Sony XPeria 1 II Review: Hassliebe auf den ersten Blick

Dominik Bärlocher
Zürich, am 14.08.2020
Schnitt: Armin Tobler
Es gibt nichts am Sony XPeria 1 II, das nicht eine starke Reaktion provoziert. Liebe, Hass, Wut, Freude, das XPeria Eins Zwo bietet all das und die beste Kamera auf dem Markt, die mit einem grossen Aber kommt.

Das Sony XPeria 1 II ist das Phone, das ich zu hassen liebe. Oder zu lieben hasse. Es gibt nichts an dem Ding, das einfach nur «okay» ist. Es ist entweder grossartig oder beschissen. Dazwischen gibt es nichts. Darum folgt jetzt eine Achterbahn der Gefühle, wenn es um die Bewertung dieses Smartphones geht, das so sehr ein Bekenntnis zur im vergangenen Jahr eingeschlagenen Richtung wie auch ein Ärgernis ist.

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Doch vor der monolithischen Ansicht des einen Gerätes im Kontext seiner selbst: Wo steht das Sony Xperia One Mark Two, oder wie ich es manchmal nenne «Das Sony One Two» oder «Sony Eins Zwo», auf dem Markt?

Sony: der gebeutelte Konzern mit Verlust

Sony macht Smartphones, die bis dato etwas hinterhergehinkt sind. Erstaunlich vor allem war da die Kamera, die fast schon skandalös schlecht war. Da ist Sony, Hersteller der besten Vollformatkameras auf dem Markt und bringt keine anständige Smartphone-Kamera hin. Warum?

Offensichtlich hat das Kamera-Department – die hinter Alpha Tech – nicht mit der Smartphone-Division zusammengearbeitet. Oder hat das nicht dürfen. Denn die Meinung der Sony'schen Obrigkeit war laut Berichten «Warum sollte sich jemand eine 5000-fränkige Kamera kaufen, wenn sie dieselbe Technologie hat wie ein 1000-fränkiges Smartphone?»

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Das war falsch.

Sony hat das eingesehen. Im Sony Xperia 1 II Alpha Tech verbaut. Alpha Tech, für die Uninitiierten, ist so ziemlich das beste, was die Kameratechnologie hervorbringt. Meine Kamera, mit der ich so ziemlich jedes Bild für meine Artikel schiesse, ist eine Sony a7sii. Videojournalistin Stephanie Tresch schiesst ihre Filme am liebsten auf einer Sony a7iii. Das a steht für Alpha. Sprich: Wir schwören auf Alpha Tech. Die Kameras haben im Laufe der Jahre nur ein einziges Mal ihren Dienst hardwareseitig verweigert und sonst konsistent extraordinär gute Arbeit geleistet.

Alpha Tech auf Smartphones ist eine grosse Sache.

Wo bleibt das Wort «Alpha»?

Jetzt ist da auf dem Homescreen des Sony XPeria 1 II eine App, die merkwürdigerweise nicht «Alpha Camera» heisst, sondern einfach nur «Photo Pro». Ich frage mich, warum Sony sich nicht mit dem eigenen Ruhm brüstet. Falsche Bescheidenheit ist hier definitiv fehl am Platz. Denn Photo Pro ist der beste manuelle Modus einer Smartphone-Kamera, den ich je gesehen habe.

Warum heisst die nicht «Alpha Camera»?
Warum heisst die nicht «Alpha Camera»?

Photo Pro – wie ich mir das Wort Alpha wünsche – ist eine separate App, weil das User Interface sich komplett von der normalen Kamera-App unterscheidet. Da sind Optionen, Histogramme und das prominent im Bild. Das User Interface erinnert mich stark an das meiner a7sii. Ich fühle mich zu Hause und ich kann nur mit Liebe und Foto-Romantik über sie reden.

Das User Interface der App Photo Pro
Das User Interface der App Photo Pro
Das User Interface meiner Sony a7sii
Das User Interface meiner Sony a7sii

Die App gibt mir etwas, von dem ich nicht wusste, dass ich es vermisst habe. Wenn ich mit der grossen Kamera fotografiere, dann hat das etwas Verspieltes. Ich schaue mir mein Motiv an, rate mal, wie ich die Kamera einstellen muss, mache mal ein Bild, schau mir das an, feile an den Details. Bestimmt gewinne ich nie einen Fotografiepreis oder so etwas, aber ich habe meinen Spass daran.

