Mark Zuckerberg in Los Angeles am 18. Februar 2026. Quelle: Keystone / Damian Dovargenes
Hintergrund

Social Media auf der Anklagebank: 7 Fragen und Antworten

Instagram und Youtube müssen sich in den USA vor Gericht verantworten, weil ihr Produktdesign Kinder gefährden soll. Die Tragweite des Verfahrens ist enorm.

In Los Angeles läuft ein wegweisendes Verfahren gegen Meta und Google. Erstmals entscheidet eine Jury, ob grosse Social-Media-Plattformen ihr Design bewusst so ausgelegt haben, dass sie Jugendliche süchtig machen – mit negativen Folgen für die psychische Gesundheit. Der Prozess gilt als Musterfall für Tausende weitere Klagen gegen die Branche.

Im ersten Teil des Verfahrens steht vor allem Instagram im Fokus. Dessen Chef Adam Mosseri wurde als Zeuge geladen, auch Meta‑CEO Mark Zuckerberg musste antraben. Die sieben wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Worum geht es?

Im Mittelpunkt des konkreten Falls steht eine heute 20‑jährige Frau, die unter den Initialen KGM auftritt. Sie nutzte bereits als sechsjähriges Kind Youtube, legte mit neun Jahren ein Instagram‑Konto an und bewegte sich später auch auf Snapchat und Tiktok. KGM wirft den Plattformen vor, sie süchtig gemacht zu haben. Dadurch seien diese mitverantwortlich für Depressionen, Angststörungen, Körperbildstörungen und suizidale Gedanken.

Auf der Anklagebank sitzen Meta (Instagram) und Alphabet (Youtube). Snap und Tiktok haben sich vor Prozessbeginn durch einen aussergerichtlichen Vergleich aus der Affäre gezogen. Indirekt sind sie trotzdem betroffen, weil das Urteil einen Präzedenzfall für zahllose weitere Klagen schaffen wird.

Von den grossen Plattformen treten zunächst Instagram und Youtube vor Gericht an.
Von den grossen Plattformen treten zunächst Instagram und Youtube vor Gericht an.
Quelle: Shuttestock

2. Was sind die Argumente der Anklage?

Die Anwälte der Klägerin sprechen nicht über einzelne Inhalte, sondern über das Produktdesign der Plattformen. Sie vergleichen diese mit Zigaretten, weil sie ähnlich süchtig machen würden. Die Parallele ist eine juristische Strategie. Tabakkonzerne wurden in den 1990er-Jahren zur Verantwortung gezogen, weil sie Gesundheitsrisiken bewusst verharmlost hatten. Die zentralen Vorwürfe im ersten Prozess gegen Instagram und Youtube:

  • Funktionen wie endloses Scrollen, automatisch abspielende Videos und stark personalisierte Empfehlungsalgorithmen seien bewusst so gestaltet, dass Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange in der App bleiben. Besonders anfällig dafür seien Jugendliche.
  • Gamification‑Elemente wie Likes würden gezielt mit der sozialen Verwundbarkeit von Teenagern spielen. Das verstärke die Abhängigkeit.
  • Filter, die Gesichter verschlanken oder Haut glätten, hätten bei der Klägerin zu massiver Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper beigetragen.
  • Die Plattformen seien sich der Risiken von algorithmischen Feeds bewusst gewesen. Sie hätten aus internen Analysen gewusst, dass intensive Nutzung mit schlechterem Wohlbefinden, mehr Essstörungen und Selbstverletzungen korreliert. Trotzdem hätten sie aus Profitgier nichts am Design geändert.

Juristisch argumentiert die Anklage mit der Produkthaftung: Social‑Media‑Apps seien fehlerhafte Produkte, weil sie süchtig machen und jugendliche Nutzer nicht ausreichend schützen würden.

