My first Robot von Tinkerbots: der perfekte Roboter für Coding-Einsteiger

My first Robot von Tinkerbots: der perfekte Roboter für Coding-Einsteiger

Raphael Knecht
Zürich, am 11.09.2020
My first Robot zielt als Roboter für Einsteiger auf Kinder und junge Erwachsene ab. Er soll mit spielerischen Elementen dem Nachwuchs das Programmieren lehren. Ob der Tinkerbots-Baukasten auch mich begeistern kann?

Der Roboter auf der Verpackung erinnert mich stark an Wall-E. Die deutschen Entwickler versuchen wohl bewusst, den berühmten Aufräumroboter aus dem gleichnamigen Film zu kopieren. Tinkerbots will mit My first Robot die Nerds von morgen ansprechen und aus Kindern angehende Programmierer machen. Dabei kommt Wall-E, der aus LEGO-ähnlichen Steinen zusammengebaut wird, als Gehilfe ins Spiel. Dass sich nicht nur Kinder angesprochen fühlen, zeigt die Tatsache, dass ich mir den Roboter genauer anschaue. Ist My first Robot wirklich nur für Kinder und Einsteiger? Bietet er nur Kindern viele Stunden Spass und verschwindet bei mir nach fünf Minuten in der Ecke? Und was taugt das Coding?

Unboxing: Ist das LEGO?

Die Verpackung ist leicht, klein und bunt. Auch hier merke ich sofort, dass Tinkerbots in erster Linie auf Kinder abzielt. Grosse Bilder, Buchstaben und Zahlen machen klar, dass hier nicht Weitsichtige, sondern Kinder das angesprochene Publikum sind. Der Inhalt ist überschaubar: Ich finde zwei Würfel, einen roten und einen weissen, mit goldenen Elektrochips. Des Weiteren sind vier Säcke mit LEGO-ähnlichen Teilen, zwei Anleitungen und ein Ladekabel vorhanden. Das war’s dann auch schon. Das Ganze wirkt hochwertig, von den Würfeln bis hin zum Ladekabel. Einem Beiblatt entnehme ich ausserdem, dass My first Robot mit vielen weiteren Tinkerbots-Produkten kompatibel ist. Übrigens: My first Robot ist «made in Germany».

In der Box findest du alles, was du für deinen ersten Roboter brauchst.
In der Box findest du alles, was du für deinen ersten Roboter brauchst.

Die Anleitung ist ein Faltblatt, mehr nicht. Darauf steht geschrieben, dass für diesen Roboter die entsprechende Tinkerbots-App heruntergeladen werden muss. Für die jüngeren Semester erklären Bilder, was Sache ist. Ein Smartphone oder Tablet ist zwingend nötig, um My first Robot nutzen zu können. Ob ich als Vater meinem fünfjährigen Kind ein solches Gadget überlassen würde? Bestimmt nicht ohne mein Beiwohnen. Der Nachwuchs müsste bei mir noch einige Jahre aufs Spielzeug warten. Ist die App heruntergeladen, muss ich zuerst einen von vier Spieler-Avataren wählen und dann die Bauanleitung öffnen. Die führt mich Schritt für Schritt durch den Bau von Körper, Kettenantrieb, Kopf und Armen. Lesekenntnisse sind nicht notwendig, die Bilder erklären alles fehlerfrei. Die Säcke mit den Plastikbausteinen sind nicht nummeriert, das geht bei etwas mehr als 200 Teilen jedoch in Ordnung.

Nach der Spielerwahl erscheint der Startscreen und es kann losgehen.
Nach der Spielerwahl erscheint der Startscreen und es kann losgehen.

Zusammenbau: Kurz und schmerzvoll

Was mich auf den ersten Blick an LEGO erinnert, stellt sich beim Auspacken und Anfassen als LEGO-Kopie heraus. Die Bauteile, die dem Set beiliegen, fühlen sich wie die berühmten Plastiksteine aus dem Norden an. Selbstverständlich sind die Tinkerbots-Teile mit LEGO kompatibel. Nebst der Tatsache, dass das LEGO-Logo fehlt, gibt’s einen weiteren grossen Unterschied: Die Steine des My first Robot sind noch kantiger und schwieriger zusammenzusetzen als LEGO-Teile. Mir schmerzen schon nach drei oder vier Bauschritten die Fingerkuppen. Auch muss ich fürs Zusammenstecken viel mehr Kraft aufwenden als bei LEGO. Ich weiss nicht, ob das fünf- oder sechsjährige Kinder zustande bringen. Davon, dass kleinere Kinder die Teile verschlucken könnten, ganz zu schweigen.

