Meinung

«Spannerbrille»: Dieser Test bringt mich in ein moralisches Dilemma

Ich habe eine smarte Brille von Rokid zum Test erhalten. Die Technik fasziniert mich, stürzt mich aber wegen Kamera und Datenschutz in ein moralisches Dilemma.

Datenbrillen mit Kameras sorgen für Kontroversen. In der Schweiz haben bereits 17 000 Personen eine Petition unterschrieben, die den Bundesrat auffordert, Smart Glasses zu verbieten. Grünen-Nationalrat Gerhard Andrey arbeitet an einem Vorstoss für ein Moratorium. In Deutschland hat das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie zum gleichen Zweck über 190 000 Unterschriften gesammelt. Und sogar seriöse Techmedien wie Heise sprechen bereits von «Spannerbrillen».

In Verruf geraten sind solche Brillen vor allem, weil damit verdeckt und ohne Einwilligung Aufnahmen gemacht und auf Social Media veröffentlicht werden. Täter sind meist Männer; die unfreiwillig gefilmten Opfer meist Frauen. Manchmal werden sie «nur» aus der Distanz beobachtet oder auf der Strasse angesprochen, manchmal aber auch belästigt und bedrängt. Die Opfer geben kein Einverständnis zur Veröffentlichung der Aufnahme. Kein Wunder, sie realisieren gar nicht, dass sie aufgenommen werden.

Mein Dilemma

Für einen Test habe ich vom Hersteller die Rokid Glasses erhalten. Das bringt mich in eine Zwickmühle: Soll ich so ein Gerät überhaupt ausprobieren, obwohl ich es aus verschiedenen Gründen für problematisch halte? Grundsätzlich finde ich: Ja. Ein kritischer Test ist eine der Grundlagen, um sich eine Meinung zu diesem Thema zu bilden.

Dass ich so eine Brille nur im legalen Rahmen nutze, ist für mich selbstverständlich. Und mir ist auch bewusst, dass bereits das Tragen von Smart Glasses für andere als störend empfunden werden kann. Auch wenn ich die Kamerafunktion gar nicht eingeschaltet habe, sondern zum Beispiel nur Musik höre, die Navigation nutze oder die Brille mit den korrigierten Gläsern auf der Nase habe, weil ich sonst nichts sehe. Ich könnte aber unbemerkt Aufnahmen machen. Dieser Gedanke ist für viele unangenehm.

Mir geht es nicht anders. Das Gefühl, dass ich immer gefilmt werden könnte? Mich immer nach verdächtigen Brillen umschauen? Das möchte ich nicht für mich und nicht für andere. Darum ist für mich auch klar, dass ich die Rokid nicht tragen werde, wenn andere Menschen um mich herum sind – ausser ich habe sie vorher über den Test informiert.

Aber ich bin auch der Meinung, dass sich die Gesellschaft innerhalb der demokratischen Strukturen darauf einigen muss, wie sie mit solchen Technologien umgeht, die viel Missbrauchspotential haben. Müssen solche Brillen ganz verboten werden? Oder nur an heiklen Orten wie Schwimmbädern? Wird von den Herstellern verlangt, dass Aufnahmen klar erkennbar sind? Vor dem Test will ich einige grundlegende Fragen klären – mit mir selbst.

Sieht aus wie eine normale Brille mit dickem Rahmen, hat aber viel Technik verbaut.
Sieht aus wie eine normale Brille mit dickem Rahmen, hat aber viel Technik verbaut.

Wenn die Kamera aufnimmt, blinkt heute meistens ein Licht am Brillenrahmen, das sich aber bei manchen Modellen auch leicht deaktivieren lässt. Wie eine Lösung aussehen könnte, zeigt beispielsweise Japan: Hier schreibt das Gesetz vor, dass jedes Smartphone bei jeder Auslösung der Kamera ein laut hörbares Klicken abspielt, also ein Verschlussgeräusch oder einen Shutter Sound. Alle Smartphone-Hersteller halten sich daran. Allerdings zeigt sich auch in diesem Fall, dass es sofort Wege gibt, diese Vorschrift zu umgehen.

Problem Datenschutz

Vor lauter Diskussion um die Spannerbrillen geht ein zweiter Aspekt beinahe unter. Jede dieser Brillen ist ein Datensammler. Anbieter wie Meta nutzen diese Aufnahmen auch, um ihre KI-Modelle zu trainieren. So hat das «Svenska Dagbladet» aufgedeckt, dass der Facebook-Konzern Videos aus dem privaten Leben der Brillen-Nutzer nicht nur automatisch, sondern auch von Angestellten in Kenia auswerten lässt.

Die KI-Brillen gefährden also nicht nur die Privatsphäre von anderen, sondern auch meine eigene. Und auch beim Thema Datenschutz ist das Missbrauchspotential gross. Das bedeutet für mich, dass der Test über die technischen Features hinausgehen muss und eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema erfordert.

Und mein Test?

Ich habe mich entschieden: So lange bei uns die Frage nach dem Umgang mit Smart Glasses so intensiv diskutiert wird, so lange werde ich die Brille auch nicht in der Öffentlichkeit tragen.

Trotzdem will ich wissen, warum so viele Menschen von diesen Brillen fasziniert sind und Meta bereits letztes Jahr über sieben Millionen Stück verkauft hat. Wo kann ich solche Brillen einsetzen? Was gibt es für Anwendungen, die sinnvoll sind? Wie sehen die Funktionen für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft aus? Das alles finde ich nur heraus, wenn ich die Smart Glasses in den nächsten Wochen teste.

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Gadgets sind meine Passion – egal ob man sie für Homeoffice, Haushalt, Smart Home, Sport oder Vergnügen braucht. Oder natürlich auch fürs grosse Hobby neben der Familie, nämlich fürs Angeln.


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