Fujifilm X-T4: Nur eine Affäre oder eine feste Beziehung?
Review

Fujifilm X-T4: Nur eine Affäre oder eine feste Beziehung?

Thomas Kunz
Zürich, am 09.09.2020
Seit zehn Jahren bin ich überzeugter Nikon-Fotograf und Vollformatliebhaber. Nun hatte ich aber eine Affäre mit einer APS-C-Kamera von Fujifilm.

Ich fotografiere seit zehn Jahren mit Nikon. Meine Reise mit Nikon startete mit der D90. Weiter ging es mit D7000. Mit der D800 wechselte ich auf Vollformat. Und dann wäre da noch mein aktuelles Arbeitstier – die D810. Mir gefällt der Vollformat-Stil. Die Kamera liegt zudem sehr gut in meinen grossen Händen. Der Akku hält ewig. Eine Hochzeit von früh bis spät fotografiere ich mit nur zwei Akkus. Während diesen zehn Jahren hatte ich nie eine Reparatur, einen Lese- oder Schreibfehler auf der SD-Karte oder eine sonstige Störung. Natürlich kaufte ich mir auch diverse Objektive hinzu. Wobei 50 mm meine Lieblingsbrennweite ist und bleibt.

Arbeiten für galaxus.ch welche ich mit der Nikon D810 fotografiert habe.

Fotografiert in Paris mit der Nikon D810. Model: Charlenemuse. 50mm, Blende f2, Verschlusszeit 1/400, Iso 320
Fotografiert in Paris mit der Nikon D810. Model: Charlenemuse. 50mm, Blende f2, Verschlusszeit 1/400, Iso 320

Schon einmal von Fujifilm verführt

Ich finde Fujifilm Kameras sehr schön. Die Filmsimulationen sind ein Augenschmaus und deutlich besser als jene von Nikon. 2016 kam die Fujifilm X-T2 auf den Markt. Ich konnte sie kurz testen und war fasziniert, verführt und verliebt. So sehr, dass ich mein Nikon-Material bereits verkaufen wollte. Doch in der Praxis hatte ich Mühe mit der Reaktionszeit und Qualität des elektronischen Suchers. Auch die Akkuleistung war wirklich schlecht. Vielleicht war ich damals auch einfach noch nicht bereit für den elektronischen Sucher. Ich wurde nicht glücklich mit der Schönen.

 Dieses Mal etwas Ernsthaftes?

Anfang 2020 habe ich angefangen, neben Fotos auch einfache Videos zu produzieren. Mit der Nikon D810 kann ich theoretisch Videos machen aber ich will nicht. Die Full-HD Auflösung, fehlende Stabilisierung und der schlechte Autofokus sind nicht mehr zeitgemäss. Ende April 2020 kam die Fujifilm X-T4 auf den Markt. Wieder hat mich Fujifilm verführt. Ich wollte sie unbedingt testen. Um mir ein besseres Bild zu machen, habe ich mir den Body mit meinen drei meistgebrauchten Objektiven bestellt: Allrounder Zoom 24-84mm f2.8, 35mm f3, 50mm f2 (Kleinbildäquivalent).

X-T4 Body (26.10Mpx, APS-C / DX)
1442.–
Fujifilm X-T4 Body (26.10Mpx, APS-C / DX)
Fujinon XF 16-55mm f/2.8 R LM WR
–5%
873.–statt 921.–
Fujifilm Fujinon XF 16-55mm f/2.8 R LM WR
Fujinon XF 23mm f/2 R WR
536.03
Fujifilm Fujinon XF 23mm f/2 R WR
Fujinon XF 35mm f/2 R WR
357.–
Fujifilm Fujinon XF 35mm f/2 R WR

Der Vergleich der Nikon D810 mit der Fujifilm X-T4 ist nicht ganz fair. Die Nikon D810 ist bereits in die Jahre gekommen und es gibt bessere Nachfolgemodelle. Doch mich interessiert, ob die Fujifilm X-T4 alles leisten kann, um mein neues Arbeitstier zu werden.

