Kabel in der Wohnung: Prävention, Therapie und Schadensminderung

Kabel in der Wohnung: Prävention, Therapie und Schadensminderung

David Lee
Zürich, am 23.02.2018
Kabel im Wohnzimmer sind etwa so beliebt wie Kakerlaken im Bad. Und auch ungefähr so hartnäckig. Für viele von uns stellt sich die Frage: Wie gehe ich mit dem Problem um? Ein Überblick über die verschiedenen Strategien.

Kabel stören, Kabel sind hässlich, und es werden immer mehr. Selbst angeblich kabellose Geräte benötigen Aufladekabel. Das müssen diese «Wireless-Kabel» sein, von denen die Leute immer reden.

Empirische Studien aus Massachussets und aus meinem Wohnzimmer beweisen: Der WAF (woman acceptance factor) eines voll verkabelten Wohnzimmers liegt im nicht mehr messbaren Bereich.

Es ist einfach nur bizarr, grotesk, skurril und absurd, wie viele Kabel ich in meiner Wohnung habe. Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich dieses Dickicht halbwegs wohnlich gestalten kann, so dass ich nicht gleich Brechreiz bekomme, während ich über eine selbst gelegte Fussschlinge stolpere.

Herzlich willkommen bei mir zuhause!
Herzlich willkommen bei mir zuhause!

Mögliche Massnahmen und meine Erfahrungen damit

Als erstes sammle ich die möglichen Strategien und Massnahmen. Sie lassen sich natürlich miteinander kombinieren.

Bluetooth und andere Drahtlostechnologien einsetzen

Es gibt ja fast alles auch kabellos: Notebooks statt Desktop-PCs, kabellose Mäuse, Tastaturen, Kopfhörer (Bluetooth oder Funk), WLAN-Router, Audio-Speaker. Nur grosse Bildschirme und Hifi-Anlagen brauchen bis heute immer Kabel. Wobei sich der TV-Kabelsalat durch Google Chromecast deutlich reduzieren liesse.

Vor einigen Jahren habe ich mal ernsthaft versucht, möglichst viele herkömmliche Geräte durch kabellose zu ersetzen. Die Strategie bereitete mir aber damals mehr Frust als Freude. Denn quälend langsame Reaktionszeiten und Verzögerungen in der Bedienung hasse ich noch mehr als Kabel. Vor allem im Audio-Bereich. Da ich selbst Musik spiele, stören mich selbst kurze Latenzen bei Drahtlos-Kopfhörern massiv. Ausserdem brauchen drahtlose Geräte entweder Batterien oder einen Akku und damit ein Stromkabel.

Inzwischen ist die Technik weiter. Zwar sind nach wie vor längst nicht alle drahtlosen Geräte latenzfrei, aber wenn ein Drahtlos-Kopfhörer speziell fürs Gamen entwickelt wurde (wo es teilweise auf Millisekunden ankommt), dann gehe ich schon davon aus, dass der Sound per Express geliefert wird. Bei unserem Test des HyperX Cloud Flight neulich traten jedenfalls keine störenden Latenzen auf.

Kabelloses Gaming-Headset auf Herz und Nieren geprüft: *HyperX Cloud Flight**
placeholder

placeholder

Ich warte aber noch mit einem Neukauf, bis mein Kopfhörer kaputt geht, bevor ich ihn durch einen drahtlosen ersetze. Allzu lange dauert das ja erfahrungsgemäss nicht.

*Deadphones:** Die zehn beliebtesten Todesarten von Kopfhörern
placeholder

placeholder

Was die Mäuse betrifft, spielen mittlerweile sogar professionelle Gamer drahtlos. Somit sind die Reaktionszeiten sicher für jeden Zweck schnell genug.

Nie mehr nerviges Kabelgewirr: Wireless Gaming mit Logitech
placeholder

placeholder

Kabelloses Aufladen mit Induktion («Qi») klingt zunächst grossartig. Wie angetönt, stören mich die vielen Ladekabel ganz besonders. Aber natürlich braucht die Ladeplatte auch wieder ein Kabel. Qi-Mäuse brauchen eine Mausmatte (natürlich mit Kabel). Ich bin froh, dass die neunziger Jahre vorbei sind und ich keine Mausmatte mehr benötige.

Nie mehr aufladen: Die *Logitech G903 mit Powerplay** ist ein Traum für Gamer mit Kabel-Aversion
placeholder

placeholder

Generell stört mich der alltägliche Etikettenschwindel beim Begriff «kabellos». Wenn ausnahmsweise mal wirklich etwas kabellos ist, müssen es dann die Hersteller «true wireless» oder so nennen, weil sie das normale «wireless» bereits durch ihre Übertreibungen entwertet haben.

