Die On/Off-Beziehung zu meiner Apple Watch Series 7

Die On/Off-Beziehung zu meiner Apple Watch Series 7

Coya Vallejo Hägi
Zürich, am 11.01.2022

Die Beziehung zu meiner Apple Watch war nicht immer einfach. Nach einer emotionalen Berg- und Talfahrt habe ich sie doch noch ins Herz geschlossen.

Der Wecker klingelt, ich rolle aus dem Bett und ziehe meine Apple Watch Series 7 an. Zurzeit begleitet sie mich als diskrete Sekretärin durch den Tag. Vor wenigen Wochen sah das aber noch ganz anders aus: Meine Beziehung zum Alpha-Weibchen unter den Smartwatches ist nämlich alles andere als konsistent.

Der rosige Anfang

Im Vergleich zur Konkurrenz mit den runden Ziffernblättern fand ich die Apple Watch schon immer ästhetisch. Die Series 7 unterstreicht dieses Gefühl mit ihrem grösseren Display und dünneren Rändern zusätzlich. Auch das dunkelgrüne Aluminiumkleid meines Test-Modells sieht bezaubernd aus. Ich kombiniere es entweder mit einem wasserfesten Kunststoffarmband oder mit der schicken Ledervariante mit Magnetverschluss.

In ihrem Wesen ist die Apple Watch sehr hilfsbereit. Es dauert keine zwei Minuten, sie aufzusetzen und mit meinem iPhone 13 zu verbinden. Ich bin erleichtert, dass die 41 Millimeter grosse Uhr auch an meinem schmalen Handgelenk nicht so wuchtig aussieht wie befürchtet.

Die Series 7 in ihrem dunkelgrünen Outfit – die 41 Millimeter grosse Uhr passt auch auf ein schmales Handgelenk.
Die Series 7 in ihrem dunkelgrünen Outfit – die 41 Millimeter grosse Uhr passt auch auf ein schmales Handgelenk.

Danach geht es darum, dass wir uns näher kennenlernen. Ich klicke und scrolle energisch durch das neue watch OS 8. Mir lachen die farbigen Icons von Spotify, SBB, SleepCycle und Shazam als kleine Kreise aus der App-Übersicht entgegen. Sie wurden automatisch auf die Uhr geladen, da sie watch-OS-kompatibel sind.

Die Series 7 eröffnet mir aufregende Möglichkeiten. Plötzlich kann ich mein iPhone auch vom Handgelenk aus steuern. Ich muss es im Bus nicht mehr mühsam aus der Tasche klauben, um die Playlist zu ändern oder meine Easy-Ride-Reise in der SBB-App zu beenden. Ein simpler Schwenk meines Handgelenks und der Cappuccino im Café ist bezahlt. Alles fühlt sich leicht und beschwingt an. Amors Pfeil hat mich schwer getroffen.

Die erste Entfremdung

Doch so rosig die ersten Höhenflüge sind, so grau ist das Eintreten der Routine. Nach wenigen Wochen fallen mir weniger angenehme Dinge an der Series 7 auf. Ihre fehlende Eigenständigkeit macht mir zu schaffen. Kaum ist mein iPhone ausser Reichweite, ist die Apple Watch auf ihre grundlegendsten Funktionen reduziert. Siri zeigt mir die kalte Schulter und ich kann gerade noch die Zeit ablesen.

Auch ihre fehlende Ausdauer und abendliche Müdigkeit fangen an, mich zu nerven. Ich habe genug Kabel im Zimmer. Jetzt muss ich auch noch jeden Abend den Magsafe-Anschluss für die ausgelaugte Series 7 einstecken. Zudem kommt es immer mal wieder vor, dass sie mir am Handgelenk einschläft. Sie hat abends in der Bar nicht so viel Ausdauer wie ich und braucht nach 18 Stunden anderen Saft, als den, der dort ausgeschenkt wird.

Doch am wenigsten komme ich damit klar, dass sie ein Plappermaul ist. Ständig verlangt sie ungefragt meine Aufmerksamkeit und vibriert dabei an meinem Handgelenk. Immerfort fordert sie mich auf, meine Aktivitätsringe zu schliessen. Dazu kommen Mails und WhatsApp-Nachrichten, deren Vibrationen wie Elektroschocks meinen Arm durchzucken.

Und dann geht’s schnell: Ein freches Zwinkern meiner Mondaine-Uhr vom Regal aus und ich lasse die Apple Watch in der Schublade verschwinden. Weich und federleicht, schmiegt sich meine analoge Verflossene um mein Handgelenk. Da vergesse ich die Series 7 schnell. Ist unsere Amour Fou bereits zu Ende?

