Huawei P40 Pro Review: Der König, wenn das Wörtchen «wenn» nicht wär…

Dominik Bärlocher
Zürich, am 28.05.2020
Schnitt: Armin Tobler
Huawei nennt das Huawei P40 Pro das «Fotowunder». Stimmt. Keine Kamera macht bessere Bilder. Doch bei Videos versteckt sich eine Schwäche hinter dem Marketing-Gerede. Und dann ist da die Google-Sache. Phone des Jahres? Technisch ja, aber leider nein.

Das Huawei P40 Pro ist aktuell mein liebstes Phone. Es ist rasend schnell, liegt verdammt gut in der Hand und der Bildschirm spielt ganz oben mit. Und dann ist da diese Kamera. Wow.

Blöd nur, dass Huawei softwaremässig im Moment hart kämpfen muss. Der chinesische Konzern spielt gegen einen Gegner, der zehn Jahre Software-Entwicklung und Etablierung Vorsprung hat. Denn auch wenn das P40 Pro auf Googles Android läuft, so kann es nicht mit Google zusammenarbeiten. Kein Play Store, keine Play Services, limitierte Alltagstauglichkeit.

Trotzdem: Huawei gibt nicht auf. Im Gegenteil, es geht voran und Huawei könnte genau der sein, der Googles Lock-In aufbricht. Vielleicht. Damit du verstehst, mit welcher Marktsituation sich das Huawei P40 Pro gegenübersieht, hier ein Abriss. Interessiert dich das nicht, dann kannst du einfach weiterscrollen bis zum Zwischentitel «Jetzt aber: Das P40 Pro».

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Kurz: Das P40 Pro kann ich theoretisch jedem empfehlen. Praktisch nur denen, die sich mit dem Phone Arbeit machen wollen. Es ist ein Phone für Enthusiasten und solche, die es werden wollen. Denn es wäre ein Phone, für den sich den Schritt vom User zum Enthusiasten lohnen würde. Das P40 Pro wäre das Phone des Jahres, wenn da die Sache mit Google nicht wäre und die Sache, dass Huawei noch ein Ass im Ärmel hat. Oder zwei.

Die Sache mit Google

Seit Mai 2019 darf Google nicht mehr mit Huawei zusammenarbeiten. Das hat US-Präsident Donald Trump beschlossen, da er Spionageverdacht hegt. Den Beweis ist er der Weltöffentlichkeit noch schuldig, aber für ihn ist gesetzt, dass Huawei Dreck am Stecken hat. Vor kurzem hat er das Handelsverbot um ein Jahr verlängert.

Huawei darf weiterhin Android verwenden, doch hinter den Kulissen ist klar: Huawei arbeitet an einem eigenen Betriebssystem namens Hong Meng OS, international als Harmony OS bekannt. Das liegt daran, dass Google Android als offenes Betriebssystem zur freien Verfügung erfunden hat. Du kannst dir theoretisch selbst Android als freie Version herunterladen und dann eine eigene Distribution daraus erstellen. Also Leser Miklagard könnte theoretisch daraus ein Miklagard OS erstellen.

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Hinter den Kulissen ist klar: Huawei erfindet komplett etwas Neues, da der Konzern keine Lust mehr darauf hat, zum politischen Spielball zu werden. Denn Huawei will vor allem eines: Geld machen, indem sie Phones und andere Elektronik verkaufen.

Da Google sich trotz offenem Betriebssystem mit den Google Services eine Situation geschaffen hat, die einem Monopol gleichkommt, ist beim Verbot der Zusammenarbeit mit Google das Geschäft akut gefährdet. Denn jeder Android User ist sich den Play Store gewöhnt. Jede App-Programmierin nutzt die Programmschnittstellen (API), die Google als Google Services zur Verfügung stellt. Diese sind nun weg.

Huawei muss nun eigene APIs schaffen, dann die App-Schmieden dazu bringen, diese zu unterstützen. Da sind die zehn Jahre Vorsprung Googles schier uneinholbar.

Genug Wirtschaftspolitik im Kurzabriss. Jetzt zum Phone.

Jetzt aber: Das P40 Pro

Das Huawei P40 Pro ist die logische Konsequenz aus dem P30 Pro, dem Phone, das ich im vergangenen Jahr am meisten genutzt habe. Daher: Viele Vorschusslorbeeren, denn das P30 Pro war das erste Smartphone, bei dem ich keinen akuten Bedarf gesehen habe, ein neueres, besseres Modell zu besorgen.

Darum gehe ich mit dem P40 Pro ziemlich hart ins Gericht. Ich habe die Edition in Silver Frost erhalten. Schwarz mag zwar Bestseller sein, aber bei Huawei sind die ausgefallenen Farbtöne in der Regel die Highlights. Halt, anders: Generell sind die anderen Farbtöne die Highlights. Grünes iPhone? Hammer. Graue, raue Backplate auf dem Oppo Find X2 Pro? Hammer. Silver Frost am P40 Pro sieht etwas gurkig aus auf den Bildern. Das liegt daran, dass die Oberfläche zwingend ein Lichtspiel braucht. Es schimmert zwischen weiss und hellblau so ziemlich in jedem Grau- und Blauton. Ich meine, schau dir mal das offizielle Produktbild hier an.

P40 Pro (5G) (256GB, Silver Frost, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)
Showroom
635.–
Huawei P40 Pro (5G) (256GB, Silver Frost, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)

P40 Pro (5G) (256GB, Black, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)
642.–
Huawei P40 Pro (5G) (256GB, Black, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)
P40 Pro (5G) (256GB, Blush Gold, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)
817.–
Huawei P40 Pro (5G) (256GB, Blush Gold, 6.58", Hybrid Dual SIM + eSIM, 50Mpx, 5G)

Vergleich das mal mit dem Foto des Geräts

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Darum: Bevor du denkst «Wäh. Da kauf ich mir lieber das Schwarze», schau dir Silver Frost mal im echten Leben an.

Interessant ist das Marketing-Geschwafel Huaweis, wenn es um den Bildschirm geht. Die Werbespots reden da von «Quad Flow Edge To Edge» oder sowas, was im Wesentlichen bedeutet, dass der Screen nicht nur links und rechts über die Kanten gebogen ist, sondern auch oben und unten.

In der Benutzung merkst du das nicht wirklich, aber die Konstruktion hat so recht spannend aussehende Ecken des Phones entstehen lassen. Laut Huawei sollen sie der Stosssicherheit dienen. Das glaube ich sogar. So halb. Wenn ich das Teil mit dem Cat S61 vergleiche, das wirklich stosssicher ist, sehe ich, dass keine Krümmung im Bildschirm wohl am ehesten zur Stosssicherheit führt. Visuell setzen die Ecken einen interessanten Akzent.

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Vorne ist das Phone Bildschirm. Kaum ein Rand. Oben links ein recht breites Loch im Bildschirm, das die Notification Area etwas schmal gestaltet. Zu schmal. Wenn dir das in der täglichen Nutzung zu mühsam wird, kannst du mit einem Hack Status-Icons ausblenden. Da rede ich zwar von Notches, aber bei dem breiten Loch oben links funktioniert das genau gleich. Und warum ist da ein Loch? Weil es fancy aussieht? Wofür sollen denn die paar Pixel rund ums Kameraloch benutzt werden?

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*Kampf dem Notch**: Wie du Wichtiges oben am Bildschirm siehst und den Müll nicht
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Die Crux mit Google in der Praxis

Softwareseitig: Android, kein Google. Google kann zwar nachgerüstet werden, aber wenn ich meinen Maileingang so beobachte, dann geht das bei einigen von euch super, bei anderen gar nicht und bei wieder anderen geht das zuerst nicht, dann doch. Ich kann aus meiner Warte nicht ganz nachvollziehen, woran das liegt. Oder was genau das Ding funktionieren lässt oder nicht. An alle Mail-Schreiber: Ich bin dran, habe aber leider keine schlauen Antworten. Noch keine. Sorry.

Genau da liegt der Part, an dem das P40 Pro jede Alltagstauglichkeit verliert. Denn wenn du einfach ein Phone benutzen willst, dich auf dein Gerät jederzeit verlassen willst, dann ist das P40 Pro nichts für dich. Die ganze Google-Hackerei funktioniert zwar – mal mehr, mal weniger – aber ist umständlich und unverlässlich.

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Huawei arbeitet zwar an der eigenen App Gallery, doch im Schweizer Alltag ist sie noch lange nicht so weit, dass sie den Google Play Store ersetzen kann. Und ja, das System macht Fortschritte. Der Vorsprung Googles macht sich halt bemerkbar. In zwei Jahren, einem vielleicht, kann die App Gallery wohl dem Play Store in die Wade beissen. Im Moment ist die App Gallery kümmerlich. Ich freu mich auf das P60.

Es lohnt sich wegen der Kamera

Der Grund, warum du dir überlegen solltest, weshalb du vom User zum Bastler werden solltest, dir die App Gallery und den Google Hack geben solltest, ist die Kamera. Diese ist überragend. Sie ist nicht nur gut, sie ist schlicht besser als bei der Konkurrenz. Sei das nun im Videobereich oder als Fotokamera. Die Bilder aus der Kamera sind der Wahnsinn.

Ein Dodge Challenger im Morgenlicht aus der Kamera des P40 Pro
Ein Dodge Challenger im Morgenlicht aus der Kamera des P40 Pro

Tiefen, Details, Spiegelungen… Passt alles. Selten hat mich eine Smartphone-Kamera so beeindruckt. Okay, noch nie. Selbst wenn ich gerade nicht das P40 Pro als Daily Driver habe, ich trage es im Rucksack oder der Tasche der Motorradjacke bei mir. Denn wenn du einen schönen Schnappschuss willst, dann ist das P40 Pro der König der Smartphone-Kameras.

Spannend ist, dass du manchmal siehst, wie die Kamera rechnet und wo sie die Tiefenschärfe künstlich ins Bild rechnet.

In diesem Bild ist die Tiefenschärfe künstlich reingerechnet
In diesem Bild ist die Tiefenschärfe künstlich reingerechnet

Wenn du genau hinsiehst, dann erkennst du, dass das Huawei P40 Pro sich nicht auf eine Aufnahme verlassen hat, sondern mit dem Computer bei der Tiefenschärfe nachgeholfen hat. Das erkennst du daran, dass du bei eingeklapptem Fussraster des Sozius eine Linie erkennst, wo das scharfe Bild in eine Unschärfe übergeht. Die Linie ist unnatürlich krumm. Der Computer hat sich eine logische Linie, also den Fussraster, gesucht und dort einen Verwischen-Filter drüber gelegt. Die Kamera hat schon verstanden, dass dort eine gewisse Distanz überschritten wird, in der eine Kamera im Normalfall Tiefenschärfe ansetzen würde. Dann hat sie sich gedacht: «Aber das Element ist dem Betrachter bestimmt wichtig» gedacht und den Raster scharf gelassen. Die Schrauben unten am Raster hat die Kamera aufgrund der Lichtverhältnisse nicht gesehen und rausgeholt, was sie konnte.

Hier der Bildausschnitt, der das besser zeigt. Und ja, das Bild habe ich absichtlich so geschossen, um eine unnatürliche Linie zu provozieren. In der Regel ist sie nicht so deutlich erkennbar. Wenn du weisst, dass sie da ist, dann fällt sie dann und wann wieder auf.

Die Tiefenschärfelinie ist unnatürlich krumm
Die Tiefenschärfelinie ist unnatürlich krumm

Der Night Mode ist so eine Sache. Ich mag den nicht. Die Nächte sehen immer zu künstlich aus, aber ich bin von der Technologie dahinter beeindruckt. Die Kamera sieht extrem viel und optimiert das Bild sehr gut. Keine Nacht in unseren Breitengraden hat einen blauen Himmel, wenn wir sie mit menschlichem Auge ansehen.

Wetzikon bei Nacht aus dem Huawei P40 Pro
Wetzikon bei Nacht aus dem Huawei P40 Pro

Gut, Kameralinsen sind so das eine. Viele Kameras aus Smartphones liefern gute Bilder. Huawei hat mit dem P30 Pro vorgelegt und setzt mit dem P40 Pro noch einen drauf. Nicht nur sind die Leica-Linsen schlicht besser als die Konkurrenz zu Redaktionsschluss im Mai 2020, auch die Software dahinter liefert spektakuläre Arbeit bei der Optimierung des Bildmaterials. Das geht sogar so weit, dass du im Schaufenster etwas fotografieren kannst und das Phone dir seine eigene Reflektion rausrechnet.

Die Software, oder besser das User Interface, verdient meine Kritik. Die Hitbox für die Einstellung des Zooms oder der Blendenöffnung ist nach wie vor zu klein. Es ist immer etwas mühsam, Zoom und so on the fly einzustellen. In unregelmässigen Abständen funktioniert das schlicht nicht und das kann eine Videoaufnahme komplett versauen.

Das Zoom Interface bei Videos auf dem Huawei P40 Pro
Das Zoom Interface bei Videos auf dem Huawei P40 Pro

Besser wäre es, wenn sich Huawei hier eine Scheibe von Apple abschneiden würde. Da ist die Hitbox anständig gross und der Zoom-Regler wird bei Benutzung noch grösser, damit du Feineinstellungen ohne Probleme während der Aufnahme vornehmen kannst.

Das Zoom Interface bei Videos des Apple iPhone 11 Pro Max
Das Zoom Interface bei Videos des Apple iPhone 11 Pro Max

Die beiden Hersteller dürfen gerne noch mehr voneinander abschauen. Das Fadenkreuz, das bei Apple erscheint, wenn du eine Aufnahme von gerade oben machen willst, wäre auf dem P40 Pro super. Dafür wäre die Wasserwaage des P40 Pro auf dem iPhone 11 Pro Max nicht fehl am Platz. Huawei, Apple, Wink mit dem Zaunpfahl.

Erstaunlich nützlich: Das Fadenkreuz bei Top Down Shots auf dem iPhone
Erstaunlich nützlich: Das Fadenkreuz bei Top Down Shots auf dem iPhone

Der Ton ist das Problem

Das andere, das derzeit Wichtige, sind Videos. Im laufenden Jahr geben sich Smartphone-Hersteller viel Mühe, dass ihre Kameras gute Videos aufzeichnen. Die letzte grosse Hürde scheint genommen: Die aktuellen Flaggschiffe können in einer Auflösung von 3840×2160 Pixeln mit einer Framerate von 60 Frames pro Sekunde – kurz 4K/60fps – ohne Zeitlimite aufnehmen. Zumindest so lange, bis der Speicher voll ist.

Da ist trotzdem eine zusätzliche Zeitlimite. Je nach Umgebungstemperatur überhitzt das P40 Pro schneller oder langsamer und bricht die Aufnahme ab. Bei Zimmertemperatur liegt dieser Punkt bei etwa 30 Minuten. Solltest du tatsächlich mal eine halbe Stunde am Stück drehen und die Kamera überhitzt: Leg das Phone ein paar Minuten ins Tiefkühlfach, nachdem du es in einen Tiefkühlbeutel gebpack hast. Das kühlt dir dein Phone schnell runter. Die Warnung, die nach dem Kühlen auftaucht von wegen «Blitz funktioniert nicht, Phone zu kalt» kannst du ignorieren. Das Ding wärmt sich von selbst wieder auf.

Wenn dein Phone tiefgefroren ist, dann geht der Blitz nicht mehr
Wenn dein Phone tiefgefroren ist, dann geht der Blitz nicht mehr

Huawei brüstet sich dazu mit der Bildstabilisierung. Sogar beim Laufen sollen die Schritte des Läufers ausgeglichen werden. Funktioniert wunderbar. Bis zu einem gewissen Grade wird ein Gimbal komplett überflüssig. Erst, wenn du definierte und unübliche Bewegungen willst, funktioniert die Stabilisierung nicht mehr ordnungsgemäss.

Kamerabewegungen in Fachbegriffen, wird jetzt schnell wichtig
Kamerabewegungen in Fachbegriffen, wird jetzt schnell wichtig

Wenn du rennst, dann hast du zwei Bewegungen: Dolly und Boom/Jib. Vielleicht ist da noch etwas Tilt drin, je nach Bewegung und Befestigung der Kamera. Die Kamera stabilisiert dir Boom/Jib verlässlich, schafft so einen sauberen Dolly Shot. Tilt ist etwas schwieriger, aber die Kamerasoftware kriegt auch das hin.

Als Stresstest beschliesse ich, die Geschwindigkeit drastisch zu erhöhen. Ich nehme Klebeband und klebe mir das Phone an die Brust und fahre mit dem Motorrad den Berg hinauf in Richtung Zürich. Das ist technologisch derselbe Shot: Dolly mit Boom/Jib, etwas Tilt dazu.

Das Phone hat weit mehr zu tun, muss weit mehr Rechenleistung in die Kamera stecken, als wenn ich jogge. Darum läuft das P40 Pro trotz Fahrtwind warm. Die Stabilisierung funktioniert. Wenn du die obige Footage ansiehst, dann bemerkst du, dass sich die Strasse nicht bewegt, der Lenker des Motorrads aber schon. Genau das ist die Funktion, auf die Huawei stolz ist. So weit ich das beurteilen kann, funktioniert das so: Die Kamera nimmt einen weiten Bereich auf, also viel weiter als 1920×1080. Oder sicher mit gesundem Rand. Dann sucht sich die Software Anhaltspunkte. Einen Horizont, vielleicht. Oder eine Mittellinie in der Strasse. Oder ein Strassenrand. Einfach etwas, das dem Auge des Betrachters eine ruhige Linie bietet. Dann wird die Footage gescannt und die Software setzt fest, wo im Schnitt diese Anhaltspunkte sind. Dann wird das Bild entsprechend so zugeschnitten, dass das Bild möglichst an diesen Anhaltspunkten festgemacht wird.

Die technologische Leistung hinter diesem System ist ziemlich cool. Wie schnell muss ein Computer arbeiten, damit das auch bei 4K60fps so gut hinhaut?

Wenn du die Clips oben mit Ton geschaut hast, dann ist dir aufgefallen, dass der Motor mal lauter, mal leiser brummt. Genau wie der Wind mal lauter, mal leiser weht. Das liegt an der grossen Schwachstelle einer Smartphone-Kamera: Dem Ton.

Ja, so viel Marketing-Geschwafel auch gemacht wird um das sensationelle Bild der Kamera… das Bild ist nicht das Problem. Der Ton ist die grosse Hürde. So toll die Kameras an einem Smartphone auch sein mögen, so schrottig sind die Mikrofone. Ein Smartphone hat ein Mikrofon, vielleicht zwei wenn gerade genug Platz in der Form des Phones war. Das Mikro ist winzig und für Videoaufnahmen schlicht Schrott. Es nimmt zu viel Umgebungslärm auf, hat keinen Pop-Filter der gegen Wind und das Telefon-Röcheln schützt.

Dritthersteller haben das erkannt und Mikrofone auf den Markt gebracht, die sowohl auf dem iPhone wie auch auf einigen Android-Geräten funktionieren. USB-C ist bei Mikrofonen nicht gleich USB-C. Ein erster Kurztest in Las Vegas an der CES hat gezeigt, dass Shure hier wohl die Nase vorn hat. Das Shure MV88+ liefert zumindest mit dem Huawei P30 Pro gute Dienste.

MOTIV MV88+ Video Kit (Videografie)
Shure MOTIV MV88+ Video Kit (Videografie)

Ich werde das bei Gelegenheit noch am P40 Pro testen. Bis da eine vernünftige Lösung aus dem Smartphone selbst kommt, versucht Huawei, dem Problem mit künstlicher Intelligenz beizukommen. Die AI der Kamera rechnet mit, versucht Hintergrundgeräusche so gut wie möglich herauszufiltern.

Das funktioniert nicht.

Der Motor meiner Maschine wird mal von der AI gehört und aufgezeichnet, mal nicht. Jedes Mal, wenn ich Gas gebe oder Tempo rausnehme, ändert der Motor sein Geräusch und die AI muss neu nachdenken, ob das Tuckern meines V-Twins jetzt gewollt oder Hintergrund ist. Denn bei der Fahrt in der zweiten Hälfte des Videos, nachdem das Postauto weg ist, ändere ich den Gaszug nicht und schalte auch nicht. Das Motorengeräusch bleibt konstant. Das hörst du in folgendem Clip ziemlich gut, da ich dort einem Postauto hinterherfahre, das mich zu erratischen Geschwindigkeitsänderungen zwingt.

So faszinierend das auf technologischer Ebene auch sein mag, so nutzlos ist das in der Praxis. Ich vermute, dass die ganze AI-Sache hier noch am Anfang der Entwicklung steht und dass das noch besser wird. Auf jeden Fall ist der Ersatz von Prosumer-Kameras zum Videodreh fast in greifbarer Nähe. Beim Bild sind wir schon da, aber der Ton ist das Problem.

Das Phone, das dich zum Bastler machen könnte

Ich mag das Huawei P40 Pro. Sehr, sogar. Die Kamera ist der Hammer und hat sich den Titel der aktuell besten Smartphone-Kamera verdient. Sowohl Foto wie auch Video sind überragend gut. Die Kamera ist der Grund, warum du dir die Mühe mit entweder der Nachrüstung Googles oder der Absenz Googles auf dich nehmen könntest.

Wenn du einfach ein Phone willst, das du auspacken kannst und das dann gut, verlässlich und vollumfänglich funktioniert, ohne dass du dir Mühe machen musst, dann ist das P40 Pro leider nichts für dich. Dann rate ich entweder zum Oppo Find X2 Pro oder dem iPhone 11.

Die Kamera ist das Highlight, selbst wenn die Benutzeroberfläche verbesserungswürdig ist und die AI beim Ton im Video etwas seltsam rechnet. Die Versprechen, die Huawei mit der Bildqualität macht, werden gehalten.

So. Fertig. Doch das Huawei P40 Pro ist dieses Jahr nicht das Alpha und Omega der Flaggschiffe aus dem Hause Huawei. Da kommt noch das P40 Pro+. Bei dem soll die Kamera noch mal einen Zacken mehr leisten. Es bleibt spannend.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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