Hintergrund

Affinity ist kostenlos – adios Adobe?

David Lee
5.1.2026
Bilder: David Lee

Seit Herbst 2025 gibt es die Affinity-Software gratis. Sie kann vieles, was Adobe-Programme können, aber nicht alles. Vor allem für Fotografinnen und Fotografen ist Affinity leider keine Alternative.

Mit dem Abo-Zwang und sich immer wieder ändernden Preisen und Produktbündelungen hat sich Adobe viele Feinde gemacht. Die Suche nach geeigneten Alternativen ist ein Dauerthema. Affinity wird oft als mögliche Alternative genannt.

Dies erst recht, seit es kostenlos ist. 2024 übernahm das australische Unternehmen Canva den Affinity-Entwickler Serif. In der Folge hat Canva die drei einzelnen Anwendungen Affinity Photo, Affinity Publisher und Affinity Designer zu einem Produkt verschmolzen und bietet es zum freien Download an. Es steht für Mac und Windows zur Verfügung. Eine iPad-Version soll bald folgen.

Was ist Affinity genau?

Affinity war vor der Übernahme durch Canva eine Suite bestehend aus drei Anwendungen:

  • Affinity Designer: Ein Vektor-Zeichenprogramm im Stil von Adobe Illustrator.
  • Affinity Photo: Eine Bildbearbeitung im Stil von Adobe Photoshop.
  • Affinity Publisher: Ein Layout-Programm, ähnlich wie Adobe InDesign.

Im neuen Affinity Studio erscheinen diese Anwendungen als Unterbereiche und heissen «Vektor», «Pixel» und «Layout». Daneben gibt es weitere Bereiche wie Canva AI, Slices, Retuschieren oder Color Grading. Welche dieser weiteren Bereiche von Canva kommen, von Affinity umorganisiert wurden oder komplett neu sind – da blicke ich nicht ganz durch. Klar ist aber, dass gewisse KI-Funktionen in Affinity vom neuen Mutterhaus Canva stammen und kostenpflichtig sind. Und zwar im Abo. Die Preise liegen bei 12 Euro/16 Franken im Monat oder 110 Euro/128 Franken im Jahr.

Um Affinity nutzen zu können, musst du dich mit einer E-Mail-Adresse registrieren. Weitere Angaben sind nicht nötig und es werden laut Canva keine Daten für KI-Training genutzt.

Was Affinity nicht ist

Vieles ist neu, aber etwas für die Fotografie Entscheidendes ist gleich geblieben: Affinity ist kein Ersatz für Lightroom. Es verfolgt ein anderes Konzept. Es gibt keine Fotoverwaltung. Du kannst keine Stichworte, Bewertungen und Markierungen hinzufügen, Fotos nicht sortieren und katalogisieren, nicht nach Metadaten suchen. Du kannst eine Einstellung nicht auf mehrere Fotos anwenden oder mehrere in einem Durchgang exportieren. Es ist eine Einzelbildbearbeitung, wie Photoshop.

Anders als in Photoshop werden auch deine Entwicklungseinstellungen nicht gespeichert. Wenn du ein RAW-Foto öffnest, musst du es zuerst komplett fertig entwickeln und kannst danach nichts mehr an der Entwicklung ändern. Das Entwickeln ist also ein einmaliger Vorgang, der beim ersten Mal komplett abgeschlossen werden muss. In Photoshop kannst du ein RAW-File erneut öffnen und deine bisherigen Einstellungen werden übernommen.

Wer viel fotografiert und entsprechend viele Bilder hat, wird nur mit Affinity kaum glücklich. Es braucht zumindest einen Workaround mit einer zusätzlichen Bildverwaltung, die auch RAW-Files darstellen kann. Etwa das kostenlose Programm Adobe Bridge. Aber selbst dann siehst du nur unbearbeitete Bilder. Die bearbeiteten speichert Affinity in einem proprietären Format ab, das keine externe Bildverwaltung lesen kann.

Entwicklung an Beispielen

Ich habe einige meiner Fotos in Affinity nochmals entwickelt, damit ich einen Vergleich habe. Da ich Affinity nicht so gut kenne wie Lightroom, kann es auch an mir liegen, wenn die Ergebnisse nicht berauschend sind. Die Ergebnisse für Lightroom gelten auch für Photoshop – dort ist die RAW-Entwicklung im Kern dieselbe und wird mit dem Filter «Camera Raw» aufgerufen.

Erstes Beispiel: Landschaftsbild

Lightroom
Lightroom
Affinity
Affinity

Der Meeresspiegel sollte waagrecht sein. In Lightroom gibt es eine vollautomatische Ausrichtung, in Affinity gibt es immerhin eine Hilfslinie, die du dem Horizont entlang ziehen kannst. Da Lightroom beim automatischen Begradigen oft daneben liegt, nur ein ganz kleiner Vorteil.

