Twitter trotzt: Musks Milliarden unerwünscht

Twitter trotzt: Musks Milliarden unerwünscht

Coya Vallejo Hägi
Zürich, am 20.04.2022
Bilder: Thomas Kunz

Das Tauziehen zwischen dem reichsten Mann der Welt und der Social-Media-Plattform Twitter geht in die nächste Runde. Ob, wie und von wem das Tech-Unternehmen gekauft wird, ist noch unklar.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass Elon Musk Mitte März einen Anteil von 9,2 Prozent des Kurznachrichtendienstes Twitter erworben hatte. Das war dem Multimilliardär wohl nicht genug. Gründonnerstag bot er deshalb an, Twitter komplett zu kaufen.

Dabei hatte ihn Twitter-CEO Parag Agrawal nach diesem Aktienkauf zunächst als neues Mitglied im Verwaltungsrats des Tech-Konzerns begrüsst. Doch kurz darauf ruderte Musk schon wieder zurück, nahm den Posten nicht an und reichte drei Tage später ein offizielles Kaufangebot für das ganze Unternehmen bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC ein. Musk will Twitter für 54,20 US-Dollar pro Aktie erwerben.

Gelingt ihm das, stünde der Konzern unter seiner alleinigen Kontrolle. Im Börsenjargon wird diese Vorgehensweise als «Hostile Takeover» — als feindliche Übernahme — bezeichnet.

Eine Giftpille als Antwort

Auch wenn die Absichten noch so «feindlich» sind, muss ein lukratives Kaufangebot vom betroffenen Verwaltungsrat ernst genommen werden. So auch bei Twitter. Denn Elon Musk bietet insgesamt 43 Milliarden US-Dollar für eine Firma mit einem aktuellen Börsenwert von 37 Milliarden.

Trotz des guten Angebots, scheinen die Verantwortlichen des Tech-Konzerns dem Milliardär nicht in die Arme springen zu wollen. So bestätigte der Verwaltungsrat Twitters am Karfreitag nämlich eine sogenannte «Poison Pill»-Massnahme.

Das ist eine für kleinere Aktionäre gedachte Schutzmassnahme, um sich gegen «Hostile Takeovers» zu wehren. «​​Jede Person oder Gruppe, die 15 Prozent oder mehr der Stammaktien ohne die Zustimmung des Vorstands erwirbt, wird mit einer erheblichen Strafe belegt, heisst es im Dokument, das der Verwaltungsrat der Börsenaufsicht übermittelt hat.

Wird die Schutzmassnahme durch eine 15-Prozent-Überschreitung aktiviert, wird es allen ausser dem «feindlichen Übernehmer» möglich sein, Twitter-Aktien zu einem günstigeren Preis zu erwerben. Diese Abschreckungsmethode soll eine durch den Verwaltungsrat nicht bewilligte Übernahme des Konzerns teurer und umständlicher machen. Die« Poison Pill»-Massnahme wurde vorerst für ein Jahr festgelegt.

Konkrete Finanzierung noch unklar

Auch wenn Elon Musk der reichste Mann der Welt ist, heisst das nicht, dass die Milliarden auf seinem Konto liegen. Für einen Kauf Twitters müsste er die entsprechenden finanziellen Mittel erst flüssig machen. Woher die nötigen Milliarden genau kommen würden, hat der CEO von Tesla und SpaceX noch nicht spezifiziert.

Bloomberg schätzt Musks aktuell zugängliches Vermögen in Cash auf 2,95 Milliarden US-Dollar. Zudem ist Musk dafür bekannt, seine Tesla-Aktien als Garantie für Darlehen zu verwenden. Mit dieser Massnahme könnte er die fehlenden 40 Milliarden US-Dollar womöglich zusammenbringen, berechnet das Online-Magazin Business Insider.

