Logitech G923 Review: Tour de Force

Simon Balissat
Zürich, am 02.12.2020
Mit dem G923 liefert Logitech ein neues Lenkrad für Konsolen und PC, wobei neu ein minimales Update bedeutet. Wer kein Lenkrad hat, darf zuschlagen. Wer schon eins hat, der kann verzichten.

Meine Finger verkrampfen, mein rechter Fuss drückt hart auf die Bremse. Im Rückspiegel sehe ich die Frontleuchten eines AMG Mercedes. Das war zu viel, ich habe den Bremspunkt für die YOKOHAMA-Kurve auf dem Nürburgring verpasst, schiesse über den Scheitelpunkt hinaus und lande mit zwei Reifen im Kiessbett. Meine Fehler teilt mir das G923 direkt und unverblümt mit, es rumpelt und rattert… und der AMG rauscht vorbei.

Geil. Endlich wieder Sim-Racing.

Mein Logitech G27 habe ich nämlich samt sperrigem Playseat vor drei Jahren verkauft. Zu wenig Platz, zu wenig Zeit. Der zusammengeklappte Sitz war nur noch Kunstinstallation. Ein echter Balissat. Für ein paar hundert Franken wurde ich den Staubfänger los. Seither vermisse das Teil gelegentlich. Dann erinnere ich mich mit Wehmut dran, wie der jugendliche Käufer den Sitz samt Lenkrad ins Tram schleppte. Vor allem während des Lockdowns hätte ich gerne wieder meinen inneren Stefan Bellof gechannelt… Ein paar Monate später fliegt das neue G923 von Logitech zu Testzwecken ins Haus. Endlich wieder mit Vollgas durchs Schwedenkreuz auf der Nordschleife oder durch die legendärste aller Kurven, die Raidillon in Spa. Beim G923 fühle ich mich sofort zuhause.

Déja vu beim Auspacken

Seit dem G25 von 2006 ist bei Logitechs Lenkrädern mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. Evolution statt Revolution. Während beim G27 noch eine H-Gangschaltung beigepackt war, ist diese seit der letzten Generation G920 oder G29 optional erhältlich. Die grundsätzliche Hardware wurde immer verbessert, aber nie rundum erneuert. Das hat Logitech auch nicht nötig: In diesem Preissegment teilen sie sich das Podium lediglich mit Thrustmaster. Grundsolide Hardware für ambitionierte Amateure zu einem guten Preis. Diesem Motto bleibt auch das brandneue G923 treu.

G923 Trueforce for PC and PlayStation
290.–
Logitech G G923 Trueforce for PC and PlayStation

Zwei Änderungen preist Logitech besonders an: Trueforce sind zusätzliche Vibrationen des Force Feedback, die Logitech aus Game- und Audiodaten generiert und das Bremspedal liefert nun mehr Widerstand, was realistischere Eingaben ermöglicht. Neu lässt sich zudem ein Knopf als zweite Kupplung konfigurieren, um perfekte Starts im Formel-1-Style hinzukriegen. Das Wheel gibt es in X Box- und PS-Version, die erstmals beide auch für PC kompatibel sind.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Das Lenkrad nicht neu erfunden

Ein Getriebeantrieb erzeugt das Force Feedback: Zwei kleine Motoren lenken über mehrer Zahnräder Kraft ans Lenkrad und lassen dich so die Strasse fühlen. Verlierst du an Grip, merkst du das sofort. Für schnelle Rundenzeiten ist daher ein Force-Feedback-Lenkrad unerlässlich. Ein Gamepad gibt dir diese Infos schlicht nicht so detalliert weiter. Logitech liefert dir beim G923 nun noch mehr solcher Details. Du spürst jetzt zum Beispiel den Motor deutlicher. Damit wirst du zwar nicht schneller, aber es fühlt sich realistischer an. Leider unterstützen aktuell nicht einmal eine handvoll Games die neue Technologie. Die Entwickler sollen aber in den nächsten Wochen nachliefern.

Games mit Trueforce-Unterstützung

Assetto Corsa Competitzione
Snowrunner
GRID
Gran Turismo Sport (PS)
iRacing (PC)

Die frei belegbaren Knöpfe hat Logitech direkt vom Vorgängermodell übernommen. Sie wirken solide, sind aber nicht mit denen eines Gamepads zu vergleichen. Vor allem beim Drehregler muss Logitech noch einmal über die Bücher. Die Alu-Schaltwippen am hinteren Teil des Lenkrads sind hingegen von herausragender Qualität. Kein Wunder, sie werden auch mit Abstand am meisten beansprucht.

Die Befestigungsklammern sind eine Schwachstelle
Die Befestigungsklammern sind eine Schwachstelle

Befestigen lässt sich das Lenkrad mit zwei Klammern aus Plastik, die bei Vielfahrern abbrechen können. Hier wäre eine robustere Lösung bei der nächsten Generation angebracht. Das Lenkrad lässt sich dank vorgebohrter Löcher einfach an Racing Seats anschrauben. Das empfehle ich sowieso, da zwischen Tisch, Pedalen und Stuhl gerne mal etwas verrutscht. Natürlich immer dann, wenn du nach einer langen Gerade voll abbremsen musst.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Fahrer bleib bei deinen Pedalen

Die wirklich tolle Neuerung findet sich bei den Pedalen. Die sehen äusserlich zwar identisch aus, dem Bremspedal hat Logitech aber einen grösseren Widerstand spendiert. Das G27 musste ich noch mit einer Feder und einem zugeschnittenen Radiergummi umbauen, um ein ähnliches Gefühl zu erhalten. Im Gegensatz zu Trueforce macht mich die realistischere Bremse tatsächlich schneller, da die Reifen weniger schnell blockieren. Auch die Pedale lassen sich an einen Seat schrauben. Die Gumminoppen am Unterteil sorgen für etwas Halt, bei grösserer Belastung verrutschen sie trotzdem. Solltest du Spannteppich zuhause haben, lassen sich rutschsichere Zacken ausklappen. Insgesamt sind die Pedale dank der Aluminiumoberfläche solid verarbeitet.

Die Teppichzacken
Die Teppichzacken

Fazit

Das G923 bleibt die Referenz in der mittleren Preisklasse. Die neueste Version ist dabei das, was bei einem Auto «Modellpflege ohne Facelift» genannt wird. Ein paar neue Features, die keine Killer sind. Am Äusseren hat sich fast nichts geändert. Das muss Logitech auch nicht. Die Wheels waren gut, sind gut und bleiben es auch. Aktuell unterstützen leider noch wenige Games die neuen Features, das ändert sich aber hoffentlich bald. Wenn du auf der Suche nach einem Wheel bist oder noch das alte G27 besitzt, darfst du auf jeden Fall zuschlagen. Besitzt du aber den Vorgänger G920 respektive G29 würde ich auf dieses Upgrade verzichten.

23 Personen gefällt dieser Artikel


Simon Balissat
Simon Balissat
Senior Editor, Zürich
Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren