Kritik

«Crushed in Time» durchbricht die Zeit und die vierte Wand

Mit «Crushed in Time» kommt ein neues Point-and-Click-Adventure im Comic-Look mit überraschendem Twist. Das Studio Draw Me A Pixel verwandelt ihr gesamtes Spiel in einen elastischen Spielplatz, bei dem ich mehr als ein Mal um die gummiartige Ecke denken muss.

Die Protagonisten von «Crushed in Time» könnten Genre-Fans bekannt vorkommen: Nach ihrem Auftritt in «There is No Game: Wrong Dimension» sind Sherlock Holmes und Dr. Watson zurück, um einen kniffligen Fall in diesem Point-and-Click-Adventure zu lösen. Ein mysteriöser Brief flattert den beiden Detektiven in die Hände und sie machen sich auf, den Urheber zu finden und dessen kryptische Nachricht zu verstehen. Dazu reisen Holmes und Watson nicht nur durch die Gegend, sondern durch die Zeit. Um genau zu sein: durch die Entwicklungszeit des Spiels. Von Spielversion 0.1 über Patch 1.0 und noch weiter!

Ein flexibles Abenteuer, in dem du alles manipulierst

«Crushed in Time» spielt mit dem Konzept der vierten Wand und lässt dich tief in die Entwicklung eines Videospiels blicken. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zu Beginn erfährst du aus dem Eröffnungsfilm, dass eine Figur im Spiel verschwunden ist und es deshalb Review-Bombing der übelsten Art gibt. Jetzt liegt es an dir, in das Spiel zu springen, und das Schlimmste zu verhindern. Dabei übernimmst du nicht die Rolle von Holmes oder Watson, sondern betrachtest ihr Abenteuer aus Sicht eines Entwicklers. Du lenkst die Geschichte in die geplante Richtung, indem du die Welt und ihre Figuren mit der Maus auf verschiedene Art und Weise manipulierst.

Lasse den Mauszeiger im richtigen Moment los, um Watson die Kraft zu geben, den Weg freizuräumen.
Lasse den Mauszeiger im richtigen Moment los, um Watson die Kraft zu geben, den Weg freizuräumen.

Schon auf dem Startbildschirm wird die wichtigste Mechanik von «Crushed in Time» präsentiert: Absolut alles im Spiel kann angeklickt und langgezogen werden, als sei es aus Gummi. Bereiche, in denen es eine spielrelevante Mechanik oder Aktion auslöst, sind mit einem kleinen weißen Punkt gekennzeichnet. Das funktioniert intuitiv und strapaziert nur selten die Nerven, wenn das Spiel auf millimetergenaue Ausrichtung besteht. Indem du den Button für «Abenteuer» mit der Maus ziehst, startest du das Spiel. Im Kern handelt es sich um ein klassisches Point-and-Click-Adventure.

Zäh wie Gummi? Von wegen! Erfrischend anders

Obwohl das Spiel sich von Zeit zu Zeit ein wenig öffnet und beispielsweise in Häusern mehrere Räume zum Erkunden zur Verfügung stehen, ist dein Bewegungsradius stark eingeschränkt. Oft musst du dich nur wenige Meter bewegen, um den nächsten Schritt in der Story zu machen. In anderen Genrevertretern wie «Deponia» durchquerst du manchmal zahlreiche Bildschirme und schleppst Gegenstände Ewigkeiten mit dir herum, bis sie endlich zum Einsatz kommen.

Das ist ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Point-&-Click-Adventures: In «Crushed in Time» gibt es keine Item-Tasche, in der du Gegenstände sammelst, um sie später zu verwenden. Da du kein echter Teil der Geschichte bist, sondern sie als Außenstehender vorantreibst, und an den Ecken der Programmierung ziehst, hast du keine Besitztümer. Gegenstände, die an anderer Stelle gebraucht werden, schnippst du über den Bildschirm oder nutzt andere Mechaniken, um sie zu platzieren. Alles im Spiel ist darauf ausgelegt, dass Holmes und Watson auf wundersame Weise vorankommen, während du ihre Probleme löst. Ohne dich wären die beiden verloren.

How to make a Videospiel

Im Laufe des Spiels gesellen sich weitere Mechaniken hinzu, was das rund sieben Stunden lange Abenteuer auflockert. Kaum habe ich langsam genug davon, Holmes zu schubsen und an Bäumen zu rütteln, hat das Spiel etwas Neues für mich parat. Holmes und Watson reisen durch die Zeit und besuchen nicht nur neue Schauplätze, sondern auch unterschiedliche Momente im Programmierprozess des Spiels. Die meisten Abschnitte spielen sich sehr unterschiedlich

In frühen Entwicklungsstadien (Version 0.1, 0.5, usw.) von «Crushed in Time» sind viele Gegenstände und Figuren schemenhaft dargestellt oder haben noch sichtbare Hitboxen, die im fertigen Game nicht mehr zu sehen sind. Auch ihre Funktionen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll implementiert. Über verschiedene Buttons am oberen Bildschirmrand kannst du beispielsweise auswählen, ob du einen Gegenstand per Mausklick verschieben oder aktivieren möchtest. Eine Wolke kann so von links nach rechts bewegt werden, bevor du ihr die Aktion des Regnens zuschreibst. Nach dieser Logik funktionieren einige Rätsel im Spiel, die sonst unsichtbare Verzahnungen in der Programmierung sichtbar machen. Durch die vereinfachte Darstellung ist es verständlich und gibt gleichzeitig spannende Einblicke für alle, die sich noch nie damit beschäftigt haben.