Nebst dem begann bereits vergangene Woche die Gerüchteküche um weitere Investoren zu brodeln. Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters hat die Beteiligungsgesellschaft Thoma Bravo Interesse an einem Konkurrenzangebot gezeigt. Mittlerweile sind Namen weiterer Beteiligungsgesellschaften wie Silver Lake, Elliott Management, KKL oder Apollo Global Management dazugekommen, die daran interessiert sein sollen, ein Angebot zu machen oder ein bestehendes zu unterstützen.

Musk will Meinungsfreiheit und Demokratie

Musk ist sich bewusst, dass seine Kaufabsichten nicht gewinnorientiert sind. «Die wirtschaftlichen Aspekte sind mir völlig egal», bestätigt er in einem Interview vor Ostern auf der TED2022 Conference in Vancouver. Er wolle so tief in die Tasche greifen, weil es für die Zukunft der Zivilisation essenziell sei, eine vertrauenswürdige und inklusive Kommunikationsplattform zu haben. Das wolle er sicherstellen, indem die Meinungsfreiheit auf der Plattform gewährt werde. Zudem soll der Quellcode des Twitter-Algorithmus öffentlich zugänglich sein, sodass einsehbar sei, wie die Plattform genau funktioniere.

Diese Kritikpunkte sind nicht neu. Das Tech-Unternehmen befasst sich seit längerem damit, wieso sein Algorithmus gewisse politische Inhalte eher verbreitet als andere. Es gibt bereits ein spezifisches Team, das daran arbeitet, solche Ungleichheiten zu minimieren. Das sei aber nicht so einfach. «Die Frage, warum diese beobachteten Muster auftreten, ist schwierig zu beantworten, da sie ein Produkt der Interaktionen zwischen Menschen und der Plattform ist», heisst es in der Zusammenfassung einer Studie dazu. Ob die Offenlegung des Twitter-Algorithmus bei diesem Problem tatsächlich helfen würde, ist schwer zu sagen.

Kurz nach der Veröffentlichung der Details zur «Poison Pill»-Klausel verkündete Musk in einem Tweet, dass er im Falle einer Übernahme das Gehalt des Twitter-Verwaltungsrates streichen würde. Dieser Vorschlag ist nur einer von vielen, die Musk in unregelmässigen Zeitabständen immer wieder auf Twitter und in Interviews kundtut. Welche davon tatsächlich ernst gemeint sind, ist schwer zu sagen. Der Milliardär selber bestätigte im Interview an der TED2022 Conference, dass er sich – zumindest beim Tweeten — nicht viel überlege und seine Kommentare eher «spontane Gedankenwirbel» seien als strategisch überlegte Pläne.

Wie geht es weiter?

Das Tech-Unternehmen könnte Musks Angebot offiziell ablehnen. Für diesen Fall kündigte der Milliardär an der TED2022 Conference einen mysteriösen «Plan B» an, zu dem er sich aber noch nicht äussern wollte.

Sollte Musks Angebot nicht direkt abgelehnt werden, könnte es zu Neuverhandlungen zwischen den beiden Parteien kommen, in welchen Twitter einen besseren Preis für die Übernahme verlangen könnte. Im Hinblick auf seine Ankündigungen beim Kaufangebot würde Musk wahrscheinlich nicht auf eine solche Forderung eingehen. Damals hat er klargestellt, dass die 54,20 US-Dollar pro Aktie das «beste und letzte Angebot» seien. Ob die besagten Beteiligungsgesellschaften sich tatsächlich als Kaufkonkurrenten einschalten, wird sich zeigen.

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«Ich will alles! Die erschütternden Tiefs, die berauschenden Hochs und das Sahnige dazwischen» – diese Worte einer amerikanischen Kult-Figur aus dem TV sprechen mir aus der Seele. Deshalb praktiziere ich diese Lebensphilosophie auch in meinem Arbeitsalltag. Das heisst für mich: Grosse, kleine, spannende und alltägliche Geschichten haben alle ihren Reiz – besonders wenn sie in bunter Reihenfolge daherkommen. 


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