Hintergrund

Pixel Union: Die europäische Google-Photos-Alternative im Test

Ich versuche, mich aus der US-Tech-Umklammerung zu lösen. Für meine Foto-Cloud habe ich nun endlich eine gute Lösung gefunden. Pixel Union basiert auf der Open-Source-Plattform Immich – und ist fast perfekt.

Google Photos ist der beste Foto-Dienst, den es gibt. Seit Jahren speichere und verwalte ich darüber mein wachsendes Foto-Archiv. Er ist schnell, zuverlässig, funktionsreich und auf allen Systemen verfügbar. Wie so vieles in der Techwelt stammt er aus den USA. Vor einem Jahr habe ich über meinen Versuch geschrieben, meine digitale Abhängigkeit von diesem Land zu lösen.

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Wofür ich damals keinen passenden Ersatz gefunden habe, war Google Photos. Am vielversprechendsten klang Immich. Die Open-Source-Foto- und Videoverwaltungs-Plattform sieht aus wie Google Photos und bietet die gleichen Funktionen. Der Nachteil ist, dass ich sie selber hosten und mich um Backups kümmern muss. Ich habe einen eigenen Server, aber bei der Verwaltung meiner Erinnerungen vertraue ich lieber auf Profis. Darum war Immich keine Lösung für mich – bis jetzt.

Pixel Union ist ein Foto-Cloud-Anbieter aus den Niederlanden mit Servern in Deutschland und einem Backup in Finnland. Als Grundlage dient eine geforkte Version von Immich. Verfügbar ist sie im Web und als Mobile-App. Auf Android kann ich zwischen der Pixel-Union- und der Immich-App wählen. Bei iOS gibt es nur Letztere. Die Pixel-Union-App befindet sich in Arbeit. Laut Mitgründer Bram Koch soll sie das Onboarding und die Verbindung zur eigenen Domain vereinfachen. In der aktuellen Version kann ich keine Unterschiede zwischen den Apps feststellen. Auch bei der Web-Version von Pixel Union bekomme ich genau das Gleiche, wie wenn ich Immich selbst hosten würde.

Das Design orientiert sich klar an Google Photos.
Das Design orientiert sich klar an Google Photos.

Der Dienst ist bis zu 16 Gigabyte Speicher kostenlos – ein Gigabyte mehr als bei Google. 150 Gigabyte kosten 29,50 Euro im Jahr oder 2,95 Euro im Monat. 450 Gigabyte gibt es für 49,50 Euro im Jahr und 4,95 Euro im Monat. Das aktuelle Maximum sind 2 Terabyte für 99,50 Euro pro Jahr und 9,95 Euro pro Monat. Der Speicher lässt sich mit anderen Personen teilen, damit sie kein eigenes Abo abschliessen müssen.

Ich nutze Pixel Union seit rund einem Monat und bin fast vollumfänglich zufrieden.

Datentransfer und Einrichtung

Um meine Bilder und Videos zu Pixel Union zu transferieren, lade ich sie zuerst über Google Takeout herunter. Die einzelnen RAR‑Dateien übertrage ich danach über ein Tool von Pixel Union. Bei Apple Fotos ist es etwas umständlicher, wenn du alle Daten und Alben erhalten willst. Aber auch dafür gibt es eine Anleitung. Ein einfacher Import ist in Planung.

Für Google-Photo-User bietet Pixel Union ein praktisches Tool, um Bilder zu transferieren.
Für Google-Photo-User bietet Pixel Union ein praktisches Tool, um Bilder zu transferieren.

Bei mir klappt der Bilder-Import einwandfrei, inklusive aller Metadaten wie Datum und Aufnahmeort. Immich bietet eine lokale Gesichtserkennung. Damit zeige ich mir auf einen Klick bestimmte Personen an. Bei Google Photos war das eines meiner Lieblings-Features. Leider erreicht die Gesichtserkennung nicht ganz Googles Level. Vielleicht auch, weil sie nicht jahrelang mit meinen Bilddaten trainiert wurde. Darum musste ich manuell eine halbe Stunde passende Gesichter zusammenführen. Das macht mehr Spass, als ich dachte. Plötzlich tauchen Bilder auf, die ich längst vergessen habe.

Bilder kann ich auch nach Stichworten durchsuchen. Das funktioniert fast so zuverlässig wie bei Google Photos. Dort wird etwas strenger gefiltert, weshalb auch mal ein Bild fehlen kann. Immich schlägt beispielsweise bei der Suche nach New York nicht das entsprechende Album vor. Ausserdem muss ich bei Immich auf Englisch suchen.

Bei der Suche hat Google wenig überraschend die Nase vorn.
Bei der Suche hat Google wenig überraschend die Nase vorn.

Von Google Photos kopiert werden auch die automatischen Erinnerungen, die zuoberst in der App erscheinen. Ein nettes Feature, das ich rege nutze.

Einschränkungen und Workarounds

Eine der wichtigsten Funktionen von Foto-Diensten ist das Teilen. In Immich funktioniert das genauso einfach wie bei Google. Geplant, aber noch nicht umgesetzt ist das automatische Teilen von Bildern mit bestimmten Personen.

