Kein Apple Store, sondern eine modernisierte McDonald's-Filiale in den USA. Quelle: CityAM
Kein Apple Store, sondern eine modernisierte McDonald's-Filiale in den USA. Quelle: CityAM
HintergrundComputing

«Apply Thru»: McDonald's nächster Schritt in Richtung Vollautomatisierung

Raphael Knecht
Zürich, am 27.09.2019
McDonald's lässt ab sofort Bewerbungen via Sprachassistenten zu. Neu kannst du dich beim Fastfood-Riesen über Alexa oder Google Assistant bewerben. Für einen Job, den die KI sowieso bald automatisiert?

Wetten, dass noch keine deiner Bewerbungen mit «Alexa» oder «Ok, Google» angefangen hat? McDonald's will daran etwas ändern und bezieht bei der «Apply Thru»-Initiative Sprachassistenten in den Bewerbungsprozess mit ein. Obschon der Name bewusst an den «Drive Thru» angelehnt ist, kriegst du dort nach wie vor nur dein Essen ausgehändigt und kein Bewerbungsgespräch. Du kannst dich aber ab sofort via Alexa oder dem Google-Assistenten auf einen Job beim gelben Burger-Schuppen bewerben.

Die Self-Order-Automaten sind nur der Anfang der Digitalisierung bei McDonald's. Quelle: KnowTechie
Die Self-Order-Automaten sind nur der Anfang der Digitalisierung bei McDonald's. Quelle: KnowTechie

Ob McDonald's damit einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung KI- und Machine-Learning-Zukunft macht? Oder ist es nur ein Versuch, künftigen Bewerbern ein Tool zur Verfügung zu stellen, um in naher Zukunft dann deren Jobs wegen der fortgeschrittenen künstlichen Intelligenz wieder abzuschaffen?

Bewerbung 2.0

McDonald's hat bereits im Frühling dieses Jahres mit einer Pressemitteilung rund um Machine Learning auf sich aufmerksam gemacht. Die Amerikaner kauften mit Dynamic Yield ein auf AI und Machine Learning spezialisiertes Startup, um das sogenannte «Drive-Thru-Erlebnis» zu verbessern.

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Die ganze Bewerbung kannst du nicht über den Sprachassistenten durchführen. Nach dem Start stellt dir Alexa respektive der Google-Assistent ein paar Standardfragen, die du mündlich beantworten musst. Das Ganze soll die Jugendlichen vor allem dazu animieren, sich auf eine freie Stelle bei der Fastfood-Kette zu bewerben, und nicht dazu dienen, den gesamten Einstellungsprozess auf den Sprachassistenten outzusourcen.

Danach erhalten die Bewerber eine SMS mit einem Link, bei welchem sie den Bewerbungsprozess vervollständigen können – sofern sie nach der Beantwortung der Einstiegsfragen überhaupt noch für die Stelle in Frage kommen. «As simple as asking Alexa», schreibt McDonald's auf der entsprechenden Career Page. Es scheint, als wäre für heutige Bewerberinnen und Bewerber der Weg zum Job über den Computer oder das Telefon bereits nicht mehr attraktiv genug. McDonald’s glaubt, dem mit der Sprachassistenten-Bewerbung entgegenwirken zu können.

Die Zukunft des Bewerbungsprozesses? Der Google Home inklusive Assistent. Quelle: AndroidPIT
Die Zukunft des Bewerbungsprozesses? Der Google Home inklusive Assistent. Quelle: AndroidPIT

Zurück in die Zukunft

Die «Apply Thru»-Initiative ist ein weiterer Schritt Richtung Digitalisierung und Modernisierung der Fastfood-Branche. Insbesondere McDonald's hat sich in den letzten Jahren auf die Fahne geschrieben, hipper und millennial-freundlicher zu werden – ganz im Interesse der Kundschaft, wie zumindest die US-amerikanische Restaurantkette selbst sagt.

Seit einiger Zeit schon kämpft McDonald's mit neuen Burger-Restaurants, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, mit gesünderen Ernährungs- respektive Diät-Gewohnheiten der Kundschaft und mit einer Esskultur, die sich weg von spätabendlichen Drive-Thru-Trips und hin zu vermehrt mobilen Bestellungen entwickelt.

Also entschied sich McDonald's, einen mutigen Weg einzuschlagen und in Zukunft voll auf KI, Automatisierung und On-Demand-Lieferung zu setzen. Wie bereits bei der Gründung des Franchise-Unternehmens, appelliert McDonald's an die Jugend und deren Möglichkeiten in der eigenen Firma. Ein Job bei McDonald's soll als Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere dienen – mit all den Investments in futuristische Technologien nicht nur für Verkäufer, sondern auch IT-Fachkräfte. Der gelbe Fastfood-Riese betont dabei, dass es sich nicht um Jobs handle, die später von eben jener Technologie automatisiert und abgelöst werden, in welche derzeit massiv investiert wird.

