Wie Games helfen, besser zu fotografieren

Wie Games helfen, besser zu fotografieren

Philipp Rüegg
Zürich, am 19.11.2019
Games sind nicht nur Unterhaltung, sie können dir auch etwas beibringen. Feinmotorik und kognitive Auffassungsgabe zum Beispiel – oder wie Fotograf Simon King behauptet: Fotografieren.

Wenn dich jemand fragt, wie du zu einem besseren Fotografen wirst, kommen dir bestimmt viele Dinge in den Sinn. Games dürften aber wohl nicht dazu zählen. Und doch behauptet Simon King genau das. Simon ist Fotograf und Journalist aus London. Auf dem Fotografie- und Kamerablog Petapixel stellte er erstmals mit diese These auf. Ich wollte von ihm wissen, wie es dazu kam und was wir konkret von Games lernen können.

Wann hast du gemerkt, dass dich Games zu einem besseren Fotografen machen?
Simon King, Fotograf: Ich war schon immer sehr introspektiv über meine Arbeit. Ich achte sehr darauf, was meine Arbeitsabläufe beeinflusst. Ich habe mit einem Freund über Visualisierung und Vorstellung von Szenen aus verschiedenen Perspektiven gesprochen. Er meinte, dass er Schwierigkeiten habe mit dieser Art von räumlicher Vorstellungskraft. Das führte dazu, dass ich mich fragte, warum das bei mir anders ist.

Simon King fotografiert verschiedenste Inhalte von Mode über politische Demonstrationen zu Werbekampagnen.
Simon King fotografiert verschiedenste Inhalte von Mode über politische Demonstrationen zu Werbekampagnen.

Was sind die wichtigsten Aspekte, wenn man ein gutes Foto machen will?
Für meine Arbeit sind die wichtigsten Aspekte das Potenzial für emotionale Verbindungen. Sobald ich das gefunden habe, ist alles andere das Tüpfelchen auf dem i. Insbesondere für meine Komposition denke ich, dass figure to ground (wie stark sich ein Sujet vom Hintergrund abhebt) unerlässlich ist. Für mich bedeutet das, dass ich daran arbeite, sicherzustellen, dass alle Elemente in der Szene gut definiert sind und sich nicht überschneiden.

Wie kann ein Spiel deine fotografischen Fähigkeiten verbessern und welche Fähigkeiten sind das genau?
In Games bist du die aktive Person. Oft beinhaltet das die direkte Kameraführung, damit du dich frei umschauen kannst. Dieser Akt der Kamerasteuerung in drei Dimensionen ist die Krux des Ganzen. Statt dass du auf die strikte Vorlage des Künstlers fixiert bist, steht es dir frei, die Perspektive zu verändern und Blickwinkel zu entdecken, die unterschiedliche Effekte haben.

Wenn ich Fotos mache, schaue ich mir die Umgebung an und stelle mir vor, wie Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven aussehen würden, ohne dass ich mich dabei bewegen muss.

Es gibt eine Vielzahl von Fähigkeiten, die man von Games lernen kann und die nicht nur die Fotografie betreffen. Dinge wie Bestandsführung und Budgetierung. In der Fotografie spreche ich normalerweise von Komposition, aber Games können auch in Bezug auf Beleuchtung, abstraktes Denken oder Dekonstruktion einer Umgebung helfen.

Du hast in deinem Artikel zu diesem Thema mehrere Spiele aufgelistet, die man ausprobieren sollte. Darunter auch ein VR-Game. Ist VR vielleicht sogar die beste Methode, um seine Fotoskills zu verbessern? Weil man sieht und sich bewegt wie in der realen Welt oder ist die Freiheit eines Fotomodus noch besser?

Laut Simon ist «Superhot» ein guter Kandidat, um die Sinne für Fotografie zu schärfen.
Laut Simon ist «Superhot» ein guter Kandidat, um die Sinne für Fotografie zu schärfen.

Wenn du «Superhot» meinst, habe ich immer nur die normale Version gespielt. Aber ich habe auch schon Erfahrungen mit VR gemacht und geniesse es sehr. Ich denke, für die Art von Fotografie, die ich mache, laufe ich lieber in der realen Welt herum. Nichts ist besser. Aber ich kann mir definitiv vorstellen, dass das die gedankliche Umstellung, die es für VR braucht, hilfreich sein kann.

Du sprichst in deinem Artikel auch Puzzle-Spiele an. Wie hilft mir das in einem realen Szenario, bessere Bilder zu machen?
Einige meiner Bilder, die ich dir geschickt habe, funktionieren wie Teile eines Puzzles. Besonders das Spiel «The Witness», das mich auch an eine Serie von Channel 4 (https://www.youtube.com/watch?v=wmDQu4fvkE4&frags=pl%2Cwn) erinnert. Dort löst man Rätsel, indem man sich so positioniert, dass aus verschiedenen Objekten ein neues Bild entsteht. In meiner Fotografie kann ich nur meinen Standpunkt verändern. Also ist der Raum oder die Welt eines Games ideal, um Dinge zu bemerken und so die Vorstellungskraft zu schärfen.

Was halten andere Fotografen von deiner Theorie?
Von denjenigen, mit denen ich diese Idee besprochen habe, haben nur wenige so viel Erfahrung mit Spielen wie ich. Sie verstehen aber den Vorteil, das Gehirn in einem virtuellen Raum zu trainieren. Als ich den Petapixel-Artikel zu diesem Thema schrieb, hatte ich einige wirklich nette Antworten, ebenso wie Leute, die weitere Spiele auflisten, die einen positiven Effekt auf Fotografie haben könnten.

Viele Spiele verfügen über komplexe Fotomodi. Was hältst du von ihnen? Ist das eine neue Art der Fotografie? Und benutzt du sie?
Ich mache Screenshots nur, wenn es darum geht, einen bestimmten Moment festzuhalten – besonders in Multiplayer-Games mit Freunden. Ich habe einige ausgezeichnete Bilder von «Spider-Man» sowie «Red Dead Redemption 2» gesehen. Aber das sind schöne Renderings, keine Fotos. Ich bin hauptsächlich Filmfotograf, also ist ein grosser Teil meiner Arbeit der unveränderte Moment. Spiele sind grossartig, um abzuschalten und sehr unterhaltsam. Aber ich glaube nicht, dass sie das ersetzen, was ich in der Realität noch erschaffen kann.

Mehr über Simon King findest du auf seinem Instagram-Profil

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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