Hintergrund

Wie Cheat-Codes funktionieren und weshalb sie sinnvoll sind: Ein Cheat-Trainer-Entwickler erzählt

Christian Jänicke entwickelt seit 30 Jahren Cheat-Software. Im Interview erklärt er, warum Plitch mit den virenverseuchten Trainern aus den 90ern nichts gemein hat und wer sie am meisten nutzt.

Hoch, hoch, runter, runter, links, rechts, links, rechts, B, A. Wer kennt ihn nicht, den Konami-Code für zusätzliche Leben? Nicht wegzudenken sind auch IDDQD, der in «Doom» den Unverwundbarkeits-Modus aktiviert, oder «motherlode», der in «Die Sims» jegliche Geldprobleme löst. Cheat-Codes gibt es fast so lange, wie es Games gibt. Wer sie nicht jedes Mal händisch eintippen will oder nach mehr Möglichkeiten sucht, nutzt am PC einen Trainer. Eine solche Software ist Plitch.

Firmenmitgründer Christian Jänicke aus München hat schon in den frühen 90ern seine ersten Spiele modifiziert. 2001 veröffentlichte er den Megatrainer. Seit 2018 heisst die Software und die Firma dahinter Plitch. Christian ist Teil eines 20-köpfigen Teams, das wöchentlich rund 20 Spieletrainer entwickelt und über 5700 Games mit Cheats versorgt. Die Rede ist hier von Singleplayer-Cheats und nicht von solchen für Multiplayer-Games wie «Counter-Strike» oder «Fortnite».

Was war der erste Cheat, den du benutzt hast?
Christian Jänicke, Mitgründer Plitch: Der älteste, an den ich mich erinnere, war vermutlich in der SNES-Version von «Sim City». Dort habe ich den Trick «Easy Money» genutzt. Dafür musst du dein gesamtes Geld ausgeben und beim Jahreswechsel bestimmte Tasten gedrückt halten, um viel Geld zu bekommen. Ebenfalls auf dem SNES haben mein Kumpel und ich bei «International Superstar Soccer Deluxe» mit dem Konami-Code die Schiedsrichter in Hunde verwandelt.

Christian Jänicke entwickelt seit 30 Jahren Cheats.
Christian Jänicke entwickelt seit 30 Jahren Cheats.
Quelle: Plitch

Wie entsteht ein Cheat für einen Spieletrainer?
Ich analysiere den Spielcode und schaue, welcher Teil auf einen bestimmten Wert zugreift. Will ich in einem Shooter die Munition beeinflussen, schaue ich, über welche Funktion sie läuft. Die gewünschte Logik schreibe ich direkt in den Arbeitsspeicher. Das Spiel ändert aufgrund unseres Code-Abschnitts den Wert für uns und liest ihn dann aus – statt des ursprünglichen Wertes. Die Schwierigkeit liegt darin, nur den richtigen Wert zu verändern, ohne versehentlich noch mehr im Spiel zu beeinflussen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Mod?
Die meisten Mods arbeiten auf Dateibasis – da werden Spieldateien verändert. Wir arbeiten ausschliesslich im Arbeitsspeicher. Weil Spiele nicht immer modfreundlich sind, stösst du dort schnell an Grenzen.

Woher kommt eigentlich der Name Plitch?
Megatrainer klang irgendwann etwas altbacken und liess sich international nicht gut vermarkten. 2018 entstand die Idee für einen neuen Namen. Wir haben viel gebrainstormt, konnten uns aber nicht einigen. Bis einer unserer Mitarbeiter scherzhaft Plitschplatsch vorschlug. Plitschplatsch war zu lang, also nahmen wir Plitsch, aber mit ch geschrieben, und plötzlich waren sich alle einig.

Plitch unterstützt eine breite Palette von Spielen.
Plitch unterstützt eine breite Palette von Spielen.
Quelle: Philipp Rüegg

Früher schlugen bei Trainern oft Antivirensysteme an – meist zu Recht. Wie sieht das bei euch aus?
Das war einer der Gründe, warum ich anfing, eigene Trainer zu entwickeln. Bei den meisten war es russisches Roulette, ob du einen Virus einfingst oder nicht. Das ist der Vorteil unserer All-in-One-Lösung: Alle Trainer stecken in einem einzigen Produkt. Du lädst einmal herunter und musst nicht jedes Mal hoffen, dass die Datei sauber ist. Wir sind bei den meisten Antivirenherstellern auf der Whitelist. Falls wir doch einmal negativ auffallen, melden wir das und es wird in der Regel schnell korrigiert.