3. Was sind die Gegenargumente?

Die Unternehmen wehren sich gegen den Vorwurf, sie hätten bewusst Suchtprodukte erschaffen. Ihre wichtigsten Argumente:

  • Die Firmen stellen den Kausalzusammenhang in Frage: Selbst wenn Social Media eine Rolle spiele, sei nicht belegt, dass das Produktdesign ein wesentlicher Faktor für die Erkrankungen sei.
  • Meta verweist darauf, dass die Klägerin bereits vor der intensiven Social‑Media‑Nutzung schweren familiären Belastungen ausgesetzt war. Die psychischen Probleme seien primär auf Misshandlungen und zerrüttete Verhältnisse zurückzuführen, nicht auf Instagram oder Youtube.
  • Instagram-Chef Adam Mosseri hinterfragt den Sucht-Begriff und vergleicht seine Plattform mit Netflix. Ähnlich wie beim Streaming einer Serie könne man bei Instagram umgangssprachlich von Sucht sprechen. Medizinisch handle es sich aber nicht um eine anerkannte Suchterkrankung.
  • Die Beklagten heben ihre Schutzmassnahmen hervor. Darunter spezielle Teen‑Accounts, Altershinweise, Elternaufsicht und Tools zum Begrenzen der Nutzungszeit.
  • Mark Zuckerberg spricht auch von Meinungsfreiheit. Nutzerinnen und Nutzer seiner Plattformen sollten sich möglichst uneingeschränkt ausdrücken können. Dazu würden zum Beispiel auch Beauty-Filter gehören.

Die Unternehmen berufen sich ausserdem auf Section 230 des US‑Kommunikationsrechts. Das Gesetz entbindet die Plattformen weitgehend von der Haftung für Inhalte Dritter. Sie geniessen damit eine Freiheit, die klassischen Medien wie Zeitungen verwehrt bleibt. Die Konzerne argumentieren, schädliche Wirkungen gingen von Nutzerinhalten aus, nicht vom Plattformdesign.

4. Warum ist dieser Prozess so wichtig?

Der Prozess ist Teil einer Serie von sogenannten Bellwether Trials. In den USA werden bei Massenschadensfällen viele ähnliche Einzelklagen gebündelt, statt Tausende identische Verfahren zu führen. Daraus werden einige wenige repräsentative Fälle ausgewählt und vollständig vor einer Jury verhandelt. Die Resultate schaffen Präzedenzfälle für die restlichen Klagen. In Los Angeles sind neun solche Bellwether-Fälle angesetzt. Daneben laufen getrennte Sammelklagen von Schulbezirken und Bundesstaaten.

Die Musterprozesse sollen zeigen, wie Gerichte auf die Beweisführung reagieren, welche Argumente tragen und welche Schadenssummen realistisch sind. Die Urteile sind für andere Klagen nicht formal bindend, dienen aber als Orientierung. Entscheidet die Jury zugunsten der Kläger, steigen die Chancen auf hohe Vergleiche in den übrigen Fällen. Umgekehrt schwächen Niederlagen die Erfolgswahrscheinlichkeit aller Klagen.

5. Was sind die Erfolgschancen der ersten Klage?

Die Hürden sind hoch. Die Kläger müssen erstens beweisen, dass das Plattformdesign fehlerhaft und suchtfördernd ist. Zweitens, dass es im konkreten Einzelfall ein wesentlicher Faktor für die psychischen Schäden der Klägerin war. Letzteres ist nicht leicht. Anders als zum Beispiel bei Tabakprodukten sind wissenschaftliche Kausalbelege Mangelware.

