Debora Pape
Kritik

Keine Story, keine NPCs – warum «Solarpunk» trotzdem verdammt viel Spaß macht

Debora Pape
11.6.2026
Bilder: Debora Pape

Im Survival-Craft-Game «Solarpunk» manage ich Solarenergie, lege Beete an und baue automatisierte Drohnen. Nach kurzer Zeit verfalle ich dem «Nur noch schnell»-Loop und will mehr.

Nichts an «Solarpunk» ist neu. Jedes einzelne Gameplay-Element kenne ich in irgendeiner Form bereits aus anderen Spielen. Entsprechend skeptisch bin ich zu Beginn: Just another Cozy-Survival-Craft-Game, denke ich. Und das auch noch ohne Open World für ausgedehnte Erkundungsstreifzüge, ohne eine spannende Hintergrund-Story, die ich verfolgen kann, und ohne NPCs, die die Welt beleben. Ergo: Ich rechne damit, mich spätestens nach zwei Spielstunden zu langweilen.

Doch das passiert nicht. Stattdessen stellt sich der «Nur noch schnell…»-Effekt ein. Nur noch schnell eine Ladung Erze aus dem strombetriebenen Bohrer holen. Dann noch schnell die ausgewachsenen Pflanzen ernten und neue aussäen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich die Ressourcen auch gleich gegen eine neue Forschungsblaupause eintauschen.

Das motivierende Fortschrittssystem sorgt dafür, dass keine Langeweile aufkommt. «Solarpunk» hält mir ständig Belohnungen vor die Nase, die ich erreichen möchte: Am See stolziert ein Huhn herum. Wie kann ich es einfangen? In der Ferne schweben weitere Inseln, die ich erkunden möchte. Was muss ich tun, um dorthin zu kommen? Und unter den freischaltbaren Bauplänen sehe ich helfende Bots, die ich unbedingt haben will.

Saubere und friedliche Welt

Der Name des Games, «Solarpunk», basiert auf dem gleichnamigen optimistischen Sci-Fi-Genre. Dessen Kern ist die Vision eines harmonischen Miteinanders von Mensch, Technik und Natur. Sonne, Wind und Wasser liefern dafür die notwendige Energie und intelligent eingesetzte Technologie übernimmt unliebsame Arbeiten. Verschmutzung und Ausbeutung gehören in einem Solarpunk-Setting der Vergangenheit an.

Genau dieses Gefühl will das Spiel vermitteln. Es ist ein friedliches Game ohne Kämpfe, in dem ich allein oder mit bis zu drei Mitspielern ein nachhaltiges Zuhause aufbaue und es nach meinem Geschmack gestalte. Ich baue Pflanzen an sowie Erze ab und verarbeite die Produkte weiter.

Während meiner Erkundungstouren entdecke ich Tiere, die ich mitnehmen und bei mir ansiedeln kann. Wenn es ihnen gut geht, belohnen sie mich mit Eiern, Wolle, Milch und Trüffeln. Richtig gelesen, kein Fleisch. In «Solarpunk» bleiben die Tiere am Leben. Und wer könnte auch so ein niedliches kleines Schweinchen schlachten?

Das Schwein Bambi ist der jüngste Zugang in meinem Tiergehege.
Das Schwein Bambi ist der jüngste Zugang in meinem Tiergehege.

Damit ich die ganze Arbeit nicht allein an der Backe habe, baue ich ein Energienetz aus erneuerbarem Strom auf, der meine Anlagen antreibt. Im späteren Verlauf erledigen Bots und Drohnen einen Großteil der repetitiven Arbeiten. Dadurch habe ich mehr Zeit, effizientere Gewächshäuser und schönere Wintergärten zu bauen.

Yay! Mein erster Wassersprinkler! Jetzt muss ich die Beete nicht mehr ständig von Hand bewässern.
Yay! Mein erster Wassersprinkler! Jetzt muss ich die Beete nicht mehr ständig von Hand bewässern.