Kaum vorstellbar: Sieht aus wie LEGO, ist aber noch kantiger und schmerzvoller.
Kaum vorstellbar: Sieht aus wie LEGO, ist aber noch kantiger und schmerzvoller.

Die digitale Anleitung ist nicht nur ökologisch, sondern auch zeitgemäss. Für den Zusammenbau des Körpers brauche ich eine Viertelstunde. Witzig: Nach dem letzten Bauschritt zeigt mir ein animiertes Kurzvideo, dass ich nun den Rumpf des Roboters in meinen Händen halte. Weitere 15 Minuten vergehen für den Kettenantrieb, doppelt so lange brauche ich für den Kopf. Die fünf Minuten für die Arme fallen nicht mehr ins Gewicht und die drei weiteren Videoclips am Ende der Sessions sorgen dafür, dass ich den Roboter ganz knapp nicht in einer Stunde fertig kriege. Es bleiben viele Teile übrig. Nicht als Ersatz, wie sich später herausstellt, sondern für Accessoires, die ich im Spielmodus freischalten kann.

Nach einer Stunde Bauzeit ist My first Robot bereit für seinen Job.
Nach einer Stunde Bauzeit ist My first Robot bereit für seinen Job.

Spielmodus: Macht süchtig

Nun will ich meinen Roboter in Aktion sehen. Nebst der Bauanleitung und dem Spielmodus bietet My first Robot noch einen Programmier- und Fernsteuermodus. Letzterer ist erst dann freigeschaltet, wenn ich im Spielmodus Level 90 geschafft habe. Ich weiss also, was ich zu tun habe. Der Spielmodus erinnert mich ans Spiel Memory: Der Roboter macht eine Übung vor, die ich dann mit Code-Blöcken kopieren muss. Das Ganze beginnt sehr simpel bei Level 1 und mit nur einem einzigen Code-Block. Je höher ich im Level steige, desto mehr Code-Bausteine schalte ich frei. Zuerst einfache Bewegungen, dann Töne, dann kompliziertere Bewegungen und schliesslich Aktionsbausteine, die für Pausieren, Wiederholen, Beschleunigen oder Verlangsamen stehen. Abgesehen von den Tönen, die über das Smartphone oder Tablet ausgegeben werden, erledigt der Roboter alles selbst. Fun fact: Einer der Töne, die My first Robot beherrscht, ist Rülpsen auf Kommando.

Der Programmiermodus orientiert sich an der «Scratch»-Programmiersprache und vereinfacht diese. Anstelle von Worten sind nur Symbole abgebildet. Der Modus funktioniert – wie der Rest der App – flüssig und fehlerlos. Für blutige Anfänger ist das ein Start nach Mass, für Fortgeschrittene dürfte es etwas zügiger vorwärts gehen. Bis Level 10 muss ich Roboterbewegungen nachbauen, die sich auf Vorwärts- und Rückwärtsbefehle beschränken. Plötzlich erscheint eine Videosequenz, in der mein Wall-E-Verschnitt mit Glasschale und Reagenzglas hantiert. Das darf ich dann in einem Zwischenschritt aus den übrig gebliebenen Teilen bauen. Die neuen Bauanleitungen finde ich nach dem Freischalten im entsprechenden Menü. Das ist ein nettes Feature und eine willkommene Abwechslung.

Was in der Theorie einfach aussieht, ist oft schwierig in die Tat umzusetzen.
Was in der Theorie einfach aussieht, ist oft schwierig in die Tat umzusetzen.

Programmiermodus: Nur für Profis langweilig

Alles, was ich im Spielmodus freischalte, kann ich im Programmiermodus nutzen, um damit dem Roboter meine eigenen Befehle zu geben. Er soll schliesslich auch mal nach meiner Pfeife tanzen. Das macht für mich einen grossen Teil des Spasses und der Motivation aus: Ich will die insgesamt 200 Level durchackern, um alles freizuschalten und damit zu programmieren. Tinkerbots' My first Robot motiviert mithilfe von Gamification-Elementen und das funktioniert. Zum langanhaltenden Vergnügen trägt ausserdem eine Batterielaufzeit von drei bis vier Stunden bei. Der Akku ist in nur einer Stunde wieder voll geladen. Schliesslich schaffe ich es bis Level 90, danach gebe ich auf. Nicht, weil es mir keinen Spass mehr macht, sondern weil ich noch andere Aufgaben zu erledigen habe. Bis Level 145 gibt's neue Blöcke freizuschalten, die restlichen 55 Level sind reine Fleissarbeit, um es zuoberst auf den Tinkerbots-Olymp zu schaffen.

