Latte Panda: Der Mini-Windows-PC, ein sündhaft teurer TV und Half Life 2

Latte Panda: Der Mini-Windows-PC, ein sündhaft teurer TV und Half Life 2

Dominik Bärlocher
Zürich, am 22.11.2017
Der Latte Panda hat nicht nur einen niedlichen Namen und einen herzigen Boot Screen, sondern ist auch nicht grösser als ein Raspberry Pi. Aber im Unterschied zum Pi läuft der Panda mit Windows 10. Wir haben den Minicomputer getestet. Indem wir ihn an einen 65-Zoll-Fernseher angehängt haben und Videogames gespielt haben.

Raspberry Pi Minicomputer sind ganz nett, laufen aber – ohne idiotisch grossen Aufwand – nur mit einer Linux-Version. Wenn du aber einen kleinen Windows-Rechner haben möchtest, dann konntest du das bisher nur mit grossem Aufwand tun, selbst wenn Microsoft mit Windows 10 erstaunlich Pi-freundlich ist.

Noch Windows- und Pi-freundlicher ist der Latte Panda. Sieht aus wie ein Raspberry Pi, hat vergleichbare Leistung, aber da läuft out of the box Windows drauf. Kostet dafür aber etwas mehr.

Product Manager und Bastlerkollege Quentin Aellen zeigt mir den Latte Panda. Warum heisst das so? Und noch wichtiger: Was können wir damit anstellen? Weil so einen kleinen Computer rumliegen haben und dann nichts damit tun, vor allem an einem kalten grauen Freitagnachmittag… irgendwie uncool.

«Wo Windows läuft, läuft Steam», sagt Quentin.

Die Idee ist geboren. Wir machen uns auf den Weg durch die Zürcher Büros, um Teile zu finden. Der Entschluss ist gefasst: Wir bauen uns unsere 4k Gaming-Plattform basierend auf einem Latte Panda.

Ich präsentiere: Das *am wenigsten sinnvolle Gaming-Setup**
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Spätestens hier erinnerst du dich an mein wenig sinnvolles Gaming Setup. Und ja, das ist sowas wie das Sequel dazu. Wir haben das nicht beabsichtigt, aber was gibt es besseres um einen handflächengrossen PC auszureizen als Crysis drauf zu spielen?

Wir finden grossartiges Zeug

Kurz nach dem Beschluss, dass wir ein Gaming Setup bauen wollen, mache ich mir Sorgen:

«Was meinst du, wie heiss wird der Latte Panda?»

Denn der Raspberry Pi überhitzt gerne, wenn er gefordert wird. Bei 85 Grad Celsius meint der Mini-Computer «Schluss! Aus!» und schaltet ab, damit er nicht durchbrennt. Einen Ventilator können wir im Büro nicht finden, weshalb wir uns mehr oder weniger drauf verlassen müssen, dass der Latte Panda nicht überhitzt.

«Überhitzt der überhaupt», fragt Quentin.

Keine Ahnung. Finden wir’s raus. Vorsichtshalber habe ich beim endlichen Test dann eine Flasche Wasser aufgrund Mangel an Feuerlöscher im Raum. Weil das Projekt ist zwar unvernünftig, aber das heisst nicht, dass wir uns dumm anstellen müssen.

*Raspberry Pi**: So überhitzt dein Minicomputer so schnell nicht mehr
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Bei den Produktmanagern TV steht ein Samsung Frame rum. Sündhaft teuer, der Hersteller meint, dass das mindestens die nächste Generation des TVs sei, wenn nicht die Wiederkunft von TV-Jesus. Passt. Nehmen wir, weil 65 Zoll sind grade mal gross genug für unseren PC im Hosentaschenformat.

Bei den Audio-Leuten finden wir eine Soundbar und einen Subwoofer der Marke Sony. Nach dem Satz «Ich klau die mal» darf ich auch die für den Test auslehnen. Weil wennschon dennschon machen wir anständigen Lärm.

Da wir davon ausgehen, dass der Latte Panda nicht mit 4k auf den Fernseher ausgeben kann, schauen wir mal bei der PC Peripherie vorbei. Da liegt nämlich immer noch die externe Grafikkarte vom letzten Mal rum. Weil wenn wir schon etwas spielen möchten, dann in guter Grafik. Die Grafikkarte wird sich im Laufe des Tests als eher unnütz erweisen, aber das wissen wir zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht.