Mit einem Luftschiff zu schwebenden Inseln

Zu Beginn führt mich das Spiel mit einfachen Aufgaben in seine Mechaniken ein. Wer schon im Survival-Genre unterwegs war, findet sich schnell zurecht, denn der Gameplay-Loop ist der gleiche wie sonst überall auch. Im Sinne des Cozy-Game-Genres legt das Spiel neben dem Freischalten neuer Technologien einen stärkeren Fokus auf Dekorationen sowie Skins für das Luftschiff und Bots.

Wer ich bin und warum ich mich auf einer im Himmel schwebenden Insel von überschaubarer Größe befinde, verrät mir das Spiel nicht. Am Horizont sehe ich weitere Inseln und ahne bereits bei Spielbeginn, dass ich sie früher oder später besuchen werde.

Ein wichtiger Meilenstein: mein eigenes Luftschiff.
Ein wichtiger Meilenstein: mein eigenes Luftschiff.

Neue Baupläne oder Herstellungsrezepte bekomme ich im Austausch gegen Ressourcen. Dass mein High-Tech-Forschungstisch für das nächste Upgrade ausgerechnet einen Maiskolben verlangt, wirkt skurril. Spielerisch ergibt das Sinn, denn solche Kniffe verzahnen Exploration und Fortschritt: Ich habe noch keinen Mais und muss erst eine Maispflanze finden, bevor ich neue Technologien erforschen kann. Das Spiel fordert immer den Nachweis, dass ich weit genug fortgeschritten bin, bevor ich Neues lernen darf.

Zum Beispiel den Bau eines Luftschiff-Docks. Mit dem Luftschiff breche ich zur Erkundung anderer Inseln auf. Spektakulär sind die näher gelegenen Inseln nicht, sie ähneln meiner eigenen. Doch dort finde ich Pflanzen und Erze, die es auf meinem Eiland nicht gibt. Also stelle ich kurzerhand einen Bohrer auf, der die Rohstoffe automatisch fördert.

Dank des Erzbohrers muss ich nicht mehr selbst die Spitzhacke schwingen. Dafür kostet der Betrieb viel Strom.
Dank des Erzbohrers muss ich nicht mehr selbst die Spitzhacke schwingen. Dafür kostet der Betrieb viel Strom.

Die Sache mit dem Strom

Anfangs verbringe ich viel Zeit mit einfachen Tätigkeiten. Die angelegten Beete machen jede Menge Arbeit: Wenn es nicht regnet, muss ich regelmäßig selbst zur Gießkanne greifen. Auch Ernten und Säen gehören zu meinem Job. Mit strombetriebenen Wassersprinklern fällt zumindest das ständige Bewässern weg.

Das selbstgebaute Gewächshaus schützt meine Pflanzen vor heftigen Gewittern und funktioniert weitgehend autonom.
Das selbstgebaute Gewächshaus schützt meine Pflanzen vor heftigen Gewittern und funktioniert weitgehend autonom.

Bei der Stromerzeugung muss ich mir Gedanken machen. Schon früh kann ich klassische Generatoren bauen, die ich mit brennbarem Material füttern muss. Das passt nicht zur Solarpunk-Philosophie einer sauberen Energiegewinnung. Außerdem haben Generatoren einen entscheidenden Nachteil: Das Brennmaterial reicht nur für maximal zwölf Echtzeit-Minuten. Danach muss ich nachfüllen. Besonders nervig ist das bei Erzbohrern auf anderen Inseln.

Die Alternative sind Solarpanels. Sie wirken auf den ersten Blick weniger effizient: Die Herstellung ist teuer und ein Panel erzeugt nicht genug Energie für den Betrieb eines Bohrers. Bei Dunkelheit und bewölktem Himmel sind sie nutzlos. Deswegen beiße ich lange Zeit in den sauren Apfel und setze auf Generatoren. Ein Fehler, wie ich nach Stunden merke, denn die Erzausbeute ist wegen der kurzen Generatorlaufzeit begrenzt. Zwei Solarpanels machen langfristig trotz ihrer Nachteile einen deutlich besseren Job.

