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LG V30: Sehr gut, aber nicht beeindruckend

Dominik Bärlocher
Zurich, le 03.01.2018
Das LG V20 war mein Phone des Jahres 2016. Das LG V30 schafft es nicht mal in die Top sieben des Jahres. Ist das Phone schlecht? Keineswegs. Es ist sogar sehr gut und hält locker mit den Flagships des Jahres mit. Warum also mein scheinbar vernichtendes Urteil, das dem Phone massives Unrecht tut?

Ich mag LG. Vor allem die V-Serie. Die G-Serie wird jedes Jahr vom Hersteller als Flaggschiffserie vorgestellt, mit Keynote, PowerPoint-Präsentation und Applaus im Publikum. Aber Phone-Kenner wissen: Die G-Serie hat kein Brot gegen die V-Serie. Die V-Phones kommen zwar immer im Spätsommer oder Herbst auf den Markt, also später als die meisten Flaggschiffe des Jahres, aber sie sind Projekte, die Mut beweisen.

Das V20 war locker mein Phone des Jahres 2016. Der zweite Bildschirm war ein Feature, das sich langsam in den Alltag geschlichen hat, nachdem der Zweck eines damals revolutionär neu erscheinenden Always On Displays anfangs nicht ganz klar war. Doch nach nur wenigen Wochen mit dem Phone wollte ich das Feature nicht missen.

*LG V20** – des erreurs de fabrication aux innovations insidieuses
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Warum schwafle ich jetzt über ein Phone, das ein Jahr alt ist, wenn du doch hier bist, um über das neue, das LG V30 zu lesen? Ich will dir zu verstehen geben, wie ich an den Test herangegangen bin. Mit vielen Erwartungen, verdienten Vorschusslorbeeren aus eigener Erfahrung und Neugierde.

Tja.

Das grundlegende Problem mit dem LG V30+

Auf kein Phone habe ich so ungeduldig gewartet wie auf das V30. Aus dem Produktmanagement kam Hilfe: Ich solle doch das V30+ im Auge behalten, denn als Korea-Import erhielten wir das vielleicht schneller. Da lasse ich mich doch nicht lumpen. Ich will das Teil. Ganz fest.

Die Unterschiede der beiden Phones können locker an einer Hand abgezählt werden. An einer Hand eines Zweifinger-Faultiers sogar.

  • Das V30+ hat 128 GB interner Speicher, das V30 64 GB
  • Das V30+ hat einen Dual-SIM-Hybrid-Slot, das V30 nicht

Endlich liegt es vor mir, in Mitternachtsschwarz oder was auch immer für einen fancy Namen die von LG für «schwarz» gefunden haben. Da ich das mit SIM-Karte ziemlich genau 160 Gramm schwere Phone an der IFA in der Hand gehalten habe, weiss ich, was mich erwartet.

*LG V30**: An der IFA in Berlin angetestetvidéo
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Da haben wir den Salat. Klar, LG hat Top Specs verbaut. Klar, LG hat sich grosse Mühe gegeben. Klar, LG kann mit dem V30 easy mithalten und lässt die Konkurrenz in vielerlei Hinsicht Staub fressen, wenn es um Benutzerfreundlichkeit für Bastler und Power User geht. Aber das Phone ist halt eben nur ein Phone. Wo ist der Mut vom Vorjahr? Wo ist der Wille, etwas anders zu machen?

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Das LG V30 hat leider keinen Extra-Screen mehr. Schade

Während der ganzen Testzeit werde ich dieses Gefühl nicht los, dass das Phone ein Gerät ist, das so viel mehr hätte sein können, wenn LG etwas mehr Mut und Erfindergeist bewiesen hätte. Wenn sie es gewagt hätten, etwas anders zu machen, Nutzern etwas Neues, etwas Aufregendes zu bieten, dann wäre das Phone so viel mehr als das Rechteck mit abgerundeten Ecken vor mir. So, wie es jetzt da liegt, ist das LG V30 eines von vielen. Vor allem fehlt der zweite Bildschirm oben, der das LG V20 zum Star des Jahres gemacht hat. Nicht, weil ich mich damals sofort in den kleinen Bildschirm verliebt hätte, sondern weil er sich in meinen Alltag geschlichen hat. Nach und nach empfand ich ihn als nützlicher und nützlicher und am Ende wollte ich nicht mehr ohne sein. LG hat zwar an die Funktionalität gedacht und softwareseitig ein Feature namens «Floating Bar» eingearbeietet, aber es ist absolut nutzlos. So recht scheint LG selbst auch nicht an das Teil zu glauben, denn es ist standardmässig deaktiviert. Die selbe Funktionalität wie die des Floating Bars erhältst du auch, wenn du die Status Bar – das Bildschirmelement wo du den Akkustand siehst – runterziehst. Da hätte LG am Engineering sparen können.