Seit April fotografiere und filme ich täglich mit der Fujifilm X-T4. Folgende Aspekte sind mir beim Gebrauch besonders aufgefallen:

Gewicht und Grösse

Die Fujifilm-Kamera und ihre Objektive sind deutlich leichter und kleiner. Beispiel: Die Fujifilm X-T4 inkl. 35mm f2 wiegt 771 Gramm. Die Nikon D810 inkl. 50mm f1.4 wiegt 1260 Gramm. Das Equipment fällt beim Arbeiten weniger auf und ich werde nicht sofort als Fotograf wahrgenommen.

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Optik und Haptik

Optisch spricht mich die Fujifilm X-T4 deutlich mehr an. Das alte Nikon-Design hat sich in den letzten zehn Jahren (also von D90-D810) nicht entwickelt. Es sieht noch genauso aus wie damals. Was aber nicht nur schlecht ist. Denn die Nikon D810 liegt besser in meinen Händen.

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Elektronischer Sucher

Bei der X-T2 hatte ich Mühe mit dem Sucher. Er hatte Verzögerung und die Auflösung war nicht zufriedenstellend. Der neue Sucher wurde wohl deutlich überarbeitet. Es macht Spass, damit zu arbeiten und ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Da ich im Sucher das fertige Bild bereits sehe, kann ich mich besser auf die Komposition konzentrieren.

Arbeiten welche ich mit der Fujifilm X-T4 fotografiert habe:

Flipscreen

Bei Videoproduktionen habe ich den Flipscreen sehr geschätzt. Man könnte damit sogar vloggen.

Ein perfekt fokussiertes Selfie auf einer Achterbahn. Mann, war mir schlecht danach.16mm, Blende f5, Verschlusszeit 1/100, Iso 250.
Ein perfekt fokussiertes Selfie auf einer Achterbahn. Mann, war mir schlecht danach.16mm, Blende f5, Verschlusszeit 1/100, Iso 250.

Videoqualität

Hier merkt man den Altersunterschied sehr gut. Die X-T4 hat 4K und glänzt mit einem sehr genauem Augen-Autofokus. Die starken Filmsimulationen von Fujifilm können auch auf den Videos angewendet werden. Zudem ist der integrierte Bildstabilisator sehr nützlich.

Fujifilm XT-4 Footage

Vollformat gegen APS-C-Sensor

Ich bin ein Vollformat-Liebhaber. Eine Kamera mit einem APS-C-Sensor hatte ich seit der X-T2 keine mehr. Daher fiel mir dieser Schritt ein wenig schwer. Während den letzten fünf Monaten habe ich nun mit der Fujifilm X-T4 alle Aufträge fotografiert. Der Unterschied von der Bildwirkung bei APS-C zu Vollformat ist deutlich kleiner als früher noch. Der Unterschied bei Unschärfe/Bokeh ist fast nicht mehr zu erkennen. Wie stehst du zu APS-C und Vollformat?

Vollformat oder APS-C-Sensor?

Mit was fotografierst du?

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

Fotografiert mit einem 35mm Objektiv. A=Nikon, B=Fujifilm
Fotografiert mit einem 35mm Objektiv. A=Nikon, B=Fujifilm
Fotografiert mit einem 50mm Objektiv. A=Nikon, B=Fujifilm
Fotografiert mit einem 50mm Objektiv. A=Nikon, B=Fujifilm

Akkuleistung

Ich hatte während der ganzen Zeit nur einen Akku, was aber kein Problem war. Der Akku sowie die Kamera sind deutlich besser als noch bei der X-T2. Bei mehreren Aufträgen pro Tag habe ich die Kamera ohne Probleme unterwegs mit der Powerbank aufgeladen.

