Kritik

«Reanimal» im Test: Atmosphäre top, Gameplay flop

Kevin Hofer
11.2.2026

Tarsier Studios, die Schöpfer der ersten beiden «Little Nightmares»-Teile, sind zurück – und liefern mit «Reanimal» mehr vom Gleichen. Das bewährte Rezept wird mit einer Prise Koop-Modus garniert. Leider bleibt das Gameplay dabei auf der Strecke.

Langsam fahre ich mit meinem Motorboot durch die Gänge eines gefluteten, zerbombten Gebäudes. Es ist dunkel. Ich erkenne nur schemenhafte Umrisse. Plötzlich erhellt ein Blitz die Szenerie. Hat sich da gerade etwas bewegt? Vorsichtig fahre ich weiter. Dann taucht vor mir plötzlich eine groteske Gestalt auf, die wie eine aufgeblähte Wasserleiche aussieht. Sie genehmigt sich einen Schluck aus einer Flasche und gleitet lautlos ins Wasser. Das Geräusch lässt mich erschaudern. Schnell weg hier.

Ich stosse durch ein Tor und fahre in eine grosse Halle. Die Kamera zoomt heraus und offenbart einen Blick auf noch mehr dieser Gestalten. Alle begeben sich ins Wasser. Ich zünde den Turbo meines Bootes. Schnell, schnell, schnell. In der Ferne entdecke ich zwischen zwei Seeminen ein weiteres Tor – der Weg in meine Freiheit? Ich breche durch, nur um Sekundenbruchteile später eine Explosion zu hören. Wasser verdeckt meine Sicht und fliesst danach meine virtuelle Linse herunter. Geschafft. Die Kreaturen haben sich selbst ins Nirvana befördert.

Mit meinem Boot tuckere ich durch ein verlassenes Gebäude.
Mit meinem Boot tuckere ich durch ein verlassenes Gebäude.

«Reanimal» kann Atmosphäre. Sonst bietet das neue Spiel von Tarsier Studios – den Machern der ersten zwei Teile von «Little Nightmares» – vor allem mehr «Little Nightmares». Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Eine spielerische Weiterentwicklung darfst du allerdings nicht erwarten – und die nicht über jeden Zweifel erhabene Steuerung bleibt ebenfalls erhalten. Für Frust sorgt bei mir zudem die schlechte Performance auf dem PC.

Verworrene Story

«Reanimal» ist ein Koop-Horror-Spiel. Ich übernehme die Rolle eines verwaisten Geschwisterpaars, entweder des Jungen oder des Mädchens. Wie in «Little Nightmares» tragen die Geschwister Masken. Sie sind auf der Suche nach ihren drei Freunden. Mit ihnen wollen sie dem Grauen einer vom Krieg gebeutelten Welt, in der sie gejagt werden, entkommen. Was genau vorgefallen ist, erfahre ich nicht.

Wie in «Little Nightmares» wird die Geschichte meist mit Bildern statt mit Worten erzählt. Neu kommt jedoch (wenig) gesprochener Text hinzu. Der passt zum Geschehen und die englische Sprachausgabe überzeugt. So warnt einer der ersten Freunde die Geschwister, sie hätten nicht zurückkommen sollen. Wieso? Keine Ahnung. Zumindest zu Beginn.

Wie so viele Horrorgeschichten wirft die Story mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Du musst sie dir aus Fetzen zusammensetzen. Wenn du auf Verstörendes stehst, wirst du das zu schätzen wissen. Mir gefällt das, aber nicht alle werden es mögen.

Die Szenen sind teils verstörend. Wieso ich mir den Schweinekopf auch noch aufsetzen kann, erschliesst sich mir nicht.
Die Szenen sind teils verstörend. Wieso ich mir den Schweinekopf auch noch aufsetzen kann, erschliesst sich mir nicht.

Im Gegensatz zu «Little Nightmares» spielt sich die Geschichte dieses Mal nicht in einer anderen Dimension ab, sondern in der Realität der Kinder im Spiel. Das verstärkt die beklemmende Atmosphäre, die das Spiel erzeugt. Ebenfalls ein Unterschied: Die Darstellung von Gewalt ist im neuen Teil expliziter und roher, was nichts für schwache Nerven ist.

