Joel Brändle
Hintergrund

Psychologie statt Technik: Warum dein Handy gefühlt immer schneller den Geist aufgibt

Joel Brändle
16.9.2026

Schluss mit verklebtem Glas, gesperrter Firmware und fehlenden Updates. Neue Gesetze zwingen Hersteller zu mehr Reparierbarkeit. Aber damit wird nicht der Hauptgrund für einen Neukauf bekämpft. Der ist psychologisch.

In meiner Schublade liegen drei Smartphones. Kaputt ist keines davon. Alle drei starten, wenn sie lange genug am Kabel hängen. Bei solchen Schubladen ist der Fall in unseren Köpfen dann schnell klar: Die Konzerne bauen absichtlich Schrott.

Ich wollte wissen, ob sich das belegen lässt. Also habe ich recherchiert und versucht herauszufinden, was die Forschung dazu sagt. Die kurze Antwort lautet: Ja, es gibt Probleme. Aber das grösste Problem ist ein anderes, als wir denken.

Alles Schrott?
Alles Schrott?
Quelle: Joel Brändle

Acht Monate früher kaufen wir wegen des falschen Gefühls

Rund acht Monate früher als nötig ersetzen wir ein Smartphone, nur weil es sich alt anfühlt. Das ist mehr, als ein Sprung im Glas bewirkt. Es ist der grösste Treiber, der uns zum Neukauf bewegt.

Diese acht Monate stammen aus einer Studie, die untersucht hat, was die Nutzungsdauer von Smartphones tatsächlich beeinflusst. Sie kategorisiert die Alterung in vier Formen der Obsoleszenz. In meiner Schublade liegen sie alle nebeneinander.

Die materielle Obsoleszenz ist die sichtbarste: Diese beschreibt einen physischen Defekt wie einen Sprung im Glas, Sturzschäden oder den Akku, der nach drei Jahren ständig leer ist. Bei meinen Geräten sind alle davon betroffen.

Die funktionale Obsoleszenz betrifft die Meldung, dass der Speicher aufgebraucht oder die Software veraltet ist. Auch Apps, die mit der Systemversion plötzlich nicht mehr kompatibel sind, gehören zu dieser Kategorie.

Die ökonomische Obsoleszenz erklärt, warum die Geräte nie in die Reparatur gekommen sind. Sie beschreibt die Situation, in der die Reparatur teurer ist als ein Ersatzgerät, oder in der ein Eintauschprogramm den Neukauf so günstig aussehen lässt, dass sich die Reparatur nicht mehr lohnt.

Dann bleibt noch die psychologische Obsoleszenz. Diese betrifft unsere subjektive Wahrnehmung, dass ein Gerät alt ist, nicht mit der aktuellen Mode oder Trends mithält oder nicht das gleiche Modell ist, das alle anderen haben. Nur diese Form hat nichts mit dem Gerät zu tun, ist laut Forschenden aber gleichzeitig die stärkste.

Das Paradox: Wer sein Handy langsam findet, behält es länger

Die Studie zeigt eine überraschende Erkenntnis. Die funktionale Alterung fällt kaum ins Gewicht. Sie wirkt sich deutlich weniger auf die Nutzungsdauer eines Handys aus, als ich erwartet hätte.

Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei technisch versierten Nutzern. Sie werfen das Handy nicht weg, sie räumen auf. Dazu gehören das Löschen von Fotos, das Deinstallieren von Apps und das Verschieben von Daten in die Cloud. Sie arrangieren sich und warten auf einen guten Moment für den Neukauf. Ähnliches gilt für Personen, die sich eine Reparatur selbst zutrauen: Sie ersetzen ihr Gerät seltener wegen materieller Abnutzung, weil sie den Defekt als Aufgabe sehen und nicht als Urteil.

Die Forscher gehen mit dem Befund aber selbst kritisch um. Wer ein Gerät länger behält, erlebt zwangsläufig mehr Probleme. Trotzdem bleibt die Tendenz bemerkenswert. Das langsamere Handy treibt uns offenbar nicht zum Neukauf, sondern eher das zersprungene Display und der Blick auf das Gerät des Sitznachbarn.

Als der Speicher voll war, habe ich Apps deinstalliert. Nach 2,5 Jahren habe ich dann ein neues Gerät gekauft.
Als der Speicher voll war, habe ich Apps deinstalliert. Nach 2,5 Jahren habe ich dann ein neues Gerät gekauft.
Quelle: Joel Brändle

Die neuen Regeln der Politik zielen am stärksten Treiber vorbei

Genau in diesem Moment greift die Politik in das System ein. Am 20. Juni 2025 ist in der EU die Ökodesign-Verordnung für Mobilgeräte in Kraft getreten. Sie ist der grösste Eingriff in den Markt seit dem einheitlichen Ladeanschluss. Der offensichtlichste Teil davon ist das neue Energielabel, das Akkulaufzeit, Robustheit und Reparierbarkeit auf einen Blick ausweist.

