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«Shinobi: Art of Vengeance»: Nostalgie trifft auf Ninja-Skills

Nach 14 (!) Jahren kehrt der legendäre Ninja zurück und beweist, dass auch alte Klingen noch scharf schneiden können. Entwicklerstudio Lizardcube zeigt mit «Shinobi: The Art of Vengeance», wie man eine Franchise respektvoll wiederbelebt.

Im Dezember 2023 kündigte Sega Reboots alter IPs wie «Golden Axe», «Crazy Taxi» und «Jet Set Radio» an. Die anfängliche Begeisterung der Retro-Fans schwand jedoch schnell: Durchgesickerte Infos deuteten darauf hin, dass das «Crazy Taxi»-Reboot hauptsächlich als Multiplayer-Spiel konzipiert wird – eine fragwürdige Entscheidung.

Zudem hat Sega eine unbeständige Bilanz bei Reboots: Erfolgreiche Wiederbelebungen wie «Streets of Rage 4» und «Sakura Wars» stehen Gurken wie «Altered Beast (2005)» und «Golden Axe: Beast Rider (2008)» gegenüber, die besser vergessen geblieben wären.

Kurz: Eine gesunde Skepsis war in Bezug auf «Shinobi: The Art of Vengeance» angebracht, diese verschwand beim Testen allerdings schneller als ein Ninja im Schatten.

Wer braucht schon eine Story?

«Shinobi: Art of Vengeance» steckt dich in die Tabi von Joe Musashi. Joe kehrt nach Hause zurück, findet sein Dorf abgefackelt und seinen Clan versteinert vor. Der Schuldige: Lord Ruse von der ENE Corporation. Er will die Weltherrschaft. Oder so.

Ehrlich gesagt habe ich beim Plot ziemlich schnell mental ausgecheckt, weil schon tausend Mal gehört und irgendwie auch komplett egal.

Hübsch präsentiert, aber ein bisschen egal: Die Story von «Shinobi: Art of Vengeance»
Hübsch präsentiert, aber ein bisschen egal: Die Story von «Shinobi: Art of Vengeance»
Quelle: Quelle: Sega

Böser Konzern? Check. Mysteriöser Oberschurke mit dämlichem Namen? Check. Freunde, die gerettet werden müssen? Check. Die Story von «Shinobi: Art of Vengeance» ist ein Best-of der Videospielklischees. Aber wer braucht schon Shakespeare, wenn man stattdessen Gegner umnieten kann?

Klingen-Ballett

Viel Zeit mit der Story verschwendet das Spiel dafür aber ohnehin nicht, sondern überlässt dir rasch die Kontrolle. Und genau da brilliert «Shinobi». Joe Musashi steuert sich blitzsauber, punktgenau und bewegt sich mit der artistischen Eleganz eines sowjetischen Kunstturners.

Die ersten Gegner sind dann auch kaum mehr als Kanonen-, respektive Klingen-Futter und illustrieren, wie gut das Combo-System von der Hand geht. Leichte und schwere Angriffe lassen sich zu befriedigenden Ketten verknüpfen und füllen dabei die «Ninpo»-Leiste, die wiederum offensive und defensive Spezial-Techniken zum Kampfsystem addiert. Obendrauf kommt die Ninjutsu-Fähigkeit, die bildschirmfüllende Befreiungsschläge kredenzt, die dich vor dem sicheren Ableben retten kann.

Der Combometer oben links zählt, wie viele Treffer du landen kannst, ohne selbst getroffen zu werden.
Der Combometer oben links zählt, wie viele Treffer du landen kannst, ohne selbst getroffen zu werden.
Quelle: Quelle: Sega

Es braucht ein bisschen Übung, aber sobald die Choreographie sitzt, spielt sich «Shinobi: Art of Vengeance» wie ein Kurosawa-Film auf Speed und belohnt gutes Timing mit spektakulären Finishern, die deine Energie und dein Gold-Konto auffüllen.

Ein Ninja nach deinem Geschmack

Mit gesammelter Währung lassen sich neue Moves freischalten, die Wurfmesser-Kapazität erhöhen oder die Lebensleiste erweitern. Dazu erlaubt die Amulett-Mechanik zusätzliche Anpassungen: Willst du mehr Schaden austeilen, schneller regenerieren oder einen Special-Move, der dich für kurze Zeit unverwundbar macht? Die Wahl liegt bei dir, und sie macht einen spürbaren Unterschied im Gameplay.

Als jemand, der am Joypad nicht überdurchschnittlich talentiert ist, begrüsse ich zum Beispiel die Möglichkeit, dass ich Joe zu einem Damage-Tank aufpumpen kann, der viele gegnerische Schläge einstecken kann.