Macht Social Media ähnlich süchtig und ist ähnlich gesundheitsschädlich wie Tabak?
Macht Social Media ähnlich süchtig und ist ähnlich gesundheitsschädlich wie Tabak?
Quelle: Shutterstock

Andererseits hat die Klägerseite nach eigenen Angaben Hunderttausende Seiten interner Dokumente gesichert, die zeigen sollen, dass sich die Konzerne der Risiken bewusst waren. Die Richterin hat im Vorverfahren die pauschale Berufung auf Section 230 zurückgewiesen. Sie hielt fest, dass die Haftungsfreiheit nicht das Design der Funktionen umfasst. Siege für die Tech-Konzerne gelten deshalb alles andere als sicher. Vielmehr ist das Verfahren ein Test, ob US‑Gerichte Social‑Media‑Plattformen ähnlich streng behandeln werden wie einst Tabakkonzerne.

6. Was wären die Auswirkungen eines Schuldspruchs?

Ein klarer Erfolg der Klage hätte mehrere Folgen. Finanziell drohen den Plattformen hohe Schadensersatz‑ und Vergleichszahlungen, weil Tausende ähnliche Klagen hängig sind. Selbst ein Teilerfolg hätte Signalwirkung und könnte zu vielen aussergerichtlichen Einigungen führen.

Das Gericht könnte zudem die Konzerne dazu zwingen, bestimmte Features für Minderjährige einzuschränken oder zu deaktivieren. Etwa Beauty‑Filter, aggressive Push‑Benachrichtigungen oder Gamification‑Mechanismen. Auch auf politischer Ebene würde der Druck steigen, die Plattformen stärker zu regulieren. Beides könnte zu weniger Nutzungszeit und damit zu weniger Werbeeinnahmen führen. Die Aktienkurse der Unternehmen dürften bei einem Schuldspruch deshalb sinken.

7. Wie geht es weiter?

Im laufenden Verfahren werden zunächst weitere Zeugen angehört, darunter Manager von Meta und Alphabet, Psychiater, Medienpsychologen und Expertinnen zu Plattformfunktionen. Am Ende muss die Jury entscheiden, ob das Design von Instagram und Youtube wesentlich zu den Leiden der Klägerin beigetragen hat. Bis dahin dürfte es rund zwei Monate dauern. Unabhängig vom Ausgang dieses Prozesses folgen in den kommenden Monaten weitere Musterverfahren. Erst die Gesamtsicht über mehrere Urteile wird zeigen, ob sich eine klare Tendenz zugunsten der Kläger oder der Konzerne abzeichnet.

Die Verlierer können die Urteile anfechten, was auf beiden Seiten als sicher gilt. Der Superior Court in Los Angeles ist die erste Instanz. Danach folgt der Court of Appeal des Bundesstaates Kalifornien. Dort entscheidet keine Jury mehr, sondern drei Richter. Sie prüfen, ob die erste Instanz das Recht korrekt angewendet hat – in diesem Fall zur Produkthaftung. Erst das Berufungsgericht befasst sich mit der Frage, ob Section 230 auch bei Design und Algorithmen greift und ob ein Schuldspruch die Meinungsfreiheit (First Amendment) tangiert.

Der Superior Court von Los Angeles ist die erste von vier möglichen Instanzen.
Der Superior Court von Los Angeles ist die erste von vier möglichen Instanzen.
Quelle: Shutterstock

Die unterlegene Seite kann danach versuchen, den Supreme Court of California aufzurufen. Dieser muss den Fall aber nicht annehmen. Er behandelt nur grundsätzliche Rechtsfragen, wie hier allenfalls die Reichweite von Section 230. Als letzte Instanz kommt der Supreme Court in Frage, der ebenfalls nur einen Bruchteil der Fälle auswählt. Wegen der nationalen Tragweite des Verfahrens ist das nicht ausgeschlossen. Bis zu einem finalen Urteil können deshalb mehrere Jahre vergehen, realistisch sind mindestens zwei.

Titelbild: Mark Zuckerberg in Los Angeles am 18. Februar 2026. Quelle: Keystone / Damian Dovargenes

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Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook mich nicht erkennt. Der Grund: Sitze ich nicht vor einem Bildschirm oder stehe hinter einer Kamera, hänge ich oft an den Fingerspitzen in einer Felswand.


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