Zum Glück ist ein Test so viel mehr als nur «Ich will fancy Hardware-Dinger». Denn wenn das das einzige Argument wäre, dann würde ich dem LG V30 Unrecht tun.

Wo das LG V30 die Konkurrenz abhängt

Schon beim Aufstarten wird klar, dass LG nicht einfach nur eine neue Benutzeroberfläche für das Betriebssystem – aktuell immer noch Android 7.1.x – ins Phone hat einfliessen lassen. Denn das Teil ist schnell. Extrem schnell. Ich kann nicht genau sagen, wo LG was optimiert hat, aber es fliesst einfach schneller.

Das liegt nicht nur an der Animationsgeschwindigkeit, die ein wenig erhöht scheint. Auch komplexe Vorgänge wie das Aufstarten der Kamera oder der Wechsel von Normalbildkamera zu Weitwinkelkamera. Manchmal wird das V30 etwas heiss, wenn es sich wirklich anstrengen muss, bei 3D-Rendering oder Benchmarks, aber ans Aufgeben denkt das Gerät nie und nimmer. Langsamer werden? Keine Chance. Trotz seines leichten Gewichts und allem ist das LG V30 eine kleine Kraftmaschine, die leistet.

Apropos Kamera: Die funktioniert nach wie vor absolut grossartig. Die Software ist intuitiv, schnell und die Bilder sind von der Qualität her im oberen Drittel. Dazu auch: Das LG V30 ist das erste Natel, das 10bit Farbtiefe unterstützt. Mein Kollege Manuel Wenk, seines Zeichens einer unserer Video Producer, hat sich diese Funktion genauer angesehen.

Das LG V30 kann *10bit-Videos** aufnehmen. Was bringt das? Ein Direktvergleich mit unserer Systemkamera.vidéo
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Der Akku zieht sauber mit. Selten komme ich nach einem Tag Heavy Use unter die 40-Prozent-Marke. So macht ein Phone Spass. Nicht, dass ich Bedarf habe, jederzeit darum herumdrücken zu müssen, aber das V30 ist ein verlässlicher Partner. Ich fühle mich einfach gut mit dem V30 in der Tasche, weil ich weiss, dass die Maschine mit dem Menschen mitzieht.

«Eines von vielen»? Keineswegs. Gut, ich mag LGs V-Serie sowieso, weshalb dieses Urteil wohl mit einer gewissen Skepsis genommen werden sollte. Das gebe ich zu.

Wo das LG V30 die Konkurrenz nicht abhängt

Es ist unheimlich schade, dass das LG V30 hardwareseitig so beliebig ist. Und, vor allem, dass der zweite Bildschirm abgeschafft wurde. Klar, mittlerweile ist der ganze Frontbildschirm mit OLED-Technologie versehen, was Akku- wie auch Bildoptimierungen zur Folge hat. Jeder Pixel kann einzel angesteuert und ausgeleuchtet werden. Schwarze Pixel, die HEX #000000 sind, werden gar nicht mit Strom versorgt.

*True Black** – Stromsparen auf kleiner Flamme
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Beim V20 war nur der obere Bildschirm mit OLED-Technologie versehen. AMOLED oder OLED, kommt in der Benutzung im Wesentlichen auf das selbe hinaus und ist im vergangenen Jahr zum Standard der Flaggschiffe geworden. Also wäre ein theoretischer zweiter Bildschirm nicht mehr das technologische Novum nach dem Motto «Ui, schau mal, ein AMOLED Screen», aber trotzdem nett in der Benutzung.

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Trotzdem schön. Der ganze Bildschirm ist mit OLED-Technologie versehen, was die Farben durchs Band satter wirken lässt

Denn LG ist beim Bau des Phones aus der Serie, die LG als abenteuerlichen Hersteller darstellt, zahm geworden. Wo bleibt die Wildheit? Wo bleibt der Mut, etwas anders zu machen? Klar, LG hat in den vergangenen Jahren im Mobilfunkbereich arg einstecken müssen, aber so zu werden wie alle anderen, ist nicht der richtige Weg. Weil alle anderen schon so sind. Das ist die Chance, einfach zu denken «Alright… fuck it all» und wirklich wild zu werden. Snapdragon 835 als solide Plattform, dann drauflos experimentieren.

Am Ende bleibt ein Phone, das ich gerne mag. In der Benutzung ist das V30 super. Es ist schnell, es hält durch, es ist wasserdicht und alles. Aber den Vorschusslorbeeren wird es nicht gerecht. Leider.

LG, ich wünsche euch den Erfolg von Herzen, denn vor einem Jahr, mit dem V20, habt ihr gezeigt, dass ihr es übel drauf habt. Werdet nicht zahm. Bleibt wild.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zurich
Journaliste. Auteur. Hackers. Je suis un conteur d'histoires à la recherche de limites, de secrets et de tabous. Je documente le monde noir sur blanc. Non pas parce que je peux, mais parce que je ne peux pas m'en empêcher.

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