Warum sich teures Foto-Equipment lohnt
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Warum sich teures Foto-Equipment lohnt

Dominik Bärlocher
Zürich, am 08.02.2018
Mitarbeit: Melanie Anna Lee
Nach dem Foto einer Flasche Bartöl habe ich viele Ratschläge erhalten, wie ich dazu lernen kann. Ich rate auch Dinge an all jene, die ambitionierter fotografieren wollen: Kauft teuer.

Leute, ich muss sagen: Ich bin überrascht. Da mach ich ein paar unbeholfene Versuche in Richtung Foto einer Flasche Bartöl und ihr kommt mir alle zur Hilfe. «One Perfect Shot» wird wohl eine Miniserie werden, denn es gibt einiges, was ich ausprobieren will.

Danke!

*One Perfect Shot**: Wie ich für ein Foto meine ganze Wohnung umgestellt habe
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Eine Frage aber taucht immer mal wieder auf: Wieso habe ich so teures Equipment, wenn ich – wie ich selbst gern und offen zugebe – nur Schnappschüsse wirklich gut kann?

“ Ganz schön teures Equipment, für jemand der eigentlich "keine Ahnung" von Fotografie hat, und es nur für "Schnappschüsse" braucht… ”
N0obinator

Bei meinem Photo Equipment halte ich es ähnlich wie bei allem anderen, das ich technologisch ernst nehme, sei das Smartphone, Festplatte oder sonstwas. Ich will an meinem Equipment wachsen können – nicht andersrum.

Daher setze ich den Kontrapunkt zum Artikel von David Lee, in dem er nur zum Notwendigsten rät.

Worauf es beim *Fotografieren** wirklich ankommt
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Wofür ich die Kamera wirklich brauche

Bevor ich hier gross Meinungsmache betreibe, will ich kurz meinen Job und mein Leben in Bildern umreissen. Denn «Schnappschüsse» beschreibt nicht ganz alles, was ich mit einer Kamera anstelle.

Alpha 7S II Body (12.40Mpx, Vollformat / FX)
Cash‐back
Showroom
2130.–CashBack 200.–
Sony Alpha 7S II Body (12.40Mpx, Vollformat / FX)
FE 24-70mm f/2.8 GM, Full Frame E-Mount
Cash‐back
Showroom
1970.–CashBack 100.–
Sony FE 24-70mm f/2.8 GM, Full Frame E-Mount

Mein Equipment ist nicht günstig. Aber ich habe auch andere Ansprüche an eine Kamera. Im Rahmen eines langfristigen Projekts will ich filmen lernen. Im Selbststudium. Das ist hart. Denn offiziell habe ich während meiner Ausbildung zum Zeitungsjournalisten folgendes gelernt:

  • Niemals Köpfe und Füsse abschneiden
  • Nie mit Blitz fotografieren
  • Dein Motiv hat das Licht oder die Sonne im Gesicht

Damit bin ich jahrelang gut gefahren, denn Zeitungen brauchen selten Videos. Bis ich an der IFA 2017 auf einmal hinter der Filmkamera von Videoproduzentin Stephanie Tresch stehen muss. Denn für Sonys neues Smartphone wird sie dreidimensional gescannt.

Test an der IFA: Taugen die neuen *Sony Smartphones** als 3D-Scanner?Video
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Im Laufe der Messe stellt sich heraus, dass ich öfter hinter der Kamera stehe. Denn der Wechsel vor/hinter der Kamera funktioniert zu gut, als dass ich und Stephanie darauf verzichten wollen.

Seither filme ich selbst und mache mich mit der Kamera der Videoproduzenten vertraut, der Sony a7s ii mit einem 24-70mm Objektiv.

Eins hat sich im Laufe meines Selbststudiums bestätigt: Wenn du ambitioniert bist, dann lohnt sich die Anschaffung von teurem Equipment.

Du kannst an der Technologie wachsen

Die Kamera wie auch das Objektiv sind Overkill für jemanden mit meinen Fähigkeiten. Noch. Denn mit dem aktuellen Setup kann ich am Equipment wachsen und nicht das Equipment an mir. Das ist ein grosser Unterschied in Punkto Lernkurve.

Wenn ich jetzt mit einer günstigen Kamera und einem beliebigen Objektiv angefangen hätte zu fotografieren und zu filmen, dann wäre ich irgendwann an die Grenzen der Technologie gestossen. Dann wäre ich am Punkt angekommen, wo der Gedanke «sobald ich ein besseres Objektiv habe, kann ich das auch» aufkommen würde. Sparen, warten, Motivationsverlust. Mist.

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Belichtung auf dem falschen Körperteil und Ausschnitt falsch? Alles meine Schuld

Mit dem Overkill-Setup aber habe ich dieses Problem nicht. Wenn ein Bild schlecht herauskommt, oder ein Video irgendwie Müll wird, ist das nicht die Schuld der Technologie. Denn mit dem selben Setup machen Stephanie und ihr Kollege Manuel Wenk superschöne Videos. Ich weiss also, dass es machbar sein muss. Die Frage ist nur wie.

