allerdings nur, weil ich vor 20 Jahren in meinem ersten Job nach der Lehre in der Kreditorenbuchhaltung der SBB gearbeitet habe. Meine Aufgabe bestand darin, täglich einen grossen Stapel Rechnungen im SAP zu erfassen. Einen Scanner gab es dafür noch nicht. Und die Aufgabe war so eintönig, dass ich nach wenigen Monaten gekündigt habe. Als netten Nebeneffekt habe ich dadurch gelernt, Zahlen so schnell einzutippen, wie ein Kassierer in den 90ern.

Folgende Punkte stören mich am Fehlen des Blocks:

  1. Zahlen eintippen geht um einiges langsamer.
  2. Längere Excel-Arbeiten werden zum Graus.
  3. Die Taschenrechner-App lässt sich kaum noch bedienen, da neben den Zahlen auch die Plus-, Minus-, Mal-, Geteilt- und Enter-Taste nicht mehr beisammen sind.
  4. Sonderzeichen, die ich bisher über einen ASCII-Code eingegeben habe, kann ich nicht mehr abrufen. Also beispielsweise ein Herz (♥) mit der Tastenkombination Alt+3 eingeben – oder einen Gedankenstrich mit Alt+0150.

aText hilft – und zwar bei allen Tastaturgrössen

Nervös blicke ich in Richtung meiner geliebten K4 mit Ziffernblock. Sie ruft mich, doch bleibe ich standhaft. Dafür finde ich unter einem Notizblock meinen HP 48G. Ich lege den über 25 Jahre alten, besten Taschenrechner der Welt dahin, wo sonst der Ziffernblock wäre und grinse zufrieden. Das hilft, da ich relativ oft etwas ausrechnen muss. Beim Erfassen von Zahlen bleibe ich langsam, was jedoch seltener vorkommt und daher verschmerzbar ist.

Mein Hewlett Packard 48G hat mir bereits in den 90ern gute Dienste geleistet.
Mein Hewlett Packard 48G hat mir bereits in den 90ern gute Dienste geleistet.
Foto: Martin Jud

Überhaupt nicht cool ist, dass ich Sonderzeichen nicht mehr wie vorher eingeben kann. Das doppelte Anführungszeichen reicht mir nicht, da unser Sprachleitfaden sagt, dass wir die französischen benutzen sollen. Die doppelten benötige ich trotzdem, da sie Teil von Codes sind, wenn ich etwa ein Bild zwischen dem Text platziere. Ich kann sie daher nicht mittels Autokorrektur ersetzen. Doch gefällt mir der Ansatz des Ersetzens, weshalb ich mich auf die Suche nach einem Tool begebe.

Fündig werde ich mit aText. Einer Software, die es für Windows und macOS gibt. Wobei Mac-Besitzer auch die im Betriebssystem integrierte Funktion fürs Ersetzen von Text und Satzzeichen nutzen können.

Hast du aText installiert, denkst du dir Kombinationen aus, die einen vordefinierten, blanken Text automatisch einfügen. Du kannst damit aber auch formatierten Text, HTML-Code, Skript oder Bilder einfügen. Also beispielsweise habe ich konfiguriert, dass nach Drücken eines Punktes und einem Minus-Zeichen sofort ein Gedankenstrich eingefügt wird. Einmal definiert, wird dies von aText systemweit angewandt.

Hier meine bisherige Konfiguration des Tools:

Warum nutze ich das erst jetzt?
Warum nutze ich das erst jetzt?
Screenshot: Martin Jud

Genial ist, dass ich mit aText einiges an Geschwindigkeit gegenüber der Sonderzeicheneingabe mit ASCII-Code am Ziffernblock gewinne. Die Text-Snippets mit eckigen Klammern im Bild sind Codes, die unser CMS anweisen, den Text klein darzustellen oder ein Bild einzufügen. Will ich einen Inline-Link in einen Artikel integrieren, gebe ich neu «link» gefolgt von einer 1 anstelle des ganzen Befehls ein. «Product1» könnte ich allenfalls noch in «pro1» verkürzen, fällt mir gerade auf, ...

Für Kevin gut, für mich eher nicht

Überglücklich darüber, die kurze Tastatur nun doch halbwegs nutzen zu können, berichte ich Kevin von aText und meinen Erlebnissen. Er schmunzelt und hört mir einfach zu. Ambivalent, wie die Erfahrung an sich war, sieht die Welt auch in mir aus. Und so komme ich erneut dazu, über den fehlenden Ziffernblock zu schimpfen. Darüber, dass sich die Rechner-App unmöglich bedienen lässt, ohne dass der Geduldsfaden reisst. Und dass das Eingeben von mehrstelligen Zahlen einem die Arbeit in Excel vermiest.

Unterm Strich musste ich die vergangenen zwei Wochen weniger leiden als befürchtet. Gerettet hat mich die Software aText, die beim Eingeben von Sonderzeichen dem Ziffernblock klar überlegen ist. Die Zeiten der ASCII-Codes sind somit für mich generell vorbei. Und Kevin bekommt die schöne, weisse Tastatur wieder zurück. Mein Pult hat genügend Platz und daher macht es keinen Sinn, auf Tasten zu verzichten. Und schon gar nicht, wenn eine alte Liebe wie die K4 sehnsüchtig wartet.

Titelbild: Martin Jud

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Der tägliche Kuss der Muse lässt meine Kreativität spriessen. Werde ich mal nicht geküsst, so versuche ich mich mittels Träumen neu zu inspirieren. Denn wer träumt, verschläft nie sein Leben.


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