Mehr stört mich, dass es in Affinity keine Kameraprofile und überhaupt keine Farbprofile gibt. Selbst nach der Korrektur des Weissabgleichs stimmen die Farben nach meinem Empfinden nicht. Ich weiss nicht, wie ich das korrigieren kann. Mit den Color-Grading-Einstellungen kriege ich es nicht hin.

Ein Killerfeature bei Landschaftsaufnahmen ist die automatische Auswahl des Himmels und anderer Landschaftsteile. Das fehlt in Affinity. Auf diesem Bild ist es nicht weiter schlimm. Eine Verlaufsmaske ist vorhanden und du kannst auch mit einem Pinsel maskieren. Wobei der Pinsel nicht in der korrekten Grösse angezeigt wird und du ihn mit dem Scrollrad weder verkleinern noch vergrössern kannst.

Zweites Beispiel: Tierfoto

Lightroom
Lightroom
Affinity
Affinity

Dies ist ein Foto mit 12 800 ISO, das nach der Bearbeitung stark rauschte. Mit Lightrooms KI-Funktion bringe ich das Rauschen auf ein Minimum, ohne irritierende Artefakte. Affinitys Rauschreduktion ist okay, nutzt aber keine KI und kommt so nicht an Lightroom heran. Die starke Anwendung des normalen Rauschfilters führt zu einem Schärfeverlust.

Lightroom
Lightroom
Affinity
Affinity

In Lightroom habe ich die Sättigung der Grüntöne reduziert, damit der Hintergrund nicht knalliger ist als das Motiv. In Affinity finde ich keine solche Funktion. Mit der «Selektiven Farbkorrektur», einem uralten Konzept aus Photoshop, bringe ich das Grün auch zum Verblassen – aber viel weniger zielgerichtet und präzise. Zudem passt mir auch hier die generelle Farbgebung weniger gut als in Lightroom.

Drittes Beispiel: Innenraum

Lightroom
Lightroom
Affinity
Affinity

Bei diesem Schnappschuss habe ich die Kamera auf allen Achsen nicht ganz gerade gehalten, darum sind alle waagrechten und senkrechten Linien irgendwie schräg. Das einfache Ausrichtungswerkzeug von Affinity korrigiert nur eine der drei Achsen. Die übrigen Fehler bleiben bestehen. In Lightroom gibt es unter dem Transformieren-Reiter für alle drei Achsen einen separaten Regler. Auf diese Weise bringe ich die Ausrichtung korrekt hin. Es gibt auch eine Automatik-Funktion, die in diesem Fall aber überfordert ist.

Wie in Photoshop gibt es in Affinity diverse Verzerrungsfilter, unter anderem perspektivisches Verzerren. Damit bringe ich es halbwegs hin, aber es dauert viel länger und das Ergebnis ist schlechter. Die Stangen an der Decke sind immer noch schief.

Eine automatische Korrektur von Objektivverzerrungen bietet auch Affinity. Doch es fehlen Objektivprofile. Beispielsweise ist das schon über zwei Jahre alte Sony FE 16-35 GM II bislang nicht vorhanden.

Layout inbegriffen

Affinity ist auch ein Vektor- und ein Layoutprogramm. Den Vektorteil habe ich nicht ausprobiert, da ich darin zu wenig Erfahrung habe. Anders beim Layout: Mit Adobe InDesign habe ich über Jahre täglich gearbeitet und weiss ungefähr, was eine solche Anwendung können sollte. Auch hier teste ich am liebsten anhand eines konkreten Beispiels. Ich habe versucht, einen Online-Artikel als Beitrag für ein Printmagazin zu layouten. Das geht. Im Vergleich zu InDesign scheint mir vieles etwas umständlicher, aber ich komme auch so ans Ziel. Auch hier würde ich sagen: Für Hobby- und Gelegenheitsanwender ausreichend. Bei professionellen Magazin-Layoutern bin ich mir weniger sicher.

Einen Heftartikel layouten: kein Problem.
Einen Heftartikel layouten: kein Problem.

Fazit: Gut für Gelegenheitsanwendung

Perfekt geeignet ist Affinity, wenn Fotos, Vektorgrafiken und Text zur Gestaltung zusammengeführt werden müssen. Denn hier ist alles in der gleichen Anwendung, das nervige Hin- und Herwechseln zwischen den Einzelprogrammen entfällt. Hier liegt die Stärke des Adobe-Konkurrenten.

Geht es jedoch um einen Ersatz für Lightroom, musst du dich nach anderen Alternativen umsehen. Die RAW-Entwicklung in Affinity ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu Lightroom fehlen leistungsfähige Funktionen wie die automatische Auswahl von Landschaftsteilen oder KI-Entrauschung. Zudem kann ich die Farben in Lightroom viel besser nach meinem Geschmack ausrichten. Das Hauptproblem ist aber, dass eine Bildverwaltung fehlt und sich die RAW-Einstellungen nicht speichern lassen. Für Leute, die nur wenig fotografieren und nur Einzelbilder bearbeiten, reicht Affinity aus. Aber wer sich mal an den Komfort von Lightroom gewöhnt hat, will bestimmt nicht wechseln.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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