Wir müssen über Samsungs Zukunftspläne an der CES reden

Dominik Bärlocher
Zürich, am 07.01.2020
Samsung hat in Las Vegas vorgestellt, wie sich der Konzern die Dekade von 2020 bis 2030 vorstellt. So lässig das auch alles klingen mag, wir Endnutzer müssen eine ganz andere Debatte als der Konzern führen.

«Wann wird Samsung Ballie erhältlich sein?»

«Wie viel wird das GEMS-System kosten?»

«Wann kann ich den Samsung-Kühlschrank vorbestellen?»

«Wann startet der Ausverkauf der alten Samsung VR-Brille?»

Leute, wir müssen reden.

Das da oben sind alles Fragen, die ich in der Kommentarspalte unten erwarte. Das sind alles Fragen, die ihr nicht stellen solltet. Nicht nur, da wir zum aktuellen Zeitpunkt keine Ahnung haben, sondern auch, weil das nicht der Punkt ist. Der Grund, warum die Fragen aktuell komplett behämmert sind, ist der: Wir müssen uns ganz andere Fragen stellen. Wir müssen uns fragen: Wollen wir das alles? Und wenn ja, warum?

Darum bitte ich dich jetzt, mal deinen Konsumdrang hintenanzustellen und kritisch mitzudenken. Habe ich am Ende dieses Artikels Recht? Bin ich ein Wirrkopf, der einen Katastrophenfilm zu viel gesehen hat? Diese Entscheidung überlasse ich dir, aber ich hätte gerne von dir ein paar Minuten deiner Zeit, um deine Gedanken etwas anzuregen.

Der Reihe nach: Las Vegas, CES, Samsung Keynote. Ein gelber Ball rollt auf die Bühne. Er blickt HS Kim, President and CEO of Consumer Electronics Division at Samsung Electronics, an. Kim stellt ihm eine Frage, der Roboter – er heisst Ballie – fiept zurück. Klingt in etwa wie R2D2. Applaus hallt durch den Konferenzsaal des gigantischen Casinos «The Venetian».

Alles wird smart, sogar die Häuser

Wenn HS Kim Ballie den Auftrag gibt, mit ihm auf der Bühne einen Spaziergang zu machen, dann macht der gelbe Ball, dessen Kamera der eines Samsung Galaxy Smartphones gleicht, das auch. Er passt sogar seine Geschwindigkeit dem Menschen an und hält anständigen Abstand. «Piep piep» sagt die technologische Meisterleistung.

Ballie erkennt Menschen, kann sie voneinander unterscheiden, freundet sich mit Hunden an und koordiniert die anderen Smartgeräte im Haushalt. Denn Ballie geht, wenn du nicht da bist, regelmässig auf Patrouille und schaut, ob irgendwo irgendwas geputzt werden muss. Dann ruft er den Staubsauger zu sich und der räumt auf. «Piep piep» ruft Ballie dem Staubsauger zu, der wieder zurück zur Ladestation fährt.

Ballie ist ein Meisterwerk der Technologie, keine Frage. Ballie vereint so viel, das andere Geräte nicht können. Die Funktion, die Alexa oder Siri oder der Google Assistant bisher übernommen haben, werden von Ballie übernommen. Da Ballie mobil ist, brauchst du nur noch ein Gerät, nicht für jeden Raum eines. Ballie ist eines der intelligentesten Geräte, die ich bisher gesehen habe. Ich mag Ballie.

Im Laufe der Keynote stellt Samsung dann auch noch ein Exoskelett namens GEMS vor. Das steht für Gait Enhancing Motivation System. Im echten Leben sieht das aus wie eine Schwingerhose, verleiht deinen Beinen aber zusätzlich Stabilität und Kraft.

Das Gems-System verhilft Gehbehinderten zum geraden und stabilen Gang, lässt sie sogar tanzen. Das Gems-System wird, sollte es denn breit ausgerollt werden, die Welt verändern. Was, wenn Treppen für Gehbehinderte nicht mehr das unüberwindbare Hindernis sind? Wie viel Lebensqualität schafft sicheres und unabhängiges Gehen? Stell dir mal eine Sekunde lang vor, wie es wäre, wenn du nicht mehr gehen könntest. Kein Weltuntergang, vor allem nicht in der Schweiz, aber trotzdem höchst unangenehm. Kaffetasse im Schrank? Kein Kaffee für dich. Briefkasten? Zu hoch. Randstein? Ohne abgeschliffene Kante. Bus? Nur mit Hilfe. Gems macht dem ein Ende.

Die mitgelieferte AR-Brille macht in Zusammenarbeit mit der Samsung Smartwatch auch das Fitnesstraining personalisiert und automatisiert.