So, fertig unser Kabelsalat. Sieht so aus.

The Frame UE65LS003 (65", 4K, Smart TV, LCD, 2017)
2874.–
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HT-CT800 (Soundbar mit Subwoofer, Multiroom, 350W, WLAN, NFC, Schwarz)
Sony HT-CT800 (Soundbar mit Subwoofer, Multiroom, 350W, WLAN, NFC, Schwarz)
Optical Mouse M90 (Kabel)
12.–
Logitech Optical Mouse M90 (Kabel)

Dazu ein USB-Hub, das wir nicht im Angebot haben. Ist ja auch wurscht. Muss ja nicht immer alles von uns kommen und manchmal wissen wir auch nicht so recht, woher das Zeug in unseren Offices kommt. Die Festplatte brauchen wir für Game Data, da der interne Speicher des Latte Panda nicht wirklich für Games ausgelegt ist.

Uns beschleicht der Verdacht, dass Gaming nicht wirklich zu den Hauptverwendungszwecken des Latte Pandas gehört.

Warum schaltet der Latte Panda ab?

Bei Projekten wie diesem hilft es, wenn du mal Gerät rankarrst. Weil wenn du hier minimalistisch arbeitest, dann wirst du nie fertig. Die Logik in unserem Build Team dazu geht irgendwie so: Wir bringen mal alles, von dem wir uns vorstellen können, dass es nützlich werden könnte. Wir können immer noch Kram nicht brauchen, aber wenn wir dann immer wieder Zeug beschaffen müssen, verschwenden wir so viel Zeit. Mehr Zeit als dass wir aufwenden wollen.

Also, wir kabeln mal. Da wir grade mit dem Frame rumhantieren, will Editor Luca Fontana auch dabei sein. Gut, weil das Teil ist zwar nicht besonders schwer, aber 65 Zoll sind doch nicht gerade kompakt. Wir besetzen so hausbesetzermässig ein Sitzungszimmer und nisten uns da ein. Netterweise warnen wir die Leute vor der Bürotür vor, dass wir eventuell etwas laut sein werden.

Und unter Umständen einen Brand verursachen könnten.

Das Verkabeln ist aber recht einfach. Der Latte Panda hat einen HDMI-Port, den wir nutzen um Bild und Ton auf den Frame zu bringen. Im ersten Durchgang wollen wir wissen, wie gut wir spielen können, wenn wir einfach mal ohne die externe Grafikkarte testen.

Der Kabelsalat ist beeindruckend scheusslich anzusehen
Der Kabelsalat ist beeindruckend scheusslich anzusehen

Der Bildschirm bleibt schwarz. Reboot. Wir sehen den Windows Login Screen. Dann wieder schwarzer Bildschirm. Reboot. Login, dann Update. Schwarzer Bildschirm. Da der Latte Panda weder besonders auffällige LEDs noch einen Ventilator hat, der als Indikator dienen könnte, ob das Gerät gerade läuft oder nicht, sind wir uns nicht sicher, ob das an ist oder nicht.

Quentin fasst den kleinen Computer an.

«Also warm ist das Teil schon, aber heiss ist anders», sagt er.

Nach einigem hin und her stellen wir fest, dass das Gerät zwar läuft, aber irgendwann dann ausschaltet. Unsere erste These soll sich als richtig erweisen: Das Gerät erhält nicht genug Strom, um das ganze Setup zu betreiben. Denn das USB-Hub braucht zusätzlich Strom. Die externe Festplatte auch.

Der Latte Panda wird aktuell aber etwas originell mit Strom versorgt. Das USB-Kabel, das den Strom in den kleinen PC bringt ist via USB an den Fernseher angeschlossen, der ja auch USB-Ports hat. Was kann da schon schief gehen?

Gut, gehen wir halt ins Produktmanagement und klauen mehr Zeug zusammen. Danke, Mobile Systems. Mit einem USB-Charger als Stromversorgung sollte das Ding wunderbar funktionieren. Nur, dass wir am Ende den USB-Charger nicht benutzen. Wir ziehen den Strom direkt von der externen Grafikkarte per USB auf den Latte Panda. Teuerste Steckerbrücke aller Zeiten.

