«Prodeus» Bild: Bounding Box Software Inc.
Hintergrund

Was sind Boomer Shooter und warum sind sie plötzlich so populär?

Philipp Rüegg
28.11.2022

Sie sehen aus wie «Doom» oder «Duke Nukem 3D» aus den 90ern, sind aber brandneu. Sogenannte Boomer- oder Dad-Shooter schiessen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Drei Entwickler erklären, warum die Games mehr sind als blosse Hommagen an ein altes Genre.

«Keine aufgeblähten Zwischensequenzen. Einfach nur nonstop ballern. Du bekommst, was du bestellt hast.» So beschreibt Level Designer Jason Mojica «Prodeus». Das Spiel zählt zu den «Boomer Shootern», manchmal auch Dad Shooter genannt. Ein Genre, das stark im Aufwind ist. Es orientiert sich visuell und inhaltlich an 30 Jahre alten Baller-Games. Und genau das macht den Reiz aus. «Damals gab es weniger Ablenkungen. Du hast einfach so lange den Kopf gegen die Wand geschlagen, bis du herausgefunden hast, wie es weitergeht», sagt Jason. «Prodeus», «Project Warlock», «Ultrakill» und wie sie alle heissen, kombinieren das Beste aus zwei Zeitalter. Dem kann ich nur zustimmen. Ich habe im letzten Jahr vermutlich mehr solche Shooter gespielt als auf der Höhe ihrer Popularität in den 90er-Jahren.

Keine ballernden Baby Boomer

Die Genre-Bezeichnung klingt im ersten Moment widersprüchlich. Babyboomer sind nicht die dominierende Generation, die in den 90er-Jahren Shooter-Games gespielt hat. Das wäre eher Gen X oder Gen Y, also Millennials wie ich. Ausserdem hat das Wort Boomer seit dem Meme «OK Boomer» eine negative Konnotation. Es wird verwendet, um aus der Zeit geratene Menschen mit stereotypischen Ansichten zu beschreiben. Arsi Patala, Entwickler von «Ultrakill» findet den Namen dennoch perfekt. «Er geht leicht von der Zunge und ist klar in seiner Bedeutung. ‹Boomer› ist eine Abkürzung für alt und bedeutet nicht, dass die Babyboomer das Hauptpublikum waren.» Ausserdem findet ihn Arsi einprägsamer als «Throwback Shooter» oder «Retro FPS». Mit «Throwback Shooter» könnte auch «Halo» gemeint sein, und das ist definitiv kein Boomer Shooter.


«Ultrakill» ist ein schweisstreibender Shooter im Stile eines «Quake 3 Arena»
«Ultrakill» ist ein schweisstreibender Shooter im Stile eines «Quake 3 Arena»
Bild: Arsi Hakita Patala

Ballern, erkunden, Schlüssel finden

Boomer Shooter zeichnen sich durch ihre Einfachheit aus. Das findet jedenfalls Kuba Cisło, der 19-jährige Schöpfer von «Project Warlock». «Es geht in erster Linie darum, Spass zu haben, ohne sich in ein komplexes Spielgeschehen vertiefen zu müssen.» Weitere Merkmale sind Mechaniken wie Schlüssel aufsammeln, Geheimnisse finden und Karten erkunden – und natürlich schnelle, actionreiche Kämpfe. «Du musst im Kampf spontane Entscheidungen treffen, gleichzeitig ausweichen und Schaden anrichten. Das erzeugt eine ständige Spannung, ein Drängen und Ziehen», sagt Arsi. Sein Spiel «Ultrakill» orientiert sich am ehesten an «Quake 3 Arena» oder «Unreal Tournament» .

«Ultrakill» verzichtet fast gänzlich auf Ressourcen-Management oder den Erkundungszwang. Arsi setzt mit seinem Spiel voll und ganz auf Action. «Die Level sind pausenlose Hindernisstrecken. Wir haben jeglichen Ballast entfernt, damit du dich ganz auf die kurzfristige Strategie innerhalb jeder Begegnung und die Improvisation des Kampfes konzentrieren kannst.» Boomer Shooter kommen ohne Füller aus, bestätigt Jason. «Wir verschwenden nicht gerne deine Zeit. Wir versuchen, einen konstanten Spielfluss aufrechtzuerhalten.» Entsprechend gibt es in «Prodeus» genauso wenig Verschnaufpausen wie in «Ultrakill». Tempo und Spielprinzip sind aber eher an das gemächlichere, dafür düsterere «Quake 2» angelehnt.


