Kritik

«Retro Rewind» bringt die Videothek zurück

Denkst du beim Doomscrollen auf Netflix manchmal an die schmuddeligen Videotheken der 90er-Jahre zurück? «Retro Rewind» lässt dich dieses Gefühl wieder erleben.

Ende der 80er-Jahre erbten wir den alten Videorecorder meiner Oma – nicht aus traurigem Anlass. Sie genoss ihre Pension vermutlich mit einem neuen High-End-Gerät samt automatischer Aufnahme- und Zeitlupen-Funktion. Schliesslich hatte sie auch Kabelfernsehen und wir nur Antenne mit sechs Sendern. Umso grösser war die Freude bei meinem Bruder und mir, endlich Videokassetten ausleihen zu können. Damit eröffnete sich uns eine ganz neue Welt. Kaum ein Ort übte eine grössere Anziehungskraft aus als die Videothek.

Einräumen, kassieren und Flyer verteilen

«Retro Rewind» bedient Leute wie mich, die sich manchmal die gute alte Videothek zurückwünschen. Ich erhalte die Schlüssel zu meinem kleinen Geschäft. Dort kümmere ich mich von acht Uhr morgens bis abends um zehn – an Wochenenden bis zwölf Uhr – um meine Kundschaft. Das Spiel gehört zum Schlag der virtuellen Arbeitssimulationen wie «Powerwash Simulator», «Snowrunner» und Co. Es sind Eskapismus-Spiele, in denen du vermeintlich langweilige Alltagsjobs erledigst. Eine eigene Videothek war zwar nie mein Traum, aber das Nostalgiegefühl trifft mich mitten ins Herz.

Die Videothek lässt sich auch umbenennen.
Die Videothek lässt sich auch umbenennen.

Mein Arbeitstag beginnt damit, retournierte Videokassetten einzubuchen. Aus der Egoperspektive scanne ich einzelne Kassetten. Wurde eine verspätet zurückgebracht, wird das im System vermerkt – und beim nächsten Besuch des Kunden oder der Kundin ziehe ich die Mahngebühr ein. Manche Filme sind reserviert, die lege ich beiseite. Den Rest stelle ich zurück in die Regale. Anfangs führe ich ausschliesslich Horrorfilme – die Grundpfeiler jeder Videothek. Darum gibt es nichts zu sortieren. Befülle ich ein Regal nur mit einem Genre, wird es automatisch danach benannt.

Sind alle Filme verstaut, öffne ich meine Videothek. Erst dann tickt die Zeit runter. «Retro Rewind» ist ein entspanntes Spiel. Echte Hektik kommt fast nie auf – ich kann keine roten Zahlen schreiben. Um Kunden anzulocken, verteile ich Flyer. Der begehbare Bereich vor der Videothek ist sehr begrenzt. Bereits vor dem nächsten Haus renne ich in eine unsichtbare Mauer und das Spiel sagt mir, dass ich meine Videothek nicht unbeaufsichtigt lassen kann.

Irgendwie fühle ich mich beobachtet.
Irgendwie fühle ich mich beobachtet.

Dort stehen auch schon die ersten Kundinnen an der Kasse. Klicke ich auf ihre VHS-Kassetten, scanne ich sie; ein weiterer Klick kassiert ihr Geld ein und die Kasse öffnet sich. Auch hier ist das Spiel nachsichtig. Ich kann nur den korrekten Betrag zurückgeben. Bei Kundinnen und Kunden, die Filme zu spät oder beschädigt retournieren, wähle ich in einem Dialog aus, ob ich ihre lahme Entschuldigung akzeptiere oder die Mahngebühren einziehe. Manche bleiben uneinsichtig und stürmen aus der Videothek – aber nicht ohne vorher alle Filme auf den Boden zu schmeissen.

Auch die Beratung gehört zum Geschäft.
Auch die Beratung gehört zum Geschäft.

Von Horrorfilmen bis zu Pornos

Nach einem erfolgreichen Tag schliesse ich die Eingangstür und ziehe Bilanz. Vom erwirtschafteten Geld kaufe ich mir am Computer im Hinterzimmer neue Filme. Meistens hole ich mir Bundles – dort ist das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten. Ich kann auch spezifische Filme kaufen mit Sternebewertungen und Tags wie «alt» oder «gute Kritiken». Die werden häufiger ausgeliehen. Neben dem Computer hängt ein Kalender. Dort sehe ich den Wochentag und welche Events bevorstehen. Am Freitag, dem 13., werden 50 Prozent mehr Horrorfilme ausgeliehen. Da lohnt es sich, ein paar zusätzliche zu bestellen. Am Erntedankfest wiederum stehen Dramen hoch im Kurs und es werden 25 Prozent mehr Schokoriegel gekauft.