Warum die externe Grafikkarte nutzlos ist

Updates drauf. Steam drauf. Dem Produktmanagement unser Setup gezeigt und alle so «...warum?» Unserem Gaming-Nachmittag steht nichts im Wege. Zuerst testen wir FTL, ein Spiel, in dem wir ein Raumschiff verwalten müssen mit allen Funktionen und so, damit wir geheime Last durch acht Sektoren bringen. Spassig und der Latte Panda macht gut mit. Das einzige Problem ist, dass wir uns nicht ganz sicher sind, in welcher Auflösung wir spielen. Denn FTL kommt in Retro-Pixel-Optik daher.

«Ist das 4k», fragt Quentin.

Gute Frage. Denn 4k, also eine Bildschirmauflösung vom 3840x2160, sieht in FTL wohl recht ähnlich aus, wie eine beliebige, niedrigere Bildschirmauflösung. Danke, Retrografik. Der Check aber ergibt: Ja, der Latte Panda liefert 4k an den Frame. Wir sind beeindruckt.

Ja, das ist tatsächlich 4k
Ja, das ist tatsächlich 4k

Ich fasse den Latte Panda an. Temperaturcheck. Schon warm, aber nicht wärmer als ein warmer Teller, der aus der Mikrowelle kommt.

Wenn der Latte Panda 4k kann, dann können wir bessere Games spielen. Aus nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen entscheiden wir uns für «Half Life 2». Das Spiel ist zwar uralt, aber wir spielen es trotzdem.

Wo 4k dann schwierig und der Frame unterfordert wird

Keine Ahnung, was da schiefgeht, aber der Vollbildmodus in Half Life 2 sieht irgendwie so aus, als ob wir im Fenstermodus spielen, aber alles andere ist schwarz. Eher seltsam. Bis zum Ende des Tests können wir das mit allen uns zur Verfügung stehenden Optionen nicht hinbiegen. Grafikoptionen, Bildschirmeinstellungen, Einstellungen am Samsung Frame… sieht alles gut aus. Nur, dass das Bild halt kacke ist.

Wir spielen trotzdem etwa eine halbe Stunde lang Half Life, klauen beim Produktmanagement Gummibärli und gamen weiter.

«Wollt ihr nicht mal ein Fazit ziehen», fragt Luca, denn er habe noch einen zweiten Fernseher, den er gerne testen würde. Er habe ja noch nicht mal den Frame anständig testen können. Wir sollen unseren Kabelsalat zusammenpacken, den Sound da lassen, und uns verziehen. Wir beschliessen, den Test mit Crysis oder Doom sausen zu lassen.

Gut, dann halt. Fazit-Time. Das Setup ergibt null Sinn und du solltest es uns nicht nachbauen. Denn wer ist schon blöd genug, eine externe Grafikkarte als Netzteil zu verwenden? Wir. Offensichtlich.

Aber: Wir wissen jetzt, dass der Latte Panda erstaunlich leistungsfähig ist. Das Feuer im Sitzungszimmer ist ausgeblieben und nach der Behebung des Stromproblems hat das kleine Gerät keine Mätzchen mehr gemacht. Er funktioniert, er arbeitet gut mit, auch wenn du ihm Dinge antust, die du ihm wirklich nicht antun solltest. Er erinnert mich so vom Gefühl her, nicht von der Leistung, an die Lenovo Thinkpad T-Serie. Arbeitstiere. Nicht hübsch, aber verlässliche Partner im Extremfall.

Auch wenn es manchmal schwierig ist, der Latte Panda gibt nicht auf
Auch wenn es manchmal schwierig ist, der Latte Panda gibt nicht auf

Klar, manchmal ist der Latte Panda etwas langsamer geworden, aber er hat sich schnell erholt und wir hatten nie das Gefühl, dass das kleine Gerät ans Aufgeben denkt. Bei Videos in 4k hatte er wirklich viel Mühe, aber der Panda spielt die Videos mit zig Bildfehlern ab. Auch wenn wir den kleinen Computer völlig zweckentfremdet haben und ihm keine Sekunde Zeit zum Durchschnaufen gegeben haben, der Latte Panda hat mitgemacht.

You rock, kleiner Panda!

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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