Das Wiederfinden

So verstreichen die Wochen, und die Tage werden kürzer. Ich weiss nicht, ob es Erbarmen, Hoffnung oder Einsamkeit ist, aber gegen Weihnachten hole ich die Apple Watch wieder hervor. Ich will ihr noch eine Chance geben.

Doch dieses Mal will ich ihr in der Beziehung mehr Freiraum geben. Deshalb öffne ich endlich die Mobilfunkkonfiguration und aktiviere bei meinem Mobilfunkanbieter für fünf Franken im Monat die eSIM der Smartwatch. Eine weise Entscheidung. Denn so realisiere ich, dass sich die Apple Watch zuvor gar nicht richtig ausleben konnte. Ich hatte sie abhängig von meinem iPhone gemacht. Doch jetzt läuft vieles besser.

Nachdem ich ihr mehr Freiraum gegeben habe, muss die Apple Watch nicht mehr so nah an meinem iPhone hängen.
Nachdem ich ihr mehr Freiraum gegeben habe, muss die Apple Watch nicht mehr so nah an meinem iPhone hängen.

Der zweite Frühling

Mittlerweile geniessen wir wertvolle Zweisamkeit und haben einen guten Rhythmus gefunden im Alltag. So kann ich problemlos ohne iPhone in die Waschküche, auf den Uetliberg oder sonst wohin. Dank der Apple Watch kann ich telefonieren, einen Timer stellen oder mit Siri neue Ereignisse im Kalender vermerken. All das geht sehr schnell und flüssig, dank dem neuen S7-Chip, der im Innern der Apple Watch werkelt.

Auch Siri ist mir ans Herz gewachsen. Besonders, um die Beleuchtung in meinem Zimmer zu steuern. Ich halte den runden Drehknopf auf der rechten Seite der Uhr gedrückt und flüstere das Wort «Orange» ins Mikrofon. Dank der Verbindung zu meinen smarten Glühbirnen tränkt Siri meine vier Wände so umgehend in warmes Abendlicht.

Trotz ihrer neuen Freiheiten und der getrauten Zweisamkeit zeige ich der Apple Watch auch meine Grenzen auf. Wenn das Ganze mit uns nämlich gesund weitergehen soll, darf sie mich nicht mit Mails, WhatsApp-Nachrichten und vor allem mit Achtsamkeitserinnerungen belästigen. Ich mochte Kontrollfreaks noch nie.

So können wir unsere gemeinsamen Aktivitäten mehr geniessen. Zurzeit gehen wir nämlich miteinander trainieren. Bevor ich auf das Laufband steige, tippe ich in der Trainingsapp die Option «Laufen indoor» an. Als aufmerksame Begleiterin misst sie so die Dauer und Intensität des Workouts.

Da sie mit meiner Health-App kommuniziert, weiss sie auch genau, wie viele Kalorien ich verbrauche. Ihr optischer Herzsensor misst, wie schnell mein Herz schlägt. Informationen, die ich spannend finde. Die weiteren Gesundheitsfunktionen wie der Blutsauerstoffmessung und die EKG-Funktion spielen in unserer Beziehung aber keine grössere Rolle.

Eine feste Beziehung?

Trotz des Gefühlschaos der vergangenen Wochen ist mir die Apple Watch Series 7 ans Herz gewachsen. Die beste Entscheidung war, ihre eSIM zu aktivieren. Das hat mir die Augen geöffnet. Jetzt kenne ich ihre wahren Werte und Fähigkeiten. Dass sie eigenständiger ist und mir weniger Nachrichten zuspielt, hat unsere Beziehung stabilisiert. Meinen Herzschlag lasse ich mit ihr als Trainingspartnerin aber gerne in die Höhe schnellen.

Ob wir auf dem Weg in eine feste Beziehung sind, weiss ich noch nicht. Das liegt aber nicht an ihr, sondern an mir. Schliesslich liegt auf meinem Regal noch immer meine geliebte analoge Uhr. Sollte ich mich in Zukunft aber für ein digitales Uhrenleben entscheiden, kehre ich sofort zur Series 7 zurück.

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Coya Vallejo Hägi
Coya Vallejo Hägi

Editor, Zürich

«Ich will alles! Die erschütternden Tiefs, die berauschenden Hochs und das Sahnige dazwischen» – diese Worte einer amerikanischen Kult-Figur aus dem TV sprechen mir aus der Seele. Deshalb praktiziere ich diese Lebensphilosophie auch in meinem Arbeitsalltag. Das heisst für mich: Grosse, kleine, spannende und alltägliche Geschichten haben alle ihren Reiz – besonders wenn sie in bunter Reihenfolge daherkommen.

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