Kein 419 Scam: Frau findet Nigerianischen Prinzen
Hintergrund

Kein 419 Scam: Frau findet Nigerianischen Prinzen

Es gibt ihn tatsächlich, den nigerianischen Prinzen auf der Suche nach der Liebe. Der Mann, der oft als Vorwand in einem der ältesten Scams des Internets genutzt wird, hat seine Liebe gefunden.

Eine Sensation: Die 21-jährige Esther aus Nottingham verliebt sich in einen nigerianischen Prinzen. Doch statt betrogen zu werden trifft sie Theo, Prinz des nigerianischen Yoruba-Stammes, im Englischen Ableger der Reality-TV-Show «Catfish».

Damit hätte niemand gerechnet, vor allem nicht Veteranen des Internets und der Security. In der Regel sind es die Prinzen aus Nigeria, die sich als Betrüger herausstellen. Denn «Ich bin ein Prinz aus Nigeria» ist eine Zeile aus dem Script eines der ältesten Trickbetrügereien des Internets: dem 419 Scam.

Der 419 Scam im Detail

Der 419 Scam, auch Vorauskassen-Scam genannt, ist einer der ältesten Scams im Internet. Er beginnt auf Social Media oder auf Dating-Plattformen, verschiebt sich dann aber entweder auf private Messages oder E-Mail. In seiner klassischen und immer noch genutzten Form bekommst du auch einfach eine Mail von einem unbekannten Absender.

Der Inhalt des Mails geht in etwa so: Da ist ein nigerianischer Prinz. Da die Politik Nigerias gerade in Aufruhr ist, muss er fliehen. Natürlich will er seine Reichtümer in Sicherheit bringen. Das ist der Punkt, an dem du aushelfen kannst. Denn gerade wegen der politischen Lage in Nigeria ist es so, dass er nicht einfach sein Geld – mehrere hundert Millionen – auf ein Konto im Ausland überweisen kann.

Daher bittet dich der Prinz, auszuhelfen. Gegen ein Pfand von 1500 Dollar überweist dir der Prinz all sein Geld. Dann flieht er und du überweist ihm das Geld zurück. Als Lohn für deine Hilfe winken dir mehrere Millionen.

Das ist eine Variante des Scams. Manchmal ist der Prinz tot und du bist über zwölf Ecken die letzte Erbin. Manchmal ist der Prinz ein Öl-Tycoon oder ein Landbesitzer. Oder du hast eine Lotterie gewonnen. Oder eine verstorbene Verwandte hat besagte Lotterie gewonnen. Aber der Mechanismus ist derselbe: Wenn du Geld als Bearbeitungsgebühr, Pfand oder sonstwas überweist, dann winken dir astronomische Summen als Belohnung.

Das Resultat ist klar: Du überweist das Geld und das ist das Letzte, das du von dem Prinzen gehört hast. Darum waren die Moderatoren der MTV-Sendung «Catfish UK», Oobah Butler und Julie Adenuga, überzeugt, dass Theo in der jüngsten Folge ihrer Sendung ein Betrüger ist.

Nur, dass Theo am Ende tatsächlich ein Prinz des Stammes der Yoruba und Unternehmer in London ist. Die Yoruba, übrigens, sind derselbe Stamm aus dem auch Esther stammt. Ein weiterer Verdachtsmoment.

Das Ziel: 45- bis 75-Jährige

Meist aber winken am Ende eines 419 Scams weder die Liebe noch das grosse Geld, sondern Betrug und Scham. IT-Security-Experten und allgemein Leute, die da «gut mit diesem Internet» sind, sind erstaunt darüber, dass da einmal in der über 30-jährigen Geschichte des Internets ein nigerianischer Prinz tatsächlich ein nigerianischer Prinz ist. Denn auch wenn der Fall in der Fernsehsendung den Gedanken «Was, aber wenn...» aufkommen lassen könnte, lass es bleiben.

Der Scam ist nach wie vor erfolgreich. Denn die beste Firewall und der beste Antivirenschutz schützen dich nicht vor den Betrügern, die sich in Nigeria «Yahoo Boys» nennen, da sie in den frühen Tagen des Scams oft mit Yahoo-Adressen gearbeitet haben. Die Betrüger kommen aber mittlerweile von überallher, da der Mechanismus so gut funktioniert, dass die Betrüger nicht zwingend Nigerianer sein müssen.

Psychologieprofessor Frank McAndrew schreibt im Magazin Psychology Today, dass die Betrüger es vor allem auf 45- bis 75-jährige Verwitwete abgesehen haben. Diese Bevölkerungsgruppe habe am ehesten Geld und sei auch am ehesten einsam. Zudem sei der Mensch laut Frank McAndrew ohnehin vielleicht etwas zu gerne bereit, anderen zu vertrauen und ihnen gute Qualitäten zuzuschreiben. Dazu seien wir Menschen auch noch unrealistisch optimistisch. Noch schlimmer: Wir sind auch noch zu sehr von uns selbst überzeugt und überschätzen laut dem Wirtschaftsphilsophen Rolf Dobelli uns und unser Business-Wissen selbst.

Diese Mischung ist es, die von den Yahoo Boys ausgenutzt wird. Im Jahre 2014 hat Journalistin Erika Eichelberger Zeit mit den Scammern verbracht, die ihr offen über ihre Betrügereien erzählt haben. Es seien nicht immer Karriereverbrecher, die sich in Internetcafés hinter antiken Bildschirmen verstecken und in schlechtem Englisch Leute über den Tisch ziehen. Es seien Studenten oder Berufstätige, die einen Nebenjob als Betrüger haben. Zwei der Scammer berichten, dass sie in den frühen Jahren des laufenden Jahrtausends bis zu 12 000 Dollar pro Betrug hätten erbeuten können. Mittlerweile seien die Leute vorsichtiger und es lägen nur noch bis zu 200 Dollar drin.

Der Erfolg des Betrugs ist schwierig zu messen. Viele Fälle kommen gar nie ans Tageslicht. Sei das, weil die Schadenssumme nicht gross genug ist oder weil sich die Betroffenen schämen. Im Jahr 2018 haben Scammer mit der Methode über 700 000 Dollar erbeutet, wie das Nachrichtenmagazin CNBC berichtet.

Was aber als Erfolg bezeichnet werden kann ist, dass die Stars der «Catfish»-Folge, Esther und Theo, auch Monate nach Ende der Dreharbeiten miteinander reden und sich sogar zu Dates verabredet haben.

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Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.


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