Sprich: Jeder Fehler im Bild ist auf meine eigene Inkompetenz zurückzuführen und nicht auf Mängel in der Technologie.

Wenn ich also ein Bild oder Video verhaue, dann kann ich googeln oder fragen, wo der Fehler liegt. Ist die Blende falsch eingestellt? Die ISO? Die Belichtungszeit? Warum ist das so? Wie spielen die Settings zusammen?

Die Frage, ob ich das richtige, technologische Equipment habe oder ob das Objektiv für diesen Use Case gemacht ist, stellt sich gar nicht.

Im Selbststudium ist das unheimlich wertvoll.

Full Auto: Retter in der Not und Lehrer

Apropos Selbststudium. Eine wichtige Entdeckung ist der Full-Auto-Modus. Den Profis, die das hier lesen, läuft es jetzt eiskalt den Rücken hinunter. So teures Equipment und dann Full Auto?

Für ambitionierte Anfänger aber ist der Full-Auto-Modus – also automatische Schärfe und Bildeinstellung – ein Segen. Ich nutze den Modus noch bis heute, wenn ich ein Bild nicht gut hinkriege. Aber ich weigere mich, daraus nichts zu lernen.

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Ich fotografiere in der Regel auf M wie manuell

In der Regel fotografiere ich im manuellen Modus und habe zur Hilfe das Peaking eingestellt, wo mir im Sucher angezeigt wird, was auf dem Foto scharf sein wird.

Wenn ich ein Bild auf Full Auto schiesse, dann schaue ich mir nachher die EXIF-Daten des Bildes an. Dort stehen die Einstellungen, die die Kamera gewählt hat. Meist macht die a7s ii das ganz gut und nur selten hat sie einen Anfall von Inkompetenz.

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Der selbe Shot im Full Auto Mode

Die EXIF-Daten kannst du am besten auf dem PC einsehen. Einfach Rechtsklick auf das fertige Bild und dann Eigenschaften. Dort siehst du im Tab «Details», was die Kamera sich gedacht hat. Merk dir das und beim nächsten Mal hast du wertvolles Wissen in deinem Arsenal.

«Aber ich bin gar kein Talent...»

Wenn ich die Erfahrung mit dem Wachsen an der Technologie und dem Full-Auto-Modus als Aushilfe nicht gemacht hätte, dann wäre ich jetzt immer noch unsicher. Ich bin gar kein Talent, wenn es um Fotos und Videos geht. Da kommt mir ein Hobby, eine Leidenschaft, zur Hilfe: Das Gewichtheben. Klar, ich habe ein gewisses Talent dazu. Mit meinem Körperbau, auch wenn ich schlanker wäre, wäre ich immer noch nicht zum Läufer prädestiniert. Aber Talent endet irgendwann. Laut meinem Strongman Coach war das vor dem Beginn der vergangenen Saison. Ich habe da gelernt, dass der Talentierteste immer vom härter Arbeitenden überflügelt wird.

Dazu hat mir auch Strongman Laurence Shahlaei wichtige Worte mitgegeben, egal, was ich gerade lerne.

“ I don't care if you think that you're the best. I don't care if everyone tells you that you're the best. The best can be outworked. The best can be unseated. Consistent, relentless, constant hard work give opportunity to reach the top… and something even greater: The ability to overcome your fears, obstacles and doubt. ”
Laurence Shahlaei

Übersetzung: Es interessiert mich nicht, ob du meinst, dass du der beste bist. Es interessiert mich nicht, ob dir jeder sagt, dass du der beste bist. Die besten können durch Arbeit geschlagen werden. Die besten können vom Thron gestossen werden. Konsistente, unnachgiebige, konstante harte Arbeit geben dir die Möglichkeit, nach oben zu kommen… und etwas noch viel wichtigeres: Die Fähigkeit, deine Ängste, Hindernisse und Zweifel zu besiegen.

Diese zugegebenermassen etwas platten Weisheiten des Athleten nehme ich mir zu Herzen. Er hat recht. Mit jedem Foto, das ich schiesse, lerne ich etwas dazu. Mit jedem Möbel, das ich verrücke, um besseres Licht hinzukriegen, verstehe ich mehr. Vielleicht geht es noch eine Weile, bis ich anständig gut fotografieren kann oder ohne den Rat von Stephanie und Manuel die besten Einstellungen für ein Video hinkriege. Aber der Fehler liegt bei mir, nicht der Technologie.

Ich bleibe dran und wünsche dir dasselbe. Wenn du ambitioniert fotografieren oder filmen willst, dann lohnt sich die Anschaffung einer teuren Kamera und eines guten Objektivs.

Und wenn dann alles nicht hinhaut, kannst du dein Equipment immer noch wieder verkaufen. Kameras und Objektive haben die nervige Angewohnheit, mit Alter nicht wesentlich günstiger zu werden.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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