Geniale Inszenierung

«Reanimal» ist ein wahres Meisterstück der Kinematografie. Der Strand zu Beginn wird aus der Ferne gezeigt, wodurch die Grösse und Trostlosigkeit des Ortes hervorgehoben werden. Springen meine Schwester und ich in einen Tunnel, fährt die Kamera hinterher und ich sehe nichts ausser ihnen im schwachen Schein ihrer kleinen Lichtquellen. Als wir versuchen, an einem Gegner vorbeizuschleichen, verstärken die hellen Scheinwerfer eines Autos seine Silhouette. Sie thront erdrückend über uns, während wir versuchen, durch die Dunkelheit zu entkommen.

«Reanimal» sorgt mit intelligenten Kamerawinkeln und der Beleuchtung für eine beklemmende Atmosphäre. Die Film-ähnliche Kameraführung wird dadurch möglich, dass das Team bei Tarsier auf 3D statt 2,5D wie in «Little Nightmares» setzt.

Die Kameraführung in Kombination mit den Licht- und Schatten-Effekten ist schlicht genial.
Die Kameraführung in Kombination mit den Licht- und Schatten-Effekten ist schlicht genial.

Auch sonst brilliert «Reanimal» bei der Präsentation. Die Setpieces sind allesamt schlicht genial und abwechslungsreich. In der ersten halben Spielstunde wechsle ich vom Meer, an einen verlassenen Strand, zu einer stillgelegten Fabrik, in ein öffentliches WC, eine Mine und an einen Zugfriedhof. Vor allem das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten beeindruckt und sorgt für eine beklemmende Atmosphäre.

Hinzu kommt das super Sounddesign. Das Grunzen der Gegner, meine Schritte auf einer Metallplattform oder das Knacken der Filmspule im Kino – alles erzeugt ein dichtes Ambiente. Die Musik hält sich stets zurück, lässt mich aber durch ihre stete Präsenz tief in das Geschehen eintauchen.

Beim Design der Charaktere und Gegner erkenne ich die Handschrift von Tarsier Studios. Persönlich kommt mir der erste Antagonist, schlicht «Schnüffler» genannt, aber zu nahe an die Designs von «Little Nightmares». Spätere Antagonisten brechen etwas mit der Designsprache, haben dennoch viele Gemeinsamkeiten.

Die grotesken Gegner sind so ähnlich aus «Little Nightmares» bekannt.
Die grotesken Gegner sind so ähnlich aus «Little Nightmares» bekannt.

Schwaches Gameplay

Obwohl «Reanimal» als Koop-Spiel konzipiert ist, lässt es sich auch alleine zocken. Die Steuerung des Mädchens übernimmt der Computer.. Leider habe ich die Story zuerst alleine durchgespielt. Leider, weil das wenige vorhandene Gameplay zerstört wird.

«Reanimal» legt den Fokus nicht auf die Spielmechanik. Im Vergleich zu «Little Nightmares» steuere ich neu auch Fahrzeuge wie etwa das Boot. Zudem kann ich laufen, springen und mit Gegenständen interagieren. Das war’s. Wobei letzterer Punkt viele Möglichkeiten eröffnen würde, beschränkt es sich im Spiel auf Dinge wie Schlüssel suchen und aufheben oder Hebel betätigen.

Das Boot sorgt zumindest für etwas Abwechslung im sonst mauen Gameplay.
Das Boot sorgt zumindest für etwas Abwechslung im sonst mauen Gameplay.

Immerhin müssen mein Mitspieler Kim und ich im Koop etwas mehr überlegen, was das Spiel von uns will. So trage ich etwa eine Kurbel und er muss mir die Tür öffnen. Im Singleplayer übernimmt das der Computer, ich muss mich mit niemandem absprechen. Besonders nervig wird das in Fluchtszenen. Wenn ich von den übermächtigen Gegnern wegrennen muss, läuft sie einfach voraus und zeigt mir so den richtigen Weg aus der Misere. Grundsätzlich weiss ich aber immer, was und wie ich etwas zu tun habe.