Ein Smartphone halte ich hoch und drücke ab. Die AI macht den Rest. So sehr ich die AI einer Smartphone-Kamera mag und die Arbeit einer Maschine bewundere… mir fehlt manchmal das Abenteuer Fotografie.

Die Alpha-App – ich nenne die jetzt einfach so, wenn Sony das schon nicht tut – gibt mir all das. Und das im Taschenformat. Sie ist genau das, wovor sich die Sony-Obrigkeit gefürchtet hat. Ausser dass ich meine a7sii nicht einfach so hergeben will. Denn die grosse Kamera hat grosse Vorteile. Das kleine Xperia 1 II passt dafür in meine Töffjacke.

Dann gelingen mir bei Sonnenaufgang solche Shots.

Jeder sollte einen Sonnenaufgang einmal pro Jahr ansehen gehen.
Jeder sollte einen Sonnenaufgang einmal pro Jahr ansehen gehen.

Damit sind wir schon bei der anderen Kamera-App angelangt. Der normalen Kamera-App, die einfach nur «Camera» heisst. Diese kommt mit AI und all dem. Die Bilder sind bestenfalls okay. Denselben Shot wie oben habe ich dann auch noch mit der «Camera» gemacht.

Die normale Kamera macht durchschnittliche Bilder, bestenfalls.
Die normale Kamera macht durchschnittliche Bilder, bestenfalls.

Das ist einfach nichts. Oder nicht gut genug, dass sich Sony damit brüsten könnte. Die AI ist nicht intelligent genug, versucht einfach alles aufzuhellen, hat kein Verständnis für Drama und Dunkelheit. Aber sie ist schnell. Wenigstens das.

Ich habe also die Wahl, mir entweder Zeit zu nehmen und mit der Alpha App zu fotografieren oder einen gurkigen AI-Shot zu machen, dafür aber Zeit zu sparen. Ich entscheide mich in der Regel für die Pause und mache ein schönes Bild.

Ja.
Ja.

Noch besser: Damit du ein Bild in Photo Pro aufnehmen kannst, musst du den separaten Auslöseknopf am Gehäuse des Sony Xperia Eins Zwo drücken. Separater Auslöser. Wie geil ist das denn? Noch besser: Das Xperia liegt dank harten Kanten recht schön in der Hand. Da hat Sony ganze Arbeit geleistet.

Das Risiko zu versagen

Die Photo Pro App kann alles. Theoretisch. Da ist ihr grösstes Problem, dass du dir gewohnt bist, dass eine Smartphone-Kamera einfach gute Bilder macht. Wenn auch nicht ästhetisch schöne, dann zumindest solche, die technisch einwandfrei sind. Nirgends zerreisst es dir den wolkigen Himmel und er wird zu weiss. Die Tiefenunschärfe ist immer mechanisch perfekt und die Farben sind lebendig schön. Die AI hilft dir.

Bei der «Alpha App» geht das nicht. Dort macht die AI Pause. Du hast zwar Autofokus und Auto-ISO, aber du kannst dich nicht auf die automatische Nachbearbeitung verlassen. Sprich: Du läufst Gefahr, ein technisch schlechtes Bild zu machen.

Ist mir auch schon passiert.

Der Himmel ist niemals so weiss
Der Himmel ist niemals so weiss

Auf dem obigen Shot habe ich den Weissabgleich leicht verhauen. Oder die Belichtungszeit. Oder die Blendenöffnung. Am Ende dann ist der Himmel hinter dem Tal weiss statt hellgrau geworden. Aber weisst du was? Ich schau mir das Bild an und freue mich über die Imperfektionen.

Eigentlich war es ja sonnig.
Eigentlich war es ja sonnig.

Andere Male gelingen mir zufällig Bilder, die eine ganz andere Story erzählen. Das obige Bild war bei strahlendem Sonnenschein. Aber es sieht aus, als ob da ein Gewitter droht. Ich mag das an der Fotografie.

Sprich: Die Alpha App, die eigentlich Photo Pro heisst, ist das, womit das XPeria 1 II so richtig punkten kann. Aber halt nur, wenn du etwas Verständnis von Fotografie hast. Oder natürlich, wenn du dir die Zeit nehmen willst, das zu lernen. Im Falle des Sony Xperia 1 II lohnt sich das. Generell: Fotografie lohnt sich als Skill im Leben. Klar, Point-and-Shoot ist nett und lustig, aber wenn du weisst, was du tust, dann gibt dir die Fotografie mehr als nette Selfies und Food Porn.