Auf Google Photos teile ich alle Bilder, die ich von unseren Kindern mache, automatisch mit meiner Frau. Eine Funktion, die wohl noch ein Überbleibsel von meinem früheren US-Google-Account ist und hierzulande offenbar nicht zur Verfügung steht. Immich bietet zwar «Partner Sharing» an – dann teilen sich alle involvierten Personen sämtliche Bilder. Damit würde ich meine Frau aber auch mit Bildern aus Hardware-Tests zuspammen. Etwaige Geschenkideen wären ebenfalls schnell verraten.

Ein paar meiner Jass-Buddies.
Ein paar meiner Jass-Buddies.

Bei Immich steht die Funktion auf der Roadmap, aber so lange kann ich nicht warten. Da Immich ein Open-Source-Projekt ist, muss ich das auch nicht. Es gibt mehrere Workarounds. Da mir Pixel Union den Link zu meinem Immich-Server liefert, kann ich zusätzliche Funktionen nutzen, als würde ich den Dienst selbst hosten.

Auf meinem Unraid-Server installiere ich ein kleines Tool, das mir automatisch alle Bilder von meiner Familie und mir in ein Album packt. Das wiederum teile ich mit meiner Frau – so bleibt sie immer auf dem neuesten Stand.

In Arbeit ist auch die Möglichkeit, Immich direkt aus der Kamera-App zu starten. Wenn ich ein Foto mache, möchte ich es meist sofort anschauen oder teilen. Klicke ich auf das kleine Vorschaubild in der Foto-App, startet aber Google Photos und ich muss manuell zu Immich wechseln.

Umständlicher als bei Google Photos funktioniert bei Immich das spontane Teilen mit anderen Immich-Usern. Teile ich über die Google-Photos-App ein Bild, kann ich es direkt an einen Google-Photos-Kontakt schicken. Dann erhält er es unkomprimiert und direkt in die App. Bei Immich muss ich es in ein gemeinsames Album verschieben, einen Link senden oder über einen anderen Dienst wie Signal teilen. Dann wird es aber wieder komprimiert.

Die Android-App von Immich bietet alles, was man braucht. Nur der Editor ist ziemlich kümmerlich.
Die Android-App von Immich bietet alles, was man braucht. Nur der Editor ist ziemlich kümmerlich.

Ansonsten ist das Teilen unkompliziert. Ich kann Alben mit wenigen Klicks mit Personen teilen, auch wenn sie kein Immich nutzen. Sie können eigene Bilder hochladen, wenn ich das erlaube. Auch Passwortschutz oder ein Ablaufdatum werden angeboten.

Ausbaufähig ist der Editiermodus. Der bietet ausser Zuschneiden und einigen Filtern nichts. Will ich den Weissabgleich oder die Schärfe verändern, muss ich eine andere App verwenden. Im Web-Client kann ich nur zuschneiden.

Ein weiterer Vorteil von Google Photos ist die Funktion als Bilderrahmen in Verbindung mit einem Nest Hub oder dem Pixel Tablet. Eifrige Tüftler haben auch dafür schon einen Ersatz gefunden. Mit Immichframe oder Immich Kiosk, die ich als Android-App nutze oder als Docker-Container über meinen Server laufen lasse, verzichte ich auch mit Immich nicht auf einen Bilderrahmen. Es erfordert allerdings mehr Bastelei als der Rest. Zumindest, wenn du wie ich keine Ahnung von solchen Dingen hast und blind Anleitungen folgst. Geschafft habe ich es dennoch, wenn auch noch nicht ganz perfekt.

Auch mit Immich kann ich Diashows auf meine bestehenden Google-Geräte streamen.
Auch mit Immich kann ich Diashows auf meine bestehenden Google-Geräte streamen.

Fazit: würdige Alternative, trotz Stolpersteinen

Wenn du eine europäische Alternative zu Google Photos suchst, ohne einen eigenen Foto-Server hosten zu müssen, dann empfehle ich dir Pixel Union. Basierend auf dem Open-Source-Projekt Immich liefert es das Aussehen und die meisten Annehmlichkeiten von Google Photos. Es sichert Daten schnell und zuverlässig und ist auf allen Plattformen verfügbar. Du kannst Bilder nach Begriffen oder Personen durchsuchen. Das klappt dank lokaler Gesichtserkennung einwandfrei. Auch das Teilen von Bildern – an Immich-User wie auch an andere Personen – funktioniert einfach.

Wechselst du von Google Photos, ist der Umstieg denkbar einfach. Für iCloud-User ist es etwas umständlicher, aber auch keine Raketenwissenschaft.

Einige Funktionen, die ich aus Google kenne, funktionieren bei Immich nicht oder nur durch Workarounds. Bist du auf diese angewiesen, hast aber keinen eigenen Server, musst du abwarten, bis die Funktionen nachgereicht werden. Da es mir in erster Linie nicht darum geht, ein besseres Produkt zu finden, sondern ein ethisches, bin ich mit Pixel Union trotzdem zufrieden. Ich bekomme im Grossen und Ganzen eine gleichwertige Google-Photos-Alternative zum fast gleichen Preis, aber aus Europa.

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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