
Hintergrund
Social Media auf der Anklagebank: 7 Fragen und Antworten
von Samuel Buchmann

Seit Jahren machen uns Plattformen wie Instagram oder Tiktok ungestraft süchtig und schaden unserer Psyche. Das lässt mich wütend und hoffnungslos zurück.
In den USA zerrt eine junge Frau zwei Social-Media-Plattformen vor Gericht. Die Produkte hätten sie bereits als Kind süchtig und psychisch krank gemacht. Damit beginnt ein Hick-Hack um Suchtdefinitionen, Kausalzusammenhänge und Haftung. Es wird Jahre dauern, am Ende wird sich kaum etwas ändern. Das mag juristisch korrekt sein. Als Beobachter frustriert es mich. Denn die rücksichtslose Gier der Plattformen ist offensichtlich.
Natürlich macht Social Media süchtig. Und natürlich wissen die Betreiber das. Die Sucht ist kein Bug, sondern ein Feature. Big Tech bezahlt den klügsten Köpfen unserer Zeit groteske Gehälter, damit sie Algorithmen entwickeln, die uns so lange wie möglich binden sollen. Unsere Aufmerksamkeit ist wertvoller als Gold. Sie wird eingesaugt und an die Höchstbietenden versteigert.
Hat Social Media auch gute Seiten? Klar. Doch die Bilanz wird immer schlechter. Algorithmischer Content und KI-Slop haben den sozialen Aspekt weitgehend verdrängt. Unter dem Strich schaden die Plattformen im heutigen Zustand unserer geistigen Gesundheit, polarisieren unsere Gesellschaft und verschwenden unsere Lebenszeit. Und niemand hindert sie daran. Nicht moralische Bedenken, weil finanzielle Anreize diese übertrumpfen. Nicht die Justiz, weil ihre Mühlen zu langsam mahlen. Nicht die Politik, weil der Druck der Lobbys und der Wall Street zu gross ist.
Man könnte stattdessen an die Eigenverantwortung der User appellieren. Doch das gleicht dem Rat an einen Spielsüchtigen, er solle sich einfach am Riemen reissen: Experten warnen seit Jahren davor, dass endloses Kurzvideo-Scrollen im Hirn die gleichen Prozesse auslöst wie ein einarmiger Bandit. Die Algorithmen nutzen unser Dopaminzentrum schamlos aus. Wer sich der allgegenwärtigen Versuchung entziehen will, braucht eiserne Disziplin.
Kinder und Jugendliche können die Suchtgefahr erst recht nicht einschätzen. Dass sie trotzdem Instagram und Tiktok nutzen dürfen, ist absurd. Wer Alkohol an Minderjährige verkauft, erhält eine Geldstrafe. Wer auf dem Schulhof Kokain dealt, kommt ins Gefängnis. Mark Zuckerberg verteilt digitales Heroin im Kinderzimmer und gönnt sich mit den Profiten eine Insel auf Hawaii.
Eltern stecken in einer Zwickmühle: Einem einzelnen Kind Social Media zu verbieten, macht es womöglich zum isolierten Aussenseiter. Auf der anderen Seite kann die Nutzung zu Sucht, Mobbing und Selbstwertstörungen führen. Auch das wissen die Betreiber schon lange. Doch die Sippenhaft und das Engagement durch negativen Content sind viel zu lukrativ, um Rücksicht auf die gesellschaftlichen Folgen nehmen.
An dieser Stelle würde ich gerne einen positiven Abschluss finden. Aber um ehrlich zu sein, sehe ich Schwarz. Es gibt zwar Hoffnungsschimmer wie nationale Social-Media-Verbote für Jugendliche und regulatorische Anstrengungen der EU. Doch global gesehen bleiben sie ein Tropfen auf den heissen Stein.
Mir bleiben deshalb nur persönliche Empfehlungen: Social Media ganz zu löschen fällt schwer, weil es unsere Gesellschaft durchdringt. Wer darauf verzichten kann, hat Glück. Ansonsten nutze die Plattformen zumindest massvoll und sensibilisiere dein Umfeld. Schon kleine Dinge wie das Deaktivieren von Benachrichtigungen oder Zeitlimits helfen gegen die Sucht. Und verschieb die Apps weg von der ersten Seite deines Smartphones. Du wirst dich wundern, wie wenig du sie vermissen wirst.
Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook mich nicht erkennt. Der Grund: Sitze ich nicht vor einem Bildschirm oder stehe hinter einer Kamera, hänge ich oft an den Fingerspitzen in einer Felswand.
Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.
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