Das Mikrofaser-AR-Tuch ist noch das Beste: Der GJS GEIO ist alles andere als ein cooler Gaming-Roboter.
Das Mikrofaser-AR-Tuch ist noch das Beste: Der GJS GEIO ist alles andere als ein cooler Gaming-Roboter.

Billig, billiger, GJS GEIO – Gaming-Roboter für Anspruchslose

Raphael Knecht
Zürich, am 18.05.2020
Der GJS GEIO verspricht viel Action und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, das Programmieren zu lernen. Doch der Schuss geht gründlich nach hinten los: Nicht nur fällt der Spass flach, sondern auch das Coding leidet.

Ein Traum für jeden Actionliebhaber, Robotikfan und Codingfreak – so wirken die Marketingslogans des GJS GEIO auf mich. «GEIO ist der erste FPS-Gaming-Roboter, ausgestattet mit einem intelligenten Erkennungssystem, AR Games und einem High-Speed-Antriebssystem. Als ein Pionierprodukt, das Robotics mit Gaming kombiniert, bringt dir GEIO das eindrücklichste Robotic-Gaming-Erlebnis.» Das klingt alles verdammt spannend und actiongeladen. Ich bin sofort Feuer und Flamme, meine Gamer- respektive Robotik-Augen leuchten und ich will die Dinger unbedingt testen.

Unboxing: Ein Kabel, ein Tuch und viel Papier

Die Box mit dem GJS GEIO ist für die eher handlichen Ausmasse von ungefähr 20 mal 20 mal 20 Zentimetern überraschend schwer. Über ein Kilogramm wiegt das Ding, der Roboter selbst ist etwas mehr als 700 Gramm schwer. In der Kartonschachtel befinden sich nebst dem Roboter auch noch ein etwas zu kurz geratenes Ladekabel, ein Tuch mit GEIO-Aufschrift und diverse bedruckte Papierbögen. Eine Kurzanleitung ist dabei, einige Schilder mit Symbolen wie Feuer, Herzen oder Flaggen. Das sind Zielscheiben, wie sich später herausstellt. Auch Kleber im schwarzweissen Militärlook finde ich in der Verpackung.

Die Verpackung macht designtechnisch einiges her, der Inhalt hält sich in Grenzen.
Die Verpackung macht designtechnisch einiges her, der Inhalt hält sich in Grenzen.

Den GJS GEIO gibt's in blauer und roter Kriegsbemalung. Die LEDs an den Beinen, am Hinterteil und an der Kanone leuchten auf Wunsch blau, rot, violett oder gar nicht. Das Minidisplay an der Vorderseite neben der Kamera soll wohl das Auge des Roboters darstellen. Mich zumindest erinnert der sich öffnende und schliessende Kreis an ein Auge, das mir zuzwinkert. Der GEIO steht auf vier Füssen, die alle mit Räder bestückt sind und jedes in eine der vier Himmelsrichtungen zeigt. So kann sich der Roboter frei bewegen.

Das Auge Saurons? Wohl eher nicht – aber es sieht dennoch alles.
Das Auge Saurons? Wohl eher nicht – aber es sieht dennoch alles.

Specs & Features: Wirklich viel steckt da nicht drin

Die Kamera hat gemäss GJS eine Auflösung von 300 000 Pixeln, mehr Infos dazu finde ich nicht. Ausser, dass sie Dinge in einer Entfernung zwischen 50 Zentimetern und zwei Metern erkennt. Ich nehme stark an, dass damit vor allem die Symbole auf den Papierkarten gemeint sind. Die 2000mAh-Batterie ist in ungefähr zwei Stunden geladen. Eine volle Ladung reicht für eine halbe Stunde Spielzeit. Der Roboter besteht aus Plastik und einer Metalllegierung, ist also ziemlich stabil – daher auch sein eher hohes Gewicht.

Die Räder sind in einer Art Kreis angelegt, damit der GEIO in jede Richtung fahren kann.
Die Räder sind in einer Art Kreis angelegt, damit der GEIO in jede Richtung fahren kann.