Dazu sollen auch noch Häuser und Autos und allerlei anderes mit Sensoren versehen werden. HS Kim spricht auf der Bühne von Megacities, smarten Städten, die dich auf Schritt und Tritt im Blick haben und Verkehr, Mensch und dergleichen koordinieren.

Das klingt super. Das will Samsung in den kommenden zehn Jahren.

Das ist ein Problem.

Datenschutz ist eine Frage des Profits

Samsung schneidet das Thema immer nur kurz an während der Keynote. Das Wort, das gerne mal von den Sprechern auf der Bühne verschluckt wird, heisst «Privacy», zu Deutsch «Privatsphäre». Es geht um die Daten, die ein Ballie, ein Gems oder eine smarte Hauswand sammeln. Wenn Ballie dir nachdackelt, während du in den Boxer Shorts verkatert in Richtung WC tappst, dann sammelt er extrem viele Daten über dich. Manche sind marketingtechnisch relevant, andere wären dir vielleicht einfach nur peinlich.

Gems weiss, wo du gestern Nacht deinen Kater geholt hast. Ballie weiss, dass du selbst gegen Mittag noch immer nicht fit warst, denn Ballie hat deine Smartwatch nach deinem Erholungszustand gefragt.

Samsung gibt zwar an, dass Geräte wie Ballie schlau genug sind, um die künstliche Intelligenz lokal zu halten. Damit bleiben deine Geheimnisse geheim. Auch sonst: Die Daten, die übertragen werden, werden mit Blockchain-Technologie – so ganz klar hat Samsung die Nutzung der Blockchain nicht gemacht – anonymisiert.

Samsung nimmt deine Privatsphäre ernst. Ausser dann, wenn es deine Herzfrequenzdaten an HeartWise übergibt. Dann gehen die Daten an «ausgewählte Partner». Wer bestimmt, wer ausgewählt wird? Nach welchen Kriterien werden diese Partner ausgesucht? Was machen diese ausgewählten Partner mit meinen Daten?

Genau da ist die Crux der Sache. Samsung ist ein Konzern, der einen Gewinn erwirtschaften will, ja sogar muss. Samsung macht das so dermassen gut, dass er vor einigen Jahren fast einen Fünftel des Bruttoinlandprodukts Südkoreas gestemmt hat.

So lange der Erfolg so bleibt, bleibt auch der Kurs bestehen. Sollte Privatsphäre auf einmal nicht mehr rentabel sein, dann dürfte es nur wenige Minuten gehen, bis ich für wenig Geld an die gesamten von Ballie gesammelten Daten komme, damit ich weiss, wann alle Männer zwischen 24 und 26 Jahren in Zürich an einem Samstag aufstehen. Inklusive Kontakt-Mail, versteht sich.

Genau deshalb dürfen wir Endnutzer Samsung und anderen Grosskonzernen – Google, Amazon, digitec.ch, Apple, Facebook und so weiter – nicht bedingungslos vertrauen. So gut verschlüsselt eine Datenübermittlung auch sein mag, so anonym die Blockchain auch ist, so nett Ballie uns auch anfiept… es geht nur so lange gut, bis der Profit nicht mehr stimmt.

Trotzdem: Mit Gems und Heartwise und Apple Health und all den anderen Programmen tun die Konzerne viel Gutes. Denn wer will schon nicht, dass Taube mit Huaweis Gehörlosen-App sich verständlich machen können? Wer will schon nicht, dass Menschen gehen können, deren Beine einfach nicht können?

Das ist Inspiration, das ist Drive, das ist das, was Technologie für uns tun kann.

Genau deshalb habe ich dich eingangs um etwas Zeit und deine Gedanken gebeten. Ich will nicht behaupten, dass Ballie und Gems und Co. der Teufel sind. Denn die Vorteile sind offensichtlich. Ich will, wenn ich einen letzten Wunsch in diesem Artikel äussern dürfte, dass du dir über deine Daten vor einem Kauf Gedanken machst. Ich will dir nicht sagen, dass du dir Ballie nicht kaufen sollst. Oder dass du Ballie unbedingt brauchst. Ich will dir auf den Weg geben, dass du kritisch mit dir selbst bist und dir des Werts deiner eigenen Daten bewusst bist. Danach fälle bitte einen erwachsenen Entscheid, der die Risiken für deine Privatsphäre in Betracht zieht und nicht nur die Tatsache, dass Ballie fiepend deinem Toaster den Auftrag gibt, deinen Toast goldbraun zu haben, wenn du aus dem Bad kommst. «Piep piep» meint Ballie zum Toast.

Ist es okay, wenn jemand deine Daten verscherbelt, damit ein Konzern etwas mehr Profit macht?

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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