Der Fingerabdrucksensor nervt. Der Rest auch

Damit die Kamera-Experience möglichst komplett bleibt, hat sich Sony Mühe gegeben, den Bildschirm möglichst gross und breit und unverstellt zu lassen. Gut so. Da ist kein Notch, der Screen hat ein Seitenverhältnis von 21:9. Der Screen ist gut so, denn so kann ich im Kinoformat Videos aufnehmen. Das ist ein Gimmick, denn die wenigsten von uns machen Kinofilme. Aber das ungewöhnliche Bildschirmformat gibt mir Platz für ein schönes Bild im Kamerasucher und all die Optionen am Bildschirmrand.

Diesem Konzept ist der Fingerabdrucksensor zum Opfer gefallen. Oder besser: Fiel vor Jahren zum Opfer. Sony hat seinen Fingerabdrucksensor an der Seite. Der hat noch nie besonders gut funktioniert und tut das nach wie vor nicht. Wenn du ein Smartphone hast, das weniger als 10 Millimeter dick ist, dann ist da nicht besonders viel Auflagefläche für einen Sensor, der exakte Daten messen muss. Wenn deine Hände trocken und sauber sind, der Sensor auch, dann geht das super. Aber wehe da ist ein Staubkorn im Umkreis von zwei Metern.

Der Fingerabdrucksensor an der Seite ist nicht verlässlich und könnte ganz abgeschafft werden
Der Fingerabdrucksensor an der Seite ist nicht verlässlich und könnte ganz abgeschafft werden

Sony, lass das doch einfach mit dem Finger Print Scanner. Wenn das Konzept funktionieren würde, dann hätte all das Development und all die Zeit das mittlerweile funktionieren lassen. Es ist nicht die Fingerabdrucktechnologie, die das Problem ist. Es ist die Idee des Scanners auf der Seite, egal wie lässig sie auf Papier klingt. Also gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Fingerprint Scanner unters Glas
  2. Fingerprint Scanner ganz weglassen

Letztere Option klingt jetzt krass übel radikal und all das. Aber wenn Apple mit dem iPhone etwas bewiesen hat, dann, dass ein Flaggschiff ohne Fingerprint Scanner davonkommen kann. Dafür aber müsste Face Unlock im Sony Xperia 1 II verbaut sein. Das Feature fehlt.

… echt jetzt?

Da ist Sony dem Rest der Welt mit der Alpha App um Jahre voraus und mit dem Fehlen des Face Unlocks Jahre hintendrein. Und genau so fühlt sich der ganze Rest der Android Distro an. Viel ist direkt der Stock Version Androids entlehnt, aber dann sind da Tutorials überall für Dinge wie Side Sense. Side Sense ist so irgendwas, das passiert, wenn du zweimal an die Seite des Screens antippst. Funktioniert auch nur so halb, macht nichts nützliches, aber da sind Guides und «Willste probieren?»-Dialoge überall. Noch ein Mailkonto hinzufügen? Nein. Geh weg. Multi-Window Tutorial? Nein! Lass mich mein Phone benutzen, Sony. Echt jetzt.

Lass mich in Ruhe mit irgendwelchen fancy Features, das bringt nix
Lass mich in Ruhe mit irgendwelchen fancy Features, das bringt nix

Das Sony Xperia 1 II ist emotional anstrengend und genau deswegen mag ich es. Sony ist hingegangen und hat ganz offensichtlich ein Phone gemacht im vollen Wissen, dass seine Massentauglichkeit nicht so gegeben ist, wie das für Flaggschiffe üblich ist. Wenn du einfach nur eine Point-and-Shoot-Kamera willst, dann ist das Sony XPeria 1 II nichts für dich. Aber wenn du dich auf das Abenteuer Fotografie einlassen willst und nebenher auch noch zufällig mit demselben Gerät telefonieren können willst, dann schau dir das Phone genauer an.

Wenn du Fotograf bist, oder Videograf, und ein kompaktes Gerät mit massiv Power willst: Greif zu.

So. Fertig. Photo Pro hat übrigens auch RAW Support.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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