Fotoqualität

Die JPG-Filmsimulation von Fujifilm ist aus meiner Sicht deutlich besser als jene von Nikon. Ich habe aber trotzdem jeweils noch RAW fotografiert. In der Nachbearbeitung konnte ich wie auch bei der Nikon unglückliche, unterbelichtete Fotos ohne nennenswerten Verlust nachbearbeiten. Megapixel werden überbewertet. Bei 90 % meiner Arbeit spielen sie keine Rolle. Die Fotos werden in den meisten Fällen für Online-Berichte, Social Media oder Zeitschriften verwendet. Die 26 Megapixel der Fujfilm X-T4 reichen da locker. Einzig bei der Werbekampagne von digitec, wo die Bilder auf grossen Plakaten publiziert werden, benötige ich die 36 Megapixel der Nikon D810.

Fotografiert mit der Fujifilm XT-4. Model: Head of Retail Daniel Lehmann. 35mm, Blende f2, Verschlusszeit 1/200, Iso 320.
Fotografiert mit der Fujifilm XT-4. Model: Head of Retail Daniel Lehmann. 35mm, Blende f2, Verschlusszeit 1/200, Iso 320.
Fotografiert mit der Fujifilm XT-4. Model: Editor Carolin Teufelberger. 16mm, Blende 2.8, Verschlusszeit 1/160, Iso 1000
Fotografiert mit der Fujifilm XT-4. Model: Editor Carolin Teufelberger. 16mm, Blende 2.8, Verschlusszeit 1/160, Iso 1000

Fokus

Der Augen-Autofokus von der X-T4 hat mich überzeugt. Er ist schnell und auch beischlechten Lichtverhältnissen funktioniert er tadellos. Mit dem Cursor kann ich das Fokusfeld wie bei Nikon herum bewegen. Bei Fujifilm habe ich aber mehrere Felder und kann ich auch auf Elemente am Rand fokussieren.

Menü

Ich habe mich wohl zu fest über die Jahre an das Nikon-Menü gewöhnt. Bei Fujifilm ist das Q-Menü praktisch. Aber sobald ich tiefer ins Menü musste habe ich mich aufgeregt. Wenn ich zum Beispiel eine Speicherkarte formatiere, wechselt die Kamera anschliessend in den Liveview-Modus. Klicke ich dann nochmals auf das Menü um die zweite Karte zu formatieren, muss ich nochmals zehn Klicks machen um die zweite Karte zu formatieren. Gibt es nicht einen einfacheren Weg?

Knöpfe und Drehräder

Die Knöpfe und Drehräder sehen bei Fujifilm schöner aus. Bei Nikon machen sie aber auf mich einen wertigeren Eindruck. Die drei grossen Drehräder (ISO, Verschlusszeit, Belichtungskorrektur) bei der X-T4 sehen schön aus und geben der Kamera einen Analog-Touch. In der Praxis habe ich diese aber nie berührt. Ich fotografiere manuell und muss schnell sein. So nutze ich einfach mit meiner rechten Hand die beiden Scrollräder auf der Höhe des Auslösers.

Fazit: Ich bin schon wieder verliebt

Ich habe nun die Fujifilm X-T4 fünf statt einen Monat ausführlich getestet. David Lee der mir die Kamera zum testen organisierte hat auch schon mehrere Male bei mir nachgefragt: Wann kommt endlich das Review? Ich muss leider eingestehen: Ich habe mich in die Kamera verliebt. Denn ich kann mich auf sie verlassen und es macht extrem Spass, mit ihr zu arbeiten. Und genau das ist es, was eine gute Kamera ausmacht. Sie soll Spass machen und dich bei deiner kreativen Arbeit unterstützen.

In den fünf Monaten hat mich die X-T4 nie im Stich gelassen. Sie hat mich bei meiner kreativen Arbeit mehr als unterstützt und sich so als Arbeitstier bewiesen.

Da ich sie immer noch nicht retournieren möchte, nehme ich mir gerne für deine Fragen Zeit. Was soll ich noch testen?

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Thomas Kunz
Thomas Kunz
Photographer, Zürich
Als Fotograf, Mensch und Papa erzähle ich Geschichten so nahe am Leben wie möglich. Mit all ihren Ecken, Emotionen und Einzigartigkeiten.

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