digitec connect und der Tod per SMS
digitec connect und der Tod per SMS
Die vermeintliche Idylle auf dem Land
Die vermeintliche Idylle auf dem Land

digitec connect und der Tod per SMS

Oliver Herren
Zürich, am 29.01.2020
Bei der Arbeit mit unserem Mobile-Abo sind wir über viele Absurditäten gestolpert. Eine davon ist der SMS-Dienst des «Schweizer Bauern», mit dem sich Bauern, also Fleischproduzenten, über die aktuelle Marktsituation orientieren.

Gummistiefel, abgewetzte Hosen und neben sich Vreni, die Kuh. Ein Schweizer Bauer blickt auf sein iPhone. Auf dem Bildschirm steht «START TRAENKER». Der Dienst der Fleischverarbeitungsbranche, der Bauern per SMS über die aktuellen Fleischpreise informiert, entscheidet über Vrenis Leben. Für 50 Rappen pro SMS.

Es sind Dienste wie dieser, auf die das Team um Thomas Peter und ich bei der Arbeit an digitec connect, dem Mobile-Abo digitecs, gestossen sind. Doch statt nur STOPP SCHWEINE zu senden, habe ich mich in die Subkultur der Schweizer Fleischindustrie gewagt. Eine Subkultur mit ihrer eigenen Sprache und ihren eigenen Mechanismen.

START EINLEITUNG

Zuerst einmal möchte ich mich bei dir, liebe Leserin, nicht entschuldigen für den reisserischen Titel. Aber «Tod per SMS» konnte ich nicht widerstehen. Vielleicht gibt es einmal eine weitere Folge der «Die drei !!!» mit dem gleichen Titel, sozusagen der Nachfolger von «Die Handy-Falle».

Der SMS-Dienst liefert dem Abonnenten wöchentlich die aktuellen Preise für die gewünschte Kategorie Schlachtvieh. Dies für CHF 0.50 pro SMS. Dabei hat der der Schlachtung zugeneigte Bauer folgende Möglichkeiten:

  • START TRAENKER
  • START JAGER
  • START SCHWEINE
  • START PROVIANDE
  • START SCHLACHTVIEH
  • START SCHAFE

Ich versuche mir das plastisch vorzustellen. Der Bauer steht im Stall, gleich neben Vreni der Kuh. Dann kommt ein SMS mit den aktuellen Preisen. Er sieht Vreni nachdenklich an, und je nach Preis kommt ihm der eine oder andere Gedanke:

  • «Der Preis ist gut, Vreni, und deine Zeit ist damit gekommen. Jetzt liefere ich dich dem Heiner zur Schlachtbank.»
  • «Glück gehabt Vreni. Bei dem Preis darfst du noch ein bisschen Gras futtern. Hoffentlich steigt der Preis bald...sonst wird es langsam knapp mit der Abzahlung meines neuen Traktors

So ist der Tod eine Frage des Preises. Dieser Preis wird dir bequem per SMS auf dein Mobiltelefon geschickt.

Und die Komplexität der Preissetzung ist keinesfalls zu unterschätzen, wie man erstens an den vielen Abkürzungen merkt, als auch an dieser umfangreichen Erläuterung der Tränkerpreise. Als Beispiel ein Absatz aus dem Artikel:

Anfang Februar 2018 haben sich die Vertreter der Geburtsbetriebe, Viehhandel und Mäster in der Arbeitsgruppe Tränker des Schweizer Bauerverbandes (SBV) getroffen. Eine Lösung wurde nicht gefunden. Es drohte ein Scherbenhaufen. Doch im März 2018 folgte die Kehrtwende. Die Händler kehrten in die Arbeitsgruppe zurück. «Die Branchenpartner sind zur Überzeugung gelangt, dass gemeinsame Richtpreise für die Tränker sehr wichtig als Grundlage für einen fairen Markt und für die Glaubwürdigkeit des Rind- und Kalbfleischsektors gegenüber den Abnehmern und Konsumenten sind», lautete die offizielle Sprachregelung damals.

START SPRACHE

Bei den Preiskategorien bin ich über Tränker und Jager gestolpert. Die Begriffe sind mir bisher noch nie über den Weg gelaufen. Vermutlich weil ich weder Bauer noch Abonnent des «Schweizer Bauern» bin. Ich habe kurz recherchiert, um was für Preise es geht:

Tränker

Tränker sind Kälber, welche eben noch trinken und dann in in einen Mastbetrieb kommen, wo sie ohne Milch ausgemästet werden. Das mit der Milch ist da ein Thema:

In der Kälbermast lohne sich ein Tränkeregime mit Milch oder Milchaustauscher zur freien Verfügung ebenfalls, wird betont: «Es wurden höhere Schlachtgewichte erzielt, und die Gesundheit scheint positiv beeinflusst zu werden.»

Als männlicher Tränker hast du je nach Bauer Pech gehabt:

Das Ausmästen von männlichen Kälbern von Hochleistungs-Milchrassen bereitet Schwierigkeiten. Einzelne Bauern töten gemäss Angaben des Schweizer Tierschutzes solche Tränker.

Jager

Jager sind grösser als Ferkel aber noch keine ausgewachsenen Schweine. Das läuft zum Beispiel so ab:

Nach drei bis vier Wochen wechseln jeweils vier Mutterschweine mit ihren Ferkeln den Stall und beziehen den Gruppensäugestall. Nach sechs Wochen und drei Tagen Säugezeit werden die Ferkel von den Mutterschweinen separiert und wechseln in den Jagerstall. Wenn sie dann 25 bis 30 Kilo schwer sind, werden die Jager auf einen Schweinemastbetrieb geliefert.

Auf jeden Fall eine Welt für sich. Es ist immer wieder faszinierend, wie sich in jeder Branche völlig eigenständige Subkulturen bilden. Komplett mit eigener Sprache und eigenen Regeln.

START PREISE

Jetzt interessiert dich sicher, wie hoch denn die Preise aktuell sind. Hier ein kurzer Auszug aus der Liste:

Interessantes Detail: Es gibt einen RAUS-Zuschlag, der nur für McDonalds-Kühe über Bell gilt. McDonalds ist offenbar eine Nummer beim Fleischverbrauch.

STOPP FLEISCH

Generell ist irgendwann mal etwas falsch gelaufen mit dem Fleischkonsum. Davon zeugt nicht nur die bewusst geschwollene und emotional distanzierte Sprache der Website des «Schweizer Bauern». Der Konsument hat aufgrund der Industrialisierung und dem stets zu mehr Konsum verführenden Detailhandel jedes Mass verloren. Der Fleischkäufer meint auf Grund der irreführenden Werbung, er kaufe Fleisch vom lieben Vreni, das mit ein paar kleinen Kälbern fröhlich auf der Weide grast. Oder gegrast hat. Jetzt liegt Vreni abgepackt in 200-Gramm-Stücken im Kühlregal. In der Realität werden die Tiere gemästet, dies zusätzlich mit Soja, was viel weniger effizient ist, als die Landwirtschaftsflächen direkt zur Nahrungsproduktion zu verwenden. Und früher noch mit Tiermehl, was zur Bovinen Spongiformen Enzephalopathie (BSE) geführt hat. Was im verlinkten Artikel tatsächlich wieder debattiert wird. Vielleicht ist dies eine eigenwillige Interpretation von Kreislaufwirtschaft: Die Tierchen fressen somit ihre eigenen Artgenossen und werden zum Kannibalismus verdammt.

Somit ein klares Votum von meiner Seite für keinen oder einen möglichst geringen Konsum von Fleisch und tierischen Produkten. Damit schonst du nicht nur die Tiere, sondern dazu noch deine Gesundheit, deinen Geldbeutel und das Klima.

Dazu sind die meisten grösseren Epidemien auf Grund der Tierzucht oder zumindest dem Konsum tierischer Erzeugnisse verursacht worden:

  • BSE durch die Verfütterung von Tiermehl bei der Tiermast
  • Schweinegrippe H1N1, die durch Schweine im Jahr 2009 verbreitete Grippe-Pandemie, verwandt mit der Spanischen Grippe, die nach dem ersten Weltkrieg ihr Unwesen trieb
  • Vogelgrippe, die in China seit 2013 durch Geflügel verbreitet wird
  • Coronaviren wie SARS, einer Infektionskrankheit, die von Schleichkatzen und Fledermäusen übertragen wurde, welche in China offenbar als Spezialität verspeist werden
  • und der aktuellen Corona-Epidemie aus China, deren Ursprung auf einem Tiermarkt vermutet wird

Es gibt wenig, bei dem du mit einer kleinen Anpassung deiner Gewohnheiten so viel Nutzen stiften kannst. Für dich selbst und für deine Umwelt. Und Vreni freut's auch.

Für weitere Informationen zum Fleischkonsum kann ich den Dokumentarfilm Cowspiracy empfehlen.

START UMFRAGE

Isst du Fleisch?

Vegan, vegetarisch oder doch mit Fleisch, das ist die Frage.

START OLIVER

Gefällt dir der Artikel? Dann markiere diesen mit «Gefällt mir». Und willst du mehr von mir lesen: Dann folge mir. Wer weiss, vielleicht schreibe ich wieder mal was. Hast du vorerst genug von meinen Schreibkünsten, weil zu viel Text und so? Dann klick einfach weiter.

STOPP TEXT

130 Personen gefällt dieser Artikel


Oliver Herren
Oliver Herren
Chief Innovation Officer, Zürich
Cool: Schnittstellen zwischen der realen Welt und der Welt der reinen Informationen aufbauen. Uncool: Mit dem Auto ins Einkaufszentrum fahren, um einzukaufen. Mein Leben ist «online», und das Informationszeitalter ist meine Heimat.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren