Ozobot Evo Review: Keiner zu klein, ein Programmierer zu sein

Raphael Knecht
Zürich, am 20.03.2020
Roboter, die dir das Programmieren näherbringen, gibt's wie Sand am Meer. Dass sie so winzig sind wie der Ozobot Evo, ist selten. Doch der Schein trügt: Der golfballgrosse Däumling hat's faustdick hinter den Ohren.

Will ich einen Roboter, der mir das Programmieren lehrt? Nein. Ich will einen Roboter, mit dem ich spiele und dabei – möglichst, ohne es zu merken – etwas lerne. Genau das bezweckt Ozobot mit dem Evo: Einschalten, App downloaden und schon bin ich im Coding Screen «gefangen». Einige Stunden später habe ich diverse Programme geschrieben, von einfach bis komplex. Und ich habe grossen Spass dabei. In den Programmierpausen probiere ich einige Minispiele aus, die mich zum Schmunzeln bringen. Evo ist kaum grösser als ein Golfball, hat aber alles, was ich mir von einem programmierbaren Roboter wünsche.

Unboxing: Viel Inhalt, aber nicht in der Verpackung

Doch zurück zum Anfang: Der Ozobot Evo wirkt wie R2-D2 vor, einfach eine Bazillion mal kleiner. Die Verpackung hingegen ist fast so gross wie der «echte» Astromech-Droide aus dem Star-Wars-Universum. «Dein kreativer Begleiter mit einem Herz aus Code.» So nennt sich der Evo auf der Schachtel. Das aufgedruckte Marketinggeschwätz verspricht ganz schön viel Inhalt für einen so winzigen Roboter. Ich bin gespannt, ob der Kleine hält, was die grosse Box verspricht.

Im Innern der Schachtel befinden sich ausser vier Filzstiften in den Farben Schwarz, Rot, Grün und Blau, einem ultrakurzen Micro-USB-Ladekabel und ein paar Bögen Papier nichts. Das muss Ozobot dringend ändern – im heutigen Zeitalter ist das weder nachhaltig noch ökologisch korrekt. Das und die Riesenschachtel, das darf einfach nicht sein.

Wieso braucht ein so kleiner Roboter eine so grosse Verpackung?
Wieso braucht ein so kleiner Roboter eine so grosse Verpackung?

Ich bezweifle es, gebe ihm aber dennoch eine faire Chance und lade ihn für mein Review voll auf. Das dauert ungefähr 55 Minuten. Damit soll ich etwa eine halbe Stunde lang spielen und programmieren können. Danach stelle ich den Roboter auf einen grossen schwarzen Punkt, der auf dem beiliegenden Konfigurationsbogen zu finden ist, drücke den Power Button und schon wird der Ozobot Evo geeicht. Sprich, ich setze ihn auf einen schwarzen Punkt, er piepst drei Mal und die eine LED blinkt wenige Sekunden später grün – er ist einsatzbereit.

Specs: Wenn der Schein trügt

Die robuste Polycarbonathülle ist, wie beim Sphero Bolt, transparent. So sehe ich die Innereien des Evo auf einen Blick. Die schwarzen Farbtöne der Hauptplatine gefallen mir gut und passen zum dunklen Miniroboter. Im Gegensatz zum helleren Sphero bringt das Schwarz die LEDs besser zur Geltung. Er wirkt dadurch auch gefährlicher und mysteriöser. Es gibt ihn auch in weisser Ausführung, ich habe die schwarze Variante getestet. Via Bluetooth-Verbindung kann ich ihn aus einer Entfernung von bis zu neun Metern steuern. Das will ich aber gar nicht, denn von so weit weg würde ich ihn kaum mehr erkennen.

Klein, aber oho: So sieht der Ozobot Evo aus der Nähe aus.
Klein, aber oho: So sieht der Ozobot Evo aus der Nähe aus.

Der Ozobot Evo besitzt vier Abstandssensoren – zwei vorne und zwei hinten. Damit erkennt er Hindernisse und umfährt sie, rollt vor sich nähernden Objekten davon oder vollführt Tricks. Die optischen Sensoren, die an der Unterseite des Roboters angebracht sind, ermöglichen ihm, Linien zu erkennen und Farb-Codes zu lesen. Der durchsichtige Miniroboter besitzt ausserdem sechs LEDs: Fünf Lampen sind nach vorne gerichtet und eine nach oben – letztere ist auch gleich die Status-LED. Ausserdem spricht der Ozobot Evo: Er hat einen Lautsprecher, der auf Knopfdruck fast 200 Laute von sich gibt.

