Hintergrund

«Final Fantasy IX» wird 25: Warum Squaresofts Playstation-Abschied bis heute nachhallt

Ende der Neunziger kam Squaresofts Dreamteam ein letztes Mal zusammen und produzierte eines der besten Games aller Zeiten. Ein sentimentaler Blick zurück.

«Du hast mir beigebracht, dass das Leben nicht ewig währt. (...) Warum ich geboren wurde... Wie ich leben wollte... Danke, dass du mir Zeit zum Nachdenken gegeben hast (...) Aber wir alle müssen uns irgendwann einmal verabschieden.»

Dieser Absatz könnte in ähnlicher Form auch von Friedrich Nietzsche stammen. Oder einem anderen Autor, dessen Werke auf dem schmalen Grat zwischen Existentialismus und Nihilismus tanzen. Der Urheber ist allerdings keiner der grossen Dichter und Denker. Stattdessen stammt er von Vivi Ornitier, dem jungen Schwarzmagier aus «Final Fantasy IX».

Vivi ist der eigentliche Star von «FF IX»
Vivi ist der eigentliche Star von «FF IX»
Quelle: Square Enix

Verglichen mit dem bunten Setting des Spiels, in dem Hamster-Menschen rumhängen und Charaktere Bremsgeräusche machen, wenn sie abrupt stoppen, wirken solche bedeutungsschwangere Aussagen deplatziert.

Gerade dieser Gegenpol macht «Final Fantasy IX» so besonders. Squaresofts letztes Spiel für die allererste Playstation ist ein lebensbejahendes Meisterwerk und einer der grössten Momente der modernen Popkultur.

Zum 25-jährigen Jubiläum blicke ich auf dieses aussergewöhnliche Spiel zurück.

Als wär’s das letzte Mal

Sommer 1998, während die Schweiz im Würgegriff von Loonas Bailando nach Luft ringt, starten in Japan die Arbeiten am neunten Teil der «Final Fantasy»-Reihe. Damals weiss es noch niemand, aber es sollte das letzte Game der Franchise sein, das unter der Leitung der «Big 3» entsteht. Gemeint sind damit Serien-Schöpfer Hironobu Sakaguchi, Entwickler und Produzent Hiroyuki Ito und der Komponist Nobuo Uematsu.

Oder ahnen sie es vielleicht doch, dass sie hier, in dieser Form, zum letzten Mal zusammenkommen?

Das erklärte Ziel ist eine Zelebrierung der Serie: Von allem, was bisher passiert ist, und von allem, was «Final Fantasy» ausmacht. Gleichzeitig wollen die Entwickler zurück zu den Wurzeln. Weg vom modernen Setting von «FF VIII», weg von den Cyberpunk-Elementen von «FF VII». Sakaguchi nennt es seine «ideale Version von «Final Fantasy».

Nichts macht diesen Plan so klar, wie das Kernteam der Adventure-Party. Diese setzt sich aus einem Dieb, einem Ritter, einer Weissmagierin und einem Schwarzmagier zusammen. Dasselbe Lineup ist die Default-Aufstellung im Serien-Debüt vor fast 40 Jahren.

Rückblickend klingt das alles wie ein geplanter Abschied, auch wenn nachfolgende Ereignisse dagegen sprechen. Dazu weiter unten mehr.

Gaia erwacht

«Final Fantasy IX» erscheint am 7. Juli 2000 in Japan. Europäische Fans müssen sich bis zum 16. Februar 2001 gedulden, bekommen dafür aber eine solide Übersetzung, was damals keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Spiel etabliert vom Fleck weg, dass es anders sein will.

Rückblickend ist es schwer vorstellbar, wie riesig sich Städte wie Lindblum angefühlt haben.
Rückblickend ist es schwer vorstellbar, wie riesig sich Städte wie Lindblum angefühlt haben.
Quelle: Square Enix

Gaia, die Welt, in der das RPG spielt, erinnert an eine Fantasy-Version des europäischen Mittelalters. Das Design der Figuren ist verspielt und kindlich. Es orientiert sich am Chibi-Style, der die 2D-Teile ausmacht.

Die Idee dafür holt sich Sakaguchi nicht nur bei seinen eigenen Werken, sondern auch bei Jim Henson. Dessen Kultfilm «Dark Crystal» ist laut dem Japaner die wichtigste Inspiration für den Vibe von «FF IX».

