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Wirklich doppelt so gut? Audio-Nerds vermessen das Active Noise Cancelling der AirPods Pro

Apple präsentiert die neuen AirPods Pro mit einer Ansage: «Bis zu doppelt so gut» soll die aktive Geräuschunterdrückung sein. Die Audio-Experten der Firma Rocket Science messen nach, ob die Aussage aus Cupertino stimmt.

«Mit einer bis zu doppelt so effektiven Geräuschunterdrückung im Vergleich zur vorherigen Generation sind die meistverkauften kabellosen Kopfhörer noch besser.» Das schreibt Apple in der Pressemitteilung zu den neuen AirPods Pro. Dass diese Behauptung von Apple sogleich überprüft werden muss, ist klar. Kaum sind die neuen AirPods Pro der zweiten Generation draussen, ist schon ein Ohrhörer in den Messgeräten der Firma Rocket Science eingespannt.

  • Hintergrund

    Rocket Science – die Firma, die einen Kamin ruhig stellt

    von Livia Gamper

«Doppelt so gut sagt in der Akustik ohne klaren Zusammenhang nicht viel aus», meint Luca Zimmermann von Rocket Science trocken. «Aber schauen wir doch mal, was sie können.»

Die Firma hat von digitec ein Exemplar der neuen und eines der alten AirPods Pro erhalten. Beide Modelle wurden mit derselben Messmethodik vermessen.

Verbesserte Performance in den tiefen Frequenzen

Die rote Linie in der Grafik zeigt die Kurve der neuen AirPods Pro, also der AirPods Pro der zweiten Generation. Die blaue Kurve zeigt jene der ersten Generation der AirPods Pro.

Das Active Noise Cancelling beider Versionen der AirPods Pro im Vergleich. Bild: Rocket Science, Luca Zimmermann.
Das Active Noise Cancelling beider Versionen der AirPods Pro im Vergleich. Bild: Rocket Science, Luca Zimmermann.

Die Kurven zeigen, dass die neue Version der AirPods Pro vor allem in den tiefen Frequenzen deutlich besseres Noise Cancelling bietet – die Aussage von Apple, dass das Active Noise Cancelling effizienter ist, trifft in diesem Bereich zu. Das gilt aber lediglich für die tiefen Frequenzen von 50 Hz bis etwa 125 Hz. Im Bereich zwischen 700 Hz und 2000 Hz unterdrückt die alte Version der Airpods etwas besser – warum das so ist, darüber möchte Luca nicht spekulieren: «Das könnte alles Mögliche sein».

In den hohen Frequenzen, etwa ab 2000 Hz bis 8000Hz, liegen die neuen AirPods dann wieder vorn. In diesem Bereich liegen auch wichtige Frequenzen für die Sprachverständlichkeit. Das heisst, dass Stimmen und Gespräche effizienter reduziert werden. Das ist durchaus wirksam, da wir oft im Büro von quatschenden Kollegen oder im Zug von schwatzhaften Mitpendlern beeinträchtigt werden.

Übrigens, falls du dich fragst, wieso in der Grafik die Kurven über der Nulllinie beginnen: Die Erhöhung der tiefen Frequenzen stammt vom sogennanten Overshoot des Noise Cancelling Filters. Filter beinhalten Tradeoffs. Das heisst, die Verringerungen von bestimmten Frequenzbändern können zur Erhöhung anderer führen. Apple entschied sich wohl, diese Erhöhung in tiefen Frequenzen zu lokalisieren, wo sie die meisten Menschen nicht als störend empfinden. Es gibt aber User, die mit Noise-Cancelling-Kopfhörern einen unangenehmen Druck empfinden, was genau durch dieses Phänomen ausgelöst wird.

Als Fazit hält Luca fest, dass die Geräuschreduktion der neuen Generation sicher besser ist als jene der alten – zumindest messtechnisch. Im Alltag kommt’s wie bei fast allem auf die Umstände, beziehungsweise den Umgebungslärm an.

So wurde gemessen

Jede Statistik ist bekanntlich nur so gut, wie die, die man selbst gefälscht hat. Die Audio-Experten erklären deshalb nachfolgend, wie sie die AirPods Pro vermessen haben: Der Messaufbau besteht aus einem Lautsprecher, einem Röhrchen, das den künstlichen Ohrkanal für die AirPods Pro simuliert, zwei Mikrofonen A und B und dem Computer, der die Messung aufzeichnet. Der Lautsprecher spielt Pink Noise ab.

Der Messaufbau als Skizze dargestellt. Zeichnung: Luca Zimmermann.
Der Messaufbau als Skizze dargestellt. Zeichnung: Luca Zimmermann.

Das rosa Rauschen ist im Alltag oft vertreten und deckt ein breites Frequenzspektrum ab, weshalb es für die Messung geeignet ist. Der Airpod Pro wird in das eine Ende des künstlichen Ohrkanals gesteckt, während das andere Ende des Röhrchens über das Mikrofon A gestülpt wird. Mikrofon A hört dann den Effekt des Noise Cancellings auf das rosa Rauschen des Lautsprechers. Um den Effekt des Noise Cancellings zu isolieren, wird das Signal des Mikrofons B, also dem reinen Rauschsignal, vom Signal A abgezogen, was dann die Differenz der Signale – und somit die Effizienz des Active Noise Cancellings darstellt.

Und so sieht diese Messung in der Praxis aus.
Und so sieht diese Messung in der Praxis aus.

Fazit: Die neuen AirPods Pro sind effizienter, aber nicht überall

Abschliessend kann gesagt werden: Ja, die neuen AirPods Pro haben ein besseres Active Noise Cancelling als die alte Generation. Auch die Aussage von Apple, dass die Geräuschunterdrückung deutlich effizienter ist, stimmt – jedoch nur für ein bestimmtes Frequenzspektrum. Zudem bedeutet «doppelt so viel» je nach Dezibel-Skala etwas anderes. Und die Skalen sind bekanntlich logarithmiert, sie werden also immer steiler.

Generell sind solche Herstelleraussagen über die Effizienz von Active Noise Cancelling also mit grosser Vorsicht zu geniessen.

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Experimentieren und Neues entdecken gehört zu meinen Leidenschaften. Manchmal läuft dabei etwas nicht wie es soll und im schlimmsten Fall geht etwas kaputt. Ansonsten bin ich seriensüchtig und kann deshalb nicht mehr auf Netflix verzichten. Im Sommer findet man mich aber draussen an der Sonne – am See oder an einem Musikfestival. 


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