Den GJS GEIO steuere ich wahlweise mit einem Handy oder einem Tablet – die App gibt's sowohl für iOS als auch für Android. Ich kann mir auch noch eine weitere App, die GEIO EDU, herunterladen. Diese ist nur fürs Programmieren gedacht, ist aber in der normalen GJS-GEIO-App bereits inklusive. Daher kann ich sie getrost weglassen und nur mit der Haupt-App arbeiten. Egal, ob mit Smartphone oder Tablet: GJS gibt eine Reichweite von 70 Metern an, aus denen ich den GEIO steuern kann. Das ist aber viel zu weit weg, um ihn vernünftig kontrollieren zu können. Die 10 bis 20 Meter, aus denen ich ihn gesteuert habe, funktionieren einwandfrei und ohne Unterbrüche.

Der Startbildschirm der App zeigt dir links vier der acht Modi, inklusive Mini-Preview rechts.
Der Startbildschirm der App zeigt dir links vier der acht Modi, inklusive Mini-Preview rechts.

Spielmodi: Ein netter Versuch, mehr nicht

Jetzt geht's ans Eingemachte: Die Gaming Modes. Damit prahlt GJS schon auf der Verpackung. Ich bin schon seit dem Auspacken misstrauisch. Das Ding wirkt zwar massiv, aber irgendwie unbeweglich und auf den zweiten Blick billig. GEIO sei der erste Consumer Gaming Robot inklusive intelligentem visuellem Erkennungssystem. Durch seine Beweglichkeit und den hohen Speed seien dem Roboter-Gaming kaum mehr Grenzen gesetzt. Und: Der GJS GEIO sei eine leistungsstarke Maschine auf dem mechanisiertem Schlachtfeld. Ganz schön viel Gerede.

Auch die Position der Gun kannst du in der App justieren.
Auch die Position der Gun kannst du in der App justieren.

Ich will endlich wissen, was das Teil draufhat und schalte den Roboter am einzigen Button ein. Die LEDs an Beinen und Hinterteil leuchten, auf dem Minidisplay erscheint das Auge Saurons und die Gun beginnt, sich zu bewegen. Was ich dann höre, kann ich kaum glauben: Die verbauten Gelenke und Motoren erzeugen schon beinahe ohrenbetäubende Geräusche, und zwar bei jeder einzelnen Bewegung. Muss das wirklich so klingen? Ich glaube nicht. Nicht nur die eigene Katze, sondern jedes Tier im Umkreis von einem Kilometer dreht sich bei diesem Lärm um.

Die Qualität der Kamera lässt zu wünschen übrig.
Die Qualität der Kamera lässt zu wünschen übrig.

Der GJS GEIO bietet sieben Spielmodi und einen Coding-Modus. Die Spiele umfassen «Wettkampf», «Entdecken», «Kampf», «Ritter», «Fahren», «Schatzjagd» und «AR». Im «Wettkampf»-Modus bereite ich eine beliebige Strecke vor, die meine Mitstreiter und ich mit demselben Roboter abfahren müssen. Am Ende der Strecke stelle ich das Grüne-Flaggen-Symbol auf. Nacheinander fahren wir die Strecke ab und scannen zum Abschluss die grüne Flagge. Gewonnen hat, wer den GJS GEIO am schnellsten durch den Parcours manövriert. Es käme beinahe Spass auf, wenn das Scannen der Flagge nicht so buggy wäre. Im Modus «Entdecken» ist der Name Programm: Ich fahre mit dem Roboter durch die Gegend. Dabei mache ich Fotos und Videos. Den GEIO steuere ich entweder, indem ich ihn beobachte und schaue, wohin ich ihn fahre, oder ich kontrolliere ihn über die Onboard-Kamera auf meinem Handy oder Tablet. Das gestaltet sich schwierig, da die Steuerung ziemlich unpräzise ist – kein Vergleich mit dem geradlinigen Feedback des RoboMasters von Dji. Nach ein paar Sekunden ist auch bei diesem Modus die Luft raus.