Anzahl Geräte reduzieren

Simplify your life! Wir haben doch alle viel zu viele Geräte, die wir gar nicht brauchen. Mut zur Lücke, weniger ist mehr, keep it simple, reduce to the max, blabli blablubb – an schönen Slogans zu dieser Strategie fehlt es nicht.

Rein theoretisch halte ich das für die wirksamste und beste Idee. Die PlayStation 3, die nur noch sinnlos vor sich hinstaubt, fliegt raus. Am besten auch gleich der TV und überhaupt der ganze Karsumpel, weg damit!

Ist das Kunst oder kann das weg?
Ist das Kunst oder kann das weg?

Doch ich zögere vor dem radikalen Schritt. Was, wenn ich doch mal einen Film oder ein Fussballspiel auf dem grossen Bildschirm sehen möchte? Der Optimist in mir sagt: Dann gehe ich ins Kino, zu einem Freund oder in eine Bar. Und wie verträgt sich das mit meinem Beruf als Tech-Redaktor? Selbst ausprobieren und privat benützen ist doch die wirksamste Methode, sich vertiefte Fachkenntnisse zu erwerben? Antwort: Mein sechsjähriger Fernseher ist eh so hoffnungslos veraltet, dass er journalistisch nichts mehr hergibt. Ich kann ihn gerade so gut entsorgen. Dennoch habe ich mich Stand Februar 2018 noch nicht dazu überwinden können.

Und romantisch glüht die Stromsteckerleiste
Und romantisch glüht die Stromsteckerleiste

Kabel aufräumen

Wenn schon Kabel, dann wenigstens geordnet und versteckt. Also: Kabelleisten verlegen, Kabelbinder benutzen, diskret hinter Möbeln durchführen, verschlossene Kabelkisten einrichten. Vor weissen Wänden weisse Kabel verwenden statt schwarze, die fallen weniger auf.

Das alles habe ich bereits getan, so gut es geht. Doch es bleiben immer irgendwo sichtbare Kabel liegen. Und irgendwie bin ich kein Fan von «Aus den Augen, aus dem Sinn.» Das Übel ist immer noch da, es lautert hinter jedem Möbel, in jeder Kiste, unter jeder Türschwelle. Ausserdem: Wenn ich die Kabel zusammenbinde, dann sind sie blockiert. Da ich viele Kabel öfter mal umstecke, finde ich das unpraktisch.

Kabel in die Kiste: Eigentlich eine nette Idee
Kabel in die Kiste: Eigentlich eine nette Idee

Besonders übel: In der Holzkiste befindet sich aus ästhetischen Gründen auch das hässliche Kabel-Modem. Es wurde mir vom Kabelnetzbetreiber aufgenötigt und hat die starke Tendenz, sich selbst zu rösten. Das führt dazu, dass ich die Kiste offen lassen muss, wenn das Modem läuft. Sonst würde es da drin zu heiss. Und das Modem läuft immer, wenn ich im Wohnzimmer bin. Die ganze Kisten-Übung ist eigentlich für die Katz, aber ich wollte mir das lange nicht eingestehen.

Aber das Modem überhitzt sich wenn die Kiste zu ist
Aber das Modem überhitzt sich wenn die Kiste zu ist

Zonen einrichten

Diese Strategie funktioniert so: Es gibt einen Raum, wo Männer noch Männer und Kabel noch Kabel sein dürfen. Hier herrscht das totale Chaos, und das ist gut so. Eine Art Nerd-Werkstatt, Man Cave, Spielhölle o.ä. Dafür verschwindet das Zeug aus Wohn- und Schlafzimmer.

Wenn ich eine grosse Wohnung hätte, wär das vielleicht was. So aber beschränke ich mich darauf, das Schlafzimmer bis auf eine kleine Lampe kabelfrei zu halten. Der Gitarrenverstärker kommt wohl mal in den Übungsraum. Allerdings steht da noch der TV drauf, und dahinter sind Boxenkabel versteckt ...

Wie machen es andere?

Es gibt bei diesem Thema kein Patentrezept. Jeder hat andere Geräte, jede Wohnung ist anders, teilweise liegen die Steckdosen sehr praktisch, teilweise wird es sehr kompliziert. Und vor allem sind die Geschmäcker verschieden. Ich frage deshalb ein wenig in der Redaktion herum, wie andere das Problem meistern. Und ob sie überhaupt ein Problem sehen.

Dominik verfolgt die Zonen-Strategie. «Ich habe Zuhause ein Zimmer, wo ich rumkable wie ein Irrer. Da habe ich überschlagsmässig etwa 70 Meter Kabel verlegt.» Denn auch Dominik ist die Drahtlosübertragung oft zu langsam. Im Rest der Wohnung versucht er, den Kabelsalat wo nur möglich zu verbergen. Mit Betonung auf «versucht».