Akkus bis unters Dach und Notfallgeneratoren für die nächtliche Energieknappheit: In «Solarpunk» kommt es aufs Energiemanagement an.
Akkus bis unters Dach und Notfallgeneratoren für die nächtliche Energieknappheit: In «Solarpunk» kommt es aufs Energiemanagement an.

An meinem Haus sorgen Akkus dafür, dass die Wassersprinkler auch bei Dunkelheit weiterlaufen. Das wird immer wichtiger, denn mit der Zeit wächst mein Garten. Tiere wollen gefüttert werden, neue Technologien verschlingen Ressourcen. Also brauche ich mehr Sprinkler, mehr Strom und damit mehr Solarpanels sowie Akkus. Für all das wiederum benötige ich jede Menge Metalle.

Hier kommen Transportdrohnen ins Spiel. Sie ersparen mir die ständigen Rundflüge zum Einsammeln von Erzen. Allerdings treiben sie meinen Stromverbrauch massiv in die Höhe. Mit Solarpanels und nachts zugeschalteten Generatoren stoße ich bald an die Grenze der Machbarkeit, wenn ich meine Insel nicht damit vollpflastern will. Neu erforschte Windräder unterstützen die Energiegewinnung, kosten aber wiederum viele Erze.

Langweilig wird es dadurch nie. Ich arbeite immer auf neue Technologien hin, die mir vielleicht weiterhelfen. Stundenlang tüftle ich daran herum, eine gute Balance aus stromhungriger Automatisierung und ressourcenhungriger Energieversorgung hinzubekommen. Außerdem will ich endlich die Kerzen in meinem Haus durch elektrische Leuchten ersetzen. Naturnahes Solarpunk bedeutet ja nicht, im Mittelalter zu leben.

Die Transportdrohne rechts braucht enorm viel Strom. Dazu tragen die beiden Windräder und die Solarpanels im Hintergrund bei.
Die Transportdrohne rechts braucht enorm viel Strom. Dazu tragen die beiden Windräder und die Solarpanels im Hintergrund bei.

Von der Arbeit zum Vergnügen

Meistens langweilen mich Cozy-Games schnell. Sie fordern und motivieren mich oft nicht genug. «Solarpunk» ist eines der wenigen friedlichen Spiele, die mir auch nach einigen Stunden noch richtig Spaß machen.

Dazu trägt die entspannte Musik genauso bei wie die «grüne» Ästhetik: Die gesamte Deko ist auf eine naturnahe Gemütlichkeit ausgelegt. Es gibt eine riesige Anzahl an größeren und kleineren Topfpflanzen. Ich hänge sie als Ampeln an die Decke, stelle sie auf Regale oder den Boden und zaubere mir so eine hübsche Leseecke in den Wintergarten. Für den Außenbereich gibt es hölzerne Gartenmöbel, Vogelhäuschen und jede Menge dekorative Gartenausstattung. Sogar ein Insektenhotel kann ich aufstellen.

Holz, Glas und Pflanzen: Hier fühle ich mich wohl.
Holz, Glas und Pflanzen: Hier fühle ich mich wohl.

Logge ich mich ins Spiel ein und laufe vom Luftschiff am Gewächshaus vorbei, fühle ich mich sofort heimisch. Dann schaue ich nach meinen Hühnern und dem kleinen Schweinchen, freue mich über ihr Wohlbefinden, sammle Wachs aus den Bienenstöcken ein und kontrolliere die Lieferungen der Transportdrohnen.

Nicht alles ist schön in der Zukunft

Bei aller Begeisterung stolpere ich immer wieder über Quality-of-Life-Probleme. Ich merke «Solarpunk» an, dass das Kern-Entwicklerteam lediglich aus zwei Personen besteht.