Das magere Gameplay wird auch dadurch eingeschränkt, dass wir uns nicht weit auseinander bewegen können. Denn das Spiel lässt sich nicht nur online im Koop spielen, sondern auch zu Hause auf der Couch. Das finde ich zwar geil, aber die Entwickler haben bewusst auf einen Splitscreen verzichtet. Sie wollen, dass wir den Horror gemeinsam erleben und uns im Spiel nicht trennen. Leider gehen so viele kreative Gameplay-Möglichkeiten verloren. «Split Fiction» etwa wäre nicht halb so gut, wenn sich die Hauptcharaktere nicht ab und zu trennen müssten.

Solche ruhigen, introspektiven Momente gehören zu den stärksten Szenen des Spiels.
Solche ruhigen, introspektiven Momente gehören zu den stärksten Szenen des Spiels.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Entwickler wollten es mit Koop und Singleplayer allen recht machen, haben dadurch aber viel Gameplay-Potenzial verschenkt. Auch unabhängig davon bleibt das Gameplay zu einfallslos.

Hakelige Steuerung und Ruckler

Die Schwächen setzen sich in der Umsetzung fort. Da ich die Kamera, abgesehen von den Bootsequenzen, nicht selbst steuere, fällt es mir manchmal schwer, meine Bewegungen präzise zu kontrollieren. Hinzu kommt eine träge, teils ungenaue Steuerung. An einer Stelle, als meine Schwester und ich zusammengebunden sind, stürze ich mehrmals in den Tod, obwohl das nicht passieren sollte. Ich bin zudem mehr als einmal in eine unsichtbare Wand gelaufen.

In Sequenzen mit zusammengebundenen Figuren wird die hakelige Steuerung besonders deutlich.
In Sequenzen mit zusammengebundenen Figuren wird die hakelige Steuerung besonders deutlich.

Als wäre das nicht genug, habe ich mit teils krassen Performance-Einbrüchen zu kämpfen. Vor allem bei weiten Kameraeinstellungen fällt die Framerate ins Bodenlose: sowohl mit meinem Gaming-PC mit Ryzen 7 9800X3D und Radeon RX 7900 XTX sowie auf meinem Steam Deck. Da Kollege Kim bei der Koop-Session keine Probleme hat, vermute ich, dass das Spiel noch nicht für Linux optimiert wurde. Meine beiden Testsysteme laufen damit. Ich hoffe, dass hier für Linux-User noch optimiert wird.

Fazit

Mehr «Little Nightmares»

«Reanimal» ist ein audiovisuelles Meisterwerk, das atmosphärisch überzeugt und mit seiner Inszenierung fesselt. Die kinematografische Kameraführung, das grandiose Sounddesign und die abwechslungsreichen Setpieces ziehen mich in eine beklemmende Welt voller Horror.

Spielerisch bleibt das Werk hinter seinen Möglichkeiten zurück. Der Versuch, Singleplayer und Koop gleichermassen zu bedienen, kostet kreative Freiheit. Es fehlt an Mut, das bewährte Konzept spürbar weiterzuentwickeln oder neue Ideen auszuprobieren.

Die hakelige Steuerung und die massiven Performance-Probleme auf dem PC (zumindest unter Linux) tun ihr Übriges. Wer «Little Nightmares» geliebt hat und mehr davon will, bekommt genau das – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Alle anderen sollten sich bewusst sein: Hier geht Atmosphäre vor Gameplay.

Pro

  • grandiose, beklemmende Atmosphäre
  • kinematografische Kameraführung und Inszenierung
  • exzellentes Sounddesign
  • abwechslungsreiche, geniale Setpieces
  • Couch-Koop möglich

Contra

  • wenig kreatives, mageres Gameplay
  • hakelige, unpräzise Steuerung
  • Performance-Probleme auf dem PC (Linux)
  • viel Koop-Potenzial verschenkt

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Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.


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