Vier Gegner gleichzeitig erledigt. John Wick wäre stolz.
Vier Gegner gleichzeitig erledigt. John Wick wäre stolz.
Quelle: Quelle: Sega

Ein Schwierigkeitsgrad nach deinen Fähigkeiten

Im Vergleich zu früheren Teilen der Serie gibt sich «Shinobi: Art of Vengeance» überraschend zugänglich. Du kannst nicht nur den Protagonisten deinen Skills entsprechend massschneidern, sondern das komplette Spielerlebnis. Vom erlittenen bis zum ausgeteilten Schaden, über die Häufigkeit der Checkpoints bis hin zur Power der Heilungs-Items lässt sich nahezu jedes Element individuell anpassen. Von «ich will nur die hübschen Bilder anschauen» bis «bitte lass mich leiden wie ein echter Ninja des feudalen Japans» ist alles dabei.

Das Default-Setting ist anspruchsvoll, aber fair. Wenn du das Zeitliche segnest, ist der letzte Rücksetzpunkt selten mehr als einige Minuten weit zurück und du startest dort mit einer voll aufgefüllten Energieleiste. Diese brauchst du auch für die Bossgegner. Hier gilt es Angriffsmuster zu studieren, Schwachstellen zu finden und das perfekte Timing zu meistern. Die Kämpfe sind fordernd, aber nie frustrierend.

Ausserdem nice: Einige der Endgegner orientieren sich an klassischen «Shinobi»-Widersachern. Wer seit 1987 dabei ist, fühlt sich nostalgisch abgeholt.

Besiegte Bosse werden mit einem stylischen Screen belohnt.
Besiegte Bosse werden mit einem stylischen Screen belohnt.
Quelle: Quelle: Sega

Zum Sterben schön

Joe Musashis Rache-Trip sieht genauso gut aus, wie er sich spielt. Entwickler Lizardcube, die 2D-Könner hinter dem grossartigen «Streets of Rage 4», haben grafisch erneut ein absolutes Brett hingelegt. Jeder Frame ist ein kleines Kunstwerk und jede Animation butterweich.

Das Oboro-Dorf mit seinen traditionellen japanischen Häusern und die atmosphärische Neo City sind aber nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch clever aufgebaut. Die Levelarchitektur ist verschachtelt, komplex und gibt viele Geheimnisse erst beim wiederholten Durchspielen preis. «Shinobi: Art of Vegeance» ist zwar kein dezidiertes Metroidvania-Game, bedient sich aber grosszügig bei dem Genre.

Allerdings – und hier kommt der einzige echte Kritikpunkt – fokussieren sich einige Abschnitte zu sehr aufs Hüpfen und Klettern. Das Plattforming funktioniert zwar technisch einwandfrei, aber es drosselt das Tempo merklich. Nach drei Minuten präzisem Gehüpfe über bewegliche Plattformen und Feuergruben sehne ich mich wieder danach, Köpfe rollen zu sehen.

Der Soundtrack lässt hingegen kaum Wünsche offen. Verantwortlich dafür ist Tee Lopes, der sein Talent bereits bei «Streets of Rage 4» und verschiedenen «Sonic»-Games bewiesen hat, sowie die Chiptune-Legende Yūzō Koshiro. Gemeinsam liefern die Beiden eine schicke Mischung aus treibenden Bangern und zurückhaltenden Symphonien, die Joe Musashis Feldzug musikalisch perfekt untermalen.

Nach den Credits geht’s weiter

«Shinobi: Art of Vengeance» ist mit rund zehn Stunden Spielzeit relativ kompakt gehalten. Dafür kommt der Sidescroller aber auch ohne Füller aus und wenn du nach den Credits weitermetzeln willst, hält das Game einige Herausforderungen wie zum Beispiel einen Arcade- und einen Boss-Rush-Modus bereit. Bis du alles gesehen hast, vergehen locker nochmals zehn Stunden.

Erfolgsbilanz nach beendetem Level: Das bekommst du bestimmt besser hin als ich.
Erfolgsbilanz nach beendetem Level: Das bekommst du bestimmt besser hin als ich.
Quelle: Quelle: Sega

«Shinobi: Art of Vengeance» ist erhältlich für PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Switch und PC. Ich habe die PS5-Version getestet.

Fazit

Hommage und Neuanfang zugleich

«Shinobi: Art of Vengeance» ist ein perfekt zubereitetes Omakase-Menü: Die einzelnen Zutaten sind nicht revolutionär, aber die Präsentation und das Spiel-Design machen daraus etwas Besonderes. Die Story mag belanglos sein, aber wenn das Gameplay so befriedigend ist und die Optik dermassen beeindruckt, verzeihe ich dem Spiel den narrativen Totalausfall gerne.

Lizardcube beweist erneut, dass sie verstehen, was Retro-Revivals wirklich ausmacht: Nicht nostalgische Verklärung oder billiges Ausschlachten von Markenrechten, sondern das Destillieren der Essenz des Originals und das Aufpeppen mit einer modernen Politur.

Pro

  • präzises Gameplay, nahe an der Perfektion
  • wunderhübsche 2D-Grafik
  • fordernd, aber fair
  • motivierende Charakter-Progression
  • bleibt der Franchise treu

Contra

  • irrelevante Story
  • einige Längen bei den Geschicklichkeits-Passagen
Titelbild: Sega

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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