«Crushed in Time» hat einen charmanten Comic-Style, der sich im Laufe des Spiels verändert.
«Crushed in Time» hat einen charmanten Comic-Style, der sich im Laufe des Spiels verändert.

Besonders gefällt mir der Entscheidungsbaum, den vermutlich jeder von uns schon einmal in einer Zeitschrift gesehen hat. Fragestellungen wie «Welches Harry-Potter-Haus passt am besten zu dir?» sind bestens dafür geeignet. Eine Antwort leitet dabei immer zu einer passenden Anschlussfrage, bis irgendwann das Ergebnis ausgespielt wird. In «Crushed in Time» musst du die Antworten so manipulieren, dass sich die Geschichte in die gewünschte Richtung entwickelt.

Mein Problem mit dem Hinweissystem

Während ich auf dem Bildschirm alles Mögliche langziehe, verschiebe und aktiviere, stoße ich auf zusätzliche Rätsel, bei denen ich meine grauen Zellen ordentlich ankurbeln muss. Während Holmes und Watson beim Herumprobieren der Umgebungsrätsel gerne ein paar versteckte Hinweise fallen lassen, sind sie bei den statischen Rätseln weniger hilfreich. In jedem Level bekommst du mindestens ein schwieriges Rätsel, für dessen Lösung du genretypisch Hinweise in der Umgebung finden musst oder einfach so lange herumprobierst, bis alles passt. Ein plötzlich aufploppendes 8-Bit-Spiel hat mich fast an den Rand der Verzweiflung getrieben, da es keine Erklärungen dazu gab, und aufgrund stetig blinkender Elemente und Spielhallen-Sound keinen Platz zum Denken liess.

Dieses Pixelspiel hat an meinen Nerven gezehrt.
Dieses Pixelspiel hat an meinen Nerven gezehrt.

Am rechten Bildschirmrand kannst du dir bei Bedarf Hinweise anzeigen lassen. Meistens macht das Spiel einen guten Job darin, die Hinweise an das aktuelle Geschehen anzupassen. Ab dem zweiten Drittel ist mir allerdings vermehrt aufgefallen, dass sich die Tipps auf Rätsel beziehen, die noch gar nicht zu sehen sind.

An anderer Stelle sind die Tipps zu vage formuliert. Trotz fünf geöffneter Hinweise musste ich mich mit Trial and Error durchkämpfen. Versteh mich nicht falsch: Ein paar Knobelaufgaben gehören definitiv in das Game. Wenn ich nach 20 Minuten aber die Lust verliere, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, schmälert das den Spielspaß enorm. Hier hätte ich mir eine Möglichkeit gewünscht, die Minispiele zu überspringen.

«Manipuliere die Umgebung so, dass Watson seine Kerze anzünden kann. Ohne dich schafft er das vermutlich nicht.
«Manipuliere die Umgebung so, dass Watson seine Kerze anzünden kann. Ohne dich schafft er das vermutlich nicht.

«Crushed in Time» erscheint am 10. Juni 2026 für PC. Die Testversion wurde mir von Draw me a Pixel zur Verfügung gestellt.

Fazit

Ein aberwitziges Spiel auf Meta-Ebene mit Stolpersteinen aus Gummi

Die ersten Minuten des Spiels bin ich mir nicht sicher, ob die Gummi-Mechanik von «Crushed in Time» eine Innovation ist oder die Geschichte wortwörtlich in die Länge zieht. Die Entwickler zeigen aber viel Innovation und lassen sich spannende Twists einfallen, die mich von Level zu Level tragen. Mir gefällt das Ganze überraschend gut.

Sherlock Holmes und Dr. Watson führen eine aberwitzige Hassliebe, die beinahe minütlich über Sprüche und Aktionen zur Schau gestellt wird. Die englische Vertonung mit den deutschen Untertiteln funktioniert wunderbar und der Comic-Look besticht durch seine klaren Linien ohne viel Ablenkung. «Crushed in Time» ist auf das Wesentliche reduziert und stößt dich mit der Nase regelrecht auf alles, was du sehen sollst. Selbst dann, wenn es den Anschein hat, halb fertig zu sein, und noch in Entwicklung zu stecken.

Mit dieser Mischung aus «fertigem» und «unfertigem» Spiel zeigen Draw Me A Pixel auf charmante Weise interessante Einblicke in den Entstehungsprozess eines Spiels.

Pro

  • Die Dynamik zwischen Holmes und Watson ist herrlich geschrieben
  • Stetige Anpassungen des klassischen Gameplays bringen Abwechslung
  • englische Vertonung gut gelungen
  • interessante Idee, eine Meta-Ebene einzubauen
  • verrückte Story für Zwischendurch

Contra

  • Hinweissystem ausbaufähig
  • Schwierigkeit der Rätsel nicht ausbalanciert
  • Hitboxen manchmal unnötig klein

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Ich hatte als Kind weder einen Gameboy noch einen Super Nintendo. Darum stieg ich erst mit fünfzehn Jahren in die Welt des Gamings ein. Seither versuche ich, den Rückstand mit allen Mitteln gutzumachen. Schaue ich mir die jährlich steigende Zahl der Game-Releases an, scheint sich aber die gesamte Branche gegen mich verschworen zu haben. 


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