Maschinen und automatisierte Prozesse sollen bei McDonald's die Arbeit übernehmen. Quelle: Big Think
Maschinen und automatisierte Prozesse sollen bei McDonald's die Arbeit übernehmen. Quelle: Big Think

An der letzten Aussage zweifle ich stark. Mir scheint die fancy Bewerbungsmöglichkeit via Alexa oder Google-Assistent ein Ablenkungsmanöver zu sein. Die Leute bei McDonald's versuchen, die Tatsache herunterzuspielen, dass unglaublich viel Geld in die KI und das Machine Learning fliesst. Beides Technologien, die der Automatisierung von Prozessen dienen. Und den Menschen als Arbeitskraft eher früher als später ersetzen werden.

Ich habe den Eindruck, dass auch in der Fastfood-Industrie ein Wechsel in Richtung Digitalisierung stattfindet. Wenn Fastfood-Riesen mehr Software-Engineers als Köche und Verkäufer einstellen, mehr Geld in KI und Machine Learning investieren als in gesündere Ernährung und neu Bewerbungsprozesse über Sprachassistenten zulassen, dann ist klar, wohin die Reise gehen soll: Weg vom Menschen, hin zur Maschine.

Durch und durch tech-affin

Ein weiteres Beispiel für den Technologie-Drive bei McDonald's sind diverse Partnerschaften in der Branche. Da wäre einmal Uber Eats: Eine Zusammenarbeit, bei welcher derzeit Essenslieferungen mittels Drohnen hoch im Kurs sind. Oder aber DoorDash, ein Lieferdienst, der Takeaway-Bestellungen von lokalen Restaurants möglich macht. Und natürlich der grosse Rollout der hauseigenen Self-Order-Apparate in allen Lokalen weltweit.

Drohnen von Uber Eats sollen künftig deine Happy Meals ausliefern. Quelle: Dronelife
Drohnen von Uber Eats sollen künftig deine Happy Meals ausliefern. Quelle: Dronelife

Auch im Marketingbereich partnert das gelbe «M» fleissig. Nicht nur die neueste Kooperation mit Amazon (Alexa) und Google (Google Assistant) sorgt für Aufsehen. Auch 2017, als sich Bewerber via Snapchat – die klugen Sprücheklopfer bei McDonald's nannten den Service damals liebevoll «Snaplications» – bewerben konnten, wurde rege über Vor- und Nachteile eines solchen Bewerbungsprozesses diskutiert. Ob sich irgendjemand tatsächlich über Snapchat beworben hat beziehungsweise via Sprachassistent bewerben wird, weiss ausserhalb von McDonald's niemand.

Meine Bedenken hinsichtlich Automation vieler Jobs werden durch noch drastischere Massnahmen untermauert. McDonald's testet in gewissen Filialen in den USA bereits durch Roboter vollautomatisierte Küchen sowie Drive-Thru-Systeme, die nur noch mit KI-Sprachsteuerung funktionieren. Natürlich ist das übergeordnete Ziel hinter all diesen Investitionen, Tests und Modernisierungen die Profitoptimierung. Dem Kunden die gewünschte Ware so effizient wie irgendwie möglich bereitzustellen, das steht an erster Stelle. Egal, ob sich das Restaurant an einem hochfrequentierten Sweet Spot mitten in der Grossstadt oder in einer ruhigen Ecke in der Agglomeration befindet – der Service, das Essen sowie das Erlebnis soll immer das gleich sein: ein unvergessliches.

Ein Roboter-Burgerbrater: Bald auch im McDonald's deines Vertrauens? Quelle: USA Today
Ein Roboter-Burgerbrater: Bald auch im McDonald's deines Vertrauens? Quelle: USA Today

Was dabei vergessen geht, sind die knapp 500 000 Angestellten. Die finanziellen Einsparungen liegen auf der Hand. Und ja, es wird noch sehr lange dauern, bis Roboter Menschen komplett ersetzen können. Aber jedes Mal, wenn ich höre, dass ein Unternehmen bestehende Mitarbeiter nicht entlassen, sondern umschulen will, muss ich lachen. Zeig mir den Kassierer, der sich nach der Automatisierung seines Jobs durch die KI plötzlich als Software-Ingenieur an ebenjener KI programmiert, die ihm seinen Job gekostet hat.

Aber hey, wenn's ihm nicht gefällt, findet er bestimmt einen anderen Job bei McDonald's – einfach Alexa oder Google fragen... nope.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Teamleader Editorial digitec, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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