«Project Warlock 2» setzt auf einen einzigartigen Comic-Stil.
«Project Warlock 2» setzt auf einen einzigartigen Comic-Stil.
Bild: Buckshot Software

Boomer Shooter erwecken zwar das Gefühl von «Doom», «Hexen» oder «Unreal», unter der Haube steckt aber modernes Game Design. «Die Herausforderung besteht darin, diese Welten und das Gefühl der Nostalgie wiederherzustellen, ohne die schlechten Dinge mitzubringen», erklärt Jason, der schon für Raven Software gearbeitet hat. Zu deren Portfolio zählt «Heretic», «Soldier of Fortune» oder «Quake 4». Wer in letzter Zeit einen dieser klassischen Shooter ausgegraben hat, weiss, dass die meisten davon schlecht gealtert sind. Sei es wegen der Grafik, eintönigen Leveln oder überholtem Waffendesign. Darum bieten die meisten Boomer Shooter irgendeine Art von Upgrade-, Perk-, Kombo-, oder Zauber-System wie beispielsweise «Project Warlock». Gegner können dort beispielsweise eingefroren werden und der heilige Schild blockt Schaden. Beides funktioniert in Harmonie mit den Schusswaffen. Etwas, das es früher in dieser Form nicht gab.

«Es ist einfach, eine leicht angepasste Variation eines Klassikers zu machen. Aber das ist ein Kampf auf verlorenem Posten», ist Arsi überzeugt. Man dürfe nicht erwarten, gegen Spiele zu gewinnen, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben. Wer Erfolg haben will, muss mehr abliefern als eine minderwertige Kopie eines alten Spiels. «Sonst kannst du auch einfach das alte Spiel spielen», so Arsi. Für Kuba, den Macher von «Project Warlock», ist das Leveldesign eine der grössten Herausforderungen. «Es ist wirklich schwer, ein gutes Level zu entwickeln. Es muss durchdacht und gut ausgeführt sein.»


«Prodeus» spielt sich wie ein altes Game, sieht dank modernen Design-Techniken aber deutlich hübscher aus.
«Prodeus» spielt sich wie ein altes Game, sieht dank modernen Design-Techniken aber deutlich hübscher aus.
Bild: Bounding Box Software Inc.

Ein weiterer zentraler Aspekt eines guten Boomer Shooters ist die Grafik. Boomer Shooter sind auf den ersten Blick als solche erkennbar. Statt Fotorealismus gibt es Pixel-Polygon-Diät. Die reduzierte Grafik täuscht jedoch. «Ultrakill», «Prodeus» und «Project Warlock» heben sich deutlich von ihren betagten Vorbildern ab. Entweder durch neuartige Beleuchtungstechniken, Comic-Design oder eine Vielzahl an Effekten, bei denen jeder 486er-PC schon beim Anschauen schmelzen würde.

Gekommen, um zu bleiben

«Ich bin mir nicht sicher, ob diese Art von Spielen jemals aus der Mode kommen wird. Boomer Shooter sind der Kern dessen, was einen grossartigen Shooter ausmacht», findet «Prodeus»-Designer Jason. «Nicht über die Spielmechanik nachdenken müssen, leicht zu lernen, einfach Spass haben. Das wird nie langweilig», sagt auch Kuba. Auf jemanden wie mich, der seit 30 Jahren diese Spiele spielt, trifft das definitiv zu. Immer wieder überraschen mich die Boomer Shooter mit einem neuen Dreh alter Mechaniken, ausgefallenem Design oder einfach einem festen Schlag mit der Nostalgie-Keule. Dabei stellt sich die Frage: Wenn Boomer Shooter klassische Shooter imitieren, wie nennen wir in 20 Jahren Hommagen auf Boomer Shooter? Double Retro Boomer Shooter? New Age Boomer Shooter? Renaissance Shooter? Ich glaube, da sprechen die Folgen des Schlags mit der Retro-Keule aus mir. Ich dreh jetzt das Boomer-Shooter-Roulette und schaue, was es Neues gibt.

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Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur. 


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