Macht es einen Unterschied, wenn ein Spiel kopiergeschützt ist?
Der Kopierschutz hat keinen Einfluss. Er soll nur verhindern, dass das Spiel gecrackt wird. Wir cracken nichts. Wir verändern einzelne Spielroutinen, die nichts mit dem Kopierschutz zu tun haben. Bei Anti-Cheat-Systemen sieht es anders aus – da gibt es immer wieder Herausforderungen, die wir lösen müssen.

Ihr unterstützt auch Spiele mit Online-Komponenten wie «Elden Ring» oder «Nightreign». Wie funktioniert es dort?
Der Trainer funktioniert nur, wenn du lokal spielst. Im Online-Modus funktioniert es nicht. Da riskierst du einen Account-Bann. Unser «Elden Ring»-Trainer blockiert die Internetverbindung darum selbstständig.

Viele sehen Cheats als Affront gegen die künstlerische Vision. Was sagst du zu dieser Diskussion?
Wir haben von Entwicklern oft gehört: Ich will, dass die Spieler es genauso spielen, wie ich es mir ausgedacht habe. Ein Jahr später kommen sie zurück und sagen: Ihr hattet recht. Wenn dir eine Spielvision nicht gefällt, das Spiel zu schwer ist, oder was auch immer, dann kaufst du kein Add-on, keinen Nachfolger, nichts. Mit Plitch bekommst du das Spielerlebnis, das dir Spass macht. Das ist eine Win-win-Situation. Jeder weiss selbst, was ihm am meisten Spass macht. Unsere kleine Tochter fragt immer als Erstes: Papa, hast du gemacht, dass er unsterblich ist? Ja, habe ich gemacht. Dann ist sie beruhigt, ansonsten will sie gar nicht erst zugucken. Ihr gefällt es nicht, wenn der Hauptcharakter stirbt.

Auch für «Pragmata» gibt es bereits eine Reihe von Cheats. Damit sind Bosse wie dieser ein Klacks.
Auch für «Pragmata» gibt es bereits eine Reihe von Cheats. Damit sind Bosse wie dieser ein Klacks.
Quelle: Philipp Rüegg

Früher waren Cheats omnipräsent. Jeder hat sich in «GTA 3» einen Panzer hergecheatet. Haben sich Cheats gewandelt?
Es ist alles komplexer geworden. In früheren Bethesda-Spielen gibt es einen Godmode-Befehl. Damit bist du unsterblich, hast alle Energie und kannst unendlich viel tragen.

Das sind typische Overpower-Cheats. Das ist nicht meine Vision von Trainer. Ich habe Trainer immer im Sinne von Trainingssoftware verstanden.

Ich will auf Knopfdruck ein, zwei Sachen kaufen, die ich mir im Spiel nicht leisten kann. Danach will ich das Spiel aber wieder normal weiterspielen. Der Trainer soll mir die Freiheit geben, mein Spiel frei zu gestalten. Will ich unverwundbar sein oder nur ein bisschen weniger Schaden einstecken? In «Elden Ring» waren mir die Wölfe zu schnell, sodass ich sie nie getroffen habe. Also habe ich per Cheat ihre Geschwindigkeit um die Hälfte reduziert und sofort hatte ich mehr Spass. Dieses Feintuning ist in meinen Augen das Entscheidende .

Studios sind sensibler geworden auf dieses Thema. Optionen für Barrierefreiheit nehmen zu. Aber der Bedarf für Cheat-Trainer wie Plitch scheint nach wie vor gross zu sein.
Der Aufwand für Entwickler ist enorm, sich diese Sachen auszudenken, sie zu implementieren und mitzutesten. Nicht alle Studios, gerade kleinere, können das gewährleisten. Wir haben viele Kunden mit Einschränkungen, seien es motorische oder visuelle. Die freuen sich natürlich, wenn wir entsprechend Hilfestellung bieten.