Witzig gemacht: My first Robot kriegt von mir eine Lupe verpasst.
Witzig gemacht: My first Robot kriegt von mir eine Lupe verpasst.

Bei Level 90 schalte ich zudem den Fernsteuermodus frei. Ich freue mich schon aufs Ausprobieren, als plötzlich nichts mehr geht. Der Roboter ist zwar nach wie vor mit meinem Smartphone verbunden, reagiert aber nicht mehr. Auf dem Screen der App steht zudem, ich müsse die Bauanleitung konsultieren. Dort finde ich keinen Hinweis auf Besserung. Ich stecke die beiden Hauptmodule so oft um, dass ich nicht mehr mitzählen kann. Auch in den FAQs, die ich online finde, sehe ich keine wirkliche Hilfestellung. Auch ein Reset des Haupt- und Nebenmoduls hilft nicht. Aus lauter Verzweiflung installiere ich die Tinkerbots World App, gehe dort in die Einstellungen und führe den doppelten Reset erneut durch. Und siehe da, es klappt: My first Robot läuft wieder wie zu Beginn. Was genau das Problem war und wie ich es verursacht habe, kann ich bis heute nicht genau sagen.

Ob das Problem an einer dieser Modulverbindungen gelegen hat?
Ob das Problem an einer dieser Modulverbindungen gelegen hat?

Der Fernsteuermodus bringt nicht wirklich viel Neues. Ich kann damit – wie es der Name sagt – den Roboter fernsteuern. Und zwar ohne Blöcke und Coding, dafür mit einem virtuellen Drehkreuz. Das war's auch schon. Mehr ist gar nicht notwendig, denn mich fesseln der Spiel- und Programmiermodus. Im Spielmodus sind die Bewegungen des Roboters nicht immer klar voneinander abgrenzbar, was das Rätselraten um die korrekte Anordnung der Scratch-Blöcke so interessant macht. Im Coding-Modus kann ich das Gelernte aus dem Spielmodus umsetzen und meine eigenen Bewegungsabfolgen programmieren. Diejenige Aktion, die der Roboter gerade ausführt, wird visuell hervorgehoben. Was ich zufällig in der Tinkerbots World App entdeckt habe: Ich kann mit meinem My first Robot auch mit der Programmiersprache Python arbeiten. Dies ist insbesondere für fortgeschrittene Coder interessant. My first Robot hat zudem einen Education-Modus. Dieser ist für Schulen gedacht und ermöglicht es Lehrpersonen, eigene Codes vorzugeben, die von den Schulkindern nachgebaut werden sollen.

Mein Tinkerbots-Roboter ist auch ein ferngesteuertes Fahrzeug.
Mein Tinkerbots-Roboter ist auch ein ferngesteuertes Fahrzeug.

Fazit: Spass für Klein und Medium

My first Robot von Tinkerbots ist der ideale Einstieg ins Coding mit Robotern. Der an Wall-E erinnernde Roboter bietet aber auch für Fortgeschrittene genug Neues, um nicht in einer Ecke zu verstauben. Für Programmierprofis und Scratch-Experten ist er zu simpel und langweilig. Auch zweifle ich, ob Kinder ab fünf Jahren die richtige Zielgruppe sind. Sowohl das Zusammenbauen als auch diverse Programmierschritte sind meiner Meinung nach zu schwierig für fünf-, sechs- oder siebenjährige Mädchen und Jungen. Es sei denn, sie entdecken My first Robot zusammen mit ihren Eltern. Für alle anderen bietet My first Robot jede Menge Spass, führt im Memory-Stil ins Programmieren ein, versprüht ein LEGO-ähnliches Bauflair und dient nebenbei als ferngesteuertes Auto. Aus diesen Gründen ist der Roboter für mich auch bei einem Preis von etwas über 100 Franken eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.

Bitte, bitte, spiel mit mir: Wer kann diesem Blick widerstehen?
Bitte, bitte, spiel mit mir: Wer kann diesem Blick widerstehen?

Tinkerbots' My first Robot ist klein, aber oho. Nach der GJS-Geio-Enttäuschung und dem darauffolgenden Xiaomi-Mi-Robot-Builder-Erfolg steigt der Spassfaktor mit Wall-Es Bruder weiter an. Als Nächstes wird bei mir der Robomaker von Clementoni auf dem Prüfstand stehen – kann er My first Robot Paroli bieten? Stay tuned! Willst du stets up-to-date sein und keine Robotik- oder Gadget-Highlights mehr verpassen, dann klicke auf den «Autor folgen»-Button bei meinem Autorenprofil.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht

Senior Editor, Zürich

Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne hüglige Cyclocross-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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