Muss man die Lichtstärke auch aufs Kleinbildformat umrechnen?
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Muss man die Lichtstärke auch aufs Kleinbildformat umrechnen?

David Lee
Zürich, am 22.08.2017
Die gleiche Brennweite sieht an verschiedenen Sensorgrössen verschieden aus, darum wird sie manchmal aufs Kleinbildformat umgerechnet. Muss man das auch mit der Blende und der Lichtstärke machen?

In den Kommentaren zum Artikel über Objektivbezeichnungen kam eine Diskussion darüber auf, ob man die Lichtstärke genauso wie die Brennweite umrechnen muss, wenn man Vollformat-Objektive an Kameras mit kleineren Sensoren (APS-C) verwendet. Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach, und ich werde mich hüten, sie nur mit «ja» oder «nein» zu beantworten.

Ausgangslage für die Idee, die Lichtstärke umzurechnen, ist folgendes: Wenn man den gleichen Bildausschnitt mit der gleichen Blende mit unterschiedlichen Sensorgrössen fotografiert, dann sieht das Foto trotzdem nicht ganz gleich aus: die Tiefenschärfe ist unterschiedlich. Am grossen Sensor verschwimmt der nicht fokussierte Hintergrund stärker.

Sehr schön zeigt das Tony Northrup in seinem Erklärvideo, hier ein Screenshot davon. Du musst auf die Fensterrahmen im Hintergrund achten:

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Quelle: www.youtube.com/watch?v=f5zN6NVx-hY

Man kann nun die Blendenzahl ebenfalls mit dem Crop-Faktor verrechnen, um auf eine vergleichbare Tiefenschärfe zu kommen. Beispiel: APS-C: 75 mm und f/4 entspricht einem Bild in Vollformat mit 112,5 mm Brennweite und f/6.

So weit, so gut. Man muss hierbei aber extrem aufpassen, dass man keine falschen Schlussfolgerungen zieht. Insbesondere darf man nicht die umgerechneten Werte mit den realen verwechseln.

Wenn man den Bildausschnitt bei verschiedenen Sensorgrössen angleicht, ist die reale Brennweite unterschiedlich. Und die Tiefenschärfe hängt von dieser physischen Brennweite ab, nicht von der Sensorgrösse. Wenn du die gleiche reale Brennweite verwendest, etwa mit einem Festbrennweitenobjektiv, dann ist die Tiefenschärfe mit gleicher Blende an beiden Sensorgrössen gleich. Ich habe versucht, das quick and dirty zu illustrieren (es ist nicht das gleiche Objektiv und die Kameras sind von unterschiedlichen Marken, also hängt mich bitte nicht an Details auf):

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Vollformatkamera, 35 mm, f/4.
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APS-C, gleiche Brennweite und Blende (35 mm, f/4).
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Ausschnitt der Aufnahme mit Vollformatkamera. Der Grad der Unschärfe im Hintergrund ist gleich wie bei der Aufnahme mit APS-C-Kamera.

Es ist auch nicht so, dass ein Objektiv mit Lichtstärke f/4 am Vollformatsensor dann nur noch Lichtstärke f/6 hätte. Die reale Lichtstärke bleibt weiterhin bei f/4, sie verändert sich nicht. Sie ist eine fixe Eigenschaft eines Objektivs, und darum ist es auch kein Marketing-Gag, wenn man diese Eigenschaft auf das Objektiv schreibt.

Die Blende sagt bekanntlich nicht nur etwas über die Tiefenschärfe, sondern auch, wie lange unter bestimmten Bedingungen belichtet werden kann – und darum gehts hauptsächlich, wenn man von «Lichtstärke» redet.

Wie stark die Belichtung ist, hängt von drei Faktoren ab: Belichtungszeit, Blende und ISO-Empfindlichkeit. Wenn ein bestimmtes Foto mit 1/60 Sekunde, f/2 und 100 ISO richtig belichtet ist, dann ist das immer so, unabhängig von der Sensorgrösse und vom verwendeten Objektiv. Wenn ich anfange, die Blende umzurechnen, dann stimmt die Belichtung nicht mehr.

Es gibt nun Leute, die behaupten, man müsse den ISO-Wert auch noch umrechnen, nämlich den Crop-Faktor im Quadrat multiplizieren. 1,5 im Quadrat ist 2,25. Im obigen Beispiel: APS-C: f/2 und 100 ISO entspricht im Vollformat f/3 und 225 ISO.

Durch diese Doppel-Umrechnung stimmt dann zwar die Belichtung wieder. Aber die ganze Rechnerei bezieht sich immer nur auf die Vergleichbarkeit von Bildern, nicht von Objektiven. Ein Objektiv mit Lichtstärke f/6 (sofern es das überhaupt gibt) hat an APS-C nicht die Lichtstärke f/4. Sondern immer noch f/6.

Fazit

Wer ein Vollformat-Objektiv an einer APS-C-Kamera benutzen will, muss folgendes beachten:

  1. Für den gleichen Bildausschnitt muss die Brennweite an APS-C durch den Crop-Faktor (1,5) geteilt werden. Die Tiefenschärfe bleibt dabei aber nicht dieselbe. Um die gleiche Tiefenschärfe zu erhalten, müsste man die Blendenzahl ebenfalls mit dem Crop-Faktor verrechnen.
  2. Die reale Lichtstärke eines Objektivs, d.h. welche Blendenöffnung man maximal wählen kann, bleibt von diesen ganzen Rechnereien völlig unbeeindruckt. Ein Objektiv mit Lichtstärke f/4 liefert immer f/4, egal an welcher Sensorgrösse.

Den ganzen Rest vergisst man am besten, der stiftet nur unnötig Verwirrung.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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