Der GJS GEIO auf der verzweifelten Suche nach der grünen Flagge.
Der GJS GEIO auf der verzweifelten Suche nach der grünen Flagge.

Für den «Kampf»-Modus brauche ich einen Gegner, der ebenfalls einen GJS GEIO besitzt. Dann stehen wir uns im Duell gegenüber und versuchen mit einer Lichtgun mehr Treffer als das Gegenüber zu landen. Mit im Kampfgebiet aufgestellten Symbolen wie beispielsweise einer Flamme verleihe ich dem Kampf zusätzliche Würze und upgrade denjenigen Roboter mit extra Feuerkraft, der das Symbol scannt. Auch eine Schnecke gibt es, die den Gegner langsamer macht. Treffer erzielst du, indem du die Sensoren des anderen Roboters trifft, welche sich an den Beinen, am Hauptelement und an der Kanone befinden. Das Ganze ist eigentlich ziemlich witzig, aber nur dann, wenn der Gegner genauso schlecht fährt, zielt und schiesst wie du selbst. Sonst hast du keine Chance und der Spass ist auch im «Kampf»-Modus schnell vorbei. Im «Ritter»-Modus sind wieder zwei Roboter und zwei Spieler notwendig. Gespielt wird auf dem Handy oder Tablet, aber ohne Kamera. Das heisst, ich muss meinen Roboter durch Neigen des Handys und dem Beschleunigungsbutton steuern. Punkte gibt es, wenn ich meinem Gegner in die Beinsensoren fahre – wie in einem echten Ritterduell eben. Hier kommt bei mir gar nie wirklich Freude auf, da die Steuerung einfach zu grob ist und kein ernster Kampf entsteht. Die wenigen Zufallstreffer helfen da nicht wirklich.

Verstecken passiert – wie alles andere – eher zufällig, da die Steuerung alles andere als präzise ist.
Verstecken passiert – wie alles andere – eher zufällig, da die Steuerung alles andere als präzise ist.

Der «Fahren»-Modus ist noch simpler als «Entdecken»: Ich lenke den Roboter, indem ich mein Handy nach links oder rechts neige. Mittels Schieberegler lege ich dabei den Speed fest, zwei weitere Buttons ermöglichen mir das Drehen an Ort und Stelle. Ist so langweilig, wie es klingt. Die «Schatzjagd» spiele ich zu zweit: Irgendwo im Raum stelle ich das grüne Diamantensymbol auf. Nach dem Countdown geht's los: Zuerst müssen mein Konkurrent und ich das Symbol finden und es scannen. Wem dies zuerst gelingt, der ist im Besitz des Schatzes und muss ihn so lange wie möglich halten. Sobald die Zeit abgelaufen ist, hat gewonnen, wer den Schatz länger sein Eigen nennen durfte. Dieser Modus erinnert mich an «Capture the flag». Je nach Gegner macht dieser Modus Spass: Nämlich dann, wenn dieser so schlecht ist wie ich. Im «AR»-Modus klebe ich dem GJS GEIO sieben Kleber im Tarn-Look auf, lege das mitgelieferte GEIO-Tuch daneben und los geht die Augmented-Reality-Schlacht. Virtuelle Geschütztürme errichten sich vor der Nase meines Roboters, Heerscharen von Panzern nähern sich und auch fliegende Gegner preschen heran. Das Ganze ist vorbei, sobald ich alle Feinde – oder sie dich – niedergeschossen habe. Dafür brauche ich aber eigentlich keinen Roboter und kein Tuch, das geht auch ganz normal mittels Handy-Game. Ich finde diesen Modus daher unnötig.

Ein wildes Durcheinander – halb Realität, halb Fiktion.
Ein wildes Durcheinander – halb Realität, halb Fiktion.