Spielen: Für Jugendliche gemacht, auch für Erwachsene unterhaltsam

Ozobot packt in seiner App das Spielen und Programmieren unter einen Hut. Während ich beim Sphero Bolt eine separate App downloaden musste, wenn ich ihn nicht nur programmieren, sondern auch damit spielen wollte, steckt bei Ozobot alles in einer App (für iOS und Android erhältlich).

In der übersichtlichen App findest du alle Spiele auf einen Blick.
In der übersichtlichen App findest du alle Spiele auf einen Blick.

Im Drive-Modus bewege ich den Evo in alle Richtungen, ändere seine Geschwindigkeit oder lasse ihn einer schwarzen Linie folgen. Um das Ganze aufzupeppen, verpasst Ozobot dem Roboter Sounds: Vom teuflischen Lachen über Schnarchen bis hin zum Wutausbruch ist alles dabei. Eigene Sounds können nicht aufgenommen werden – leider. Auch die LEDs kann ich einzeln ansteuern und ihm so einen Regenbogen-Look verpassen. Herstellerseitig programmierte Moves führt der Evo an Ort und Stelle auf Knopfdruck aus. Er folgt meinem Finger oder entfernt sich davon, rollt einen imaginären Laufsteg entlang oder dient mir als Musikinstrument – die Ozobot-Sensoren fungieren dabei als Tasten.

Der Evo in seinem Element: Er erkennt Linien und Farben und reagiert darauf.
Der Evo in seinem Element: Er erkennt Linien und Farben und reagiert darauf.

Im Ozolaunch-Modus spiele ich mit Evo Robotergolf. Der Ozobot ist der Golfball, die App mein Schläger und grüne, blaue, rote sowie schwarze Kleber die Löcher. Zuerst verteile ich auf einer möglichst hellen Fläche die farbigen Kleber – oder zeichne alternativ selbst welche auf weisses Papier und klebe sie auf eine helle Unterlage. Dafür verwende ich die mitgelieferten Ozobot- oder auch handelsübliche Filzstifte. Das Spiel startet, sobald ich den Evo auf den schwarzen Punkt lege. Dann erscheint auf dem Handy- oder Tablet-Bildschirm die erste Farbe, die ich treffen muss. Um den Abschlag zu simulieren, ziehe ich in der App einen digitalen Hebel nach hinten und lasse ihn wieder los. So lege ich fest, wie weit mein Golfball, in diesem Falle der Ozobot Evo, fliegen oder rollen soll. Mit den Links- und Rechts-Tasten steuere ich die «Flugrichtung». Der Evo rollt los und in die Nähe oder – mit etwas Glück – auf den farbigen Punkt, den ich zuvor anvisiert habe. Mit der Zählweise ist es wie beim Golf: Je weniger Versuche ich brauche, desto besser ist das.

Golf auf dem Schreibtisch? Der Ozobot Evo macht's möglich.
Golf auf dem Schreibtisch? Der Ozobot Evo macht's möglich.

Die Spielmodi beim Ozobot Evo gefallen mir. Im Gegensatz zum etwas teureren, grösseren Sphero Bolt sind sie cleverer umgesetzt, stellen den Roboter – und nicht die App – in den Mittelpunkt und bieten langanhaltenden Spielspass. Doch auch hier lautet mein Zwischenfazit, dass der Evo zum Spielen alleine nicht reicht und nach einiger Zeit in der Ecke verstauben würde.

Programmieren: Perfekt gelöst, ob Anfänger oder Profi

Will ich den Ozobot Evo programmieren, habe ich Möglichkeiten. Allen Einsteigern empfehle ich, mit den Experience Packs zu beginnen. Das sind vorgedruckte Papierbögen, die im Lieferumfang dabei sind. Auf diesen befinden sich schwarze Linien, teilweise mit kleinen grünen, roten und blauen Vierecken versehen. Mit dem Experience Pack führt mich Ozobot in die Welt des Farb-Codings ein. Der Evo liest dank seines Sensors an der Unterseite Farben ein, die er in einer bestimmten Reihenfolge in Befehle umwandelt.

Mit den Experience Packs schickst du den Ozobot auf Lernmission im Farb-Coding.
Mit den Experience Packs schickst du den Ozobot auf Lernmission im Farb-Coding.

Nachdem ich alle zehn Bögen durchgearbeitet habe, erhalte ich in der App die Auszeichnung zum Evo Master. Da ich in den Herausforderungen der Experience Packs einige Farb-Codes kennengelernt habe, kann ich das Gelernte nun anwenden und selbst Linien mit farbigen Mustern zeichnen. Zugegeben: Die Aufgaben in den Experience Packs sind nicht die anspruchsvollsten, aber für einen sanften Einstieg ins Farb-Coding – insbesondere für die vom Hersteller empfohlene Zielgruppe von 8 bis 14+ – ist es gar nicht so schlecht. Die vielen Erfolgserlebnisse machen Lust auf mehr.