Wer nutzt sonst noch Cheats?
Eine breite Palette. Der typische Familienvater ist nach wie vor unser Hauptkunde. Der will nach einem langen Arbeitstag nicht mehrere Stunden an der gleichen Stelle in «Elden Ring» oder «Bloodborne» steckenbleiben. Dann sitzt er gestresst und genervt da und hat keinen schönen Abend. Er will einfach etwas erleben. Es gibt aber auch jüngere Leute, denen die Spiele zu leicht sind. Dann machen wir, dass du nur noch einen Lebenspunkt hast, maximal zwei Schuss im Magazin. Das heisst: zweimal schiessen, Deckung, nachladen, viel Spass. Auch E-Sportler haben schon auf diese Weise mit Plitch trainiert, damit sich das anschliessende Turnier leichter anfühlt.

Welche Spiele sind besonders populär?
Früher war «Civilization» ganz gross. Das hat sich mit Teil 7 durch das Anti-Cheat-System komplett geändert. Da bieten wir entsprechend nur wenig Cheats an. «Anno» ist immer eine Riesennummer. Generell gilt: Alles, was Aufbaustrategie oder Wirtschaftssimulation ist und lange Spielzeit bietet, läuft gut. Die «Resident Evil»-Teile sind auch hoch im Kurs. Das Nonplusultra ist aktuell aber ganz klar «Crimson Desert».

Cheat-Ahoi auch in «Crimson Desert».
Cheat-Ahoi auch in «Crimson Desert».
Quelle: Philipp Rüegg

Was sind die beliebtesten Cheats?
Das hängt vom Spiel ab. Ein Teil unserer Cheats ist kostenlos und ein Teil steckt hinter der Paywall. Die kostenlosen werden entsprechend mehr genutzt. Darum führen Unverwundbarkeit, Lebensenergie auffüllenund unendliche Ausdauer die Top-Cheats an. Populär ist aber auch «The Hunter: Call of the Wild». Dort haben wir einen Cheat, der Tiere leuchten lässt – natürlich im Plitch-Grün. Damit siehst du sie weit entfernt durch das Dickicht hindurch.

Wie lange benötigt ihr, bis Cheats für ein neues Spiel verfügbar sind?
Das hängt von der Engine und der Programmierung ab. Bei Unreal Engine oder Unity-Spielen geht es meistens etwas schneller. Bei einfacheren Sachen wie Plattformern oder Rennspielen steht nach zwei bis vier Stunden ein Basistrainer mit 10 bis 20 Cheats. Für grössere Spiele wie «Resident Evil Requiem» sassen wir zu dritt mehrere Tage dran. Bei «Crimson Desert» waren es mindestens sechs Arbeitstage.

Das heisst, meistens steht bereits am Release-Tag ein Trainer bereit?
Das ist unser Ziel. Wenn der Release aber erst am Abend ist, ist es schwierig. Mitternachtsreleases sind am schlimmsten. «Elden Ring» war ein solcher Kandidat. Um ein Uhr war mein Download fertig, um zwei Uhr veröffentlichte ich den ersten Trainer weltweit. Ich arbeitete dann bis 6:30 Uhr weiter. Dann ging unsere Tochter in den Kindergarten – und ich legte mich schlafen.

Wie viel Wartung brauchen diese Trainer? Spiele werden heute regelmässig durch Patches und Updates verändert.
Pro Tag erscheinen 30 bis 60, teilweise 100 Patches für die verschiedenen Spiele, die wir unterstützen. Die kontrollieren wir manuell. Wir haben fast doppelt so viele Leute, die sich um Spiel-Updates kümmern, wie Leute, die neue Trainer entwickeln.

Da «Bloodborne» weiterhin Playstation-exklusiv ist, gibt es dafür auch keine Cheats.
Da «Bloodborne» weiterhin Playstation-exklusiv ist, gibt es dafür auch keine Cheats.
Quelle: Fromsoftware

Gibt es ein Spiel, wofür du dir Cheats wünschst, es aber – aus welchen Gründen auch immer – keine gibt?
Vor etlichen Jahren habe ich mir eine PS4 zusammen mit «Bloodborne» gekauft. Leider gibt es dafür keine integrierten Cheats und auf der PS4 kann ich auch keine eigenen erstellen. Irgendwann habe ich frustriert aufgegeben, obwohl die Atmosphäre und das Gameplay fantastisch sind. Aber der Schwierigkeitsgrad ist einfach so extrem, dass ich schlicht keinen Spass hatte.

Hast du einen Lieblingscheat?
Neben einem Gottmodus liebe ich Cheats wie «Unendlich Sprünge». Es gibt nichts Schöneres, als in Spielen wie «Horizon Forbidden West» von einem Berg zum anderen durch die Luft zu springen, während weit unter mir die Maschinen sind.

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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