Ein paar Beispiele: Weder im Baumenü noch in der Geräteinformation erfahre ich, wie viel Energie eine Anlage produziert oder verbraucht. Um das herauszufinden, muss ich umständlich eine Anzeigetafel herstellen und sie ins Netz integrieren.

Hübsch geworden, oder? Am Haus siehst du eine blaue Energieanzeige, an der ich die aktuellen Stromverbräuche ablese.
Hübsch geworden, oder? Am Haus siehst du eine blaue Energieanzeige, an der ich die aktuellen Stromverbräuche ablese.

Beim Umplatzieren von Möbeln reiße ich immer wieder versehentlich die Wand dahinter ab: Es fehlt eine einfache Anzeige, die mir zeigt, was ich gerade zum Abriss fokussiere. Mich nervt auch der fehlende Lagerkistenzugriff. Möchte ich etwas bauen oder herstellen, muss ich die benötigten Materialien im Inventar haben. Es reicht nicht, dass meine Kisten voll damit sind. Liebe Entwickler, niemand hat Spaß daran, ständig zwischen Kisten und Baustellen hin und her zu rennen!

Das nervigste Problem ist aber, dass ich andauernd Dinge zwischen Inventar und Quick-Slot-Leiste bewegen muss. Ich will eine Himbeere essen? Sie muss dazu in die Leiste. Neue Himbeeren säen? Samen in die Leiste. Ein hergestelltes Möbelstück aufstellen? Ab damit in die Leiste. Und die ist sowieso immer notorisch vollgemüllt, denn das Spiel legt neu aufgenommene Gegenstände automatisch auf freien Leistenplätzen ab. Ganz egal, ob das Sinn ergibt oder nicht: Was zur Hölle soll ich mit Handwerksmaterialien auf einem Schnellzugriff-Platz?

Kisten-Management ist in «Solarpunk» ein nerviges Thema.
Kisten-Management ist in «Solarpunk» ein nerviges Thema.

«Solarpunk» ist seit dem 8. Juni für PC (Steam, Epic Store), PS5, Switch 2 und Xbox Series erhältlich. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken für Steam zur Verfügung gestellt.

Fazit

Cozy und herausfordernd zugleich

Trotz des stark recycelten Gameplays schafft es «Solarpunk», mich länger zu motivieren. Die Mischung aus entspanntem Hausbau, Energiemanagement und Ressourcenbeschaffung funktioniert. Neue Technologien und automatische Geräte nehmen mir viel Arbeit ab, schaffen aber zugleich neue Herausforderungen: Ich muss die Energieversorgung am Laufen halten und den Pflanzenbedarf mit meinen Beeten decken.

Darüber hinaus ist «Solarpunk» hauptsächlich ein Sandkasten, in dem ich selbst herausfinde, was ich bauen und erreichen will.

Die Grafik ist schlicht, aber hübsch und auch die musikalische Untermalung passt zum freundlichen Setting. Ich wünsche mir, dass künftig weitere Inseln und Biome dazukommen. Die Entwickler sprechen von rund 20 Stunden bis zum Freischalten aller Inhalte. Nach 14 Stunden habe ich noch einiges zu erforschen, allerdings entdecke ich auf der Karte nicht mehr viele unerforschte Inseln.

Bei der Bedienung bräuchte «Solarpunk» noch mehr Feinschliff. Vor allem die ständige Fummelei mit der Quick-Slot-Leiste kostet unnötig Nerven.

Pro

  • entspanntes Gameplay
  • umfangreiche und motivierende Fortschrittsspirale
  • Tüftelei an der Energieversorgung
  • freundliche Solarpunk-Ästhetik

Contra

  • umständliche Bedienung
  • sehr kleine Spielwelt mit wenig Leben
Titelbild: Debora Pape

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Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.


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