Wichtiger sind aber die Verpflichtungen dahinter. Hersteller müssen für neue Geräte mindestens fünf Jahre lang Betriebssystem- und Sicherheitsupdates liefern. Diese Frist läuft nicht ab dem Verkaufsstart, sondern ab dem Tag, an dem das Modell aus dem Sortiment fliegt. Ab dann müssen Ersatzteile wie Akkus, Displays oder Kameras sieben Jahre zur Verfügung stehen und innerhalb von fünf bis zehn Arbeitstagen lieferbar sein. Dazu kommt das Recht auf Reparatur, das auch Ersatzteile von Drittanbietern kompatibel macht.

Für die Schweiz gilt das alles nicht direkt. Der Bundesrat hat zwar die EU-Anforderungen zur Ressourceneffizienz übernommen, ein Anspruch auf Reparatur fehlt in der Schweiz aber weiterhin. In der Praxis profitieren wir trotzdem, denn kein Hersteller baut Sondergeräte nur für den Schweizer Markt.

Die Verordnung betrifft genau die drei Alterungsformen, die laut Obsoleszenz-Studie ohnehin an Bedeutung verlieren. Gegen die psychologische Obsoleszenz hilft kein Energielabel. In den neuen Gesetzen bleibt zudem eine weitere Lücke, denn die Ersatzteilpreise sind nicht reguliert. Ein Hersteller kann eine Reparatur also weiterhin unattraktiv machen, ohne die Verordnung zu verletzen.

Fast ein Viertel der User schämt sich vor Freunden

Eine Studie der London School of Economics hat genauer analysiert, warum wir die gleichen Smartphones wollen wie unser Umfeld. Demnach gibt es drei Ebenen: die Funktionalität des Geräts, was wir uns selbst zutrauen und was das Umfeld von uns erwartet.

Der Zeitpunkt des Kaufs hängt stärker davon ab, wie neu die Geräte im Freundeskreis sind, als von technischen Problemen. Fast ein Viertel der befragten jungen Erwachsenen gab zu, sich mit einem alten Handy vor Freunden zu schämen. Dieses Statusdenken führt schlussendlich dazu, dass die noch funktionierenden Smartphones in einer Schublade verschwinden und einem Ersatz weichen.

Hinzu kommt eine Lücke zwischen Wunsch und Erwartung. Käufer wünschen sich ein Smartphone, das über fünf Jahre hält, erwarten aber selbst eine kürzere Nutzungsdauer. Laut Studie sind es im Schnitt drei Jahre. Diese Erwartung wirkt sich aus: Wer mit einem kurzlebigen Gerät rechnet, schützt es weniger und repariert es seltener.

Hohe Preise setzen Gegentrend

Es gibt allerdings etwas, das diesen Kreislauf bricht: der Preis. 2025 besassen laut der jüngsten Comparis-Studie rund 15 Prozent der Befragten ihr Hauptgerät seit vier Jahren oder länger. Das ist der höchste Wert seit fünf Jahren. 2020 waren es noch knapp neun Prozent. Zwei Drittel von ihnen gaben an, ihr Gerät wegen der hohen Preise länger zu nutzen. Das sind deutlich mehr als 2020.

Ein Viertel der Befragten nannte die Akkulaufzeit als grössten Störfaktor. Im Vergleich dazu spielt der Speicherplatz fast keine Rolle mehr, obwohl er jahrelang als Standardargument für den Neukauf verwendet wurde. Bemerkenswert ist weniger, was stört, sondern vielmehr, was daraus folgt: Die Nutzerinnen und Nutzer ärgern sich zwar, behalten ihr Gerät aber trotzdem. Damit bestätigt die Comparis-Umfrage die Obsoleszenz-Studie. Es sind nicht technische Mängel, die den Neukauf auslösen, sondern das Gefühl, ein altes Gerät zu besitzen.

Die letzte Entscheidung liegt bei uns

Die Hersteller bereiten das Spielfeld vor. Sie verkleben das Glas, blockieren die Firmware und bieten Eintauschprogramme an, die den Neukauf günstiger aussehen lassen als die Reparatur. Und genau das ist laut der Obsoleszenz-Studie ein fast genauso starker Treiber wie der Wunsch nach dem Upgrade auf das neueste Modell. Die Anklage aus der Kommentarspalte ist also nicht falsch. Sie ist nur unvollständig.

Den finalen Impuls geben wir uns nämlich meistens selbst. Ein Neukauf findet fast nie aus technischer Notwendigkeit statt, sondern oft genau dann, wenn ein zersprungenes Display die perfekte Ausrede liefert, dem Reiz des neuesten Modells nachzugeben. Genau deshalb liegen in meiner Schublade drei Geräte, die alle noch starten.

Titelbild: Joel Brändle

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