Hintergrund

Mein erstes Mal an der Blizzcon: Ein Nerd-Traum wird wahr

Blizzards Hausmesse fasziniert Fans seit über 20 Jahren. Ich habe mich zum ersten Mal mitten ins Getümmel gestürzt und erlebt, was die Blizzcon so einzigartig macht.

Rund 35 000 Besucherinnen und Besucher strömten am vergangenen Wochenende ins Convention Center nach Anaheim, Los Angeles. Direkt nebenan befindet sich Disneyland – der selbsterklärte «happiest place on earth». Ich war an beiden Orten und kann dir versichern: Auf der Blizzcon sind nicht nur die Verkleidungen um Längen kreativer, ich habe auch viel mehr strahlende Gesichter gesehen. Und das, obwohl die Warteschlangen locker mit jedem Micky-Maus-Fahrgeschäft mithalten konnten.

Konzert statt Festival

Im Vergleich zu anderen Gaming-Messen ist die Blizzcon rein zahlenmäßig fast schon ein kleiner Fisch. Die Gamescom lockt mehr als das Zehnfache an Menschen an und auch die Tokyo Game Show spielt in einer höheren Gewichtsklasse. Doch auf der Blizzcon dreht sich alles nur um ein einziges Universum: Blizzard. Seit 2005 findet der Event fast jährlich statt. Nach zwei Jahren Pause kehrte er dieses Jahr zurück – und mit ihm Massen ausgehungerter Fans auf der Suche nach frischem Loot.

Die Horde steht vor den Toren.
Die Horde steht vor den Toren.
Quelle: Blizzard

Gaming-Messen sind mir weiss Gott nicht neu. Aber im Gegensatz zur Gamescom fühlt sich die Blizzcon völlig anders an: eher wie ein Solo-Konzert als ein Multigenre-Festival. An beiden Orten triffst du Gleichgesinnte, doch die Stimmung ist nicht vergleichbar. Wenn du mit 5000 anderen in einer Halle sitzt und die Menge kollektiv ausrastet, weil ein Meme gezeigt wird, das ich erst einmal googeln muss, erreicht das Fan-Dasein ganz neue Sphären.

Bei den Ankündigungen der Eröffnungsshow kennen die Fans dann erst recht kein Halten mehr. Die Lautstärke dient als verlässliches Stimmungsbarometer: Bei der Enthüllung von «World of Warcraft: Forever» und «Diablo V» schallte der Jubel dermassen laut durch die Hallen, dass meine Rückkehr ohne Gehörschaden an ein Wunder grenzt.

Gleichzeitig kam ich mir stellenweise wie ein Aussenseiter vor, weil durch meine Adern nicht mehr ganz so viel Blizzard-Blut fliesst. In Anaheim versammelt sich die Hardcore-Gilde, deren Herz deutlich schneller für Blizzard-Titel schlägt als für den Rest der Gaming-Welt. Doch die Gamer-Community auf der anderen Seite des grossen Teichs erweist sich als erstaunlich gastfreundliches Völkchen, bei dem man sich rasch heimisch fühlt.

Je länger das Spektakel dauert, desto mehr verschmelze ich mit der for the Horde. Einzig meine «journalistische Integrität» – rückt unsichtbares Sakko zurecht – hält mich davon ab, lautstark mitzujubeln. Zumindest nach aussen hin.

Die Fans in Extase.
Die Fans in Extase.
Quelle: Blizzard

Monothematisch, aber niemals langweilig

Beeindruckend dimensioniert zeigen sich auch die Messehallen des Anaheim Convention Centers. Jede Ecke gehört einem eigenen Blizzard-Schwergewicht – allen voran «World of Warcraft», «Diablo», «Hearthstone» und «Overwatch». Überall ragen gigantische Statuen auf, vor denen die Fans geduldig anstehen, um ein Erinnerungsfoto zu ergattern. Natürlich konnte auch ich der Versuchung nicht widerstehen und habe vor den legendären Toren von «World of Warcraft» das Selfie im Titelbild geschossen (siehe Titelbild).

Wie viele Stunden habe ich dieses Tor virtuell schon angestarrt?
Wie viele Stunden habe ich dieses Tor virtuell schon angestarrt?

Besonders angetan hat es mir der Bereich rund um «Hearthstone». Aus den Lautsprechern klingt der vertraute Menü-Sound und direkt am Eingang begrüsst mich Harth Stonebrew höchstpersönlich – mit dem sich Game-Two-Kollege John ein kleines Spässchen erlaubte.

Harth Stonebrew heisst dich in der Taverne willkommen.
Harth Stonebrew heisst dich in der Taverne willkommen.

Täglich locken zudem verschiedene Panels mit vertieften Einblicken in neue Spielmechaniken, Charaktere oder Lore-Details. Hier lauschst du Seite an Seite mit Tausenden anderen den Entwicklerinnen und Entwicklern und nerdest über feinste Nuancen des Spieledesign-Kosmos ab.