Coding: Chaotisch, unfertig und nichts für Anfänger

Die Coding-Funktion nehme ich auch unter die Lupe, obwohl der GJS GEIO vom Hersteller eindeutig als Gaming-Roboter beworben wird. Dennoch will ich wissen, ob er mit Dji RoboMaster, Sphero Bolt, Ozobot Evo und Co. mithalten kann. In der App wähle ich, ob ich selbst ein Programm schreiben will oder ob ich einen vorgefertigten Code ansehen möchte. Diesen kann ich dann in Action sehen. Was mir gut gefällt, ist die Tatsache, dass ich mittels optischer Hervorhebung erkenne, welches Element gerade vom Roboter benutzt respektive angewandt wird. Damit hat es sich dann aber auch schon mit dem Positiven. Denn: Die vordefinierten Programme sind alles andere als intuitiv. Es gibt keine Erklärung dazu, was die einzelnen Bausteine und Codes sollen. All das muss ich selbst herausfinden. Dies macht die vom Hersteller mitgelieferten Programme undurchsichtig und unverständlich.

Chinesisches Chaos pur: Die Coding-Funktion der App.
Chinesisches Chaos pur: Die Coding-Funktion der App.

Also erstelle ich mein eigenes Programm mit den Scratch-Code-Bausteinen. Ich habe bereits bei anderen Roboter-Reviews damit gearbeitet und weiss daher mehr oder weniger, was welche Bausteine bewirken. Auch beim GJS GEIO finde ich farbliche Unterschiede in den Bausteinen: Jede Farbe steht für einen anderen Befehl. Alle Events sind rot, alle Bewegungen blau und alles, was den Display betrifft, ist gelb. So sollte es zumindest sein. Denn sobald ich eine Kategorie auswähle und sie öffne, wechseln die Farben. In der orangen Sensor-Kategorie sind die Bausteine grün. Wieso? Das stiftet nur Verwirrung. Zudem sind einige Variablen in Chinesisch angegeben. Obwohl ich die App deutsch eingestellt habe, sind alle Bausteine englisch angeschrieben – abgesehen von den chinesischen Zeichen und der russischen Erfolgsnachricht im «AR»-Modus. Der GJS GEIO hält sich auch nicht an alle Anweisungen, die er von den Bausteinen kriegt, weder bei eigenen noch bei vordefinierten Programmen. So macht das keinen Spass… und lernen tu ich auch nichts.

Wieso wird aus Orange Grün? So macht Programmieren keinen Spass.
Wieso wird aus Orange Grün? So macht Programmieren keinen Spass.

Fazit: Danke, aber nein, danke!

Auf dem Papier hat alles so gut angefangen: Die Marketingslogans von GJS liessen meine Erwartungen in die Höhe schnellen. Dann aber folgt die Ernüchterung. Keiner der sieben Spielmodi hat mich auch nur ansatzweise derart gereizt, als dass ich ihn ein zweites Mal ausprobieren würde. Spass kam zwar bei «Wettkampf», «Kampf» und «Ritter» auf, dieser flachte aber schnell wieder ab. Für ein paar Minuten Fun würde ich niemals 200 Franken (Stand 18.05.20) ausgeben. Ausserdem bräuchte ich für die Modi, die mich immerhin ein bisschen unterhalten haben, jemanden, der ebenfalls Geld aus dem Fenster geworfen und einen GJS GEIO gekauft hat. Daher auch meine Empfehlung: Finger weg!

GJS GEIO oder wo der Schein trügt: Eine Enttäuschung auf ganzer Linie.
GJS GEIO oder wo der Schein trügt: Eine Enttäuschung auf ganzer Linie.

Nach der Enttäuschung rund um den GJS GEIO – übrigens: was für ein doofer Name – brauche ich nun dringend wieder ein Roboter-Erfolgserlebnis. Ich werde mich auf die Suche machen, unser Sortiment umkrempeln und potenzielle Kandidaten reviewen. Willst du stets up-to-date sein und keine Robotik- oder Gadget-Highlights mehr verpassen, dann folge mir mit einem Klick auf den «Folgen»-Button beim Autorenprofil.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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