Die Retter der Welt …

Das Leben auf Gaia wirkt oberflächlich sorglos, was sich auch imersten Eindruck von Zidane, dem grenzenlos optimistischen Protagonisten, widerspiegelt. Ich liebe Depri-Cloud und auch der ständig schmollende Squall hat einen festen Platz in meinem Herzen. Aber ein RPG-Party-Leader, der nicht rüberkommt, als ob er zu My-Chemical-Romance-Songs mit Rasierklingen rumspielt, ist eine schöne Abwechslung.

Grosse Schuhe für grosse Fussstapfen: Zidane Tribal.»
Grosse Schuhe für grosse Fussstapfen: Zidane Tribal.»
Quelle: Square Enix

Der grossmäulige Dieb ist zwar der Anführer, teilt sich das Scheinwerferlichtaber überraschend grosszügig mit dem Rest der Crew. Allen voran Vivi, der zuvor erwähnte Magier und Poet, ist eng mit dem Plot von «Final Fantasy IX» verbunden. Er macht die eindrücklichste Charakterentwicklung durch.

Dicht gefolgt von Garnet. Die anfangs unsichere Prinzessin entdeckt im Verlauf der Geschichte ihre wahre Herkunft und sich selbst. Stets begleitet von Adelbert Steiner. Der loyale Schwertschwinger fungiert als Comic Relief, allerdings ohne dabei zur Witzfigur degradiert zu werden.

Garnet aka Dagger.»
Garnet aka Dagger.»
Quelle: Square Enix

Steiner entwickelt zudem eine einfühlsame Beziehung zu Vivi. Die daraus resultierenden Dialoge zwischen dem Ritter und dem Magier bilden einen emotionalen Anker, der beiden Charakteren eine zusätzliche Ebene verleiht.

… und ihr B-Team

Leider erhalten nicht alle Party-Mitglieder die gleiche Aufmerksamkeit. Eiko Carol ist eine Beschwörerin und ein Punk. Darüberhinaus bleibt sie etwas blass.

Detaillierter ausgearbeitet ist Freya Crescent, die abgeklärte Drachenritterin. Im zweiten Akt taucht ihr totgeglaubter Lover plötzlich auf, allerdings ohne Erinnerungen. Klingt wie ein totgerittener Daily-Soap-Plot, spricht bei genauerer Betrachtung aber dieselben existenziellen Punkte an wie die Hauptstory: «Wer sind wir, ohne unsere Erinnerungen und Erfahrungen?»

Leider versandet Freyas Drama und kommt zu einem plötzlichen Ende, was die Gravitas des Handlungsstrangs killt.

Quina Quen, einem geschlechtslosen Blaumagier. Sein einziges Persönlichkeitsmerkmal ist, dass er alles frisst, was ihm über den Weg läuft. Quina ist ein Clown und ich hasse Clowns. Ausserdem trägt er nichts zur Geschichte bei.

Vervollständigt wird das Ensemble vom grimmigen Amarant Coral. Auch er hat keinen grossen Einfluss auf den Hauptstrang. Ich mag ihn trotzdem, weil er komplett asozial ist und öfters findet: «Peace out, eure Probleme sind mir egal und ich mach’ jetzt meinen eigenen Kram.»

Die coole Heldentruppe von «Final Fantasy IX». Und Quina.
Die coole Heldentruppe von «Final Fantasy IX». Und Quina.
Quelle: Square Enix

Vorhang auf

«Final Fantasy IX» beginnt mit einem Theaterstück. Initiant ist die Tantalus-Organisation, eine zusammengewürfelte Bande von Lebenskünstlern und gutherzigen Delinquenten, zu denen auch Zidane gehört.

Die Aufführung ist allerdings nur eine Finte. Tantalus soll Prinzessin Garnet, die Thronfolgerin von Alexandria, entführen, um herauszufinden, warum ihre Mutter, Queen Brahne, seit kurzem auf Kriegspfad ist. Zu Zidanes Überraschung widersetzt sich Garnet nicht – vielmehr kann die Royalistin gar nicht schnell genug vom Palast wegkommen. Gemeinsam mit Vivi und Steiner flieht die Truppe aus Alexandria.

Bis sich abzeichnet, was hinter Queen Brahnes Welteroberungs-Ambitionen steckt, vergehen rund 15 Stunden. Dann betritt Kuja die Bühne – und lässt mich kurz meine Heterosexualität hinterfragen. Die Motivation des Hauptantagonisten bleibt allerdings vorerst im Dunklen.

Kuja: Zerstörer von Welten und Dieb der Herzen.
Kuja: Zerstörer von Welten und Dieb der Herzen.
Quelle: Square Enix

«FF IX» lässt sich Zeit beim Storytelling und verrennt sich dabei auch einige Male. Ist aber nicht weiter schlimm. Denn – und das mag paradox klingen – die Rettung von Gaia ist nicht die Hauptgeschichtedes Rollenspiels.

Was ist der Sinn des Lebens?

Warnung: Ab hier wird massiv gespoilert.

Möglicherweise denkst du jetzt: Blödsinn, das Game endet mit Credits und die starten, sobald die Hauptgeschichte durch ist. Damit hast du natürlich recht. Aber ich bin der Meinung, dass alles, was dazwischen passiert, wichtiger für die Botschaft von «Final Fantasy IX» ist.

Im Verlauf des Abenteuers findet Vivi heraus, dass er künstlich erschaffen wurde und seine Zeit auf Gaia sich dem Ende zuneigt. Zidane erfährt, dass er als Kriegswaffe konstruiert wurde. Und Kujas Beweggründe erscheinen in neuem Licht, als sich herausstellt, dass er nicht der Gott ist, den er glaubt, zu sein.

Kuja aufzuhalten ist weiterhin das erklärte Ziel der Party. Daneben sehen sich mehrere Charaktere mit Herausforderungen konfrontiert, die mindestens so wichtig, vielleicht sogar wichtiger, sind: Vivi, der seine eigene Sterblichkeit begreift, Zidane der akzeptiert, dass er seinen eigenen Weg bestimmen kann und Kuja, dessen Todesangst seine Handlungen neu definieren. Es geht um Akzeptanz, Rebellion und Verdrängung -- echte menschliche Emotionen, denen wir uns immer wieder stellen müssen.

Obwohl sie sich über vier CDs hinweg duelliert haben, weicht Zidane nicht von Kujas Seite, als dieser seine letzten Atemzüge tut.
Obwohl sie sich über vier CDs hinweg duelliert haben, weicht Zidane nicht von Kujas Seite, als dieser seine letzten Atemzüge tut.
Quelle: Square Enix

Die Story bildet das Fundament, aber der Protzbau, der darauf steht, sind die kleinen zwischenmenschlichen Schicksale.

Wie ein guter Wein …

Alles, was ich hier festhalte, geht weitgehend an mir vorbei, als «Final Fantasy IX» zum ersten Mal in meiner Playstation rotiert. Darunter auch, dass Vivi das Happy End leider nicht mehr erlebt. Eine späte Erkenntnis, die mir Tränen in die Augen treibt, als ich das Spiel für diese Retrospektive nochmals durchspiele.

Ich weiss jetzt, wie sich Nachkriegskinder gefühlt haben, als der Jäger Bambis Mutter abgeknallt hat.

Auf der PS2 sind die Ladezeiten etwas kürzer als auf der Original-Hardware.
Auf der PS2 sind die Ladezeiten etwas kürzer als auf der Original-Hardware.
Quelle: Rainer Etzweiler

Dass ein Game so lange nach seinem Release noch dermassen starke Gefühle in mir auslösen kann, zeigt, wie gut der neunte Teil der RPG-Serie gealtert ist. Das gilt auch für die Technik. Klar, «FF IX» ist 25 Jahre alt und das sieht man. Aber die vorgerenderten Hintergründe holen alles aus der betagten Playstation heraus. Die Bilderbuch-Ästhetik macht aus jedem Screen ein kleines Kunstwerk.

Ich will in diesem Screenshot leben.
Ich will in diesem Screenshot leben.
Quelle: Square Enix

Nobuo Uematsus Komposition ist ein weiteres Mal über jeden Zweifel erhaben. Wenn Videogame-Soundtracks jemals ihre eigene Grammy-Kategorie bekommen, sollte der Künstler rückwirkend sämtliche Awards erhalten.

«Not Alone» ist mein persönlicher Favorit.

… mit Zapfen

«Final Fantasy IX» ist nicht perfekt. Streng genommen ist das träge, rundenbasierte Gameplay schon damals veraltet. Viele Sidequests sind so hanebüchen aufgebaut, dass sie ohne einen Guide kaum lösbar sind und das Fähigkeits-System setzt regelmässiges Grinding voraus. Ausserdem ist das Kartenspiel Bullshit und ein krasses Downgrade nach dem grossartigen Triple Triad in «FF VIII».

2018 erscheint ein Remaster, dessen Quality-of-Life-Upgrades einige Retro-Ärgernisse abfedern. Als Scanlines-Fan fehlen mir bei der Portierung allerdings die Filter-Optionen. Ausserdem wird die Grafik nicht konsequent hochskaliert, weshalb immer wieder unschöne Low-Res-Elemente die Immersion kaputtmachen.

Zidane und Blank wirken vor dem niedrig aufgelösten Publikum wie Fremdkörper.
Zidane und Blank wirken vor dem niedrig aufgelösten Publikum wie Fremdkörper.
Quelle: Square Enix

Falls du einen unkomplizierten Zugang zu dem Klassiker suchst, wirst du hier dennoch gut bedient.

  • Hintergrund

    Teste dein «Final Fantasy»-Wissen im grossen Quiz

    von Rainer Etzweiler

25 Jahre später

«Final Fantasy IX» ist Sakaguchis kompromissloses Opus magnum. Es entsteht mit dem Selbstbewusstsein und den Skills, die der heute 63-jährige Entwickler über knapp zwei Dekaden hinweg geschärft hat. Es ist gleichermassen eine Liebeserklärung an die Serie selbst sowie an alle langjährigen Fans.

In einem Sketch aus dem Jahr 2017 erklärt Sakaguchi «FF IX» zu seinem Lieblings-Ableger – während er ein nicht näher identifizierbares Gangzeichen in die Kamera drückt. Was auch immer das bedeuten soll: Gemessen an der ursprünglichen Intention dürfte das Bekenntnis nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt sein.

Honoriert wird sein Lebenswerk allerdings nur bedingt. Mit 5,5 Millionen verkauften Einheiten liegt Zidanes Epos weit hinter «Final Fantasy VII» (10 Millionen) und «Final Fantasy VIII» (8,6 Millionen).

Verantwortlich dafür sind das Timing und der Zeitgeist. «FF IX» erscheint nur wenige Monate vor dem Release der Playstation 2. Der Fokus liegt bereits auf Sonys neuer Konsole. Trailer zeigen für damalige Verhältnisse beeindruckende Auto-Verfolgungsjagden und einen fast schon fotorealistischen Jin Kazama.

Squaresofts «kleines» Rollenspiel mit den herzigen Manga-Boys & -Girls sieht dagegen schlicht antiquiert aus.

Sakaguchi erlebt wenig später den grössten Rückschlag seiner Karriere: «Final Fantasy: The Spirits Within», die Filmadaption der Franchise, floppt kolossal. Der Streifen kostet Squaresoft 85 Millionen US-Dollar und Sakaguchi den Job.

Aktiv ist der Entwickler allerdings bis heute. Sein neuestes Spiel «Fantasian» erscheint 2024 auf allen aktuellen Konsolen. Kollege Kevin fand nur gute Worte für das Throwback-RPG.

Und was ist jetzt der Sinn des Lebens?

«Final Fantasy IX» beantwortet die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht. Es liefert aber eine Menge Denkanstösse, die sehr sensibel und überraschend liberal mit dem Thema umgehen.

Das Zitat aus dem Intro stammt von Vivis Abschiedsbrief an Zidane. Die Worte sind tieftraurig, aber ich lese auch Akzeptanz heraus. Vivi, dessen Name auf lateinisch eine Deklaration des Lebens ist, hat seinen Frieden mit seiner Endlichkeit gemacht.

Vivis Leben war kurz und trotzdem (oder genau darum) lebenswert.
Vivis Leben war kurz und trotzdem (oder genau darum) lebenswert.
Quelle: Square Enix

Irgendwo zwischen dieser Erkenntnis und dem Fakt, dass das Spiel ein VIERTELJAHRHUNDERT alt ist, erlebe ich gerade selbst eine existenzielle Krise. Aber darum kümmere ich mich morgen, heute feiere ich. Happy Birthday, «Final Fantasy IX». Du hast dich besser gehalten als ich.

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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