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Profiltransfer: Netflix bereitet das Ende von Account Sharing vor

Luca Fontana
18.10.2022

Netflix lanciert den Profiltransfer: die Möglichkeit, das eigene Profil mitsamt gespeicherten Vorlieben und Einstellungen auf ein neues Konto zu übertragen. Was der Streamingdienst als Service tarnt, ist eigentlich ein weiterer Schritt zum Ende des Account Sharing.

Es sei eine «vielfach gewünschte Funktion», die seit Montag langsam ausgerollt wird, betont Netflix in seiner jüngsten Medienmitteilung: der Profiltransfer. Damit sollen wir endlich unser persönliches Netflix-Profil von einem existierenden Konto auf ein neues übertragen können. Etwa nach dem Beziehungs-Aus. Oder der WG-Auflösung. Der Clou ist nämlich, dass sämtliche personalisierte Empfehlungen, Titel- und Suchverläufe, Spiele und Einstellungen sowie gespeicherte «Meine Liste»-Inhalte erhalten bleiben. Sobald dein Konto für den Profiltransfer freigeschaltet ist, kriegst du eine E-Mail von Netflix, so die Medienmitteilung.

Super Service, oder?

Je nachdem. Was Netflix als langersehnte Innovation vermarktet, ist eigentlich der neueste Streich im Kampf gegen Account Sharing. Das ist, wenn du dein Netflix-Passwort mit einer oder mehreren Personen ausserhalb deiner eigenen vier Wände teilst – eine gemäss den Netflix-Nutzungsbedingungen verbotene Praxis, die mit dem Sperren des Accounts bestraft werden kann. Beeindrucken lässt sich davon aber seit Jahren niemand. Genau das ist Netflix ein Dorn im Auge.

Als Service getarnte Mogelpackung

Der amerikanische Streamingdienst schätzt, dass über 100 Millionen Haushalte Netflix haben, ohne dafür zu zahlen. Gleichzeitig schrumpfen seit Monaten die Abo-Zahlen. Beim börsenkotierten Unternehmen schrillen die Alarmglocken.

Im April startete Netflix darum ein Testlauf in Ländern wie Chile, Costa Rica und Peru, um herauszufinden, ob Menschen bereit wären, freiwillig für legales Account Sharing zu zahlen. Zum Start kostete die Account-Sharing-Funktion zusätzliche 2,99 US-Dollar pro Monat.

  • Meinung

    Netflix: Account Sharing gegen Aufpreis? Ein sinnloses Unterfangen

    von Luca Fontana

Im Rahmen des legalen Account Sharing testete Netflix auch eine weitere Funktion: den besagten Profiltransfer. Das sollte Widerstände abbauen. Schliesslich können im Algorithmus gespeicherte Vorlieben und Empfehlungen gleich in ein neues, eigenes – aber natürlich kostenpflichtiges – Konto mitgenommen werden. Die Betonung liegt auf «neues» Konto, wie aus der Help-Seite von Netflix hervorgeht: Wer zum Beispiel aus dem Elternhaus zur Partnerin oder zum Partner zieht, kann ihr oder sein existierendes Profil nicht in ein bereits bestehendes Konto transferieren – nur in ein komplett neues Konto.

Genau das entlarvt den nunmehr weltweit lancierten «Service»: Ginge es den Amerikanern tatsächlich um einen Dienst an ihren Nutzerinnen und Nutzern, würde der Profiltransfer auch zur Zusammenführung von Profilen funktionieren. Stattdessen bleibt der Transfer eine Funktion, die im Idealfall aus einem Konto mit mehreren Profilen mehrere Konten mit einem einzigen Profil macht – niemals umgekehrt.

Rückt das Ende von Account Sharing näher?

Freiwillige Gebühren für legales Account Sharing, Profiltransfers und bald kommende werbeunterstützte Abos: Netflix meint es ernst. Zuletzt hat der Streamingdienst gar neue Tests in Argentinien, der Dominikanischen Republik, El Salvador, Guatemala und Honduras gestartet. Dort werden bestehende Konten seit August via IP-Adresse einem fixen Haushalt zugeordnet. Wer dasselbe Konto woanders nutzen will, zahlt zusätzlich zwischen zwei und drei Dollar pro Haushalt. Wer hingegen auf Reisen das Netflix-Konto auf einem anderen TV-Gerät nutzt, soll das zwei Wochen lang ohne Zusatzgebühr tun können.

Netflix wandert aber auf einem schmalen Grat. Vor allem nach den gerade erst erfolgten Preiserhöhungen für den ohnehin schon teuersten Streaming-Dienst der Welt. Schlimmstenfalls würde die Konkurrenz bloss noch appetitlicher: Wenn jemand aus einem Konto ausscheidet, ist das keine Garantie dafür, dass sich die ausscheidende Person ein neues Konto erstellt. Das bedeutet weniger Views. Weniger Hype. Überraschende, virale Hits wie etwa «Squid Game» vergangenes Jahr wären dadurch zwar nicht unmöglich, aber schwieriger. Und die braucht Netflix, um seine hohen Kosten und Preise zu rechtfertigen.

Update 20.Oktober 2022, 9:30 Uhr:
Der Test, bestehende Konten via IP-Adresse einem Haushalt zuzuordnen, könnte laut Netflix per anfang 2023 auch hierzulande beginnen. Im kurz nach Veröffentlichung dieser News erschienenen Geschäftsbericht sagt Netflix: «[...] we’ve landed on a thoughtful approach to monetize account sharing and we’ll begin rolling this out more broadly starting in early 2023.»

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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