Zeit, das Snackregal aufzufüllen.
Zeit, das Snackregal aufzufüllen.

Das Snackregal ist eines von vielen Einrichtungsgegenständen, die ich mit der Zeit freischalte. Mit welchen süssen und salzigen Snacks ich es befülle, steht mir frei. Daneben gibt es unterschiedlich grosse Regale für Filme und später auch Getränkeschränke und Spielautomaten.

In regelmässigen Abständen kommen neue Filmgenres hinzu. Jedes hat eine farblich passende Hülle, die beim Einräumen hilft. Alle Filme sind fiktiv. Das heisst nicht, dass ich bei den illustren Namen und Illustrationen nicht trotzdem zugreifen würde. «A scientist and his toadstool», «The blaze hot dog rider», «Cupcake shark bait», «The milk vs the craken» klingen tausendmal spannender als das x-te Real-Life-Disney-Remake.

Und selbst ohne ein passendes Kämmerchen mit Vorhang sind Pornos äusserst beliebt. Die bekomme ich ausschliesslich beim zwielichtigen Kassettendealer im Hinterhof. Ich weiss zwar nicht genau, was mit Titeln wie «The saucy soldier delivery» oder «Keeping my clairvoyant oiled up» gemeint ist, aber ich bin schon ein bisschen angeturnt.

Sieht aus wie jemand, der die Frage: «Zeig mir, was du hast», falsch verstehen könnte. Der Videokassetten-Dealer ist aber harmlos.
Sieht aus wie jemand, der die Frage: «Zeig mir, was du hast», falsch verstehen könnte. Der Videokassetten-Dealer ist aber harmlos.

Keine Wirtschaftssimulation

Genau wie im Spiel verfliegen die Stunden auch im echten Leben, sobald ich «Retro Rewind» starte. Der Loop vom Einräumen über das Einkassieren bis zum ständigen Umstellen und Aufrüsten der Videothek ist äusserst befriedigend. Visuell ist es kein Augenschmaus, aber die einfache Grafik hat ihren eigenen Charme. Und der Soundtrack geht mir abends kaum aus dem Kopf.

Es gibt immer etwas zu optimieren.
Es gibt immer etwas zu optimieren.

Wird mir die Arbeit doch zu streng, stelle ich Mitarbeitende ein und weise ihnen Aufgaben zu. Spätestens hier fällt auf, dass «Retro Rewind» keine Wirtschaftssimulation ist. Es gibt nur eine Kasse. Sie ist der Flaschenhals. Ich kann meine Videothek erweitern und mit immer mehr Filmen vollstopfen, aber die Gewinne steigen nur schleichend. Ausserdem sehe ich schlechter, ob meine Angestellten wieder heimlich ein Nickerchen im Stehen machen. Wofür bezahle ich die eigentlich?

Angestellte nehmen mir die Arbeit ab, aber die Kasse bleibt der Flaschenhals
Angestellte nehmen mir die Arbeit ab, aber die Kasse bleibt der Flaschenhals

«Retro Rewind» ist verfügbar für PC.

Fazit

Anspruchslos und trotzdem fesselnd

Das Spielprinzip von «Retro Rewind» ist nicht anspruchsvoll. Das Game lebt vom Flair und der Freude, Neues freizuschalten und die eigene Videothek auszubauen. Neben Dekorationen wie UFOs, Särgen und Pappaufstellern kann ich Wände und Böden mit verschiedenen Mustern einfärben. Leuchtschild hier, Fussmatte da, dazu einen Teppich mit Popcorn-Bechern und Filmkassetten.

Nach rund 20 Stunden ist alles freigeschaltet. Spätestens dann ist bei mir die Luft raus. Für anhaltenden Spielspass müsste das Spiel komplexer sein. Das Zweimann-Studio Blood Pact hat bereits neue Dinge wie eine Reparaturstation angekündigt. Wie viel noch dazukommt, hängt wohl vom Erfolg ab.

Pro

  • motivierendes Spielprinzip
  • viele Gestaltungsmöglichkeiten
  • schönes Nostalgiegefühl

Contra

  • mit der Zeit fehlt die Abwechslung

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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