Mittelmeer-Feeling mit heissem Loot

Keine Gaming-Messe ohne Merchandise – das gilt auf der Blizzcon erst recht. Am zweiten Tag zog sich die Anstehschlange für den Store durch mehrere Hallen. Dank des Presseausweises habe ich mich elegant vorbeigemogelt, nur um mit leeren Händen und hängenden Schultern wieder rauszulaufen. Erst am Flughafen wurde mir klar: Ich war im falschen Raum! Ein Stockwerk über dem Standard-Merch lag die «Darkmoon Faire»-Zone. Genau dort wartete der legendäre Loot. Selber schuld, wenn man die Lore-Bibel nicht hoch und runterbeten kann.

Die Blizzcon ist voll mit Merch – wenn man denn weiss, wo suchen.
Die Blizzcon ist voll mit Merch – wenn man denn weiss, wo suchen.
Quelle: Blizzard

Stattdessen habe ich mir bei einem fliegenden Händler in der Hotellobby ein paar masslos überteuerte Pins gegönnt. Noch so ein Blizzcon-Phänomen: In und um die Messe werden ununterbrochen Anstecker, Patches und allerhand Nerd-Kram getauscht und verkauft. Als Europäer weckt das in mir wohlige Erinnerungen an Mittelmeerstrände – nur dass hier die Rollen vertauscht sind und die Käufer die Händler belagern.

Mögen die Spiele beginnen

Meine bisher einzige kurze Beziehung mit der E-Sport-Welt war mit «PUBG». Als ich mir täglich schweisstreibende Gefechte lieferte, wuchs auch das Interesse an den Profis. Das ist gefühlt ein halbes Leben her. Auf der Blizzcon durfte ich E-Sport endlich wieder live erleben – und das ist schlichtweg eine andere Liga.

Auf Empfehlung mehrerer Medienkollegen schaue ich mir das Finale der Hearthstone World Championship an. Das Kartenspiel sei verdaulicher und leichter nachzuvollziehen als der rasant-chaotische Shooter «Overwatch». Gespielt habe ich zwar beides, doch um einem E-Sport-Match wirklich folgen zu können, braucht es meist tieferes Fachwissen.

Das Duell zwischen den Finalisten XiaoT und OTGxhhh steigt in einer detailgetreuen Kulisse der Taverne aus dem Spiel. Trotz allem Nervenkitzel herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Die beiden Caster leisten fantastische Arbeit, dröseln jeden Spielzug verständlich auf und verleihen der Partie enorme Dynamik. Ich verspüre augenblicklich den Drang, selbst wieder «Hearthstone» anzuwerfen. Noch mehr Lust bekomme ich allerdings auf die Overwatch World Finals – ich habe definitiv Blut geleckt.

Die Overwatch World Finals wurden unter anderem von der Schweizerin Salome «Soe» Gschwind-Repp (rechts) gehostet.
Die Overwatch World Finals wurden unter anderem von der Schweizerin Salome «Soe» Gschwind-Repp (rechts) gehostet.
Quelle: Blizzard

Die Finals steigen in der Arena des Anaheim Convention Center, die bis zu 9000 Menschen Platz bietet. Beim alles entscheidenden Showdown zwischen Titelverteidiger KSA (Saudi-Arabien) und Rekordmeister KOR (Südkorea) ist die Halle fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die Fankurven beider Lager kochen über. Nach dem ersten Satz sieht es nach einem leichten Spiel für KSA aus, doch direkt im Anschluss demonstriert Südkorea eindrucksvoll, warum bereits drei Titel im eigenen Trophäenschrank stehen. Zwar verstehe ich stellenweise nur die Hälfte von dem, was auf den gigantischen Bildschirmen abgeht, aber die tobende Menge liefert genügend Kontext.

Bei mir gilt: Sobald ich mich für ein Team erwärme, gibt es kein Halten mehr. Ursprünglich wollte ich nur ein, zwei Runden reinschauen. Am Ende bleibe ich bis zur Siegerehrung kleben und erlebe zwei Stunden packende E-Sport-Action.

KSA, angetrieben vom vermutlich besten Spieler des Turniers – Ziyad –, glänzt mit messerscharfer Präzision und spektakulären Headshots. Die Sympathien im Saal sind allerdings spürbar auf der Seite Südkoreas. Dementsprechend eruptiert der Saal in frenetischem Jubel, als sich KOR nach spektakulären Spielzügen die vierte Krone sichert.

Die Overwatch World Finals in einer Arena mit tausenden anderen ist ein besonderes Erlebnis.
Die Overwatch World Finals in einer Arena mit tausenden anderen ist ein besonderes Erlebnis.

Der Wettkampf bildet den perfekten Schlusspunkt für zwei Tage geballte Blizzard-Power. Zu entdecken gab es ohnehin mehr als genug: K-Pop-Konzerte, Tabletop-Runden vor riesigem Publikum, Promi-«Starcraft 2»-Matches mit «Shang-Chi»-Star Simu Liu oder Zeichen-Sessions mit «Spawn»-Schöpfer Todd McFarlane.

Endlich verstehe ich, warum alle so sehr von der Blizzcon schwärmen. Der Event versprüht eine Faszination, wie sie nur durch Jahrzehnte voller ikonischer Spielewelten entstehen kann. Auch wenn das Studio in der Vergangenheit einiges an Glanz eingebüsst hat, scheint die Magie zurück zu sein. Die 35 000 strahlenden Gesichter vor Ort sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache.

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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