Die Fortschritte der Experience Packs siehst du in der App.
Die Fortschritte der Experience Packs siehst du in der App.

«Ozoblocks»: So nennt Ozobot die eigene Version der Programmiersprache Scratch beziehungsweise die einzelnen Bausteine. Im Prinzip ist es dasselbe wie die herkömmlichen Scratch Codes. Ich kann zwischen vorgegebenen Tricks und einem Editor wählen. Erstere sind bereits von Ozobot programmiert worden und ich kann sie abspielen. Dabei sehe ich dem Evo zu, was er macht, und verfolge in der App, welche Bausteine welche Bewegungsabläufe auslösen. Im Editor finde ich einen leeren Screen vor, den ich mit Scratch-Bausteinen füllen kann. Ich finde auch ein Tutorial, das mir Bausteine und weitere Basics erklärt. Sehr schön: Ich kann im Editor einen Schwierigkeitsgrad und meinen Skill Level wählen. So sehe ich auf Stufe 1 nur wenige Bausteine, die grundlegende Elemente wie Fahren, Drehen und Leuchten betreffen. Auf Stufe 5 geht’s dann tief ins Detail, inklusive Rotationswinkel, Geschwindigkeit, Funktionen, Variablen und vieles mehr.

So mag ich es: Der Programmier-Screen der App lässt keine Wünsche offen.
So mag ich es: Der Programmier-Screen der App lässt keine Wünsche offen.

Hier hat Ozobot mit dem Evo im Vergleich mit dem Sphero Bolt und dem Dji Robomaster S1 draufgelegt: Die Programmier-App macht Spass und Lust auf mehr. Ich will mit diesem Roboter gar nicht spielend Coden lernen. Nein, ich will mich ins Ozoblock-Getümmel stürzen und meine eigenen Programme schreiben. Was ich dann prompt auch mache. Zahlreiche Programme später, die jedes Mal ausgefeilter werden, springe ich wieder zurück zum ersten Code. Ich versuche das verhältnismässig simple Programm mit weiteren Scratch-Blöcken aufzupeppen. Schon bin ich im Ozoblock-Universum gefangen. Ozobot lacht sich ins Fäustchen und denkt: Ziel erfüllt. Denn ich habe Spass und lerne gleichzeitig, den Evo mit Scratch zu programmieren.

Fazit: Klein, aber fein

Der Ozobot überzeugt mich auf ganzer Linie. Der Spielemodus ist im Vergleich zum Sphero Bolt ausgereifter und schafft es, mich viel länger zu unterhalten. Die Spiele sind abwechslungsreich und weil der Roboter so winzig ist, macht das Ganze noch mehr Spass. Die witzigen Sound- und Lichteffekte geben dem Kleinen den letzten Kick. Bei einem Preis von etwas mehr als 110 Franken (Stand: 20.03.2020) würde ich den Ozobot Evo sogar als Spielzeug ins Auge fassen.

Es ist alles da, was der Ozobot Evo zum Funktionieren braucht.
Es ist alles da, was der Ozobot Evo zum Funktionieren braucht.

In seiner Paradedisziplin, dem Programmieren, hat mich der Ozobot umgehauen. Der simple Einstieg mittels Experience Pack, dann die Filzstifte und Farbcodes, die auf den erlernten Basics der Experience Packs aufbauen und schliesslich die Ozoblocks, die dein Coding perfektionieren. Dem Tutorial fehlt es an nichts, die fünf Schwierigkeitsstufen machen den Ozobot sowohl für Anfänger wie auch für Profis interessant. Der Ozobot Evo ist ein No-Brainer. Noch nie hat mir das Programmieren solchen Spass gemacht. Ohne dass ich es merke, bin ich plötzlich mitten im Programmier-Modus – und will auch gar nicht mehr raus. Mit dem Evo ist Ozobot ein genialer Miniroboter gelungen, der grossen Spass macht und dir das Coden lehrt.

Size does not matter: Der Evo stellt das eindrücklich unter Beweis.
Size does not matter: Der Evo stellt das eindrücklich unter Beweis.

Ob's einen anderen Roboter gibt, der dem Evo das Wasser reichen kann? Ich werde mich auf die Suche machen und potenzielle Kandidaten reviewen. Willst du stets up-to-date sein und keine Robotik- oder Gadget-Highlights mehr verpassen, dann folge mir mit einem Klick auf den «Folgen»-Button beim Autorenprofil.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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