Livia wohnt in einer WG ohne Fernseher, die Anzahl Kabel hält sich in Grenzen. «Aber das Stromkabel für unseren WLAN-Router schlängelt sich durch den Gang, geht unter der Tür durch und nervt. Das muss geändert werden.» Da haben wir es wieder, das Wireless-Kabel. Livias Strategie ist eine Mischung aus wenig Geräte und Ordnung halten: «In meinem Zimmer habe ich schon alle Kabel in eine Schublade verbannt und nehme sie nur bei Bedarf hervor.»

Für Tanja brachte schlicht und einfach der Kauf dieser Kabelbox die Lösung. Ich beneide sie. So leicht geht das bei mir nicht.

Pia geht ähnlich vor: «Ich bemühe mich immer, mit Mehrfachsteckern kleine Inseln zu schaffen, wo sich alles abspielt, um so die Unruhe einzugrenzen. Die verstecke ich dann mit einer Kabelbox, Weinkiste oder einem Möbelstück. Zu lange Kabel verkleinere ich mit Kabelbindern.»

Philipp hört sich ähnlich frustriert an wie ich: «Egal, wie oft ich schon versucht habe, mit Kabelbindern, Kabelkanälen etc. meinem Chaos Einhalt zu gebieten, irgendwann muss ich die Dinger wieder aufschneiden und dann geht der ganze Mist von vorne los.» Es graut ihm schon davor, das nächste Mal ein Kabel aus dem Knoten herausziehen zu müssen. «Da ich ein breites TV-Möbel habe, sieht man das Chaos glücklicherweise nicht.»

Martin: «Bei mir sind alle Kabel schön säuberlich in billigen weissen Kabelkanälen verlegt. Einziges Problem: Der Kleber der Kanäle will nicht wirklich an verputzten Wänden halten. Die Lösung: Meine Heissleimpistole.»

Raphael: «Eigentlich ist alles (Audioverkabelung des 5.1-Sound-Systems, Playstation 4 Pro und Cablecom-Box, Controller der PS und Harmony Remote) durcheinander. Ich habe vom Schreiner meines Vertrauens eine Holz-Möbel-Brett-Kombo schreinern lassen, die das ganze Chaos hinter meinem TV-Möbel perfekt verdeckt.» Der Schreiner will nicht, dass Fotos veröffentlicht werden – offenbar befürchtet er Nachahmer seiner genialen Idee.

Fabio arbeitet bei uns nicht auf der Redaktion, sondern als Category Sourcing Specialist im Audio-Bereich. Ich erwähne ihn, weil er bei sich Zuhause gerade ein System zur kabellosen Audio-Übertragung testet.

Fabio: «Der Sender verschönert mein Wohnzimmer insofern, als ich nicht durch die Fussleisten und der Wand entlang überall Kabel ziehen muss.» Das Ding ist für die Rear-Lautsprecher gedacht, während ja die Anlage selbst meistens vorne steht. Das Kabel zwischen Anlage und Rear entfällt. «Aber zwischen den beiden Rear-Lautsprechern liegt zwangsweise ein Kabelstrang», relativiert Fabio. Das System sei viel weniger störanfällig als der Vorgänger und gebe ein minimes Rauschen von sich. Dies könne zusätzlich durch die Erhöhung des Rear-Pegels am Receiver und des Zurückdrehens des Pegels am Empfänger positiv beeinflusst werden.

Aurel hat eindeutig die pragmatischste Einstellung: «Ich umarme das Chaos.»

Fazit: Ich nehm noch mal einen Anlauf

Das kabellose Wohnzimmer ist eine ähnliche Illusion wie das papierlose Büro. Es bleibt nur die Schadensbegrenzung. Da stellt sich die Frage, wie viel Aufwand du betreiben willst. Und auch, welche Geräte du wirklich willst. Die Antworten hängen davon ab, wie sehr dich die Kabel stören.

Wie sieht es bei dir aus? Erkennst du dich in der einen oder anderen Aussage dieses Beitrags wieder? Oder hast du gar die ultimative Lösung gefunden? Schildere deine Situation als Kommentar!

Ich für meinen Teil habe nun gemerkt, dass ich es noch einmal mit drahtlosen Geräten versuchen will, da die Übertragung besser und schneller geworden ist. Ansonsten habe ich mir vorgenommen, die Anzahl Geräte wenigstens nicht zu erhöhen: für jedes neue Gerät im Haushalt muss ein altes weichen.

32 Personen gefällt dieser Artikel


David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren