HintergrundAudio

Der zweite Frühling des Pioneer SX-550

David Lee
Zürich, am 04.03.2022

Der Receiver aus den späten Siebzigerjahren sieht nach einer optischen Auffrischung richtig toll aus – und klingt auch so. Dazu bringt er mir ein Stück meiner Jugend zurück. Leider gibt es bei so alten Geräten ein grundsätzliches Problem.

Grosse Entsorgungsaktion im Elternhaus: Krempel, der sich im Lauf der Jahrzehnte angesammelt hat, wird aussortiert. Dabei treffe ich unverhofft einen alten Bekannten wieder: Den Receiver, der in meiner Kindheit unser Wohnzimmer beschallte.

Es ist ein Pioneer SX-550 aus den späten Siebzigerjahren. Ich habe eine Schwäche für Hifi-Geräte aus dieser Zeit. Einfach, weil sie schön aussehen. Silber mag ich lieber als Schwarz – und auch die analogen Anzeigen, etwa ein VU-Meter mit Nadeln, haben es mir angetan. Im Fall dieses Receivers zeigt eine Nadel den Empfang des Tuners an. Die Frequenzanzeige mit der schmalen Schrift wirkt ausgesprochen elegant.

Das Exemplar der Familie Lee sieht allerdings nicht so schön aus. Es lag jahrzehntelang im Keller, irgendwo in einer Kiste unter der Werkbank vermutlich. Jedenfalls ist es mit Holzstaub übersät. Auch sonst ist es stark verschmutzt.

Eigentlich sieht der Pioneer SX-550 schön aus. Nur jetzt gerade nicht.
Eigentlich sieht der Pioneer SX-550 schön aus. Nur jetzt gerade nicht.
Erstaunlich, dass der überhaupt noch läuft.
Erstaunlich, dass der überhaupt noch läuft.

Ich schliesse testweise ein paar Boxen an. Aufgrund des desolaten Äusseren des Geräts erwarte ich nichts. Doch erstaunlicherweise schaltet sich das Ding nicht nur ein, sondern gibt auch Töne von sich. Es klingt sogar richtig gut. Am meisten verblüfft mich, dass die Potentiometer noch völlig in Ordnung sind. Egal, ob ich am Bass, an den Höhen, der Balance oder an der Lautstärke drehe: Nichts knistert.

Ich beschliesse, den Receiver mit nach Hause zu nehmen.

Kleiner Service

Mit Staubsauger und einem feuchten Lappen bewaffnet, entferne ich zuerst den gröbsten Schmutz von aussen. An der Front befinden sich hässliche und nicht mehr aktuelle Senderbeschriftungen, die sich grösstenteils gut ablösen lassen. Die mit Klebstreifen selbst gebastelten sind allerdings ziemlich hartnäckig.

Weg mit den Klebern, freie Sicht auf die Mittelwelle!
Weg mit den Klebern, freie Sicht auf die Mittelwelle!

Im Inneren des Geräts hat es sich eine Spinne gemütlich gemacht. Ich entferne ihre Hinterlassenschaften, so gut es geht. Von den drei Glühbirnen, welche die Front-Anzeige beleuchten, funktioniert nur noch eine. Die Lämpchen lassen sich aber nicht einfach auswechseln, sie sind fix verlötet. Ich begnüge mich fürs Erste damit, die noch funktionierende Birne vom Rand in die Mitte zu verlegen.

Von den drei Glühbirnen brennt nur noch eine.
Von den drei Glühbirnen brennt nur noch eine.

Als Nächstes ziehe ich die verschiedenen Regler heraus, um sie und die Frontplatte besser reinigen zu können. Mit Isopropanol komme ich schnell auf ein befriedigendes Ergebnis.

An den Seiten des Geräts befinden sich Holzspanplatten. Sie sind mit einer Holz-Dekorfolie beschichtet. Also so ein Fake-Holzmuster. Diese Beschichtung löst sich am Rand ab. Glücklicherweise lässt sie sich sehr einfach ohne Rückstände komplett entfernen.

Lieber ganz weg als nur halb.
Lieber ganz weg als nur halb.

Ich könnte nun eine neue Dekorfolie aufzutreiben und darüber kleben. Stattdessen entschliesse ich mich, die Platten schwarz zu streichen. Schliesslich ist auch die Deckplatte schwarz. Drei verschiedene Oberflächen – Silber, Schwarz und Holzmuster – das scheint mir designtechnisch nicht optimal. Lieber nur zwei.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ohne Holzmuster gefällt mir der Receiver noch besser.
Ohne Holzmuster gefällt mir der Receiver noch besser.

Und noch viel erfreulicher: Der Oldie klingt phänomenal! Der Sound ist klar, ausgewogen und angenehm. Im Gegensatz zu anderen Verstärkern komme ich hier niemals in Versuchung, am Equalizer herumzuschrauben. Es gibt schlicht keinen Optimierungsbedarf.

Komplette Revision?

Natürlich könnte ich noch viel mehr machen. Neue Glühbirnen einlöten. Das Ding auseinander schrauben und gründlicher reinigen. Die Drehregler knistern zwar nicht, die Knöpfe teilweise aber schon. Die sind wohl verschmutzt.

Da ich das Gerät liebe, würde es sich lohnen, noch mehr Arbeit hineinzustecken. Aber es gibt ein Problem: Die Kondensatoren sind über 40 Jahre alt. Sie können jederzeit den Geist aufgeben. Ich denke, wenn ich wesentlich mehr Aufwand betreibe, muss ich auch die Kondensatoren auswechseln. Da bin ich mit meinem jetzigen Kenntnisstand leicht überfordert. Aber vielleicht ändert sich das in nächster Zeit – ich halte dich auf dem Laufenden.

Bis dann steht der Receiver im Wohnzimmer, wo er guten Sound und gute Laune macht. Hoffentlich noch lange.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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